Seitennavigation Katze
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Big Bang Theory und Dr. Horrible erzählen uns vom Nerd als neuem Mann

Es geht heute um Nerds und um eine These, die ich mit Beispielen aus der Popkultur unterstützen möchte. In der aktuellen brandeins ist ein Artikel über diesen Typus Mensch. Nun, eigentlich geht es um diesen Typus Mann: „Praktisch waren es immer Männer“, heißt es. Nerd-Sein wird mit dem Aspergers-Syndrom in Verbindung gebracht, das eine „Extremvariante …

14.04.10 >

digitallife-rahmen
Es geht heute um Nerds und um eine These, die ich mit Beispielen aus der Popkultur unterstützen möchte. In der aktuellen brandeins ist ein Artikel über diesen Typus Mensch. Nun, eigentlich geht es um diesen Typus Mann: „Praktisch waren es immer Männer“, heißt es. Nerd-Sein wird mit dem Aspergers-Syndrom in Verbindung gebracht, das eine „Extremvariante männlicher Intelligenz“ sei. Frauen dagegen kommen in Thomas Vaseks „Die Rache der Nerds“ einmal als Sekretärinnen vor, für die frei konfigurierbare Linux-Rechner ein Alptraum sind. Vor allem aber sind sie das potentielle heterosexuelles Gegenüber des Nerds: „Und ja, es gibt Frauen, die Nerds ziemlich erotisch finden.“

Schon wieder kommen weibliche Nerds nicht vor. Schon wieder werden Frauen auf das Beiwerk reduziert, auf diejenigen, deren Körper und Liebe eine Prämie ist. *Gähn* Was ist mit Lisbeth Salander, was ist mit unseren Lieblingsstreberinnen aus den Missy Heften?

Antje Schrupp hat den brandeins Artikel aber anders gelesen als ich und mir mit ihrem Text Nerds (m/w). Eine Analyse und eine Frage zu Denken gegeben. Ihre These lautet:

Bei der Diskussion über die Nerds geht es um einen Konflikt zwischen Männern. Verhandelt wird daran ein sich veränderndes Männerbild. Der visionäre, polternde, machtbewusste, charismatische Macher-Mann, der seit einigen Jahrzehnten das männliche Role-Model war (nicht zufällig denke ich hier an Frank Schirrmacher) wittert Konkurrenz durch eine neue Sorte Mann, der er der Einfachheit halber den Namen „Nerd“ gibt.

Ich glaube, dass Antje Recht hat. Die dauerhaft krisengeschüttelte hegemoniale Männlichkeit arbeitet sich gerade an den Nerds ab. An diesen Leuten, die unsere digitalisierte Welt scheinbar noch am besten verstehen, die erfolgreiche Megakonzerne wie Google leiten und sich an anderen Statussymbole messen. Zu glauben, dass in dieser Welt das von Linus Torvalds geprägten Credo „Talk is cheap. Show me the code“ gilt, wäre naiv. Aber bei vielen Nerds kommen Quadrocopter mit selbstgelöteter Steuerungseinheit, T-Shirts mit Insiderwitzen oder eine gut sortierte Comicsammlung vermutlich besser an als der neuste Sportwagen oder die Mitgliedschaft im elitären Golfclub.

Als ich über den Nerd-Diskurs als Frage von Männlichkeiten nachgedacht habe, ist mir The Big Bang Theory eingefallen. Die Serie erfreut sich in meinem Freundeskreis großer Beliebtheit, obwohl sie den Bechdel-Test vermutlich nur um ein Haar besteht. Es geht um vier Kumpel, die als Physiker respektive Ingenieur an einer Uni arbeiten. Ihre Nachbarin Penny (Kaley Cuoco) arbeitet als Kellnerin und träumt von einer Hollywoodkarriere. Sie ist blond, kauft gerne Schuhe und ist mit ihrem Humor und common sense ein schöner Gegenpart zu den nerdigen Jungs. BBT ist voller Nerdhumor, der sehr sorgfältig recherchiert ist. Mir macht das extrem großen Spaß, obwohl im Zentrum des Geschehens genau die Frage steht, die auch der brandeins Artikel über Nerds aufmacht: Verlieben sich (solche) Frauen in Nerds?

Ich habe mich schon länger gefragt, warum eine Serie wie Big Bang Theory so erfolgreich ist und warum es sie gerade jetzt geht. Vielleicht geht es genau darum, eine andere Form von Männlichkeit zu repräsentieren und sie sich sehr sympathisch an hegemonialen Vorstellungen von Mann-sein abarbeiten zu lassen. Davon bleibt auch Penny nicht unberührt, denn sie ist oft tougher und weniger zimperlich als die Jungs.

Ein noch besseres Beispiel für diesen Konflikt zwischen Männlichkeiten in der Popkultur scheint mir aber der Musical-Film Dr. Horrible’s Sing Along Blog zu sein. Die dreiteilige Webserie von Regisseur Joss Whedon – bekannt für die feministischen weiblichen Charaktere in Buffy – erzählt die Geschichte von Billy aka Dr. Horrible (Neil Patrick Harris), einem aufstrebenden Superschurken, Captain Hammer (Nathan Fillion), seinem Erzfeind und (schon wieder!) Penny (Felicia Day), in die beide verliebt sind. Mit diesem klassischen Setting ironisiert die Serie die Frage, was ein richtiger Mann ist. Captain Hammer macht sich als extrem überzeichneter, narzistischer Superheld lächerlich. Er ist der hegemoniale Mann alter Schule. Dr. Horrible will mit seinen nerdigen Erfindungen wie dem Freeze-Ray die Weltherrschaft erkämpfen. Auch er ist fest davon überzeugt, dass er eingreifen und den Lauf der Welt beeinflussen muss. Wenn ich so darüber nachdenke… irgendwie erinnert er mich an die Piratenpartei.

Da werde ich doch wieder skeptisch, denn es stimmt vermutlich beides. Der Nerd-Diskurs ist ein Diskurs über Männlichkeiten. Aber es gibt auch Girl-Nerds und Girl-Geeks. Die nicht zu erwähnen stinkt, auch wenn es um ein alternatives Bild von Männlichkeit geht. Und wenn diese Männer „kaum noch Geschlechterklischees und patriarchales Überheblichkeitsgetue an den Tag legen“ (Antje Schrupp), während sie sich gegen die alten hegemonialen Männlichkeiten behauptet, ist das Ausblenden von Girl-Nerds um so symptomatischer.

  • Spannende Überlegungen.
    Exakt in dieses Feld würde auch der Film „Fanboys“ passen.

    Interessanter Gegenpol (???) aktuell beim Abi-Bild:
    http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,688683,00.html

  • Robin

    Wo finden sich eigentlich she-nerds überall? Wir haben Willow aus „Buffy“, Fred aus „Angel“, Kaylee aus „Firefly“ und „Serenity“ hat auch einige Nerdqualitäten (lustigerweise alles Charaktere aus Joss Whedon Filmen und Serien). Dann fällt mir noch Mac aus „Veronica Mars“ ein (Veronica Mars selbst könnte man vielleicht sogar teilweise selbst als Nerd bezeichnen) und natürlich Lisbeth Salander! Leslie Winkle aus „Big Bang Theory“ ist lediglich eine kleine Nebenfigur. Chloe O’Brian aus „24“ gehört unbedingt erwähnt. Captain Kara ‚Starbuck‘ Thrace aus „Battlestar Galactica“ ist auch nerdish. In Cory Doctorow’s Buch „Little Brother“ finden sich sogar einige weibliche Nerds.
    Mehr fällt mir jetzt nicht ein.
    Lustig ist es jedoch, dass die meisten weiblichen Nerds in Science Fiction Produktionen eine Rolle finden. Sprich: In weit entfernter Zukunft. Also, wenn die Männer genügend Zeit hatten den Frauen alles beizubringen und diese keine andere Wahl mehr hatten, als mitzumachen. Auch Fantasy scheint beliebt zu sein, denn das gibts ja eh nicht wirklich. Lisbeth Salander ist eigentlich die einzige, der oben genannten, die sich in einer halbwegs realen Umwelt einen Namen gemacht hat.

  • Diesen Text habe ich sehr gern gelesen. Danke für das Abwägen, dass es hier um ein Männerbild geht, was das Fehlen von Frauen ein bisschen relativiert. Das ist für mich ein wertvoller Gedanke.
    Aber (natürlich): Ein vernünftiger, leicht ergrauter Herr hat mir mal als das nach seinen Worten einzige wirkliche Pro-Argument für Binnen-Is und Co erklärt, dass man nur, wenn man solche Formen verwendet, beim Schreiben eines Textes die mögliche weibliche Leserschaft mitdenkt. Ob das jetzt wirklich das einzige gute Argument ist, möchte ich dahingestellt lassen, aber wenn ich das mal auf die Nerd-Diskussion anwende, dann müssen da Nerdinen rein, einfach, damit an sie gedacht ist. Und sei es nur in einem Satz wie „Liebe Nerdinen, hier geht es nicht um euch, weil es nur um Mäner geht, aber wir freuen uns, wenn ihr weiter lest.“

    @Robin: Lisbeth Salander. Ein großer Jubel für Lisbeth Salander. Und, äh, hat eigentlich schon mal jemand (sicherlich, aber wo?) Comic-Heldinnen auf diese Art verhandelt?

  • Robin

    @schuehsch: Habe versucht Comics zu finden aber leider kein Glück gehabt bisher. Gibt einfach zu viele. Aber ich denke mal schon, dass es da einige geben wird. Comics sind in vielen Belangen um einiges weiter, als Fernsehen und Kino.

  • Emil

    Hmm, das ist ein interessanter Gedanke. Gerade weil es bei Dr. Horrible um die Frage von Männlichkeit geht, ist es meiner Meinung nicht zwingend notwendig hier, auch eine ähnliche Frauenfigur zu schaffen. Letztlich scheitern ja beide Männertypen, sehr zum Nachteil der Frau.

    Bei BBT ist das anders. Die Serie läuft tatsächlich durch dass Setting etwas Gefahr, vom nerdigen Mann und vom dummen Blondchen zu erzählen. Auch wenn Leslie Winkle zumindest manchmal auch eine alternative Frauenfigur zu Penny zeigt. Die Serie klammert diesen Aspekt von Frau sein also nicht völlig aus.

    Ich habe lange über die andre Webserie von Felicia Day nachhedacht „The Guild“ Hier ist die Protagonistin Cyd eine MMO-spielende Frau. Ihre Gilde besteht aus unterschiedlichen Männer- und Frauentypen. Aber ist man schon ein Nerd, nur weil man MMOs spielt? Ich glaube, interessant ist an der Serie die sehr unterschiedlichen Mitglieder der Gilde, die aufeinander treffen, besonders ab Staffel 3.

  • Nessi

    Was ist mit „The IT Crowd“? Jen ist zwar kein she-nerd, aber auch nicht wirklich eine Penny. Leider immerhin „Relationship Manager“ für die beiden IT-Geeks …

  • Robin

    Aber Jen von „The IT Crowd“ ist ja mal überhaupt nicht begabt am PC und hat die Stelle nur bekommen, weil sie bei der Bewerbung log. Die ist wohl eher ein „dummes Blondchen“. Immer wieder ist sie auf die Hilfe der Männer angewiesen um ihr Unwissen zu verstecken. Kenne allerdings nur die erste Staffel und weiß daher auch icht, ob sich das ändert.

  • danke für die vielen kommentare!

    letztens hab ich schon in einem gespräch gesagt „nenn mir doch mal female-nerds im fernsehn, und bevor du anfängst: joss whedon zählt nicht“ ;) wiederum erstaunlich ist es ja, dass die beispiele, die uns einfallen, meistens von männlichen autoren/regisseuren kommen. aber frauen sind in der popkultur ja auch auf den expornierten produzentinnenpositionen unterrepräsentiert.

    the guild habe ich nicht gesehen, vielleicht mach ich das mal noch. aber mmorg sind eigentlich nicht mein ding. lohnt es sich trotzdem?

    gibt es noch comic expert_innen, die tipps haben?

    zu lisbeth salander: ich hab noch einen schönen offenen brief an sie gefunden, den eine frau ihr zum ada lovelace day geschickt hat.

    was jen und penny angeht, so glaube ich ja, dass penny jeniger ist als manche denken :)

  • den link zum offenen brief haben ich jetzt vergessen:

    http://doctr.com/blog/happy-ada-lovelace-day-oder-updated-feminist-brief/

  • Robin

    Habe noch einige interessante Links zum Thema Comics gefunden.

    Website einer Organisation, welche die beteiligung von Frauen in der Comicindustrie fördert. Da könnte man mit etwas Zeit fündig werden was she-nerds angeht:

    http://friendsoflulu.wordpress.com/

    Und eigentlich OT aber trotzdem einen Blick wert ist folgende Website:

    http://www.unheardtaunts.com/wir/index.html

Beitragsnavigation