Seitennavigation Katze
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Antwortbrief von Mithu Sanyal

Liebe Christina Weber, danke für deinen Brief, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, da ich immer noch versuche, auszuloten wo die möglichen Missverständnisse, Knackpunkte etc. bei meinem Buchprojekt liegen. Gerade Vergewaltigung ist ja ein Thema, das schon durch seine bloße Erwähnung traumatisieren kann, und das ist natürlich das letzte, was ich will. Konkret geht es …

10.01.12 >

Liebe Christina Weber,

danke für deinen Brief, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, da ich immer noch versuche, auszuloten wo die möglichen Missverständnisse, Knackpunkte etc. bei meinem Buchprojekt liegen. Gerade Vergewaltigung ist ja ein Thema, das schon durch seine bloße Erwähnung traumatisieren kann, und das ist natürlich das letzte, was ich will.

Konkret geht es dir um meinen Satz:  “Der amerikanische Feminist Michael Katz schreibt, dass die Täteridentität ja auch nicht prima ist. Wie fühlt sich das denn für einen Mann an, wenn er nachts die Straße entlanggeht und Frauen die Straßenseite wechseln?” Dazu schreibst du „Denjenigen meiner Freundinnen, die Angst haben, nachts allein nach Hause zu gehen, ist ganz sicher nicht damit geholfen, dass ich ihnen sage: “Hör mal, für die Männer, die nachts unterwegs sind, ist das aber nicht toll, dass du Angst hast! Hab mal keine!”“
Damit hast du natürlich recht. Das sollte auch keineswegs eine Aufforderung an Frauen sein, jetzt die möglichen Empfindlichkeiten der Männer auf der Straße hinter ihnen mitzudenken. Ich habe selbst häufig genug (nicht nur) die Straßenseite gewechselt – und bin immer noch der Ansicht, dass das einige male auch ganz schlau war. Und das Hören auf Gefahrsignale, halte ich für eine wichtige Fähigkeit. Das, sich selbst ernst genug nehmen.

Worum ging es mir also mit meinem Satz?

In den letzten Jahren begannen Feministen wie Jackson Katz, Michael Kimmel (sic! da gab es einen Tippfehler im Interview) und Don McPherson die Frage zur Diskussion zu stellen, ob die Identität Täter tatsächlich so erstrebenswert sei. Ein Junge lernt in unserer Kultur, seine Empfindlichkeiten mit sich selbst auszumachen. „Seine Schwäche nicht zu zeigen. Seine Sinnlichkeit mundtot machen. Sich in tristen Farben zu kleiden, stets dieselben klobige Schuhe tragen, nicht mit seinen Haaren spielen, nicht zu viel Schmuck tragen oder jemals irgendwelches Make-up. Immer den ersten Schritt machen zu müssen. […] Nicht zu wissen, wie man um Hilfe bittet. […] Nur bedingt Zugang zu Vaterschaft zu erlangen. […] Nicht mit Puppen spielen, sich immer mit kleinen Autos und superhässlichen Plastikwaffen zufriedengeben.“(Virginie Despentes) Das Ergebnis ist, dass diese Jungen nicht darauf vorbereitet sind, ihre warmen, nährenden Anteile auszuleben, wenn dies von ihnen als Männer verlangt wird.

Feministinnen haben lange darüber diskutiert, wie das Opfer/Beute Stereotyp Frauen in ihren Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt. Die Auswirkungen des entsprechenden Täter/Jäger Stereotyps auf Männer sind dagegen kaum erforscht. In einer Kultur, in der Frauen generell als Sexobjekte wahrgenommen werden, nehmen Frauen diese Rolle an, um sexuell attraktiv zu sein. Ebenso nehmen Männer die Rolle des sexuellen Agressors an, weil natürlich auch sie sexuell anziehend sein wollen. Die Folgen sind, dass diese Rollen nicht nur gespielt, sondern verinnerlicht werden

Mich interessiert das brennend, weil ich hier einen der vielen Ansatzpunkte für gesellschaftliche Veränderung sehe. Aber wie gesagt, halt nur einen. Dass das nicht jedermanns und jederfraus Teetasse ist, ist völlig in Ordnung. Auch, dass es genügend andere Ansatzpunkte gibt. Aber die Tatsache, dass das Patriarchat es auch Männern nicht ermöglicht, ihr gesamtes menschliches Potential auszuleben, sondern sie wie Frauen auf die Hälfte beschränkt, nur eben auf die andere Hälfte, gibt mir immer Hoffnung. Damit ist die Motivation für Männer, Frauen und alle anderen gegeben, die Machtstrukturen zu verändern, die u.a. Vergewaltigung in unserer Kultur festschreiben.

Herzliche Grüße
Mithu

 

  • Pingback: Gewaltprävention | woman with no tape recorder()

  • Christina

    Liebe Mithu,

    danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meinen Leserbrief zu beantworten.
    Ich freu mich sehr darüber, dass wir uns austauschen können, da mich die Fragen, um die es hier geht, sehr bewegen.
    Es hat mich gefreut, zu lesen, dass der besagte Satz im Missy-Gespräch nicht als Aufforderung an Frauen, „jetzt die möglichen Empfindlichkeiten der Männer auf der Straße hinter ihnen mitzudenken“ gemeint war.
    Nicht alle von Dir formulierten Gedanken habe ich verstanden, und so hat dein Antwortbrief bei mir neue Fragen hervorgerufen.

    Zunächst: Ohne Frage stimme ich dem, was Du über die Überlegungen der Feministen Don McPherson, Michael Kimmel und Jackson Katz zur Täteridentität schreibst, zu. Eine solche ist nicht unbedingt erstrebenswert.
    Und die Art und Weise, in der Erziehung und Sozialisation Menschen auf Geschlechterrollen festlegen und ihnen wenig Spielraum lassen, ist schrecklich. Rosa und Blau nerven, entlang der Geschlechtskategorie unterteilte Spielzeuge nerven, Mars und Venus nerven – und „nerven“ ist eigentlich ein viel zu lascher Ausdruck, angesichts des Schadens, der hier angerichtet wird. Angesichts des immensen Schadens für alle, persons of all sex and gender.
    All dem stimme ich zu.

    Du schreibst weiter über die Verinnerlichung von Rollenklischees, die Männer und Frauen auf bestimmte Verhaltensmuster, auch sexueller Art, festlegen und keinen Raum für Anderes/Andere lassen und äußerst die berechtigte Kritik, dass die Auswirkungen dieser Klischees etc. auf Männer bisher wenig erforscht wurden.

    Was mir nicht ganz klar wird, ist der Gedankengang, die Verbindung zwischen den beiden Absätzen – dem über Erziehung und Sozialisation und dem über die sexuellen Rollen.
    Die Argumentation scheint nahezulegen, dass es für Männer mehr oder weniger unausweichlich sei, eine aggressive sexuelle Identität herauszubilden.
    Männern stehen aber im Gesamtdurchschnitt die gleichen Werkzeuge für Analyse und Reflektion ihrer selbst und ihrer Umgebung zur Verfügung, wie allen anderen auch. Das klingt jetzt sehr polemisch – so meine ich es gar nicht.
    Was ich sagen möchte ist, dass ich nicht glaube, dass es nur verinnerlichte (sexuelle) Rollen sind, die zu übergriffigem Verhalten, zu sexualisierter Gewalt führen. Ich will deren Relevanz keineswegs bestreiten.
    Aber: In meinem Verständnis sexualisierter Gewalt handelt es sich dabei um einen Audruck von Macht. Diese Macht auszuüben oder nicht auszuüben, ist eine Entscheidung.
    Ich sehe hier verschiedene Formen von Macht am Werk: Persönlich: ein Typ entscheidet sich, eine Frau zu vergewaltigen, Macht und Gewalt über jemanden auszuüben. Strukturell: Das Wissen dieses Typen darüber, dass er so einem Machtverhältnis entspricht, das in unserer Gesellschaft quasi als System vorgegeben ist, er also ziemlich wahrscheinlich damit durchkommt.

    Kannst Du mir genauer erklären, wie Du das, was Du über die Rollenklischees, die sexuellen Rollen im hier gegebenen Kontext von Vergewaltigung schreibst, meinst?

    Kann es sein, dass Du und ich uns auf verschiedene Ecken der ganzen Sache konzentrieren, es dieses von mir hier so bezeichnete System ist, das Dich beschäftigt und es die Engführung darauf ist, die mich stört?

    Du schreibst am Ende, dass das Bewusstmachen der Wirkmacht von verinnerlichten Rollen und das Aufbrechen dieser Rollen ein Ansatzpunkt für gesellschaftliche Veränderung sein kann. Dem stimme ich absolut zu. Auch, dass das nicht der einzige Ansatzpunkt für Veränderung ist – natürlich.

    Zu Deinem letzten Absatz möchte ich aber gern auch noch Folgendes sagen:
    To have no choice sucks immensely, yes.
    Als männlich konnotierte Person Lippenstift zu tragen oder Elternzeit zu beantragen kostet jede Menge Mut – das will ich nicht bestreiten, und ich habe Achtung vor Entscheidungen dieser Art.
    Dennoch ist es noch immer meine Überzeugung und Erfahrung, dass diese Entscheidungen Männern, gegenwärtig und hier, nicht annähernd so schwer gemacht werden, wie Frauen die vergleichbaren.
    Die Seite der Männer ist noch immer die einer größeren Menge Macht. Deshalb spielen ja die strukturellen Aspekte von Sexismus für Frauen eine andere Rolle, als für Männer.
    Ich finde, Männer sollten sich für Feminismus begeistern und engagieren, auch wenn ihnen nicht unmittelbar klar wäre, wie oder wann sie davon profitieren würden.
    Sollte es als Motivation nicht eigentlich ausreichen, dass Ungerechtigkeit ’ne unfeine Angelegenheit ist?

    Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, nochmal zu antworten – ich würde mich sehr freuen und bin neugierig und gespannt auf Deine Antworten.

    Herzliche Grüße zurück, und alles Gute für Dein Buchprojekt! Christina

  • Pingback: The Leftist Elite » Gehirnschrittmacher der letzten 14 Tage()

Beitragsnavigation