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Kein Beruf wie jeder andere

Im letzten Jahr begann eine Debatte, die gerade unter FeministInnen nicht existentieller hätte sein können. Gehört Prostitution abgeschafft? Sexarbeit ist kein Beruf wie jeder andere – denn nirgends sonst wird so oft über die Köpfe der Beteiligten hinweg diskutiert.

25.02.14 > ,

Im letzten Jahr begann eine Debatte, die gerade unter FeministInnen nicht existentieller hätte sein können. Gehört Prostitution abgeschafft? Die letzten Wochen haben gezeigt: Sexarbeit ist kein Beruf wie jeder andere – denn nirgends sonst wird so oft über die Köpfe der Beteiligten hinweg diskutiert.

Foto: Maria Sturm

Sexarbeit ist ein stark „gegenderter“ Beruf: In der Regel bieten Frauen Sex für männliche Kunden an und kaum umgekehrt, was die sexistische Struktur unserer Gesellschaft auf besonders krasse Weise freilegt. Denn hier wird offenbar, dass es nach wie vor der Frauenkörper ist, der als Objekt begehrt wird, während es den heterosexuellen Männern vorbehalten ist, ihre Sexualität als begehrende Subjekte ausüben zu können. Hinzu kommt der niedrigschwellige Zugang – also der Umstand, dass keine Ausbildung oder Investition zur Ausübung von Sexarbeit notwendig sind. Dieser bringt mit sich, dass viele Migrantinnen mit prekärem Aufenthaltsstatus, Frauen in Armut und anderen schwierigen Lebenslagen auf ihren Körper zurückgreifen, um an Geld zu kommen. Frauen in der Sexarbeit sind also oft Frauen, deren Zugang zu anderen Berufen aufgrund von „Race“ oder Klasse beschränkt ist.

Der offensichtliche humanistische Reflex schließt an dieser Stelle kurz: die Frauen werden zu Opfern erklärt, denen geholfen werden muss. Insbesondere Feministinnen aus dem Lager der Zeitschrift „EMMA“ haben mit dem „Appell Gegen Prostitution“ die Debatte in den letzten Monaten in diese Richtung gelenkt. Sie fordern die Illegalisierung von Freiern und die Abschaffung des Prostitutionsgesetzes aus dem Jahr 2002, das den Beruf für nicht mehr „sittenwidrig“ erklärt und damit etwa das Betreiben von Bordellen legal macht. Auf der anderen Seite organisieren sich Sexarbeiter_innen, etwa in dem jüngst gegründeten „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen“, fordern, den Beruf als ordentliches Gewerbe ausüben zu können und argumentieren, dass dies bessere Arbeitsbedingungen, Rechte und die Abkoppelung der Arbeit von fragwürdigen Milieus mit sich ziehen würde.

Und was sagen wir? Tatsache ist, dass nicht zuletzt aufgrund der Stigmatisierung von Sexarbeit keine verlässlichen Zahlen über Prostitution vorliegen. Wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie viele Sexarbeiter_innen in Deutschland arbeiten, geschweige denn verlässlich über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen Bescheid wissen, wir sind ganz auf die Auskünfte und Eindrücke einzelner Beteiligter oder BeobachterInnen angewiesen, die Schlaglichter in dieses Dunkel werfen – deren Haltungen aber selbst nicht frei von ihren jeweiligen Ideologien und Interessen sein können. So werfen KritikerInnen wie VerteidigerInnen mit den jeweils opportunen Zahlen und Berichten um sich, um ihre jeweils bereits vorgefertigten Meinungen zu begründen, die sich bei genauerem Hinschauen allein auf der Ebene der Moral begründen lassen. Es geht nur vordergründig um „die Frauen“ – im Kern dieser Debatte steht: Sexualmoral.

Für FeministInnen wie Alice Schwarzer liegt Sexarbeit wie ein Schatten über dem Verhältnis von Mann und Frau. In dieser feministischen Tradition ist Sexarbeit per se ein Akt, der Frauenunterdrückung zementiert, da hier der Frauenkörper in einem sexistisch strukturierten, warenförmigen Tauschverhältnis steckt. Das tut er tatsächlich. Die Frage allerdings, warum ausgerechnet Sexarbeit für FeministInnen ein derartiger Aufreger ist (während andere Arten von sexistisch strukturierter Frauenarbeit für weniger Aufregung sorgen) beantwortet das noch nicht. Was ist mit den unterbezahlten und oft migrantischen Reinigungskräften, mit ausgebeuteten Hausarbeiterinnen, mit intimer Pflegearbeit oder der umsonst verrichteten Reproduktionsarbeit von Hausfrauen der letzten Jahrhunderte? Was ist mit Models, Hostessen, dem Meer an weiblichen Sekretärinnen? Verkaufen sich Frauen inklusive der ihnen zugeschriebenen spezifischen „weiblichen Skills“ hier etwa nicht unter meist prekären Bedingungen?

Was das Verkaufen von Sex zu einer Frauenarbeit mit derartigem Aufregungspotential macht, ist unsere Moral – eine Moral, die immer noch in patriarchale Logiken eingelassen ist, die bestimmte Frauenrollen als „normal“ und „respektabel“ legitimiert und andere illegitimiert. Der größte Teil von (sexueller) Gewalt geschieht, wie wir inzwischen wissen, in der Ehe, trotzdem würde kein Mensch darauf kommen, deswegen die Ehe abschaffen zu wollen – denn eine Ehefrau passt wunderbar in unsere geltenden Vorstellungen von Moral und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Wir, die Redaktion des Missy Magazine, sehen uns in der Tradition des so genannten sexpositiven Feminismus, der nicht zufällig unter anderem von queeren Menschen geprägt wurde und dessen Ziel es ist, diese Sexualmoral ein Stück weit aufzubrechen. Das bedeutet, dass wir Sexarbeit nicht per se verurteilen und statt dessen offen bleiben für die Positionen derer, die besser über ihre Wünsche, Ansprüche oder Probleme sprechen können als andere in ihrem Namen – die Sexarbeiter_innen selbst. Um mit ihnen für ihre Rechte, Schutz und gegen Ausbeutung sprechen zu können, müssen wir jedoch jede Illegalisierung abwehren und uns für Entstigmatisierung, Entdiskriminierung und eine Haltung einsetzen, die sie weder als Opfer noch als Frauen in einem verwerflichen Beruf stilisiert.

Damit wollen wir uns vor allem auch gegen eine migrationsfeindliche und rassistische Position stellen ­– für die der Ruf nach Illegalisierung vor allem auch deswegen opportun erscheint, weil er auch eine Abschottung der Grenzen und verstärkte Kontrollen, Verfolgung und weitere Argumente für Abschiebung von migrantischen Frauen in der Sexarbeit bedeuten würde.

Als Journalistinnen müssen wir nicht selbst Sexarbeit ausüben, um darüber zu berichten – wie die Sportreporterin auch nicht auf dem Feld stehen muss, um über die Bundesliga zu berichten. Es ist allerdings unsere journalistische Pflicht, den richtigen Leuten die richtigen Fragen zu stellen – und das heißt in diesem Fall, vor allem auch mit jenen zu sprechen, die in der Branche arbeiten oder mit ihr zu tun haben, und allein deswegen schon besser zu berichten wissen als wir. Es ist unsere Pflicht, nicht unsere vorgefertigten Bilder mithilfe ausgewählter Stimmen und Statistiken zu belegen, sondern Sexarbeit, Prostitution und alle damit verbundenen Vor- und Nachteile in ihrer Komplexität zu zeigen.

Genau das war unser Ziel mit dem gerade erschienenen Dossier Sexarbeit, in dem wir möglichst vielen Stimmen und Meinungen Platz bieten und die oben genannte inner-feministische Debatte auch neu aufleben lassen wollten – auf möglichst produktive Weise. Die Frage der Moral und die Position von Feministinnen ist das Thema eines Streitgesprächs, das wir mit der Philosophin Antje Schrupp, der Soziologin Christiane Howe und der Sexarbeiterin Marleen geführt haben. Um zu verstehen, was, für welchen Preis und unter welchen Bedingungen verkauft wird, haben uns acht Sexarbeiter_innen – von der Stricherin über den schwulen Tantramasseur bis zur Sexualassistentin – aus ihrem Arbeitsalltag berichtet. Deutlich wird damit nicht zuletzt, wie verschieden das ist, was grob unter dem Label „Sexarbeit“ oder Prostitution zusammengefasst wird. Von der mythosumrankten Branche wollten wir uns schließlich selbst ein Bild machen und haben für eine Reportage die Sexarbeiterin Milena begleitet. Im Interview erklärt die Wissenschaftlerin Dr. Susanne Dodillet, die über einen Vergleich der schwedischen mit der deutschen Gesetzgebung zur Prostitution promoviert hat, warum die vermeintlichen Erfolge des schwedischen Modells in frage gestellt werden müssen. Ihren gemeinsam mit Petra Östergren verfassten ausführlichen Bericht finden.

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