Unbegreifliche Begrifflichkeiten
Die zweite Gastblog-Woche dreht sich um das Thema „PartnerInnenschaft“.
Oder Paar-/Beziehung. Oder Intimfreundschaft. Oder Seelenverwandtschaft. Oder… ja, die Problematik des „Wie nenn ich das jetzt“ werden die meisten kennen.
Das fängt ja schon am Anfang an. Ab wann sind denn (min.) zwei Menschen ein Paar? Oder „zusammen“? Die Vorstellung, dass es einen klar erkennbaren Zeitpunkt gibt, ab dem Menschen „zusammen sind“ habe ich mir früh aus dem Kopf geschlagen. Es fragt in der Regel niemand „willst du mit mir gehen“ und ab dem Moment, in dem ich „ja“ sage, bin ich Teil einer PartnerInnenschaft. Das wäre auch zu einfach. (davon abgesehen besagt eine derartige Frage nichts über das Verhältnis und die Bindung aus, die ich zu einer Person habe). Ich kenne es eher so, dass ich eine Person treffe. Mich öfter mit dieser treffe und irgendwann stellen wir fest: Wir treffen nur noch einander. Das ist dann aber eher eine Art späte Feststellung als wirklich der Beginn der gemeinsamen Zeit.
Und das ist noch die einfache Variante. Wie geht es dann erst Menschen, deren Beziehungen nicht dem Muster der „geschlossenen, monogamen“ PartnerInnenschaft zweier Menschen entsprechen? Die Freunde oder Freundinnen sind. Viel Zeit miteinander verbringen. Vielleicht miteinander intim werden oder auch nicht. Die einander lieben oder auch nicht.
Früher habe ich gesagt „mein Freund“. Das war einfach, denn Jugendliche haben eben „Freunde/Freundinnen“ und keine „Partner/innen“. Mit zunehmendem Alter, Dauer der Beziehung und gerade seit wir auch zusammen wohnen gerate ich ein wenig in Bezeichnungsschwierigkeiten. Sag ich jetzt „mein Freund“ oder „mein Partner“? Oder „mein Lebensgefährte“? Mich stört dieses „mein irgendwas“, ist ja nicht so, dass er mir gehören würde… Außerdem habe ich dann immer so ein Gollum-mäßiges Bild im Kopf: Meiiiinnn Schaaaaatzzzzzz!!!”
Ich denke, der mehr oder minder verkrampfte Drang nach Bezeichnung kommt seltener aus den Personen selbst. Häufig wird vom Umfeld, Außenstehenden Personen eine Art Erläuterung verlangt, wie (min.) zwei Menschen zueinander stehen. Sei es bei Besuchen, bei (Familien)Festen, bei Behörden oder Ämtern. Wer wie zueinander steht scheint von Bedeutung.
Worüber wird eine PartnerInnenschaft eigentlich definiert? Über ihre Exklusivität? Über die Sexualität? Über ihre Dauer? Ehen/Lebenspartnerschaften haben es da ja „relativ“ einfach, da steht’s im Gesetz. Die müssen einen gemeinsamen Haushalt haben, sich gegenseitig zur Sorge (und Treue *hust*) verpflichten etc. Da wird ein offizieller Vertrag geschlossen mit gegenseitigen Rechten und Pflichten. Aber was ist mit den Menschen, die (noch) nicht heiraten oder eine eingetragene PartnerInnenschaft eingehen wollen? Was unterscheidet eine Partnerschaft denn von einer intensiven, engen Freundschaft? Gibt es da eine Grenze?
Vielleicht hat das Ganze generell mit Grenzen zu tun. Wie weit darf welche Person gehen? Häufig wird angenommen, dass Menschen, die in intimen Beziehungen leben, ihre Sexualität auch nur dort ausleben. Es war lange in unseren Breitengraden Usus, dass Sexualität außerhalb einer festen Bindung als moralisch verwerflich galt. Und mehr oder weniger hart geahndet wurde. Heute „dürfen“ auch Menschen ohne eine feste Bindung Sexualität haben und ausleben. Und seltsamerweise gelten Menschen in Beziehungen als asexuell außerhalb selbiger. Oder es gilt als Tabu, je nachdem. Wer Partner oder Partnerin hat, soll mit dieser Person Sexualität leben. Andere dürfen nicht mit ihnen flirten, sie dürfen nicht zurück flirten und auch wenn statistisch gesehen die meisten Menschen auch hin und wieder außerhalb einer PartnerInnenschaft sexuell aktiv sind – das ist moralisch verwerflich. Wobei, da gibt es ja die sogenannten „offenen Beziehungen“. Die sich zwar auch über die Sexualitätsregelung definiert aber gerade über die nicht-Exklusivität selbiger. Wie ist das eigentlich mit Beziehungen, die gar keinen Sex oder zumindest nicht miteinander haben?
Ich merke, dass ich da auf keinen grünen Zweig komme. Ist alles zu schwammig und unzureichend. Als ich vor ein paar Wochen mit FreundInnen über das Thema sinnierte, überlegten wir die Bezeichnung einfach weg zu lassen. Was geht es andere denn an, ob und wie intim Menschen miteinander werden? (zumal das wie erwähnt zwar ein Grund aber kein Hindernis sein muss) Wichtig ist doch, wie die jeweiligen Menschen zueinander stehen und dass die jeweiligen Erwartungen aneinander deutlich werden. Mir gehört der Mensch an meiner Seite nicht. Darum vermeide ich nach Möglichkeit „mein irgendwas“-Bezeichnungen. Es gibt ja Menschen, die sagen immer „mein Freund“ oder „meine Frau“ – obwohl ich die gemeinte Person kenne. Warum also nicht einfach den Namen verwenden? Wofür hat er/sie ihn denn?
Für Menschen, die Wert auf eine Bezeichnung legen (Behörden, Ämter, Versicherungen und andere Institutionen) legen, versuche ich mich an einem bunten Mischmasch. Mal Partner, mal Lebensgefährte, mal Freund. Sollten er und ich einmal heiraten, gefällt mir das leicht aufgesetzte „Meinmann“ aber ob sich das je durchsetzen würde, weiß ich nicht. „Der Mensch, mit dem ich eine Familie zu gründen und alt zu werden gedenke“. Bin gespannt, wie das wohl wirkt.
22.6.2011 von Geschlechterchaos unter Gastblog Geschlechterchaos.
Comments
Pingback from Willst Du mit mir gehen? Bitte kreuze an: « Drop the thought
Time: June 28, 2011, 10:58 pm
[...] Missy Magazine. So ging es etwa um die Frage, wie und wann jetzt Partner_innenschaft eigentlich definiert und beschrieben wird: Sag ich jetzt „mein Freund“ oder „mein Partner“? Oder „mein Lebensgefährte“? [...]
Comment from Ernesto
Time: June 29, 2011, 2:45 pm
Das ist soo klassisch pubertäres pseudoprogressives Feministinnengesülze. Um Himmels Willen, von der bösen Gesellschaft vorgegebene Konzepte, die mich in konventionelle Kategorien pressen will, Hilfe!!1
Ist es denn wirklich soo neu und innovativ, dass jeder mit (s)einem geliebten **bloß nichts falsches schreiben *** zusammen individuell und ganz legal die eigene Beziehung und damit verbundene Exklusivrechte selbst definieren und abstecken kann?
Es mag historisch tradierte Konvention sein, teilweise auch biopsychologische Gründe haben, aber die meisten Menschen haben nun mal konventionelle Vorstellungen und Erwartungen an eine Beziehung, dazu gehört Monogamie, ein definierter Rahmen an Verbindlichkeit und häufig das gemeinsame Ziel der (Vorsicht:) Familiengründung.
Wenn man jemanden findet, der die feministischen Ego-Fantasien von Polyamorie und geschlechts- wie konventionsloser Selbstverwirklichung mitträgt und gutheißt, kann man das doch einfach ausleben und sich zusammen ganz toll progressive hochkorrekte Wörter aus der Gender-Kreativschmiede ausdenken. Dann mach es halt, ich wünsche dir dass du (“d”)einen Mensch_in findest und damit möglichst wenige Verletzungen verursachst/erleidest und nicht als 2-fach geschiedene, verbitterte mittelmäßige Femblog-Schreiberin endest.
Comment from Geschlechterchaos
Time: June 30, 2011, 5:57 pm
@Ernesto
Äh… hast du überhaupt gelesen, was ich geschrieben habe?
Ist es denn wirklich soo neu und innovativ, dass jeder mit (s)einem geliebten **bloß nichts falsches schreiben *** zusammen individuell und ganz legal die eigene Beziehung und damit verbundene Exklusivrechte selbst definieren und abstecken kann?
Ja ist es.
aber die meisten Menschen haben nun mal konventionelle Vorstellungen und Erwartungen an eine Beziehung, dazu gehört Monogamie, ein definierter Rahmen an Verbindlichkeit und häufig das gemeinsame Ziel der (Vorsicht:) Familiengründung.
Und wo spreche ich diesen Menschen das Recht darauf ab?
und sich zusammen ganz toll progressive hochkorrekte Wörter aus der Gender-Kreativschmiede ausdenken. Dann mach es halt
Tu ich doch. Mit diesem Blogeintrag. Wo ist da jetzt das Problem?
Comment from Lini
Time: July 9, 2011, 11:12 pm
Hey, ich fand’s lustig und interessant zu lesen. Sich Gedanken über Vorgegebenes und Selbstverständliches zu machen ist durchaus sinnvoll. Auf andere Weise kann man das Eigene unmöglich finden, in diesem Fall, die eigene Beziehung nicht “definieren”. Und ob beim Gedankenmachen herauskommt, dass man “Monogamie, ein[en] definierte[n] Rahmen an Verbindlichkeit und häufig das gemeinsame Ziel der (Vorsicht:) Familiengründung” leben will oder Beziehung und enge Freundschaft gar nicht voneinander abgrenzen möchte, oder einfach alles ganz offen lassen will, ist in gewisser Weise nicht wichtig. Denn in jedem Fall ist es, nachdem ich mir diese und ähnliche Fragen gestellt habe, etwas mehr mein Leben, das ich lebe, und meine Art der Beziehung, die ich führe. Und dieser Text rückt mal wieder ins Blickfeld, dass man nicht immer tatsächlich das eigene Leben lebt, sondern tut, was alle tun, weil’s alle tun. Und auch, dass letztendlich die Entscheidung, was ich lebe, trotz allem bei mir liegt.
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Time: July 18, 2011, 6:51 pm
[...] 2: PartnerInnenschaft & Beziehung Unbegreifliche Begrifflichkeiten Und wenn sie nicht gestorben [...]
Comment from James Gwenn
Time: March 13, 2012, 3:55 am
hello, i came in to learn about this subject, thanks alot. will put this site into my bookmarks.

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