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Paula Bulling: „Und dann war ich entflammt“

Über mehrere Jahre hinweg hat Paula Bulling in deutschen Asylbewerberheimen recherchiert. Aus den Geschichten der Menschen dort hat sie eine so behutsame wie aufrüttelnde Comic-Reportage gemacht. Von Anette Selg „Willkommen im Land der Frühaufsteher“ – mit diesem absurden Slogan begrüßt das Land Sachsen-Anhalt seit einigen Jahren an den Autobahnen all diejenigen, die die Landesgrenzen überqueren. Und …

10.10.12 >
© Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“ / avant-verlag

Über mehrere Jahre hinweg hat Paula Bulling in deutschen Asylbewerberheimen recherchiert. Aus den Geschichten der Menschen dort hat sie eine so behutsame wie aufrüttelnde Comic-Reportage gemacht.
Von Anette Selg

„Willkommen im Land der Frühaufsteher“ – mit diesem absurden Slogan begrüßt das Land Sachsen-Anhalt seit einigen Jahren an den Autobahnen all diejenigen, die die Landesgrenzen überqueren. Und in Sachsen-Anhalt, genauer auf Burg Giebichenstein in Halle, hat Paula Bulling in den vergangenen fünf Jahren studiert. „Ich wollte ursprünglich Keramikerin werden, und Burg Giebichenstein ist die einzige Kunsthochschule in Deutschland, an der man das studieren kann.“ Zum Comic gekommen ist Bulling erst, als der Berliner Comic-Künstler und Grafiker ATAK die Illustrationsprofessur an der Burg übernahm. „Geh doch mal hin, der ist cool“, meinte ein Freund damals zu ihr. Und so ging es los mit ihr und den Comics.

Die Zeichnerin erzählt, dass das Thema ihres ersten Comics der Flüchtlingskosmos in Halle und Umgebung war. Der Auslöser ihrer Recherchen: eine Veranstaltung syrischer MenschenrechtsaktivistInnen im Sommer 2008. „Nach der Hälfte der Veranstaltung haben sie angefangen, über ihre Situation im Flüchtlingsheim zu reden“, erzählt Bulling. „Dann wurde eine Begehung des Heims organisiert. Dazu gab es eine kleine Demonstration mit Plakaten, Musik und Reden. Doch dann kam die Polizei, und wir AktivistInnen haben alle eine Anzeige bekommen wegen Hausfriedensbruch. Und dann war ich entflammt, weil das gleich so krass war.“

Auf dieser Heimbegehung lernte Bulling Salissou Oumarou kennen, einen Filmemacher aus Niger, der damals im Flüchtlingsheim Karlshütte in der Nähe von Halle lebte. „Ich habe viele Porträts gezeichnet in Karlshütte, Fotos gemacht, geschrieben.“ Paula Bulling knüpfte Kontakte zu Flüchtlingen in anderen Heimen. Später verband sie ihre Recherchen, fügte Zwischenkapitel ein – ohne dabei die dokumentarische Ebene zu verlassen.

© Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“ / avant-verlag

Die Problematik ihres weißen Blicks auf die Situation der Flüchtlinge in Deutschland thematisiert Bulling dabei immer wieder. Während einer Demonstration gegen die schikanöse Rechtslage, dass Flüchtlinge einen Urlaubsschein beantragen müssen, nur um ihren Landkreis zu verlassen, trifft die „Paula-Figur“, wie die Zeichnerin ihre Protagonistin nennt, einen alten Bekannten und erzählt von ihrem Comic. „Du produzierst weiße Bilder von schwarzen Menschen“, sagt er zu ihr. „Wer nicht weiß ist, wird beschrieben. Aber spricht nicht selber.“ Und überhaupt treffe er in letzter Zeit überall weiße Mädels, die Filme über die armen, schwarzen Flüchtlinge machten.

Die Begegnung habe sich tatsächlich genau so ereignet, erzählt Paula Bulling. Und sie sei danach total blockiert gewesen, habe mehrere Wochen nicht gearbeitet, weil sie so verstört war. „Natürlich können wir überhaupt nicht wissen, wovon wir sprechen, weil wir diese rassistischen Erfahrungen nicht nachvollziehen können als Weiße. Aber gleichzeitig gibt es diese Motivation, diesem Thema eine Präsenz zu geben. Wie tariert man diese Konflikte so aus, dass man trotzdem handlungsfähig bleibt?“ Dann lacht Paula Bulling und zündet sich eine Zigarette an. „Was ich interessant fand an der Szene: Dass er die ganze Zeit darüber spricht, dass man zuhören soll, anstatt selber zu sprechen. Und nebenher läuft diese sehr emotionale Rede von dem Vertreter dieser Flüchtlingsorganisation, und er und ich kriegen davon überhaupt nichts mit. Ich habe dann später den Redner angeschrieben und mir für den Comic den Text geben lassen.“

Die Zeichnerin hat einen Weg aus dieser weißen Selbstbezogenheit gefunden. „Die Texte von Aziz und den anderen ‚Halberstädtern‘ sind von Noel Kaboré“, steht ganz vorn im Buch. „Noel, das ist die Figur, die uns in Halberstadt das Heim zeigt“, sagt Paula Bulling. „Als ich ihm meine Texte zu den Halberstadt-Szenen gezeigt habe, musste er herzlich lachen. Das würde er doch nie so sagen, meinte er.“ Sie grinst. „Wir haben den Text zu den 30 Seiten dann gemeinsam geschrieben.“ Paula Bulling blättert im Buch, liest vor: „In diese Ort, ich frage mich. Wer bin ich … und wie kann ich ein normal Mensch sei? Jetzt bin ich wie verrückt. Wie verrückt.“ Sie selbst wäre nie auf diese Formulierungen gekommen. „Ich finde den Text total stark – oder hier.“ Sie zeigt auf ein Bild, in dem die Tür zu Aziz’ – also Noels – Zimmer im Heim aufgeht und eine junge schwarze Frau, Fatma, in der Tür steht. „Salut“, sagt sie und geht zu einem kleinen Fernsehgerät in der Ecke. „Was ist los mit dein Asylanten-Fernseher?“, fragt die Frau dann. Die Zeichnerin liest die Stelle laut vor und wirft sich fast weg vor Lachen. „Das fand ich so geil. Das hätte ich nie gewusst, dass sie selbst das Wort Asylant benutzen, um sich lustig zu machen, um etwas zu bezeichnen, was nicht funktioniert, irgendwie blöd ist.“

Im Comic bekommt Fatma das Gerät endlich zum Laufen, und es folgt eine seitenfüllende Zeichnung ohne Worte. Die junge Frau sitzt ganz in sich versunken auf dem Fußboden, hat die Arme um die Knie geschlungen und schaut zum Bildschirm, auf dem sich ein Paar umarmt. Bulling verwendet in ihren Zeichnungen Tusche, Ölkreiden, Bleistift und Filzstift. Es entstehen vielschichtige, manchmal sehr zarte Bilder, die oft über ein, zwei Seiten gehen und – ebenso wie Bullings individualisierte Gesichter – recht untypisch für einen Comic sind.

© Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“ / avant-verlag

Am Ende von Bullings Comic stehen Bilder, die die ganz in Schwarz gehüllte Witwe Kristina Khudoyan zeigen. Ihr Mann, Azad Murad Hadji, hatte im Juli 2009 unter ungeklärten Umständen schwere Verbrennungen erlitten, an denen er später verstarb. Die Ermittlungen wurden noch im selben Sommer ohne Ergebnis eingestellt. „Ich hatte die Familie davor schon gezeichnet, und dann starb dieser Mensch“, erzählt Paula Bulling. „Da wollte ich fast aufhören mit dem Ganzen. Ich dachte, ich bin einfach zu klein, um etwas zu sagen. Aber dann habe ich mit vielen Freunden geredet und dieses letzte Kapitel doch noch gemacht. Weil in Azad Hadjis Tod auch viele Fäden der Geschichte zusammenlaufen, diese Isolation der Flüchtlinge, das Desinteresse der anderen, die Unklarheit über seinen Tod.“

Ende Juni 2012 hat sich die Härtefallkommission Sachsen-Anhalts für das Bleiberecht für Kristina Khudoyan und ihre zwei in Deutschland geborenen Töchter ausgesprochen. „Es war Zufall, dass sich dieses Ereignis mit dem Erscheinen des Buchs überschnitten hat. Ich bin total froh, dass sie bleiben können. Aber ich finde es nach wie vor unfassbar, dass man jahrelang versucht hat, sie abzuschieben.“ Die Zeichnerin schüttelt fassungslos den Kopf. „Ich dachte immer, ich sei abgebrüht. Aber ich hatte schon meine Gründe, dieses Buch zu machen.“ (aus: Missy Magazine 03/12)

© Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“ / avant-verlag, 120 S., 17,95 Euro

MISSY verlost zwei handsignierte Ausgaben des Buches. Und weil diese Signaturen so wunderschön sind, waren wir ganz verzaubert, als uns die Exemplare erreichten und haben sie gleich für euch fotografiert (s.o.). Schreibt einfach bis zum 21.10. eine E-Mail an verlosung@missy-mag.de und sagt, warum ihr Paula Bulling toll findet. Eine Leseprobe gibt es hier.

 

  • anne-marie reinl

    mit den Zeichnungen interpretiert sie den Comic-Stil individuell und faszinierend. die ursprüngliche Leichtigkeit des Genres mischt sie mit schwerem Inhalt und ermöglicht ihrem Leser auf diese Weise einen ganz neuen Zugang und bisher nicht gekannte Einblicke.


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