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MISSY rezensiert: Das neue Album von Gin Wigmore

Das große Problem der wirklich großen Produktionen: Authentizität? Sicherlich. Charme? Nicht immer. Eindeutigkeit, die einengt? Ja.

18.02.13 > Musik
Gin Wigmore: Gravel & Wine / Universal VÖ: 08.02.

Das große Problem der wirklich großen Produktionen: Authentizität? Sicherlich. Charme? Nicht immer. Eindeutigkeit, die einengt? Ja. Unter diesen Mechanismen leidet auch die neuseeländische Musikerin Gin Wigmore, deren zweites Album „Gravel & Wine“ nun auch in Deutschland erscheint. Wenn man die junge Frau so betrachtet, macht das eigentlich Spaß: Sie, die harte Rockerin, die den Alkohol schon im Namen trägt. Die Songtexte über den Teufel und ihr Außenseiterinnen-Dasein schreibt („Devil in Me“); ihre Anpassungsunwilligkeit besingt („Black Sheep“) und in schwülem Südstaaten-Flair eine von der Hitze gelähmte Swamp-Rock-Manie auslebt. Die Stimme, die in Umfang und Timbre an Adele erinnert, besticht. Gerade auch, weil sie sich eben weniger großmütterlich als die Britin gibt. Doch hier liegt nun die Crux: Wer sich verkaufen soll, muss eindeutig identifizierbar sein. Für die Zielgruppe. Das sind bei Adele Frauen, auch ältere. Und bei Wigmore eben Männer. Jeder Altersklasse, solange sie hetero sind. Zum bösen Namen wird im Pressetext gleich erklärt, dass er sich von Virginia ableite (ein bisschen hingebende Unschuld ist immer gut). Und die Rockerin gibt eben auch die sexy Rock-Bitch, die mit langen blonden Haaren, blauen Augen und Hot-Pants das Kindchen-Schema ebenso erfüllt wie das Draufgängerinnentum. Texte wie „you’re love is my poison, I’m drinking it down“ performt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, aber mit umso mehr Augenaufschlag. Und zurück bleibt leider nur ein Gefühl, wie interessant diese Frau frei von derartigen Vermarktungsstrategien sein könnte und wie schön die Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit von Independent-Produktionen ist.  Text: Rita Argauer

  • Henry Stahl

    Ich bin zum ersten mal hier, weil ich irgendwo gelesen habe, Missy sei das beste Popmagazin in Deutschland. Wenn das kein tolles Lob ist. Ob es verdient ist, maße ich mir nicht an zu beurteilen. Was ich jedoch loswerden muss, ist eine Anmerkung zu der obigen Rezension. Angeblich soll sie ja eine Rezension eines Albums sein. Für mich liest sie sich jedoch eher wie eine Rezension der Person Gin Wigmore. Wenn ein Mann sie geschrieben und was von „Rock-Bitch, die mit langen blonden Haaren, blauen Augen und Hot-Pants“ u. ä. erzählt, die Musik der Dame aber ziemlich unerwähnt gelassen hätte, wäre er sicherlich sogleich unter schweren Sexismusverdacht geraten.

  • Rita

    Vielen Dank für die Anmerkungen. Ich wollte in meinem Text die Vermarktungsstrategien von Darstellungen von Weiblichkeit und Sexyness aufzeigen, die explizit heterosexuelle Männer ansprechen sollen. Eine Sexyness die einerseits als Abziehbild funktioniert und andererseits so heteronormativ geprägt ist, die so künstlich und von Männern erdacht wirkt, dass ich mich, als an der Musik interessierte Hörerin daran störe. Dass ich mich dabei der Sprache dieser Konventionen bediene, soll das im Text performativ unterstützen und als erdachte Strategie entlarven.
    Vielleicht bringt das ein wenig Licht ins Dunkel,
    herzliche Grüße!

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