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„Arschloch, sensibilisier‘ dich selbst!“ – Eindrücke vom Transgenialen CSD

Im vergangenen Jahr war ich das erste Mal auf dem CSD in Berlin. Ich hatte nie das Bedürfnis einen CSD zu besuchen, weil mich die Klientel, „das bunte Treiben“, zu sehr abschreckte. Schräge Vögel in knapper Kleidung, die für mehr Akzeptanz kämpfen, laute Musik und ein paar Wagen, die durch Berlin ziehen. Ich halte nicht …

28.06.10 >

medienelite
Im vergangenen Jahr war ich das erste Mal auf dem CSD in Berlin. Ich hatte nie das Bedürfnis einen CSD zu besuchen, weil mich die Klientel, „das bunte Treiben“, zu sehr abschreckte. Schräge Vögel in knapper Kleidung, die für mehr Akzeptanz kämpfen, laute Musik und ein paar Wagen, die durch Berlin ziehen. Ich halte nicht viel von Trillerpfeifentoleranzpartys. 2009 folgte also meine soziologische Feldforschung und meine Vorurteile bestätigten sich. Zu Beginn war ich angefixt, fühlte mich heimisch, nur Homosexuelle, die ein bisschen Spaß haben wollen und nebenbei noch etwas politisieren. Rentnerinnen in Rollstühlen, die klatschten, „uns“ zujubelten, sich von ihren Pflegerinnen Kippen schnorrten, alles schien „Friede, Freude, Eierkuchen“. Als der Tross auf die Potsdamer Straße einbog und Richtung Innenstadt marschierte, kam ich mir allmählich wie im Zoo vor. Menschen am Straßenrand, die die Fotoapparate zückten, winkten und nett lächelten. Tolle Wurst. Toleranz für das Andere, das Bunte, für nackte Haut und Federboas, Partei-Wagen, die sich ganz crazy und queer fanden – stets mit der Prosecco-Flasche in der Hand. Langweilig.

Der Berliner CSD ist schwul. Ich bin nicht schwul. Und nach wie vor fühle ich mich in der Berliner Homo-Community nicht beheimatet. So bequem, wie Stereotypen sein können, so hinderlich sind sie imho für das Gefühl von Verbündung und Verbindung. Ich habe Ausschlusserfahrungen machen müssen innerhalb der Community, ich sehe stets dieselben Leute, wenn ich mich in solchen Kontexten aufhalte.

Nach einer zunehmenden intellektualisierten Auseinandersetzung mit Homosexualität und vor allem nach Judith Butlers Brandrede auf dem diesjährigen CSD war für mich klar – 2010 muss es der Transgeniale werden, mal gucken, was da so geht. Ich wurde nicht enttäuscht. 5000 Menschen, die ein vielfältiges Bild abgaben, alle waren anders und alle hatten das gleiche Ziel – Zeichen setzen gegen Homo- und Transphobie, Rassismus, Faschismus, Sexismus … mhh ja eigentlich gegen alles, was irgendwie nach Unterdrückung stinkt. Der tCSD ist durch und durch politisch, bunt und pc. Ein geschützter Raum auf offener Straße, Techno-Musik und zahlreiche Anekdoten aus den früheren transgenialen Jahren, aus der Berliner Schwulenbewegung und ein bisschen Theorie-Tratsch bei 27 Grad Celsius. Wunderbar. Auf der Strecke zwischen Rathaus Neukölln und Heinrichplatz gab es immer wieder Solidaritätsbekundungen von Anwohner_innen, mehrsprachig, fremdsprachig, aber mensch verstand die Message. Kaum Gaffer, kein Zoo- sondern ein Gemeinschaftsgefühl. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Am Heinrichplatz ließen wir uns nieder und lauschten dem Programm. Mehr und mehr Arme reckten in den Himmel, Buh-Rufe für Arschlöcher und tosender Applaus für Menschen, Vereine, Verbände, die sich gegen Unterdrückung zur Wehr setzen. Die Reden, die auf deutsch und englisch gehalten wurden, machten Spaß und machten wütend, kämpferisch, solidarisch.

Mitreißende Bündnis-Appelle, Brandreden gegen Gewalt und Unterdrückung und ein witziges Moderator_innenteam – feels like coming home. Zufrieden, glücklich und vor allen Dingen – empowered – fühlte ich mich. Auf dem tCSD fand ich ein Stück Heimat, das mir in der Großstadt Berlin oft fehlt und dass ich nach vor nur in meinem Freundeskreis finde.

Natürlich bekam der kommerzielle CSD sein Fett weg, Volker Becks zum Teil selbstgemachte schwule Ikonisierung wurde kritisiert, ein homogener Community-Gedanke, der immer wieder auch durch mediale Diskurse reproduziert wird, wurde abgelehnt. Message: Wir sind nicht eins und schon gar nicht fühlen wir uns durch Fürsprecher und kommerzielle Homo-Veranstaltungen repräsentiert. Wir sind anders, vielfältig und so wollen wir wahrgenommen und gehört werden. Unterdrückungsmechanismen sind niemals getrennt voneinander zu betrachten und zu bekämpfen, Kritische (Selbst-)Reflektion ist Teil von Queer, Antidiskriminierungsarbeit als perpetuum mobile.

Trotz der politischen Luft, die alle atmeten, hatte ich nicht den Eindruck, dass der Transgeniale CSD sich auf eine festlegte. Die Veranstaltung empfand ich als offen, inklusiv und partizipativ, kein dezidiertes Anti war zu entnehmen, was mir besonders angenehm auffiel. Die einzige, immer gleiche Parole war: Fuck Oppressions. Radikal und friedlich. Keine Instrumentalisierung durch politische Richtungen oder Gruppen – der Transgeniale CSD denkt alternativ und dekonstruiert immer wieder feststehende Begriffe und Systeme.

Entgegen einiger Gerüchte brannten also keine israelischen Flaggen und McDonalds-Filialen, wurde keine Abschaffung der Demokratie propagiert, wurden keine Heteros durch die Straßen gejagt (ich übertreibe wissentlich). Der tCSD macht Lust auf Engagement und politische Arbeit, lädt die revolutionär-idealistischen Tanks auf, die sich so schnell im täglichen K(r)ampf gegen Diskriminierung entladen.

Eine Botschaft, die mich nachhaltig beeindruckte, war die Message an Bornierten und Ignoranten, die diskriminieren, Grenzen überschreiten, sich gewaltvoll über ihre Mitmenschen stellen und am Ende noch belehrt werden wollen, was denn daran nun falsch sei: „Arschloch, geh raus und sensibilisier dich selbst!“ Hell, yeah!

Vielen Dank für diese wunderbare Veranstaltung. Ich freue mich auf 2011 und beende diese kleine Impressionen-Melange mit den Worten von Tocotronic: „Wir sind viele, jede_r Einzelne von uns.“

Linktipps:

Alle Redebeiträge des tCSD

Fotos vom tCSD

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  • hallo liebe missy star-gast,

    es freut mich, dass es dir auf dem tCSD gefallen hat, mir hat es auch gefallen. wie du das alles beschreibst und zusammenfasst finde ich ganz hübsch; okay, fast zu hübsch, weil es auch beim tCSD genug verstrickung in und scheitern an verhältnissen gibt, aber ich finde und fand auch, dass da so eine grundhaltung passiert und versucht wird und rüberkommt, mit der ich jedes jahr mitgehen kann. du sagst: „Die einzige, immer gleiche Parole war: Fuck Oppressions. Radikal und friedlich.“.

    aber liebe missy star-gast,
    ich muss jetzt mal diesen moment nutzen um über eine formulierungssache reden: „Fuck Oppressions“…
    … so geht das doch nicht.

    ich will doch keine unterdrückungsverhältnisse stimulieren und auch nicht von ihnen in lust und extase versetzt werden. (und ich rede jetzt nicht von inszenierten und gegen SM-fantasien, die einvernehmlich durchaus genau damit spielen, wir redeten doch grade von DEN unterdrückungsverhältnissen)
    ich möchte kein sex mit „opressions“ oder mit „the system“, „we still don’t like the police“ also haben ich auch keinen sex mit ihnen. „i don’t fuck nazis“! usw…
    ich halte es vor allem auch nicht für eine politische herangehensweise, dass ich hoffte, dass sich jemand erniedrigt und verweiblicht fühlt, wenn ich ‚ihm‘ es mal richtig besorgte, und ich dadurch ermächtig und vermännlicht würde.
    „my asshole is political“ …ich lasse mich ganz gerne ficken, und den spass gönn ich weder dem system noch den ‚oppressions‘ indem ich sie in die position lasse, oder bringe, oder zwinge?!!

    denn darum gehts ja, bei diesen parolen, nicht war: vergewaltungsandrohung.
    und das ist nun wirklich keine politische form und parole, die ich ernsthaft in mein repertoire aufnehmen möchte. ich finde es ist langsam zeit soviel queer und feministisches bewusstsein aufzubringen, um diese parole endlich mal und endgültig über bord zu werfen. das können wir doch besser.

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