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All She Can Eat: Keine Pizza mit Julia Wertz

Julia Wertz zeichnet absurd lustige Comics über ihr Leben und lebt in Brooklyn. Leider will sie trotzdem nicht mit mir Pizza essen gehen.

24.09.14 >

Es ist Herbst geworden in Brooklyn. Die Luft riecht nach Winter und auch wenn tagsüber die Sonne scheint, geht seit einer Woche ein kühler Wind. Zum ersten Mal trage ich einen Pullover und werde nachts nicht mehr von Mücken zerbissen.

Wie erwartet ist die Zeit viel zu schnell vergangen. Nur noch zehn Tage bleiben mir hier und die Liste der Menschen, die ich noch treffen, der Pizzen, die ich noch essen und der Geschichten, die ich noch erzählen will, ist womöglich länger als zu Anfang.

An alle Neu-LeserInnen: Ich habe hier einen Nachtrag zu diesem Beitrag und den Reaktionen darauf geschrieben. 

 

Weit oben auf dieser Liste stand von Beginn an Julia Wertz. Vor drei Jahren las ich zum ersten Mal ihr autobiografisches Comic „The Fart Party“ und war sofort charmiert. Wertz‘ gezeichnete Berichte aus ihrem Leben, erst in San Francisco, dann in New York, waren eine lustigere Version meiner Existenz. Sie erzählte von ihrer Liebe zu stinkigem Käse, von Nassgeregnetwerden auf dem Fahrrad, von alleine Tanzen in der Wohnung, brutalem Heisshunger auf Kekse und noch brutaleren Gewaltfantasien gegenüber Leuten, die ihr auf den Wecker gehen. Sie verschlief verkatert den Tag, telefonierte auf dem Klo mit ihrer Mutter, riss Witze über Furze und Durchfall und fluchte wie ein Seeräuber. Ich lag nachts auf dem Sofa und grunzte vor Freude, während ich hoffte, das Buch möge niemals zu Ende gehen.

Als ich Ende des Sommers in Brooklyn ankam, fiel mir Wertz wieder ein. War sie immer noch in der Stadt? War sie. Ihr Atelier war in Williamsburg, nur etwa 800 m Luftlinie von meinem Schreibtisch entfernt. Verflucht, dachte ich, das muss etwas bedeuten. Im Gedanken sah ich uns schon in einem ihrer Panels sitzen, wie wir uns mit Pizza vollstopfen (unsere gemeinsame Leibspeise): unsere Comicinkarnationen aufs Papier geworfen mit Kulleraugen und Playmobilhaaren.

Aus ihren Büchern wusste ich, dass sie aufgehört hatte zu trinken – „Drinking At The Movies“ handelt davon wie sie nach ein paar Jahren des täglichen Ins Bett Torkelns eingesteht, ein ernstes Alkoholproblem zu haben. Ausserdem ging sie ungern unter Leute. In „The Fart Party“ erzählt eine der Rückblenden davon, wie sie schon mit sechs am liebsten den ganzen Tag in einem selbstgebauten Höhle mit Comicbüchern verbrachte. „There is nothing for me out there,“ verkündete Mini-Julia, wenn ihre Mutter sie zum Hinauskommen bewegen wollte. An anderer Stelle reisst sie einem Typen den Kopf ab, der sie im Café vollquatscht. In einem Fanzine berichtet sie davon, wie sie in San Francisco am liebsten alleine durch die Stadt wandert und Viertel meidet, in denen sie Bekannte treffen könnte. Ich hätte also gewarnt sein sollen.

Ich schreibe ihr eine Email, in der ich um ein Treffen bitte: Etwas essen, paar Fragen zu ihrer Arbeit beantworten, wann immer sie Zeit habe, ich sei den nächsten Monat in der Stadt. Eine Woche lang höre ich nichts. Dann bekomme ich diese Email:

„hey Chris, did I get back to you about this? just realized I might have started to and forgot to send the email
sent from SPACE“

Nein, sie hatte mir nicht geantwortet.

„oops, my fault! Well I meant to say that I’d love to do an interview. However email is better for me than meeting up in person, my schedule is weird right now and I’m out of town a lot. Would email work for you?“

Ein Panel mit uns, wie ich ihr ein paar Fragen tippe und sie per Mail antwortet? Sieht vor meinem inneren Auge wesentlich unattraktiver aus, narrativ wie visuell. Wie soll ich die gezeichnete Julia mit der echten Julia abgleichen, wenn ich sie nicht aus der Nähe sehen kann? Ich versuche ihr zu erklären, dass es besser wäre sie persönlich zu treffen, sei es auch nur kurz, ich sei ja auch nur wenige Meter entfernt und würde mich gerne nach ihr richten.

„Hey Chris, so sorry to be difficult but I’m giving one more effort into persuading you to do email. I just am not comfortable with face to face interviews, even short ones. I promise you’ll get much better answers from me via email than in person.“

Ich frage sie, was genau ihr Unbehagen verursache, vielleicht hatte sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Journalistinnen, hatte irgendwelche Befürchtungen, die ich ihr nehmen konnte.

„I’m just uncomfortable talking about myself in front of people I don’t know. I’m just not a hugely social person and can be really awkward sometimes. Sometimes not, I never know which I’m gonna be, so it’s usually just easier for me (and the other person) to do interviews/convos on email. I hope that makes sense!“

Nun gut, Julia Wertz mag keine Menschen, warum sollte sie ausgerechnet mit mir eine Ausnahme machen. Ich bin hin und her gerissen dazwischen, ihre Sturheit als weiteren Beweis ihrer Schrulligkeit und Coolness zu sehen und dem Genervtsein darüber, ausgerechnet von ihr eine Abfuhr zu bekommen. Whatever.

Eine Weile versuche ich es noch. Ich versichere ihr, dass es gar nicht so sehr ein Interview sei. Dass sie mir auch einfach ein paar Arbeiten zeigen könne. Ich werde kreativ bis an die Grenze der Peinlichkeit. Es hilft nichts. Ein paar Emails später gebe ich auf.

In der darauffolgenden Woche laufe ich zufällig an einem Comicbuchladen in Crown Heights vorbei, so etwas wie das Eppendorf von Brooklyn. Zwischen einem Schaufenstern mit handgemachtem Käse und einem Café mit Bohnen aus lokaler Röstung bleibe ich an einem Plakat hängen: „A Live Reading with Julia Wertz and MariNaomi„. Julia würde Ende September aus ihrem neuen Band „Museum of Mistakes“ lesen. Ich würde sie doch noch kriegen!

Drei Wochen später an einem Freitagabend kurz nach sieben betrete ich den Laden während jemand gerade das Licht ausschaltet. Menschen mit Brillen und Karohemden lehnen an den Regalen und trinken Wein, auf dem Tresen rechts vom Eingang liegen Stapel von „Museum of Mistakes“, der Neuauflage der beiden Bände von „The Fart Party“ und neuem Material. Ich bleibe neben der Tür stehen, es ist zu voll um sich durchzudrängen und den Beamer sehe ich auch von hier. Die erste Autorin zeigt eine Geschichte, wie sie ein Jahr lang versucht Ungeziefer in ihrer Wohnung loszuwerden und parallel mit ihrem besten Freund anbandelt. Dann kommt Julia Wertz.

Sie ist genau so wie ich sie mir vorgestellt hatte: klein, braune Locken, qietschige Comicstimme, die sehr schnell spricht. Sie öffnet ihren Laptop und auf der ersten Folie ihrer Präsentation steht das Wort „Diarrhea Mask„, „Durchfall-Maske“. Das Publikum johlt. „Tja, ich werde gerne all euren Erwartungen gerecht,“ sagt Julia.

Sie liest ein paar Seiten aus „Fart Party“, ein paar Cartoons, die sie „nie beim New Yorker eingereicht hat“ („Leute, die sind echt schlecht“) und springt dann zu einer Geschichte, die sie mit 19 geschrieben hat. Sie dreht sich um Killermutantenvögel auf einer Insel vor San Francisco. „Oh Gott, dass ist das Schlimmste, was ich je geschrieben habe. Ich bereue jetzt schon, dass ich das vorlese,“ sagt sie und es ist schwer ihr zu widersprechen. Die Geschichte ist lang und ohne Pointe. Es ist als hätte sie vorsätzlich das Peinlichste aus dem Buch ausgewählt, um sich vor dem Publikum von ihrer schlechtesten Seite zu präsentieren. Andere wären damit aufgelaufen. Aber Wertz macht aus dem Scheitern Standup Comedy, seziert jede fehlende Pointe und jede schiefe Zeichnnung mit einem trockenen Einzeiler. Zwischendurch muss sie selbst vor Lachen absetzen. „Glaubt mir, ich lache nicht, weil ich das witzig finde,“ prustet sie. Das Publikum liebt sie. Ganz offenbar ist sie hier völlig in ihrem Element.

„I’m just uncomfortable talking about myself in front of people I don’t know.“ Falls es nicht noch eine weitere Julia Wertz gibt, die irre schüchtern und verstört an ihren Fingernägeln kaut und kein Wort heraus bekommt, sobald sie vor Fremden steht, hat Julia Wertz mich komplett verschaukelt.

Am Ende des Abends lasse ich mir das Buch von ihr signieren. „Hallo, ich bin die, die dich wochenlang per Mail genervt hat.“ „Oh, und ich war ein totales Arschloch, tut mir echt leid.“ Ich glaube ihr kein Wort. Aber wenigstens habe ich jetzt das hier:

Julia Wertz‘ neuen Band „Museum of Mistakes“ mit ihren ersten beiden Büchern Fart Party Vol. 1 und 2 und neuem, bislang unveröffentichtem Material könnt ihr ab sofort bei ihr und anderswo bestellen. 

 

  • Someone

    Hat das einen journalistischen Mehrwert, ihre Mails zu veröffentlichen? Beziehungsweise hast Du Julia gefragt, ob sie das okay findet? Ist ja schon etwas persönlicher, was sie da schreibt wie „I’m just uncomfortable talking about myself in front of people I don’t know.“ Solange Julia da nicht eingewilligt hat, finde ich das echt nicht okay.

  • Luise

    Das ist nichts anderes als Stalking. Überschreiten und absichtliches Ignorieren eines lauten NEINs oder mehrerer. Widerlicher so-called Journalismus. Warum muss sich jemand erklären, immer und immer wieder, nur weil sie einen Journalisten nicht treffen will?!

  • jay

    Woah. Missy, was soll das? Wieso veröffentlicht ihr den Artikel auch noch? Dieses Ding mit dem „Konsens“, das wir im Feminismus so hochhalten: Das gilt nicht nur für’s Bett.
    Die Autorin beschreibt hier, wie sie ein eindeutiges NEIN übergeht, ätzend ewig weiter drängelt und schließlich die Comiczeichnerin auch noch bei der Lesung heimsucht. Leute, das grenzt an Stalking und ist nicht okay.
    Das Resümee der Autorin, dass Julia Wertz sie „verschaukelt“ habe (because you know: wenn eine Frau keinen wirklich guten, objektiven Grund hat, dann darf sie ein Treffen nicht ablehnen, wo kämen wir denn da hin) und erst Recht die Veröffentlichung hier beweisen lassen mich nach Luft schnappen und die URL noch mehrfach checken, ob ich wirklich bei einem Magazin mit _feministischem_ Anspruch gelandet bin und nicht bei irgendwelchen MRAs oder PUAs.

  • Frl. Holunder

    Wow, eine andere Person so lange um ein persönliches Treffen zu „bitten“ (bzw. sich so aufzudrängen) und ein klares Nein nicht zu akzeptieren, obwohl freundlicherweise ein Interview per E-Mail als Alternative angeboten wurde, ist schon sehr creepy und echt übergriffig. Außerdem ist so eine lange geplante, gut vorbereitete Lesung eine andere Situation als ein Interview mit einer wildfremden Person… Das eine scheinbar mühelos hin zu bekommen, heißt nicht, dass eins in jeder sozialen Situation genauso gut performt. Anzunehmen es wäre anders, ist schon ein wenig ableistisch.

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