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„Der derzeitige Zustand ist nicht hinnehmbar“ – Interview zum Umgang des Strafrechts mit sexualisierter Gewalt

In meinem ersten Blogeintrag hatte ich ein Interview zum Thema Vergewaltigungsverfahren angekündigt – hier ist es nun. Gesprochen habe ich darüber mit Jun.-Prof. Dr. Ulrike Lembke, die in Hamburg lehrt und sich kritisch mit dem Umgang des Strafrechts mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt (eine Kurzbiographie von Ulrike Lembke findet ihr am Ende des Interviews). Das Thema …

23.09.11 >

In meinem ersten Blogeintrag hatte ich ein Interview zum Thema Vergewaltigungsverfahren angekündigt – hier ist es nun. Gesprochen habe ich darüber mit Jun.-Prof. Dr. Ulrike Lembke, die in Hamburg lehrt und sich kritisch mit dem Umgang des Strafrechts mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt (eine Kurzbiographie von Ulrike Lembke findet ihr am Ende des Interviews).

Das Thema Vergewaltigung wird öffentlich im Moment stark diskutiert. Du beschäftigst dich wissenschaftlich mit der Frage, warum Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung so schwer zu verfolgen bzw. zu verurteilen sind. Zunächst die Frage: Ist das so im Vergleich zu anderen Straftaten?

Selbstverständlich werden in keinem Bereich alle Straftaten angezeigt und verfolgt, es gibt überall ein sog. Dunkelfeld. Wenn es sich um Straftaten mit geringer Sozialschädlichkeit handelt, mag man dies auch hinnehmen. Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung haben aber ganz gravierende Folgen für die betroffene Person, ihr soziales Umfeld und die Gesellschaft. Gleichzeitig weisen sie ein außergewöhnlich großes Dunkelfeld und eine signifikant niedrige Verurteilungsquote auf. Nach einer repräsentativen Dunkelfeld-Studie aus dem Jahr 2004 haben 13% (also fast jede 7.) der in Deutschland lebenden Frauen seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erlebt. Allerdings werden insgesamt nur 5% bis höchstens 10% der tatsächlich verübten sexualisierten Gewaltdelikte angezeigt. Von diesen angezeigten Delikten gelangen nur 14% zu einer Verurteilung, wobei die Strafen auffällig am unteren Ende des gesetzlichen Strafrahmens verbleiben. Werden nicht die angezeigten, sondern die tatsächlich begangenen Delikte zugrunde gelegt, werden nur 0,7% bis 1,4% sexualisierter Gewalttaten in der Bundesrepublik strafrechtlich geahndet, 99 von 100 Taten bleiben also ungesühnt.

Was sind die Erfahrungen in anderen Ländern?

Sexualisierte Gewalt ist auf Grund der genannten Strukturprobleme grundsätzlich nicht einfach zu verfolgen oder – was wichtiger wäre – zu verhindern (vgl. jüngst die Studie von Liz Kelly/Jo Lovett, Different systems, similar outcome? Tracking attrition in reported rape cases across Europe, 2009). In einigen Ländern gibt es aber rechtliche Regelungen, welche besser auf diese Strukturprobleme eingehen wie bspw. die Fahrlässigkeitsstrafbarkeit in Norwegen, mit der nicht mehr das Opfer beweisen muss, dass es alles getan hat, um ein Missverständnis des Täters über sein Einverständnis in die sexuelle Handlung auszuschließen, sondern der Täter darlegen muss, dass er sich Klarheit über das Einverständnis verschafft hat. Das sind kleine Verschiebungen mit großer Wirkung. Im europäischen Vergleich ist die deutsche Verurteilungsquote von 13% tatsächlich unterdurchschnittlich.

Woran liegt es, dass so wenige Fälle zur Verurteilung kommen?

Das ist eine Frage, mit der sich Udo Steinhilper bereits vor einem Vierteljahrhundert beschäftigt hat (Definitions- und Entscheidungsprozesse bei sexuell motivierten Gewaltdelikten, 1986). Schon damals wurden hauptsächlich Beweisschwierigkeiten für die defizitäre Strafverfolgung verantwortlich gemacht. Es ist zutreffend, dass die Strafverfolgung von Sexualdelikten mit nicht unerheblichen Beweisproblemen kämpft, da die Taten meist ohne Zeug/innen und oft auch ohne eindeutig verwertbare sonstige Beweise erfolgen. Allerdings genügte diese Erklärung allein schon Udo Steinhilper nicht. Er stellte fest, dass es auf allen Ebenen der Strafverfolgung (Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht) zu Prozessen der Selektion durch Einstellung oder Umdeutung kommt. Wie wir heute wissen, sind diese Selektionsprozesse wesentlich durch Sexualitätsmythen, Geschlechterstereotype und opferbeschuldigendes Alltagswissen geprägt. Es gibt diverse völlig falsche Vorstellungen darüber, wann wirklich eine Vergewaltigung vorliegt, wie sich Frauen gegenüber Männern  verhalten sollten, wann freiwilliges Einverständnis in sexuelle Handlungen vorliegt, welche Einflussmöglichkeiten das Opfer auf den Tatverlauf hat, welche Folgen ein sexualisiertes Gewaltdelikt für die Betroffenen haben kann, wie sich Traumata äußern etc.

Hinzu kommt, dass Sexualität ein Themenbereich ist, mit dem sich juristische Instanzen ohnehin schwer tun und den sie gerne aus ihrer Entscheidungspraxis heraushalten. In vielen Konstellationen ist das eine richtige Intuition, denn einverständliche Sexualität zwischen Erwachsenen sollte in der Tat nicht von Gerichten beurteilt werden. Ein völlig anderes Thema ist aber sexualisierte Gewalt, die als schwerwiegende Rechtsverletzung selbstverständlich gerichtlicher Sanktion zugänglich ist. Die Unterscheidung zwischen Sexualität und sexualisierter Gewalt scheint aber nicht immer zu gelingen. Auch besteht im juristischen Diskurs wenig Klarheit über einen angemessenen Gewaltbegriff – entsprechende gesetzgeberische Bemühungen zur Klärung werden von Rechtspraxis und Rechtswissenschaft vielfach ignoriert – und Gewalt im Geschlechterverhältnis wird überhaupt nicht diskutiert. Schließlich gibt es interessante Forschungen darüber, warum Menschen sich von Opfern abgrenzen, ihnen die Glaubwürdigkeit absprechen oder ihnen erhebliche Mitschuld an einer Tat unterstellen (Just World Theory, Defensive Attribution Theory). Gegen die solchem opferbeschuldigenden Verhalten zugrunde liegenden Wünsche, dass in der Welt kein unbegreifliches Unrecht geschehen möge – weshalb das Opfer einfach irgendetwas falsch gemacht haben muss – und dass die eigene Person nicht in Gefahr sein möge – weshalb eine starke und abwertende Abgrenzung vom Opfer stattfindet – sind auch Richterinnen und Richter nicht gefeit.

Opferverbände weisen darauf hin, dass die meisten Vergewaltigungen oder sexuellen Nötigungen zwischen Menschen vorfallen, die sich bereits kennen oder eine Beziehung führen. In diesen Fällen fällt es Gerichten besonders schwer, zu verurteilen. Warum?

Zum einen gibt es immer noch eine weit verbreitete Vorstellung davon, wie eine „richtige“ Vergewaltigung aussieht: Ein fremder, vermutlich psychisch gestörter Täter überfällt die junge Frau abends oder nachts an einem gefährlichen Ort (Park, Unterführung, Parkhaus etc.) und zwingt sie mit massiver Gewalteinwirkung zu sexuellen Handlungen. Dieses Bild ist in der Forschung seit mindestens drei Jahrzehnten überholt (in der Wirklichkeit traf es nie zu), aber es sitzt ganz fest in den Köpfen. Tatsache ist, dass nur eine Handvoll Täter/innen psychisch beeinträchtigte sog. Triebtäter sind. Tatsache ist, dass es selbst im Hellfeld der polizeilichen Kriminalstatistik nur in 16% der sexualisierten Gewaltdelikte gar keine Vorbeziehung zwischen Täter/in und Opfer gab, in 60% der Fälle sind sie verwandt oder gut bekannt, dieser Effekt dürfte im Dunkelfeld massiv verstärkt sein. Dem folgend ist oft auch die physische Gewalteinwirkung sehr gering, da ein Übergriff von vertrauten Täter/innen oder gar Intimpartner/innen nicht auf Gewalt angewiesen ist. Tatsache ist ferner, dass Alter oder Aussehen des Opfers nicht relevant für die Tatbegehung sind. (Es ist nervig, aber offensichtlich notwendig, das ständig zu wiederholen.) Und schließlich ist Fakt, dass Frauen – und das gilt auch für Straftaten wie Körperverletzung oder Tötungsdelikte – nicht primär im öffentlichen Raum, sondern in ihrer Wohnung bzw. der Wohnung ihres Partners besonders gefährdet sind. Vergewaltigung ist weit überwiegend ein Beziehungsdelikt. Und die Gefahr einer Traumatisierung der betroffenen Person ist bei Gewalt durch vertraute Täter/innen immer besonders hoch.

Dessen ungeachtet gibt es eine deutsche Rechtsprechungstradition, sexualisierte Übergriffe in Intimbeziehungen als sog. minder schweren Fall grundsätzlich milder zu bestrafen. Im Gesetz gibt es dafür keinen Anhaltspunkt, aber man muss sich vor Augen halten, dass in Deutschland die Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 vom Sexualstrafrecht erfasst wurde. In Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten wird die Ansicht vertreten, der Staat solle sich nicht in Privatangelegenheiten einmischen. (Dass Gewaltdelikte keine Privatsache sin, muss hier wohl nicht betont werden. Aber die Frauenbewegung hat nicht umsonst die Erkenntnis „Das Private ist politisch!“ weit bekannt gemacht.) Diese Argumentation mit dem Privaten war auch eines der Haupthindernisse beim Kampf gegen häusliche Gewalt, allerdings scheint hier inzwischen doch ein Umdenken stattgefunden zu haben. Dies geht soweit, dass Kolleginnen aus der Schweiz berichten, dass von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen lieber die rechtlichen Möglichkeiten gegen häusliche Gewalt nutzen und über die sexualisierte Gewalt schweigen, weil sie befürchten, sonst keinen staatlichen Schutz zu erlangen. Ich denke, sexualisierte Gewalt ist auch ein Thema, mit dem sich Gerichte ungern befassen.

Dass Instanzen der Strafverfolgung sich ungern mit der Thematik befassen und auch die aktuelle (naja, teilweise eben dreißig Jahre alte) einschlägige Forschung nicht zur Kenntnis nehmen, hat massive Auswirkungen für Betroffene von sexualisierter Gewalt. Empirische Studien haben sich damit beschäftigt, welche Umstände der Tatbegehung sich wie auf die Glaubwürdigkeit des Opfers auswirken. Dafür wurde Jurist/innen die Beurteilung fiktiver Fälle aufgegeben, bei denen immer nur einzelne relevante Variablen geändert wurden. Ergebnis war, dass die Vorbeziehung zwischen Täter/in und Opfer signifikanten Einfluss auf die Bewertung des Falles und der Glaubwürdigkeit des Opfers hatte, auch wenn alle anderen Faktoren identisch blieben. Als Faustformel kann gesagt werden: Je näher bekannt Täter/in und Opfer waren, umso mehr Verantwortung für das Tatgeschehen wurde dem Opfer zugeschrieben und umso mehr nahm seine Glaubwürdigkeit ab. Einen sachlichen Grund gibt es dafür nicht, aber das Gefühl ist sehr stark und kann das gesamte Verfahren prägen.

Ein häufig anzutreffendes Argument ist ja, dass aufgrund der Unschuldsvermutung die niedrigen Verurteilungsquoten aus rechtsstaatlichen Gründen hingenommen werden müssen.

Der derzeitige Zustand ist nicht hinnehmbar. Die niedrigen Verurteilungsquoten – was wenig bekannt ist, ist der Umstand, dass sie seit 1987 von 22% auf nunmehr 14% gesunken sind – beruhen ja nicht primär auf der Unschuldsvermutung, sondern hauptsächlich auf Vergewaltigungsmythen, Geschlechterstereotypen, opferbeschuldigendem Alltagswissen, täterentlastenden Gewaltkonstruktionen, der Ignoranz von Erkenntnissen der Traumaforschung etc. Wenn bspw. der Bundesgerichtshof auch bei sexualisierten Gewaltdelikten für die Begutachtung der Glaubwürdigkeit der Betroffenen die sog. Nullhypothese zugrunde legt und fordert, auch hier müsste zunächst von der Unwahrheit der Zeug/innenaussage ausgegangen werden, bis dem Opfer quasi der Gegenbeweis gelungen sei, haben die Richterinnen und Richter offensichtlich noch nie Literatur zur Traumaforschung in der Hand gehabt. Auch die höchstrichterlichen Vorstellungen zum Einverständnis in sexuelle Handlungen, zum Gewaltbegriff oder über die Bedeutung vorheriger intimer Kontakte sprechen für sich.

Die Falschanzeigenquote bei Sexualdelikten liegt nach der jüngsten, rechtsvergleichenden Studie übrigens bei 3%. Ältere Studien ganz unterschiedlicher Herkunft gehen von Größenordnungen zwischen 2% und 8% aus. Dem stehen Vorstellungen der Angehörigen der beteiligten Strafverfolgungsorgane gegenüber, die in Einzelfällen von Quoten um 50% oder mehr ausgehen. Solche Falschvorstellungen in den beteiligten Professionen sind ein massives Hindernis für eine effektive Strafverfolgung und schädigen die Opfer. Es ist nicht zielführend, Rechtsstaat und Opferschutz gegeneinander auszuspielen; der Opferschutz ist ebenso vom Rechtsstaat gefordert wie die Unschuldsvermutung.

Wir haben es daher auch mit einem profunden rechtsstaatlichen Problem zu tun. Der Staat zieht seine Legitimation nicht zuletzt daraus, dass er mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols seine Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen durch andere Staaten oder Personen schützt. Zu diesem Schutz ist der Staat nicht nur aus theoretischen Überlegungen heraus verpflichtet, sondern von Verfassungs wegen (interessanterweise wurden staatliche Schutzpflichten erstmals in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Illegalität von Abtreibungen entwickelt) und auch mit Blick auf das Völkerrecht. Letztes Jahr hat das Komitee zur UN-Frauenrechtskonvention entschieden, dass ein Verstoß gegen die Frauenrechtskonvention der Vereinten Nationen vorliegt, wenn sich die nationale Rechtsprechung zur Strafverfolgung von Sexualdelikten auf Geschlechterstereotype oder Vergewaltigungsmythen bezieht.

Der Rechtsstaat wäre nicht nur in Gefahr, wenn die Unschuldsvermutung aufgehoben würde (was keine mir bekannte Forderung darstellt), der Rechtsstaat ist in Gefahr, wenn gegen Verfassungs- und Völkerrecht verstoßen wird, indem massive (Menschen)Rechtsverletzungen nicht geahndet und unterbunden werden. Derzeit können wir in Deutschland von einer weitgehenden faktischen Straflosigkeit sexualisierter Gewaltdelikte sprechen. Das ist so bekannt, dass ein Ex-Generalstaatsanwalt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur besten Sendezeit davon abraten kann, Strafanzeige wegen sexualisierter Gewaltdelikte zu erstatten, weil dies außer Nachteilen für die Anzeigenerstatterin sowieso nicht bringt. Hier liegt der rechtsstaatliche Skandal.

Die Unschuldsvermutung ist nicht der Grund für die niedrigen Verurteilungsquoten. Bei entsprechender Professionalisierung und entsprechendem Willen ist es sehr wohl möglich, Strafverfahren zur Verfolgung von Sexualdelikten zu führen, die sowohl die Rechte des Beschuldigten (insbesondere Unschuldsvermutung) als auch die Rechte der Betroffenen (insbesondere ihre Würde, Selbstbestimmung und ihr Persönlichkeitsrecht) wahren. Sobald die Verurteilungsquoten in Deutschland auf Grund der Unschuldsvermutung so niedrig sind (will heißen: weil es kaum noch sexualisierte Gewalt gibt), finde ich mich sehr gern mit den Zahlen ab. Derzeit ist die Statistik nur ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat versagt – darüber sollte diskutiert werden und nicht über die Unschuldsvermutung, die überhaupt nicht in Frage gestellt wird.

Seit ein Polizist in Toronto in einem Vortrag Frauen geraten hat, sich nicht wie „Sluts“ (Schlampen) zu kleiden, um Vergewaltigungen zu vermeiden, protestieren Frauen mit Slutwalks gegen Sexismus und Vergewaltigungsmythen. Was meinst Du dazu?

Die durch Slutwalks erfolgende Wiederaneignung des öffentlichen Raums finde ich fabelhaft! Ich weiß, dass Slutwalks auch viele Probleme mit sich bringen, insbesondere voyeuristische Presse und sexistische Umdeutungen. Aber das ist – wenn auch nicht immer so krass – ein Grundproblem emanzipatorischer Aktionen im Gender-Bereich. Geschlecht und Geschlechterverhältnisse werden wesentlich in Bildern gedacht und diese Bilder sind sehr mächtig. Egal, was wir machen, wir können von anderen immer in einer Weise gesehen und gedeutet werden, die unserer Sehnsucht nach Würde und Freiheit nicht entspricht (sei es als unterlegene Frauen, faszinierende Perverse, provokante Schlampen, Verirrungen der Natur o.ä.). Deshalb müssen wir nach Verbündeten suchen, wenn wir Bilder ändern und Räume aneignen wollen, aber genau dafür sind Slutwalks ja auch da. Übrigens protestieren dabei nicht nur „Frauen“, was ich besonders schön an Slutwalks finde.

Was wäre rechtspolitisch zu fordern?

Auf gesetzgeberischer Ebene bleiben nicht mehr viele Wünsche offen. Die Umsetzung der Europaratskonvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom 7. April 2011 – wenn Deutschland sie denn ratifiziert – könnte hier noch zu wesentlichen Änderungen führen, insbesondere genügt nach Art. 36 der Konvention das fehlende Einverständnis bei Sexualdelikten (Gewalt als Nötigungsmittel ist nicht erforderlich) und die Konvention fordert explizit gleiche Regelungen für sexualisierte Gewalt durch frühere oder aktuelle Intimpartner/innen.

Das Problem bei der Strafverfolgung sexualisierter Gewalt liegt aber weniger auf gesetzgeberischer Ebene als bei den Instanzen der Strafverfolgung. Hier ist zu fordern, dass sich nur qualifizierte Kräfte mit sexualisierten Gewaltdelikten befassen. Offensichtlich reichen weder die polizeiliche Ausbildung noch ein Jurastudium aus, um die notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Zu fordern sind also massive Bemühungen bei der Aus- und Weiterbildung von Polizist/innen, Staatsanwält/innen und Richter/innen, welche sie dazu befähigen, sich eines sehr schmerzvollen und berührenden Themas ernsthaft anzunehmen, eigene Stereotype zu reflektieren sowie aktuelle einschlägige Forschung wahrzunehmen und zu verarbeiten. Auch die höchstrichterliche Rechtsprechung muss sich dringend ändern, da von ihr eine Signalwirkung ausgeht.

Im Bereich des Strafprozessrechts ist in den letzten Jahren viel geschehen, obwohl auch hier noch Wünsche offen bleiben. Der wesentlichste dieser Wünsche ist allerdings, dass die einschlägigen Regelungen auch ernsthaft angewendet werden. Um das Problem der Beweisschwierigkeiten etwas zu entschärfen und das Dunkelfeld zu verringern, gibt es in NRW und Berlin als Pilotprojekte sog. anonyme Beweissicherungsverfahren. Dabei können gerichtsverwertbar Spuren gesichert und aufbewahrt werden, ohne dass sich die betroffene Person sofort zu einer Anzeige entschließen muss, wie dies normalerweise der Fall ist. Die gesicherten Spuren werden von gerichtsmedizinischen Instituten längere Zeit aufbewahrt, so dass die Entscheidung zu einer Anzeige nach Kontakt mit Beratungsstellen und ggf. auch nach Beginn einer therapeutischen Behandlung gestellt werden kann. Dies ist insbesondere bei sexualisierten Gewaltdelikten in persönlichen Beziehungen ein wesentlicher Beitrag zum Opferschutz, der die Rechte von Beschuldigten nicht schmälert. Die Verfahren sollten daher bundesweit angeboten und bekannt gemacht werden.

Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das auf sehr vielen Ebenen angegangen werden muss. Beratungsstellen, Frauenhäuser und Notrufe stellen unverzichtbare Unterstützungsleistungen für Betroffene von sexualisierter Gewalt dar, die vom Staat zu finanzieren sind. Die Arbeit solcher Einrichtungen, oft auch auf ehrenamtlicher Basis, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Auch diesbezüglich spricht die Europaratskonvention eine klare Sprache, so dass die Forderung die Ratifikation und Umsetzung dieser Konvention sein würde. Vor allem muss sich schließlich das Wissen über sexualisierte Gewalt – unabhängig von tagespolitischen Skandalisierungen – weiter verbreiten, über ihre Ursachen, geschlechtsspezifischen Implikationen und Folgen ebenso wie über mögliche Präventionsstrategien. Zu dieser Verbreitung können wir alle beitragen, weshalb ich mich herzlich für die Fragen bedanken.

 

Kurzbiographie: Ulrike Lembke hat in Greifswald Rechtswissenschaft studiert und ist dort in der Anglistik/Amerikanistik das erste Mal mit Geschlechterstudien in Berührung gekommen. Dieses Thema hat sie nachhaltig fasziniert: So hat sie neben der Promotion zusammen mit Lena Foljanty und anderen Nachwuchswissenschaftler/innen das erste diesbezügliche Lehrbuch für ihr Fach herausgeben (Feministische Rechtswissenschaft. Ein Studienbuch, 2006), das es diesen Herbst in zweiter Auflage geben wird. Ulrike Lembke hat eine Juniorprofessur für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies an der Universität Hamburg und beschäftigt sich u.a. mit Themen wie Antidiskriminierungsrecht, Menschenrechten, feministischer Rechtstheorie, Regulierung von Sexualität und Gewalt im Geschlechterverhältnis.

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  • http://www.piratenweib.de Piratenweib

    Herzlichen Dank für diesen ausgezeichneten Artikel. Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.

  • Antje

    Danke auch für dieses sehr interessante Interview! Das es so wenig Fälle sind, die in einen Prozess münden war mir nicht klar.
    In der vorletzten EMMA (Frühling 2011) gab es ein Dossier zu sexuellem Missbrauch, darin enthalten war unter anderem ein Artikel zu der Rolle von Gutachtern im den Prozessen zu sexualisierter Gewalt. (bisher online nicht verfügbar)
    Ich kann es nicht weiter beurteilen, weil ich dazu bisher wenig gelesen habe, aber anscheinend ist das eine weitere Baustelle, die eine angemessene Verurteilung von Sexualstraftätern häufig verhindert. Da wird sehr schnell an der Glaubwürdigkeit des Opfers gezweifelt mit dem Argument, dass das Opfer, wenn es denn mit einer dritten Person (Familie, Freunde, Psychologin) über das Erlebte gesprochen hat, von dieser Person derart beeinflusst sei, dass sie das Ereignis verkläre.

  • Thomas S.

    Jedes mal wenn ich meines Geschlechtes wegen ausgeblendet werde tut es mir weh.

    Ich glaube, dass das Verständnis von Vergewaltigung in der Gesellschaft würde weit schneller verbessert würde, wenn das ganze Bild gezeigt würde. Es würde klar machen worum es bei Vergewaltigung wirklich geht.

    Sich hier zu ärgern, dass das Aussehen des Opfers als relevant angesehen wird während man verschweigt das es Männer auch trifft ist von tragischer Komik. Letzteres macht doch so einfach klar das es nicht ums Aussehen geht.

  • Anonym

    Das Problem in der Beurteilung eines Sachverhalte im Vergleich zu vielen Sachverhalten ist doch eigentlich klar. Normalerweise schlägt man niemanden zusammen, also ist derjenige, der jemanden Zusammengeschlagen hat schon quasi per se schuldig. Sex zu haben ist aber erstmal nichts ungewöhnliches und die Spuren sind wohl nur bei massiver Gewaltanwendung mal eindeutig. Bleiben nur psychische Spuren, deren Diagnose eben mit sehr viel größeren Unsicherheiten verbunden ist. Selbst wenn das Opfer subjektiv nicht wollte, muss sich das für den „Täter“ nicht genauso dargestellt haben. Ein innerer Vorbehalt oder gar ein rückblickendes Bedauern über das „Nicht-Nein-Gesagt-Haben“ rechtfertigt aber wohl kaum eine Bestrafung. Dennoch ist es aus Sicht des Opfers und wohl auch vieler Feministen ein Sexualdelikt. Diese Fälle sind keine Falschbeschuldigungen im eigentlichen Sinne, das macht für den Beschuldigten dann aber keinen Unterschied. Eine Dunkelziffer gibt es übrigens vielleicht auch bei den Falschbeschuldigungen, zu denen die nicht erfassten Fehlurteile hinzukommen.

    Psychische Druckmittel zu erfassen ist auch schwer und unter Umständen auch nicht Sachgerecht, da man bis zu einem gewissen Punkt auch eine Selbstbehauptung des Opfers in diesem Bereich verlangen muss, da sonst eine konkludente Einwilligung in jeder Stresssituation schon fast ausscheiden würde. Nicht jedes „Ich mache Schluss, wenn du nicht sofort mit mir schläfst!“ ist gleich eine rechtlich relevante Nötigung. Nein! heißt Nein!, man muss es aber eben auch wirklich sagen.

  • Art Vandelay

    Bin via lawblog auf dieses Interview gestoßen.

    Ich finde die Zahlen von Frau Prof. Lembke etwas merkwürdig. Sie spricht von einer Verurteilungsquote von 14% der Anklagen (oder Anzeigen) und konstruiert daraus dass 86% dadurch ungesühnt bleiben, kombiniert dies mit der Dunkelziffer und landet bei 1/100 Taten die zur Verurteilung führen. Gleichzeitig wird direkt von einem „Täter“ nicht „Tatverdächtigen“ gesprochen. Was ist denn da mit der Unschuldsvermutung? Es versteht sich auch von selbst dass nur angezeigte Straftaten auch zur Verurteilung führen können. Sollte man respektieren dass die Frauen keine Anzeige erstatten oder sollte man diese Taten aus öffentlichem Interesse von Amts wegen verfolgen? Gleichzeitig bedeutet diese Statistik doch auch dass ungefähr jeder 7. Mann im Gefängnis sitzen sollte?

    Liest man dann noch dass die meisten Taten in der Beziehung stattfinden und ohne Gewalteinwirkung kann man sich fast schon fragen ob man nicht selbst schon unbewusst zum Täter geworden ist, grade wenn man die norwegische Fahrlässigkeitsstrafbarkeit zugrunde legt. Lebt man z.B. mit der Partnerin zusammen und ist einziger Mieter oder Eigentümer der Wohnung, könnte schon kein Einverständnis mehr zugrunde liegen sondern ökonomischer Zwang. Ist es schon fahrlässige Vergewaltigung wenn man mit einer Frau schläft die betrunken oder unter Drogen/Medikamenteneinfluss steht? Kann Mann nicht mehr von erwachsenen Frauen erwarten dass sie einem deutlich mitteilen wenn sie etwas nicht wollen? Kann das Einverständnis auch nachträglich entzogen werden?

    Schön ist auch dass in ihrem norwegischen Beispiel nur noch vom „Täter“ die Rede ist, vorher war es immer „Täter/in“. Nennen wir die Dinge doch beim Namen?

  • drui

    Ich stimme den Aussagen von Prof. Lembke weitestgehend zu, möchte nur anmerken, dass ich Forschungsergebnisse über Falschanzeigen grundsätzlich für problematisch halte. Wer mit (angeblichen) Falschanzeigenquoten von 2% argumentiert, bedient leicht Klischees, es gäbe keine Falschanzeigen, da wäre immer was dran und (vgl. die letzten öffentlichen Fälle Kachelmann und Strauss-Kahn) Prominente kommen immer davon. Bei Letzteren kann kein Wissenschaftler sagen, ob die Anzeigen falsch waren oder nicht, und das dürfte auf einen großen Teil aller Fälle zutreffen. Die 2% dürften also nur die nachweisbaren Falschanzeigen betreffen, die anschließend rechtliche Konsequenzen hatten. Ich fände es daher gut, wenn mann (wie ich) und frau sich bei solch nicht zu klärenden Fällen mit politischen Interpretationen zurückhalten und die Unschuldsvermutung als Grundsatz der Rechtsprechung nicht gefährden. Dass sexualisierte Gewalt in Beziehungen kulturell zu wenig geächtet wird und rechtsstaatlich kaum verfolgt wird, ist ein Riesenproblem und wird durch solche (wohl gut gemeinten) Aussagen des Ex-Generalsaatsanwaltes nicht besser. Es wird sich aber meiner Meinung nach kulturell doch Einiges zum Besseren ändern und mit jeder Anzeige (ob berechtigt oder nicht) wird möglichen Tätern bewusst gemacht, dass es auch einen Preis jenseits von Recht zu zahlen gibt, wenn die öffentliche Reputation leidet.

  • Sebastian

    Sehr schön, dass hier die Problematik mal richtig verortet wird.

    Nicht die Beweisschwiergkeiten sind der Skandal (hier muss der Rechtsstaat sich auch gegenüber Opferinteressen durchsetzen), sondern die sonstigen Mängel in der Verfolgung und Durchsetzung des Strafanspruchs gegenüber den Tätern (in einem ordentlichen Verfahren).

    Es sind in erster Linie gravierende Vorurteile und Missverständnisse, die einige der Strafverfolger dazu bringen nicht die richtigen Schritte einzuleiten, gerade in den Fällen, in denen es am meisten erforderlich ist (also Bekannte/Verwandte/Partner als Täter).

  • Stephan

    Zu den Falschanzeigen. In der Zeit wurde mal ein Kriminologe zitiert, der erforscht haben will, dass die Prozentsatz der Falschanzeigen von 3 auf 10 Prozent gestiegen ist. Stimmt das, wäre hiermit das sinken der Verurteilungsquote damit auch zu erklären.
    Leider ist für meinen Geschmack zu wenig in diesem Interview hinterfragt worden. Z.B. die Faustformel je höher die Bekanntschaft, desto geringer die Glaubwürdigkeit.
    Die Tatsache als solche würde ich nicht einmal hinterfragen wollen. Aber vielleicht sollte man die Frage stellen, ob es vielleicht nicht gute Gründe für diese Haltung gibt.
    Grundsätzlich geht man davon aus, dass ein Sohn eher für seinen Vater lügt als für einen Fremden.
    Wird aber ein Mensch in solchen Sonderbeziehung in seinem Vertrauen verletzt, verzerrt er die Wirklichkeit stark zu Ungunsten des Verletzers. Siehe Scheidungskriege.
    Also Beziehungsnähe beeinflusst die Glaubwürdigkeit, warum sollte das bei Sexualdelikten automatisch ausgeschlossen sein.
    Dies nicht zu erörtern, halte ich für einen methodischen Fehler von seiten des Professors bzw. von Seiten der Interviewerin, der sie angreifbar macht, im SInne wir biegen uns die Welt zurecht.

  • Arne

    Diese angeblichen 3% Falschanzeigequote scheinen mir doch sehr niedrig, verglichen mit anderen Delikten.
    Außerdem sieht es so aus, als ob da jede Seite mit grade der Studie hausieren geht, die dem eigenen Blickwinkel entspricht.
    In dem unten verlinkten Artikel einer Kanzlei, die wohl eher die Seite der ‚Täter‘ vertritt, ist dann von 41-50% Falschanzeigequote die Rede.

    In einer weiteren Studie (Bohner, Vergewaltigungsmythen) wir von einer Spanne von 1-8% berichtet, da wären die oben genannten 3% mit Wohlwollen noch grade als Mittelwert anzuerkennen.

    Noch eine Studie (Bauermann) kommt auf Werte von 3-8% für Vergewaltigung in der Ehe. Grade bei diesem Thema (d.H. in der Ehe) würde ich von einer eher niedrigen Quote ausgehen, während es bei Spontanbekanntschaften, kurzen Beziehungen oder ähnlichem evtl. leichter fällt, jemanden fälschlicherweise zu bezichtigen, schliesslich hat man diese Person nicht geheiratet, lebt nicht unbedingt zusammen und wenn ja dann evtl. auch noch nicht so lange wie bei einer Ehe.

    http://www.die-strafverteidiger-frankfurt.de/fachgebiete/vergewaltigung-177-stgb.php.

  • Chris Köver

    Vielen Dank auch noch mal von uns für dieses exzellente Interview, Maria.

  • Dos Santos

    “ Die Falschanzeigenquote bei Sexualdelikten liegt nach der jüngsten, rechtsvergleichenden Studie übrigens bei 3%. Ältere Studien ganz unterschiedlicher Herkunft gehen von Größenordnungen zwischen 2% und 8% aus“

    Es gibt auch Studien die gehen von einer Falschbeschuldigungsquote von mindestens 50% aus.

    Und nun?

    Wem glaube ich da?

  • Frank T.

    „[…]sondern der Täter darlegen muss, dass er sich Klarheit über das Einverständnis verschafft hat.“

    Dies ist eine klare Beweisumkehr der Unschuldsvermutung.

    Ich verstehe den Ärger und die Emotionen hinter dem Thema, aber sie eignen sich nicht, den Rechtsstaat aus den Angeln zu heben.

    Gleichermaßen könnten wir dieses Prinzip auf andere Verbrechen anwenden. Sagen wir Körperverletzung. Sollten wir also beweisen müssen, dass es NICHT meine Faust war?
    Sollte der Anklagte in einem Diebstahlfall beweisen MÜSSEN, dass er NICHT am Tatort war?

    Ich bin selber Psychologe und kann daher den Reiz einer anderen Form der Nullhypothese verstehen, allerdings ist das nicht haltbar.

    Die Grundlage der Nullhypothese ist nicht in Emotion oder Juristerei sondern der Epistemologie und Logik zu suchen.
    Ein Ausschalten einer Nullhypothesen-Basis führt zu einer Verifikation im Entscheidungsprozess. Eine Verifikationsbasierte Hypothese kann aber mit einem Schlag durch Falsifikation eliminiert werden. Daher ist dies kein tragbarer Zustand für eine Untersuchung, die über die Freiheit eines Menschen entscheidet. Gerade dann, wenn es um ein emotionales Thema geht.

    Reden wir von realen 8% Falschanzeigenquoten reden wir hier vom Schicksal von 5%*13%*5%*40 Millionen Frauen = 20800 Menschen.

    Diese 20800 möglicherweise dann zu Unrecht verurteilten Menschen dürften wohl ausreichen, um das Rechtsstaatsprinzip der Unschuldsvermutung aufrecht zu erhalten, finden sie nicht?

    Ansonsten wäre es gut, auch Quellen besser zu nennen. Ein „Eine Studie hat ergeben“ ist besonders schön, wenn man sich etabliert. Eine wirkliche Diskussion ist erst dann ermöglicht, wenn am Ende des Interviews oder des Artikels auch alle Quellen stehen. Es werden hier Behauptungen wissenschaftlichen Ausmaßes der Sozialforschung aufgestellt, die dementsprechend auch fachlich widerlegt werden müssen, wenn sie falsch sind.

    Ein vages, nicht Nennen der Quellen ist hier eher praktisch, wenn man das nicht will.

  • Recht und Geschlecht

    Quellenangaben zu den wichtigsten zitierten Studien finden sich im Text. Eine Umkehr der Unschuldsvermutung wurde im Interview ausdrücklich nicht gefordert, ich bitte das zu beachten. Zum Thema Beweislast, die sich in Norwegen auch nur auf die das Thema Einverständnis bezieht und den Vergleichen mit anderen Gewaltdelikten: Wenn Sie jemand zusammenschlägt werden Sie auch nicht gefragt, ob Sie laut „Nein“ gerufen haben, weil der Täter vielleicht sonst den Eindruck haben könnte, dass Sie das vielleicht wollten. Zahlen zu den empirischen Studien kann ich nicht kommentieren, wer die von Frau Prof. Lembke als Behauptungen abtut und dem andere Zahlen entgegensetzt, sollte schon zumindest Quellen nennen.

  • Caldrin

    > Eine Umkehr der Unschuldsvermutung wurde im Interview ausdrücklich nicht gefordert

    Doch, mehrfach. Beispielsweise kritisiert Frau Lembke, dass der Bundesgerichtshof von der These ausgeht, der Zeuge würde die Unwahrheit sagen und Gegenbeweise für diese Hypothese sucht. Man darf nicht vergessen, es gibt zwei Zeugen, den Angeklagten und den Ankläger. Der Angeklagte wird sicher seine Unschuld beteuern. Es ist gerade der Kern der Unschuldsvermutung, in diesem Fall dem Angeklagten zu glauben, bis überzeugende Gegenbeweise vorliegen.

    Weiter verstehe ich die Aussagen zur Beweislastumkehr in Norwegen als Forderung, dieses Prinzip auch hier umzusetzen. Kern der Unschuldsvermutung ist, dass dem Angeklagten die Schuld nachgewiesen werden muss, nicht umgekehrt.

    Wie soll der Nachweis der Einvernehmlichkeit den faktisch aussehen? Mir fällt keine andere rechtssichere Möglichkeit ein, als dass ein Paar sich gegenseitig vor jedem Sexualerlebnis (dazu zählt nach deutscher Rechtsprechung jedes Eindringen in den Körper, also z.B. auch ein Zungenkuss) eine schriftliche und unterschriebene Erklärung abgibt, in welche Techniken der jeweilige Partner gerade einwilligt.

  • 5zjunge

    Unschuldsvermutung bedeutet, dass von der Nullhypothese der Verdächtige ist unschuldig ausgegangen wird und dass die Beweislast beim Staat liegt.

    Man kann aber auch die Definition des Verbrechens ändern. Strafbar wäre dann der Verstoß gegen eine umfassende Dokumentationspflicht.

  • Frank T.

    Recht und Geschlecht :

    Oh doch, natürlich werden Sie das. Es sieht nur anders aus. Hier wird dann unterschieden, ob der Fall unprovoziert war, wie sie sich vorher verhalten haben und so weiter.

    D.h. die Strafe des Täters wird drastisch reduziert, wenn sie vorher eine viertelstunde auf den Eigenschaften seiner Mutter herumgeritten sind im Gegensatz zu einer Situation, bei der dem Täter einfach ihr Gesicht nicht gepasst hat.

    Der Text fordert keine explizite Beweislastumkehr in seinem Fazit, beschreibt jedoch entsprechende Modelle schlüssig in sich am Anfang. Dem Fazit des Textes kann ich ja zustimmen, denn die Problematik liegt weniger in der Gesetzgebung als in der Strafverfolgung und Judikative. Unter dem Ausschluss, dass die angegebenen Daten stimmen, was ich persönlich nicht weiss.

    Für mich persönlich stellt hier das fehlende Einverständnis ein Dilemma dar, wie es nur aus der Juristerei kommen kann. Man geht ja hier davon dann aus, dass wir einen Fall haben, bei dem keine einvernehmlichem Sex Spuren vorhanden sind und Aussagen zweier Personen diametral entgegengesetzt stehen.
    Ich bin SEHR für die Beweissicherungsvarianten in NRW und Berlin, da sie ansonsten in Bredouille kommen.
    Bei nicht vorhandenen Spuren und zwei Aussagen zum Thema kann es eigentlich in fast allen Fällen nur Freispruch geben, wenn wir In dubio pro reo aufrecht erhalten wollen und die 20800 Menschen aus meinem letzten Kommentar bedenken.
    Hierbei, so perfide es auch klingt, sind entsprechende Traumata, ob physisch oder psychisch, sogar ein Segen, denn sie sind zumindest Indizien für ein traumatisches Ereignis. Dies wiederum kann Beweislast tragen. Die psychologische Bewertung von Aussagen ist da weit schwieriger und aus meiner Erfahrung ohne Anzeichen von Traumatisierung auch eher schwierig. (Ausser sie holen jemanden wie Pauk Ekman mit einem entsprechenden Training und Erfahrung. Dann ist so etwas Gold wert. Aber ich kenne in meinem Umfeld kaum einen Psychologen, der sich wirklich mit Microexpressions auskennt.)

    Es wurden bei den Quellen für Fallzahlen nur Kelly/Lovett angegeben, für statistische Untersuchungen wurden aber relativ viele Daten genannt, die nicht durch diese einzige Studie gedeckt waren. Daher die Frage nach Quellen. Welche nun die Wichtigsten sind, ist zwar immer eine interessante Frage der Bewertung, leider jedoch oft sehr subjektiv. Ich bin selber oft genug in die Falle getappt, mehrere methodisch schwächere Studien als Grundlage zu nehmen und dann doch überrascht zu werden. Es ist wie gesagt kein wissenschaftlicher Artikel, aber ich habe mir trotzdem inzwischen angewöhnt selbst bei Blogposts ein Quellenverzeichnis zu machen, es ist einfach angenehmer, wenn man nicht jedes mal einen Kommentar nachliefern muss mit sämtlichen Quellen.

  • Ingo

    Ich finde es bezeichnend, dass die meisten Kommentatoren hier nur damit beschäftigt sind, Quellen einzufordern und die zitierten Zahlen infrage zu stellen. Wer macht sich denn bitte hier die Welt, wie sie ihm gefällt? Vielleicht hätte man Prof. Lembke auch noch fragen sollen, warum gerade dieses Thema so heftige Abwehrreaktionen einiger Männer hervorruft.
    Zu den sehr gut beschriebenen Vergewaltigungsmythen und anderen Aspekten des Themas gab es noch keinen ernstzunehmenden Kommentar.

  • KH

    @Ingo

    Wie verwerflich ist es auch, nicht einfach alles so zu glauben, sondern auch nachzufragen, wie eine Person zu ihren Ansichten kommt und den Weg nachvollziehen zu wollen. Ohne Begründungen oder Quellen sind alle weiteren Auslegungen nämlich selber Mythen. Und Begründungen sind genau das Gegenteil vom Zurechtbiegen, nämlich die ÜBerprüfung, inwieweit sich die Interviewte selbst die Welt zurechtgebogen hat.

    Warum führt denn die Frage nach Begründungen und Quellen zu so einem starken Abwehrverhalten Ihrerseits?

  • Recht und Geschlecht

    Damit die Debatte vielleicht doch noch einen Schritt weiterkommt, hier eine Zusammenstellung der zitierten Studien:
    3 % Falschanzeigen finden Sie bei: Liz Kelly/Jo Lovett , Different Systems, Similar Outcomes? Tracking Attrition in Reported Rape Cases Across Europe, 2009, S. 60 (3 % für Deutschland, in zehn anderen Ländern beträgt der Anteil
    zwischen 1% und 9%). Zu den älteren Untersuchungen für Deutschland (1985 bis 2005), welche von Falschbeschuldigungsquoten zwischen 2% und 8% ausgehen, die einzelnen Nachweise für diese Studien finden Sie bei Helmut Tausendteufel/Gabriele Bindel-Kögel/Wolfgang Kühnel , Deliktunspezifische Mehrfachtäter als Zielgruppe von Ermittlungen im Bereich der sexuellen Gewaltdelikte, 2006, S. 56.
    Die zitierte Studie von Udo Steinhilper heißt: „Definitions- und Entscheidungsprozesse bei sexuell motivierten Gewaltdelikten“, erschienen im Jahr 1986.
    Daten zu Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit von Männern und Frauen und Verweise auf weitere Studien finden Sie in der Veröffentlichung GenderDatenReport des BMFSFJ: http://www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/01-Redaktion/PDF-Anlagen/kapitel-zehn,property=pdf,bereich=genderreport,sprache=de,rwb=true.pdf

  • Ingo

    Es gab durchaus zitierte Studien im Text. Man kann sich natürlich auf die Forderung nach einer Literaturliste zurückziehen, Fakt ist doch aber, dass hier einigen die Ergebnisse nicht passen. Das wird sich auch durch Quellenangaben nicht ändern, die ja auch jeder selbst recherchieren könnte, wenn ihm denn das Thema wichtig wäre. Denn jetzt wird doch der nächste Schritt sein, dass behauptet wird, diese Studien seien nicht seriös, um die Analyse weiter zu diskreditieren. Die Behauptung der 50 Prozent Falschanzeigequoten wurde dementsprechend natürlich auch nicht belegt.

  • Recht und Geschlecht

    Ergänzend zu den genannten Quellenangaben möchte ich alle LeserInnen noch darauf hinweisen, dass wegen der Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen und unserem Rechtssystem die Verweise auf Studien aus den USA mit Vorsicht zu genießen sind. Gerade das dortige Strafrechtssystem ist mit unserem kaum vergleichbar und über alle Deliktsarten hinweg ist in den USA die Falschanzeigequote höher als in Deutschland. Es ist also nicht zu empfehlen, im bundesdeutschen Kontext mit amerikanischen Studien zu argumentieren.

  • KH

    Zu den genannten höheren Zahlen um die 50% z. B.
    – Hoffmann, “Sind Frauen bessere Menschen?”, S. 348 f. und
    -Dr. Sigrist vom Institut für Gerichtsmedizin in St. Gallen, im “St. Galler Tageblatt” vom 6.7.1995 (wobei ich das für ein bisschen sehr hoch halte)

  • KH

    Zur Häufigkeit von strafrechtlich relevanten Formen sexualisierter Gewalt: beliebige Kriminalstatistik.

  • KH

    Dazu kommt die bereits vor einiger Zeit angegebene Seite
    http://www.die-strafverteidiger-frankfurt.de/fachgebiete/vergewaltigung-177-stgb.php
    die sich allerdings auf amerikanische Studien bezieht. Hier gilt der Hinweis von Recht und Geschlecht weiter oben – wobei ich nicht denke, dass Unterschiede im Strafsystem eine um den Faktor 10 höhere Falschbeschuldigungsquote erklären können.

    Umgekehrt wäre ich mit den Studien des BMFSFJ vorsichtig – man muss sich nur den Namen anschauen, um die Zielrichtung des Instituts zu sehen (wer taucht nicht auf?). Da wird viel mit Ideologie gearbeitet – die vorhergehende Familienministerin ging z. B. mit Zahlen bezüglich des Equal Pay Gap (?) hausieren, die auf Nachfragen leider revidiert werden mussten – und bei nächster Gelegenheit trotzdem wieder vorgetragen wurden. Das heißt nicht, dass die Studien grundsätzlich Müll sind – praktisch alle Beteiligten in dieser Diskussion sind politisch vorbelastet -, sind aber eben auch nicht so neutral wie das „Bundesministerium“ im Namen suggeriert.

  • Recht und Geschlecht

    Ich möchte noch darauf hinweisen, dass ich die wissenschaftliche Qualität von Büchern wie „Sind Frauen bessere Menschen?“ nicht auf einer Ebene mit ländervergleichenden rechtssoziologischen Studien wie Liz Kelly/Jo Lovett , Different Systems, Similar Outcomes? Tracking Attrition in Reported Rape Cases Across Europe, 2009 ist. Ich glaube, es erschließt sich den LeserInnen hier ziemlich eindeutig, wer hier „politisch vorbelastet“ ist. Zur Kritik an dem von mir zitierten Auszug aus dem GenderDatenReport: Das Kapitel lautet „Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit von Frauen und Männern„. Was Sie dem Auftraggeber der Studie (dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) vorwerfen, ist genau das, was dieses Kapitel nicht tut (nämlich Männer ausblenden). Hinzu kommt, dass das Ministerium Zusammenstellungen wie diese nicht selbst vornimmt, sondern an Externe vergibt. Es ist also extrem weit hergeholt, die Seriösität dieser Daten ganz grundsätzlich aufgrund des Auftraggebers anzuzweifeln.

  • KH

    Das ist durchweg in Ordnung. Herr Hoffmann gibt allerdings selbst Quellen an, und um die ging es mir in dem vorliegenden Fall. Die Kritik am BMFSFJ war genereller Natur und sollte eben nicht besagen, dass jedwede Information aus dessen Quelle grundsätzlich falsch ist – es ist aber m. M. n. eine Tatsache, dass Vertreter des Instituts (im mir bekannten Fall Frau Ursula von der Leyen) mit Zahlen an die Öffentlichkeit gegangen sind, von denen sie selbst wussten, dass sie einer Überprüfung nicht standhalten.

    Soll heißen: die Studien sind nicht automatisch falsch. Sie sind aber auch nicht automatisch richtig. Ich selbst habe vor diesem Fall Studien aus Ministerien generell großes Vertrauen entgegen gebracht – ich wollte nur anmerken, dass die Studien weiterhin auf ihren Sinn und Zweck betrachtet werden sollten, bevor sie verwendet werden, und der Stempel „BMFSFJ“ nicht bedeutet, dass die Studien komplett frei von Beeinflussung sind. Auch hier KANN eine politische Agenda hinterstecken – so wie sonst auch.

    Eine Nebenfrage: haben wir bei europaweiten Studien nicht das gleiche Problem wie bei US-Studien, dass die Systeme nur bedingt miteinander vergleichbar sind?

  • Recht und Geschlecht

    Zur letzten Frage US-Studien und ländervergleichende Studien: Wenn Sie mit US-Studien argumentieren, um zu belegen, dass für Deutschland bestehende Ergebnisse (3% Falschanzeigen) höher sein müssten, dann ist das etwas ganz anderes, als wenn sich eine Studie anschaut, wie denn die Falschaussagequoten jeweils in den europäischen Ländern sind (wie es Kelly und Lovett getan haben). Ob dann diese Ergebnisse miteinander vergleichbar sind, hängt natürlich zunächst mal von den Datenergebungsmethoden ab.

  • anonym

    Als jemand der die Zahlreichen Studien gelesen hat möchte ich hier was ergänzen: Grundsätzlich gibt es für die Frage nach der waren Quote von Falschaussagen schon deshalb keine Antwort, weil praktisch alle Studien eine andere Definition von „Falschaussage“ haben, so dass man sie nicht miteinander vergleichen kann.

    Die häufig genannten 3% werden hierbei gerne ohne Kontext sinnentstellend verwendet, obwohl die Studien vollkommen korrekt sind. Die Aussage wäre vielmehr so richtig: Bei 3% aller Anzeigen gibt es konkrete Hinweise darauf, dass es eine Falschanzeige war. Es liegt auf der Hand, dass es natürlich auch Falschanzeigen gibt, wo es keine solchen Hinweise gibt, bzw. wo die Anzeige zurückgezogen wird und der vermeintliche Täter es auf sich beruhen lässt.

    Dann gibt es natürlich auch Studien, wo versucht wird, diese Zahl zu schätzen, und wo dann gut und gerne total abenteuerliche Zahlen wie 50% rauskommen. Diese werden dann meist durch abenteuerliches Dehnen des Begriffs Falschanzeige erreicht.

  • Recht und Geschlecht

    Weil morgen das Gastblog Recht und Geschlecht endet und dieses Interview einen erhöhten Moderationsaufwand bedeutet, möchte ich darauf hinweisen, dass keine neuen Kommentare freigeschaltet werden. Vielen Dank für das Interesse an diesem Thema und alle konstruktiven Kommentare.

  • Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » “In Deutschland herrscht faktische Straflosigkeit sexualisierter Gewaltdelikte”()

  • Susanne

    Mich interessiert, woher die Statistiken stammen, die im ersten Absatz genannt werden. Die erwähnte repräsentative Dunkelfeld-Studie aus dem Jahr 2004 beispielsweise, kann man die irgendwo nachlesen.
    Ich möchte diese Informationen gern bei Wikipedia einpflegen. Da in Artikeln wie „Vergewaltigung“ aber auch Haie schwimmen, die gern alles beschönigen wollen, werden solche Untersuchungen schnell wieder rausgeschmissen, falls sich daran auch nur ein kleines Fehlerin finden lässt. Allgemein anerkannte und unanfechtbare Statistiken würden hier also sehr weiterhelfen.

    Kann eine helfen?

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  • susanne madelaine wolf

    die autorin schreibt was ich erfahren habe. Mir fehlt folgender buchvorschlag:“extremtraumatisierte flüchtlinge in deutschland: asylrecht und asylverfahren“, von ralf weber
    im internet konnte ich zu dem thema auf den seiten 74,75,276…viel erklärendes zu sexuell schwerst mißbrauchten frauen lesen, wir sind mit unserem verhalten beweis genug!

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