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Es berührt mich nicht

Seit ein paar Tagen kursiert das Video „Opressed Majority“ der französischen Regisseurin Eléonore Pourriat durchs Netz. Alle sind begeistert und finden es wahnsinnig stark. Warum eigentlich?

13.02.14 >

Seit ein paar Tagen kursiert das Video „Opressed Majority“ der französischen Regisseurin Eléonore Pourriat durchs Netz. Alle sind begeistert und finden es wahnsinnig stark. Warum eigentlich?

Filmstill (Eléonore Pourriat)

Als ich das Video Anfang der Woche zum ersten Mal sah, regte sich bei mir – gar nichts. Es war noch, bevor es mich überall auf Facebook anstarrte, noch bevor überall Kommentare zu lesen waren wie: „Sehr wichtig, sich das mal anzusehen. Ein echter Augenöffner.“ Und dieser Augenöffner wird immer wieder geteilt, das Video hat auf Youtube bald 5 Millionen Views erreicht. Alle berichten: der Guardian, Zeit Online, die taz – davor und dazwischen noch viele andere. Alle wollen zeigen, wie es ist, wenn ein Mann einen Tag lang eine Frau ist. Aber ist es das, was wir hier sehen?

Generell bin ich der Meinung, dass jedes Mittel gut ist, um Geschlechterungerechtigkeit aufzuzeigen – besonders dann, wenn so viele Menschen damit erreicht werden. Ich möchte auch gar nicht die dröge Feministin sein, die an einer Mainstream-wirksamen Kritik an Alltagssexismus herum nörgelt. Aber dieses Video, irgendwie liegt es mir seltsam schwer im Magen.

Was zählt, ist der Instinkt

Also schaue ich es noch einmal mit einer Freundin. Auch sie berührt der Film nicht. In einem Interview meinte Regisseurin Eléonore Pourriat, dass sie mit „Opressed Majority“ (frz: Majorité Opprimée) beabsichtige, durch die Umkehrung der Geschlechterrollen die ZuschauerInnen für Sexismus zu sensibilisieren. Also müssten meine Freundin und ich mit Pierre mitfühlen, dem Hauptprotagonisten, da er in dieser Umkehrung unsere Rolle spielt. Allerdings: Die Situation, als er auf einer kleinen Straße von einer Gruppe Frauen angepöbelt wird und sich verbal wehrt – mit der Konsequenz vergewaltigt zu werden – sie ist uns seltsam egal. So würde sich für uns nie eine Szene abspielen.

Als Frauen wissen wir: Wenn ich alleine bin und es sind vier Männer da in einer kleinen Straße – ich würde einfach zusehen, dass ich mich schnell verdrücke statt rum zu diskutieren oder Widerworte zu geben. Und das machen wir nicht, weil wir uns nicht verbal wehren könnten, sondern weil unser Überlebensinstinkt, so nennt es die Freundin, größer ist. Die Straßenszene vermittelt auch in anderer Hinsicht ein falsches Bild: Die meisten Vergewaltigungen finden genau nicht auf offener Straße, sondern hinter verschlossenen Türen statt. Die meisten Frauen werden nicht vom „bösen Mann in der einsamen Straße“, sondern von ihrem Partner oder Ex-Partner vergewaltigt.

Leben in Klischees

Viel mehr emotionalisiert hat mich die Szene zuvor, als Pierre mit einem Mann in Burka spricht. Der Mann mit Kopftuch, der anscheinend nicht sprechen kann und stattdessen nur höflich lächelt. Dieses Bild bedient sich des Stereotyps der unmündigen muslimischen Frau, die still erträgt, was ihr Mann und Allah ihr auferlegen. Das ist eine ganz andere Geschichte. Was macht sie hier? Fast wirkt sie schon zynisch, weil wir als ZuschauerInnen ganz deutlich sehen können, dass Pierre, der seinen Freund auf seine Unterdrückung hinweist, sich selbst durch ein dichtes Netz von Sexismen navigiert. Beides sind mögliche Interpretationen dieser Situation – die Regisseurin legt sich formal allerdings auf keine fest.

Der Moment auf dem Polizeirevier mit der Frau von Pierre, die ihn noch halb selbst für die Vergewaltigung verantwortlich macht, ist sehr gut und wahr – aber noch viel stärker wäre das Bild gewesen, hätte der Mann lange Hosen angehabt. Wäre der Mann breitschultrig durch die Straßen mit seinem Fahrrad gefahren. Denn Frauen erfahren sexuelle Gewalt, ganz egal wie kurz ihre Röcke sind. Menschen erfahren Gewalt, auch wenn sie sich nicht einmal als Frau fühlen, aber in der Gesellschaft trotzdem als solche wahrgenommen werden. Wäre das Video nicht sogar stärker, würden wir genau so eine Person sehen?

Es geht um’s Nachfühlen

Eléonore Pourriat meinte, das Video sei aus einer Situation mit ihrem Freund entstanden, der ihr nicht glauben wollte, wie ein normaler Tag für Frauen auf der Straße aussehen kann. Damit ihr Freund das nachfühlen könne, hat sie also die Rollen vertauscht und in ihrem Kurzfilm einen Mann von einer Girl-Gang, einer Obdachlosen an der Ecke und einer Joggerin aus dem Haus blöd anmachen lassen. Allen Männern, die tatsächlich dachten, so etwas gäbe es kaum: Frauen werden ständig blöd angemacht. Das zeigt der Film. Das hätte der Film auch zeigen können, indem Pierre eine Frau und alle anderen Männer geblieben wären.

Das Vertauschen der Geschlechter soll also gerade Männer besonders ansprechen. Und sie fühlen sich angesprochen und sagen: Oh, das ist ja wirklich schlimm! Aber betrifft es diese Männer in ihrem Alltag? Männer, die sich dieses Video anschauen, sind Guardian-, Zeit Online- oder taz-Leser. Das aufgeklärte Bürgertum also, dessen Sexismus sich nicht durch Pöbeleien auf der Straße zeigt, sondern durch anzügliche Handbewegungen am Rande, die ja nur nett gemeint sind, durch Lohnungleichheit, durch Bevorzugung attraktiver Frauen bei der Mitarbeiterinnensuche, um genau diese dann im Arbeitsalltag nicht ernst zu nehmen, eben weil sie so attraktiv sind und damit nicht sonderlich schlau sein können.

Interessante Frauen – schöne Frauen?

Im letzten Jahr gab es ein Video, das einen ähnlichen Fokus wie „Opressed Majority“ hatte: Dustin Hoffman erzählt darin, wie er in „Tootsie“ eine Frau spielte und der Meinung war, er müsse natürlich eine schöne Frau sein – denn im Film habe er eine interessante Persönlichkeit, die sich in seiner äußeren Schönheit widerspiegeln müsse. Und als er diese Geschichte seiner Frau erzählt und sie ihn darauf hinweist, was für ein Quatsch das ist, beginnt er zu verstehen, wie viele interessante Frauen er in seinem Leben nicht kennen gelernt hat, nur weil er dachte, sie würden nicht interessant genug aussehen. Dieser Kommentar von Hoffman schafft zweierlei: Er deckt den strukturellen Sexismus auf, der potentiell alle Männer betrifft – nicht nur die auf der Straße – und er berührt, weil da wirklich jemand ist, der diese Erfahrung durchlebt hat.

Diese kleine Erfahrung ist stark und sie braucht auch keinen theoretischen Überbau, weil auch so alle verstehen, worum es hier geht. Anders der Film „Opressed Majority“. Wenn die fiktive Figur Pierre am Ende des Tages, nachdem er auf der Straße von halbstarken Mädchen misshandelt, von einer Polizistin dafür herablassend angeglotzt und von seiner Frau mit einem „Was läufst du denn auch so rum“ abgekanzelt worden ist, wenn Pierre dann also verzweifelt ruft, dass er diese „feministische Gesellschaft“ nicht mehr ertragen könne, bin ich endgültig irritiert.

Eine feministische Gesellschaft ist also eine, in der Männer unterdrückt werden? Dieser Satz bedient sich am Klischee der Maskulinsten, die meinen, Feminismus sei einfach eine Umkehrung der Geschlechterrollen. Feminismus verlangt einen gleichen Zugang zu Macht für Frauen wie für Männer. Feminismus ist nicht die Umkehrung von Patriarchat, sondern die Forderung nach seinem Ende.

Pierre lebt in „Opressed Majority“ nicht in einer geschlechtergerechten Welt, sondern in einer Welt, wie sie jetzt ist. Und weil ich diese bestens kenne und täglich erlebe, berührt mich Pierres Geschichte nicht. Ich möchte mehr Geschichten à la Dustin Hoffman. Geschichten von Männern, die nicht auf die Straße schauen und entsetzt sind, wie sich der Pöbel ihren Frauen gegenüber verhält – sondern den Fehler im System in ihrem eigenen Verhalten erkannt haben. Das würde mich sehr berühren.

  • Syd Mounep

    Erhellend war für mich der Kommentar eines entfernten Bekannten, der den Film auf Facebook geteilt hat: „Dieser Film zeigt sehr schön, dass Frauen genauso sexistisch sein können, wie Männer.“ Die Hinweise, dass (und warum) er die Botschaft des Films genau falsch herum verstanden hat, wollte er nicht akzeptieren.

  • Deniz

    Naja, in diesem Film geht es laut Titeldefinition auch nicht um eine umfassende Kritik an Mehrfachdiskriminierung, sondern um etwas anderes. Insofern ist die Kopftuchszene schon ok, erst recht weil – wie eine Ihrer 2 angebotenen Lesarten ohnehin annimmt – dies auch so vorkommt: Navigation durch Alltagssexismen, gleichzeitig aber religiös-kulturelle vermeintliche Unterdrückung anderer markieren.

    Ein weiterer Punkt, der mich veranlasst den Film zu verteidigen ist, dass eben nicht alle Frauen gleich reagieren. Französische Frauen haben im Durchschnitt in der Öffentlichkeit mit Sicherheit ein resoluteres und mehr Selbstbewusstsein ausstrahlendes Auftreten. Dies kann ich natürlich nicht wissenschaftlich beweisen, aber beobachten lohnt sich.
    Wenn es also unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten gibt, wieso die gegebene als unrealistisch darstellen?

    Sehr gut an Ihrer Kritik finde ich hingegen die Hinweise, dass die meiste sexuelle Gewalt im engsten Kreis erfahren wird, dass Sexismus auch (und nicht in verminderter Weise) ein middle- und upper-class Phänomen ist, das viele, von Ihnen angesprochene Gesichter hat und ein strukturelles Problem ist (und deswegen alle -in unterschiedlicher Weise- betrifft). Wichtig ist auch die Klarstellung bezüglich des Konzeptes „Femminismus“, was ja nicht Zurückunterdrückung, sondern Gleichwertigkeit und -berechtigung etablieren soll.

  • Jule

    Liebe Katrin,

    ich bin überrascht. Zugegeben sind einige Szenen überspitzt und in einer tendenziell hollywoodesken Ästhetik. Zugegeben ist auch ein großer Teil des alltäglichen Sexismus ausgeblendet, was ich diesem Kurzfilm, der für sich einen bestimmten Fokus gewählt hat, aber nachsehe. Was mich in der Tat aber berührt hat, sind einige durchaus authentische und starke Szenen (der Abscheu, die Unsicherheit), die Pfiffe auf der Strasse, das fehlende Verständnis der Umgebung, der körperliche und seelische Schmerz nach dem Angriff. Das waren für mich Momente, in denen ich mich oder Freundinnen wiedererkannt habe. Die große Stärke liegt für mich aber darin, dass sich in diesen Szenen die ganze Absurdität einer Gesellschaft offenbart, in der Belästigungen gegen Frauen viel zu häufig als Kavaliersdelikte oder übertrieben (oder sogar selbstverständlich) abgekanzelt werden. Dass klar wird, dass diese „stellt euch nicht so an“-Rhetorik echt das Letzte ist. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber mein erster Impuls war zu glauben, dass der Film deshalb Aufklärungsarbeit leisten kann. Dass es Menschen gibt, die ihn sehen, und sich erschrecken – und eben genau tun, was du bei Hoffmann mochtest: ihr eigenes Handeln hinterfragen. Ich halte mal die Ohren offen, gib mir auch gerne Bescheid, wenn du Reaktionen sammelst! <3 Jule

  • Supriyo

    Liebe Katrin,
    mit großem Interesse habe ich Deinen Beitrag gelesen – doch leider kann ich Deiner Meinung zu diesem Kurzfilm nicht zustimmen. Im Prinzip ist das ja egal – denn jeder hat eine andere Wahrnehmung und jeder sollte auch seine eigeine Meinung haben.
    Aber da es hier die Kommentarfunktion gibt, wollte ich einfach mal was dazu schreiben.

    Ich kann deinen Ärger zum Teil nachvollziehen, dass der Film – so glaube ich eine Deiner Hauptargumente – sehr unreflektiert mit dem Thema Alltagssexismus umgeht. Ich glaube aber, dass Du mit der Härte Deines Urteils der Regisseurin Unrecht tust.
    Erstens denke ich, dass vieles in diesem Film überspitzt dargestellt ist (vll. passt sogar das Wort „eindimensional“ besser), da es sich um einen Kurzfilm handelt, der vielleicht nicht ausreichend Raum hat, um das Thema mit mehr Facetten auszumalen.
    Ich gehöre, denke ich, in Deiner Aufzählung zu den Zeit-Online und taz-Lesern – und ja, ich gebe Dir Recht, dass mich die Darstellung nicht umgehauen hat und auch das Thema bzw. die darin geäußerte Kritik mir nicht aufeinmal die Augen geöffnet hat – denn sie waren schon vorher weitauf zu diesem Thema.
    Allerdings glaube ich auch, dass dieser Film nicht wirklich schlecht ist – ich sehe ihn nämlich nicht als des Weißheits letzter Schluss, sondern eher als Fingerzeig. Ein Film, der auf einer etwas klischee-betonten, eindimensionalen Art durchaus viele, viele Alltagssituationen zusammenzählt.
    Du schilderst in Deinem Kommentar, wie Du Dich in einer Situation verhalten hättest, wenn Du von vier pöbelten Männern angegangen wirst. Deine Situation klingt für mich persönlich auch plausibler – aber dennoch kann ich Deinen Satz „Als Frauen wissen wir: Wenn ich alleine bin und es sind vier Männer da in einer kleinen Straße – ich würde einfach zusehen, dass ich mich schnell verdrücke statt rum zu diskutieren oder Widerworte zu geben.“ in keinster Weise unterschreiben. Ich denke nicht, dass ALLE Frauen in dieser Situation gleich handeln – und ich glaube auch nicht, dass es was mit Frau oder Mann zu tun hat, sondern ich denke, dass es genug Menschen gibt, die in dieser Situation zunächst genauso gehandelt hätten wie Pièrre. Ich kann auf einer etwas anderen Ebene mir sehr gut vorstellen, was in einem solchen Moment in einem vorgeht. Ich selbst, bin farbiger Deutscher und bin schon oft aufgrund meiner Hautfarbe angemacht worden – und ich hab beide Situationen mitgemacht. Situationen, in denen ich einer Überzahl ausgesetzt war und die mit ihren provozierenden Sätzen nur auf eine Reaktion von mir gewartet haben – einmal hab ich sie gegeben und dafür auch ordentlich auf die Fresse bekommen; und ein anderesmal hab ich auch stillschweigend das Weite gesucht.
    Mit dieser kleinen privaten Anekdote wollte ich nur zum Ausdruck bringen, dass die Reaktion von Piérre – aus meiner Sicht – in keinster Weise unrealistisch ist.
    Das Argument der taz und Zeitonline-Leser verstehe ich nicht so ganz – sagst Du nicht selbst, dass dieses Video gerade bei Facebook rauf und runtergeht? Das mitlerweile 5 Millionen Menschen es angeclickt haben? Dann erfüllt es doch genau den gegenteiligen Zweck, als sich nur an Bildungsbürger zu richten – es richtet oder bessergesagt erreicht doch viele Menschen, die eben nicht zu diese besagten Gruppe gehören.

    Ich finde es nicht verkehrt, wenn die einen oder anderen Männer, die wie du völlig richtig sagst die Hauptangesprochenen hier sind, diesen Film sehen und sagen: „Krass, so hab ich das noch nicht gesehen.“ – Damit ist wahrscheinlich gegen den Alltagssexismus noch nicht viel getan, aber der Film hat einen Menschen mehr sensibilisiert zu einem Thema, dass er vll. bisdahin nicht so gesehen hat. So sehe ich das zumindest auch mit den Büchern (zB Noah Sow – Alltagsrassimus in Deutschland) oder Filmen (zB Günther Wallraf- Deutschland SchwarzWeiß), die das Thema Alltagsrassismus behandeln. Auch da könnte man eine RIESEN Liste an Kritik zusammenschreiben und Unreflektiertheit, aber ich finde beides ist in einer gewissen Art und Weise gut, wenn man damit Menschen „ein wenig“ zum nachdenken anregt.

    Im Endeffekt muss es denke ich beides geben – Menschen die den Film sehr kritisch sehen und darauf aufmerksam machen und Menschen, die den Film positiv sehen und sich freuen, dass es immer wieder neue Versuche gibt, das Thema Alltagssexismus zu beleuchten.

    Vielleicht tut mein Kommentar auch nichts zur Sache, aber ich hab grad Deinen Beitrag gelesen und fühlte mich danach, den zu kommentieren – denn ich fand es schön, dass sich jemand (Du) viel Zeit genommen hat und diesen Text geschrieben hat.

  • Supriyo

    Oh Gott… die tausend Tippfehler…. Hätte es vor dem Abschicken nochmal durchlesen sollen. Verzeihung an all jene – die sich tatsächlich das da oben durchgelesen haben :)

  • Alex

    Ich finde den Abschnitt mit Dustin Hoffmann sehr sexistisch und das sollte doch in so einem Artikel nicht auftauchen. Dass nur Männer Frauen als interessant einstufen und dann kennen lernen wollen, wenn sie sie als schön empfinden, kann ich einfach nicht glauben. Ich würde behaupten, dass es auch viele Frauen gibt, die sich ihre Freundinnen nach dem Aussehen aussuchen.

    Zitat aus dem Artikel:
    „Und als er diese Geschichte seiner Frau erzählt und sie ihn darauf hinweist, was für ein Quatsch das ist, beginnt er zu verstehen, wie viele interessante Frauen er in seinem Leben nicht kennen gelernt hat, nur weil er dachte, sie würden nicht interessant genug aussehen. Dieser Kommentar von Hoffman schafft zweierlei: Er deckt den strukturellen Sexismus auf, der potentiell alle Männer betrifft …“

  • Mohamed Amjahid
  • Alex

    Ich würde nicht behaupten, das durch den Rollenwechsel die ganze Sache für Männer erst verständlich wird. Es ist ein Stilmittel um Irritation in die Erzählung von Alltäglichem Sexismus zu bringen und dass gelingt. Es irritiert, das Frauen auf einmal ohne Shirt joggen und Männer so schäbig anmachen. Und die Irritation ist keines Wegs ein Wert an sich. Sie hebt den Sexismus in den einzelnen Situationen so prägnant hervor, da man die Situationen in diesem Setting einfach nicht kennt.

    Die Sache mit der Form der Vergewaltigung… etwas platt und auch nicht repräsentativ, ok. Aber ich würde auch mal unterstellen, das die Intention der Szene nicht war zu zeigen wo und wie Vergewaltigungen wirklich statt finden, sondern das sie statt finden. Interessanter finde ich aber auch diese ganzen subtileren Dinge. Doch leider brauchen so Filme dann auch ein solchen Höhepunkt.

    Der Kritik im letzten Abschnitt stimme ich vollkommen zu. Das mit der Benennung dieser Umstände als feministisch ist absolut unpassend.

    Mich berührt der Film dennoch. Nicht etwa weil ich Mitleid mit diesem Mann habe, sondern weil ich diese Geschehnisse auf Frauen projiziere, die sie jeden Tag erleben müssen. Es kommt auf die Reflektion des Films an.

  • Vinter

    Und wie viele Frauen lernen interessante Männer nicht kennen, weil sie nicht attraktiv sind?

    Das ist der selbe sexistische Quatsch, der einem Mann immer vorgehalten wird, nur umgekehrt. Der Feminismus trägt seine eigene, inhäre sexistische Doppelmoral offen spazieren. Es ist absolut schwer einen feministischen Artikel zu finden, an der nicht Seite an Seite mit der Klage über männlichen Sexismus auch Sexismus gegen Männer steht.

  • Inga

    Liebe Katrin,

    kann man nicht einmal ein Werk mit wichtigem Ziel stehen lassen, auch, wenn es nicht 100%ig der eigenen Meinung entspricht?
    So lange Frauen gegen Frauen wettern, die auf Mißstände aufmerksam machen, unterstützen Frauen das patriarchalische System, indem wir zweifelsohne leben.

    Wie Du offen anerkennst:
    „Als Frauen wissen wir: Wenn ich alleine bin und es sind vier Männer da in einer kleinen Straße – ich würde einfach zusehen, dass ich mich schnell verdrücke statt rum zu diskutieren oder Widerworte zu geben. “
    Ist DAS Deine Lösung? Dein Vorgehen? Als Frau habe man zu wissen, dass man die Klappe halten muß? Im Sinne von „selber schuld?“ Und den Mini darf man den tragen, oder ist man dann auch selber schuld?

    Zur Info: ICH streite mich des öfteren mit Kerlen auf der Strasse. Mein Freund hat deswegen manchmal Sorge, aber, hallo, wer, wenn nicht wir kann denn STOPP sagen?

    Beste Grüße

  • Jan

    Ich kann den Artikel sehr gut nachvollziehen, Katrin. Er bringt ziemlich genau auf den Punkt, was ich beim Schauen gefühlt habe. Ich konnte es nur nicht so richtig auf den Punkt bringen.
    Das Video von Dustin Hoffman kannte ich bislang noch nicht, es ist großartig!

    @Alex: Es ist doch wohl genauso sexistisch, wenn sich Frauen ihre Freundinnen nach dem Aussehen aussuchen! Genau darum geht es doch: Für Frauen ist ihr Aussehen in unserer Gesellschaft viel wichtiger als für Männer. Natürlich haben auch nicht-normkonform aussehende Männer Nachteile z.B. im Beruf, aber für Frauen ist das viel krasser.
    Dein Missverständnis ist aber ein weit verbreitetes: Beim Thema Sexismus geht es in der Regel um Kritik an der Gesellschaft. Natürlich muss jede(r) Einzelne was an ihrem/seinem persönlichen Verhalten ändern, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Das ist aber in vielen Fällen als Aufforderung gemeint, nicht als Kritik an einer Einzelperson.

  • Fabian

    Ich fand den Film zum Großteil eher amüsant als aufrüttelnd. Dennoch aber nicht unzutreffend, was die Darstellung der männlichen Seite in der Öffentlichkeit angeht. Allerdings wäre eine Darstellung der häuslichen Situation, da stimme ich zu, angebracht gewesen. Allerdings sind die Kommentare der „Männer“ gegenüber dem Körper der „Frau“ durchweg positiv (das hat das im Übrigen sehr entschärft, ich persönlich habe nämlich als Mann absolut nichts dagegen, wenn meine Erscheinung offen positiv bewertet wird), was schade ist, denn es gibt ebenfalls aus meiner Sicht weitaus erniedrigendere negative Kommentare, wenn nämlich die Frau eben NICHT schick aussieht (ich meine die „Frau“ ist nicht mal geschminkt, und trägt keinen Schmuck… Skandal!), dann ist sie nichts wert. Das fehlt hier völlig.

    Klar, die Reduktion auf den Körper ist damit abgebildet. Aber das ist aus meiner Sicht erst dann wirklich mies, wenn man sich länger kennt, und dementsprechend mehr vom Gegenüber kennen sollte, als seine Erscheinung.
    Ich glaube zwar nicht, dass das ein rein männliches Problem ist, sondern eher ein gesellschaftliches (im Anzug und gepflegt und reich ist Mann nämlich auch „interessanter“ als im Jogging-Schlabberlook, der Unterschied ist erstaunlich groß).

    Die Kopftuchsache hat für mich noch eine andere Seite:

    Warum wird beim Kopftuch sofort nach irgendwelchen symbolischen Einengungsgeschichten gesucht? Es ist eine andere Kultur. Punkt. Und nicht wir als Westler_innen haben darüber zu urteilen, sondern die, die sie ausüben.

    Von daher kann man das auch als Kritik gegenüber dem bevormundenden, einmischenden Westen sehen.

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  • Joa

    Eure Definition und das damit verbundene Ziel von Feminismus entsetzt mich: ihr wollt die Gleichheit aller Geschlechter, beschreibt dies jedoch mit einem Begriff, der die Distinktion von Frau und Mann (noch) weiter führt. Genau das ist es doch, was eine Geschlechterungleichheit überhaupt ermöglicht. Solange an dieser Teilung festgehalten wird, gibt es immer Menschen (in der Regel – um es mit euren Worten zu sagen – das männliche Geschlecht), welches darunter nur eine Umkehrung zum Matriarchat erkennt und gegen eine Angleichung wittert und arbeitet. Unimismus, sapienismus…hört auf euch in den Strukturen der Geschlechtertrennung zu wehren!
    MfG, ein Mensch

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  • Katrin Gottschalk

    Hey Joa,
    vielen Dank für deinen Hinweis. Du hast vollkommen Recht. Es sieht so aus, als würde sich meiner Meinung nach Feminismus nur um „Männer“ und „Frauen“ drehen. Das denke ich allerdings nicht – ich wollte nur das Bild aufgreifen, dessen sich das Video bedient: Im Video geht es ja tatsächlich um die einfache Umkehrung der Rollen dieser beiden Geschlechter. Dass dies auch ein schwaches Bild ist, versuche ich an anderer Stelle auch zu zeigen. Ich glaube darüber hinaus natürlich, dass Feminismus für noch viel mehr Dinge steht, als ich in diesem einen Satz beschrieben habe.
    Herzlich,
    Katrin

  • Pingback: Am Abgrund Links – 17.02.2014()

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  • Sisalka

    Und nicht hat sich geändert. Vor Jahrzehnten schon beschrieb der Roman ‚Die Töchter Egalias‘ eben genau diese umgekehrte Welt als Kritik am Patriarchat. Dass sich in den dazwischen liegenden Jahrzehnten nichts wirklich getan hat ist traurig und entmutigend, besonders wenn gerade junge Frauen immer wieder meinen, es sei doch schon alles getan. Diese Illusion endet spätestens mit dem ersten Kind. Hoffen wir mal, dass nicht in etwa 40 Jahren wieder ein Buch oder Film erscheint, die wieder genau das Gleiche bemängeln.

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