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2 Skateboards? 2 Babys!

Zahlen haben kein Geschlecht, dachten wir. Doch jetzt gibt es Mathe-Hefte extra für ­Mädchen und Jungs. Was ist da los? Die Satire unserer Kolumnistin Ella Carina Werner aus dem aktuellen Heft.

17.11.14 > Satire

Von Ella Carina Werner

Jeder weiß, dass Jungs und Mädchen verschieden ticken. Und essen. Und rülpsen. Und sprechen. Und rechnen. Rechnen ganz besonders. Deshalb gibt es Abhilfe: geschlechtergetrennte Mathe-Übungshefte für Jungs und Mädchen im Grundschulalter. Zum Beispiel die „PONS Textaufgaben für Mädchen. 100 Aufgaben, die Mädchen wirklich begeistern“. „Weil Mädchen anders lernen“, heißt es dort.

Illustration: Édith Carron

Jungs haben Freude an Rivalitäten. Am Schlagabtausch, am Hahnenkampf, und so heißen zahllose Jungs-Textaufgaben „Das Piraten-Wettrennen“ oder „Ein Papierflieger-Wettbewerb“. Mädchen haben Freude am geselligen Beisammensein. „Wir tanzen“, „Eine lustige Kutschfahrt“ oder „Ein toller Ausritt“, garniert mit positiv verstärkenden Adjektiven.

Interessant sind die feinen Unterschiede, die minimalen Verschiebungen: „Löwen auf der Jagd“ heißt eine der Jungs-Aufgaben – „Die Löwenfamilie“ hingegen das weibliche Pendant. „Begegnung mit Außerirdischen“ im Jungs-Heft klingt nach Spannung, Konfrontation, nach einer Begegnung, die mit abgehackten Marsmensch­gliedern enden könnte. Bei den Mädchen lautet eine entsprechende Aufgabe „Außerirdische Besucher“ und erinnert eher an ein interspeziestisches Kaffeekränzchen mit Zuckerkringeln.

Und so geht es fort. Hier „So lang waren die Dinosaurier“, dort „So schnell wachsen die Babys“. Jungs addieren Skateboards und Liegestützen. Mädchen zählen Babys oder lackierte Fingernägel. Von Textaufgaben, die die weibliche Körperoptimierung betreffen, wimmelt es geradezu. „Perlenkette“ sind sie betitelt, „Naomis Zöpfe“ oder (die einzige weibliche Wettbewerbsaufgabe) „Wer hat die längsten Haare“? Für das eigene Aussehen sollten sich Mädchen besser interessieren, wollen sie nicht enden wie „Die hässliche Hexe Warzennase“ in der gleichnamigen Rechenübung.

Wenn es schon geschlechtergetrennte Mathe-Hefte gibt, fragt man sich, gibt es in diesen auch Textaufgaben, in denen Jungs und Mädchen gemeinsam auftauchen? Vergiss es. „Julia und ihre 13 Freundinnen“ feiern eine Party. Merle spielt mit Marie oder Aylin, aber nicht mit Ole! Der Sex, weiß PONS, steht einfach immer dazwischen.

  • Anne Pelzer

    Hallo Frau Werner,

    netter Artikel,Textaufgaben und Diktate für Jungs/für Mädchen haben wir vom PONS Verlag bereits im Jahr 2009 auf den Markt gebracht. Wir sind dabei dem Trend und der Erkenntnis gefolgt, dass sich viele Kinder beim Lernen einfach leichter tun, wenn die Lerninhalte in ihre Lieblingsthemen eingebaut sind. Daher gab es eben Diktate über Piraten für die Jungen und über Ausritte für die Mädchen. Natürlich ist uns bewusst, dass es auch reitende Jungs und kickende Mädchen gibt. Deswegen haben wir auch etliche Lernhilfen im Verlagsprogramm, mit denen man, völlig unabhängig vom Geschlecht, schreiben und rechnen üben kann. Die Dikate für Mädchen/Jungs verkaufen wir übrigens seit über einem Jahr nicht mehr aktiv und wir führen die Reihe auch nicht weiter.

    Viele Grüße
    Anne Pelzer von der PONS GmbH

  • Laleh

    Liebe Frau Pelzer,

    Sie geben den Kindern also zuweisende Rollenklischees, weil „dass sich viele Kinder beim Lernen einfach leichter tun, wenn die Lerninhalte in ihre Lieblingsthemen eingebaut sind“ ??? Das ist ja erst mal löblich. Aber was sind denn die Lieblingsthemen, und wovon hängt das ab?
    Was die Lieblingsthemen der Kinder sind, ist in diesem Alter ganz besonders von Sozialem Druck abhängig. Grundschulkinder haben die Tendenz, sich in einen Freundeskreis einfügen zu wollen und Abweichungen verbal stark abzustrafen. Durch solche Textaufgaben werden sie sogar noch durch eine Autorität (Schule/ Lerninhalte) darin bestärkt, sich gegenseitig als grundsätzlich andersartige Personen zu sehen. Die Inhalte der Aufgaben sind ganz klar zuweisend und suggerieren den Kindern, wofür sie sich interessieren sollten – und wofür nicht, weil es nur für das andere Geschlecht spannend zu sein hat. Klar kann man Textaufgaben spannend gestalten. Ausschmücken, kleine Abenteuer einbauen, oder lustige Geschichten drumherum basteln kann man aber auch ohne damit so krasse Stereotypen zu reproduzieren.
    Liebe Grüße
    Eine Soziologin

  • Informatikstudentin

    @Anne Pelzer: In meinem Mathematikunterricht, von der Grundschule bis zum Leistungskurs/Abitur, hat es an vielen Dingen gefehlt, aber sicherlich nicht an Ponys und Dinosauriern. Die größten Probleme waren m.E. der „learning by doing“ Ansatz, der gerade im Mathematikunterricht völlig fehl am Platz ist*, und die vielen Vorurteile gegenüber dem Fach Mathematik im allgemeinen und „Mädchen und Mathematik“ im speziellen.
    Diese Vorurteile können durch so ein Buch verstärkt werden:
    Geschlechtsspezifische Stereotype wirken sich auf die betroffene Gruppe leistungsmindernd aus. Dazu gibt es seit mindestens 20 Jahren etliche Studien, manche davon haben sogar signifikante Auswirkungen nur durch Angabe des Geschlechts auf dem Testbogen festgestellt.
    „Geschlechtsspezifische“ Textaufgaben betonen unnötig das Geschlecht und halten den Schülern die damit verknüpften Vorurteile vor Augen.**
    Die bloße Existenz solcher Bücher suggeriert dass Mädchen eine Sonderbehandlung benötigen, so als wäre ihr Geschlecht eine Lernbehinderung. (Ich bezweifle dass die Jungenversion der Textaufgaben einen ähnlichen Effekt hat, da diese nicht mit negativen Vorurteilen belastet sind)
    Abschließend möchte ich noch meine subjektive Meinung hinzufügen, dass die Fixierung der „Mädchenaufgaben“ auf Ponys, Nagellack und Perlenketten genau die Schülerinnen abschreckt die sich am ehesten für Mathematik und Naturwissenschaften interessieren, nämlich die „Nerds“ die schon immer lieber mit Legosteinen gespielt und Rätselspiele gelöst haben. Hätte man mir als Kind so ein Buch in die Hand gedrückt, hätte es mich zumindest sehr verunsichert und vielleicht sogar mein Interesse für Mathematik völlig zerstört.

    *damit meine ich die gängige Praxis, Schüler ohne theoretische Grundlagen direkt mit Rechenaufgaben zu überrumpeln. Ohne Vorkenntnisse in Mengenlehre und formaler Logik äffen die Schüler nur die vorgegebenen Lösungswege nach und entwickeln überhaupt kein Verständnis für das System dahinter. Das Resultat ist gut daran zu erkennen dass Schüler oft Formeln, die eigentlich jederzeit leicht herleitbar sind, mit Hilfe von Eselsbrücken auswendig lernen.

    **in einem Dokument der Universität Stanford zur Reduzierung der Bedrohung durch Stereotype ist Punkt Nr. 1 „Remove Cues That Trigger Worries About Stereotypes“.
    https://web.stanford.edu/~gwalton/home/Welcome_files/StrategiesToReduceStereotypeThreat.pdf

  • Pingback: Geschlechtsspezifische Schul-Aufgaben „neu und nur für Jungs“ | feministische studien()

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