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Judith Butler und die schwul-lesbische Dekonstruktion

Judith Butler lehnt den Zivilcourage-Preis des CSD ab – was für die Medien ein Eklat, ist für die Veranstalter_innen des Berliner CSD und dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) nicht mal eine Stellungnahme wert. Bis zu diesem Zeitpunkt findet sich auf beiden Homepages keine offizielle Entgegnung zu den Vorwürfen, die Butler an die deutsche schwullesbische …

22.06.10 >

medienelite
Judith Butler lehnt den Zivilcourage-Preis des CSD ab – was für die Medien ein Eklat, ist für die Veranstalter_innen des Berliner CSD und dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) nicht mal eine Stellungnahme wert. Bis zu diesem Zeitpunkt findet sich auf beiden Homepages keine offizielle Entgegnung zu den Vorwürfen, die Butler an die deutsche schwullesbische Bewegung heranträgt. Das ist ärmlich. Lediglich eine anonyme CSD-Sprecherin beklagt, dass sich Butler nicht vorher  mit den Veranstalter_innen unterhalten hätte, Robert Kastl, Geschäftsführer CSD-Veranstalter-Komitees, will von Rassismus innerhalb der Community nichts wissen und Jan Feddersen, von 2005 bis 2009 Mitorganisator des CSD in Berlin, hängt sich lieber daran auf, dass Butler den Business-Class-Flug genoss, statt den Preis im Vorfeld abzulehnen und damit natürlich auch auf ihre Rede am Samstag hätte pfeifen können. Ich sehe hier keine konstruktive Auseinandersetzung mit Butlers Kritik, kein Aufgreifen ihrer Gedanken, nicht mal eine plumpe Rechtfertigung. Schlimmer noch: Subalterne Stimmen von LesMigras, GLADT, Suspect, ReachOut und dem Transgenialen CSD werden in der medialen Auseinandersetzung erneut unsichtbar gemacht, sogar negiert.

Doch noch einmal kurz zurück auf Anfang. Was hat die Butler denn nun eigentlich kritisiert? Neben der fast schon obligatorischen Kritik am CSD Berlin – eine zu kommerzielle, mainstreame und unpolitische Ausrichtung – hält Butler den Veranstalter_innen vor, rassistisch zu sein bzw. sich nicht von Rassismen innerhalb der schwul-lesbischen Community zu distanzieren, insbesondere anti-muslimische Ressentiments würden gepflegt, das Thema Mehrfach- oder auch intersektionelle Diskriminierung nicht berücksichtigt.

Fakt ist, dass die größeren schwul-lesbischen Veranstaltungen, parteipolitische Zielsetzungen und die im Diskurs wahrgenommenen Stimmen, die um das Thema Homosexualität kreisen, nach wie vor weiße, schwule Mittelschichtsmänner adressieren. Es geht um Halligalli, das frenetische Feiern einer Andersartigkeit, Adoptionsrechte, Gleichstellung der Ehe mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft und ein bisschen Grundgesetz-Schminke. Soweit so gut, aber schwullesbisch bedeutet weder ausschließlich gay noch eine ausgiebige Anbiederung an die Hetero-Norm mit einem kleinen Reserveparkplatz für das andere, bunte Treiben. Schwullesbische Themen und Probleme sind so vielfältig und die schwullesbische Community in sich so divers, dass man sich spätestens nach Butler einmal intensiv damit auseinandersetzen sollte, ob eine homogene, identitäre Gruppenpolitik überhaupt noch Sinn macht, um die Bedürfnisse aller sich irgendwie zugehörig Fühlenden zu befriedigen bzw. anzusprechen.

Egal, ob von Butler darauf hingewiesen werden muss, dass in der Theorie schon lange Intersektionalität neben Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion einen Paradigmenplatz eingenommen hat: Menschen sind weder ausschließlich das eine noch das andere – Menschen sind Träger vieler Merkmale, ob selbst gewählt oder von außen zugeschrieben. Dieser Tatsache geschuldet engagieren sich schon lange u.a. oben genannte Vereine und viele Antidiskriminierungsverbände für die Problematik der Mehrfachdiskriminierung und setzen sich kritisch mit Unterdrückungsmechanismen innerhalb der schwullesbischen Community auseinander. Womit wir bei Butlers wohl gewichtigstem Vorwurf wären: Rassismus und Trans*phobie.

Sie benennt keine Beispiele, ich finde, das muss sie gar nicht – die Moderatoren, die nach ihr die Bühne betreten und in kolonialer Manier Hegemonialverhalten at it’s best präsentieren. Dabei sind beide Phänomene sind ein offenes Geheimnis. Ob Migrant_innen als hauptsächlich Homophobie und homophob motivierte Gewalt Ausübende stigmatisiert und damit als Homosexuelle unsichtbar gemacht werden, oder die merkwürdigen Versuche sich als Homos von Trans* zu distanzieren bzw. abzugrenzen: hier wird klar, Schwullesbisch will unter sich bleiben, Opferdiskurse bedienen und zum großen heternormativen Stelldichein dazugehören. Völlig logisch daher auch Butlers Beobachtung, dass Schwule und Lesben sich für Macht und Gewalt, ausgeübt von der Mehrheitsgesellschaft, instrumentalisieren lassen. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist hoch – eine Fortschreibung von Rassismus, Anti-Islamismus und Heteronormalisierung ist die Folge.

Hier werden Menschen ausgeschlossen und stigmatisiert, die keine Lobby haben, um endlich zu etwas dazu zu gehören, das schon lange nicht mehr von schwullesbischer Seite in Frage gestellt wird – der weißen, heteronormativen Mehrheitsgesellschaft. Ich wiederhole mich und ich kann es nicht oft genug sagen, wie absolut widerlich ich dieses Vorgehen finde. Es ist beinahe zynisch, dass hier nicht erkannt wird, dass eine vollständige Assimilation der schwullesbischen Community nie möglich sein wird. Homosexuelle werden immer das Konstrukt bleiben, das sie sind – eine Abnorm von Heterosexualität, die bunten verirrten Anderen, die Tucken und die Tunten, die männlichen Lesben, die Flanellhemd- und Stöckelschuh-Träger_innen, die obskure homogenisierte Masse, denen man auf einem CSD beim Schwanzlutschen zuschauen darf mit Kind und Kegel.

Dabei wäre doch der CSD oder die deutsche schwullesbische Stimme die ideale Plattform, weil mit viel Stimm- und Geldgewicht ausgestattet, um gemeinsam mit subalternen und bis dato ausgegrenzten Gruppen nicht mehr nur die volle Gleichberechtigung (und damit einhergehender Gleichstellung mit der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft) zu fordern, sondern gleichzeitig Rassismus, Antisemitismus, (Hetero-)Sexismus, Homophobie, Bodismus, etc. anzuprangen und zu bekämpfen. Nur dann wäre auch sichtbar, dass eine Mehrheitsgesellschaft keineswegs eine quantitative, sondern eine konstruierte Mehrheit ist, und dass eine „Anti“-Politik immer durch eigene, normunabhängige Zielsetzungen ergänzt wird. Ebenso würde sich diese Bewegung absetzen von der starren, ausgrenzenden Identitätspolitik, die in keinem Land dieser Welt bisher wesentliche Verbesserungen der Lebensqualität für queere Gruppen mit sich brachte.

Vielmehr noch wäre diese Bewegung ein herrschaftskritisches Bündnis, dass selbst die Menschen mit ins Boot holt, die bisher etwas orientierungslos in der Mehrheitsgesellschaft umher schwirren, weil sie nicht in die identitären, minderheits- und opfergerichteten Gruppen passen wollen oder können. Hoffentlich braucht es in Zukunft keine Judith Butler mehr, die daran erinnert.

Linktipps:

Angela Davis äußert sich zu Judith Butlers Vorgehen

Das Mädchenblog dokumentiert die Diskussion in zwei Teilen

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