Netzsolidarität revisited

Irgendwas Grausames passiert auf der Welt und ich möchte zeigen, dass es mich berührt? Kein Ding, ich verfasse einfach einen Eintrag in einem beliebigen sozialen Netzwerk, füge ein Hashtag hinzu und habe meinen Solidaritätsjob des Tages erfüllt.

08.04.15 > Netzkolumne

Von Hengameh Yaghoobifarah

Nach einigen Wochen treffen in den Krisengebieten und an den Schauplätzen der Attentate die Lieferungen ein: Kartons voller ausgedruckter Tweets und Likes. Die Betroffenen sind außer sich vor Freude.

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Identifikation und vermeintliche Empathie sind die Schlüsselbegriffe. Solidaritätseinträge machen im Gegensatz zu Hashtag-Formaten wie #Aufschrei oder #SchauHin keine marginalisierten Realitäten sichtbar, sondern weisen primär darauf hin, dass das Leid hätte jede_n treffen können. Das Problem ist nur, dass es diese Gräueltaten eben nicht zufällig passierten. Bei Hashtags in Form von „Ich bin“-Sätzen werden Gemeinschaften konstruiert, die als Solidaritätssymbol nicht aufgehen. Über diesen Pathos schreibt Amanda Hess für Slate.com.

Zum Beispiel der populäre Hashtag #JeSuisCharlie, der Empathie mit den Betroffenen des Attentats auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ ausdrücken soll, dabei aber blind rassistische, sexistische und homofeindliche Haltungen reproduzierte – im Namen der Meinungsfreiheit. Auf Diaspora Reflektionen schreibt Emine Aslan über die Fetischisierung dieser Freiheit. Bereits kurz nach dem Attentat häuften sich antimuslimisch motivierte Angriffe auf Moscheen und Einzelpersonen. Was sind die langfristigen Auswirkungen der Tat?

Ein weiterer wichtiger Text aus Betroffenenperspektive ist der „Kotzrant“ auf UndercoverOfColor, in dem es um die eurozentrische Argumentation rund um das Thema geht. Einen Text aus der anti-muslimischen Grundstimmung parodiert Nadia Shehadeh auf Shehadistan und ersetzt die Begriffe „Islam“ und „Islamismus“ in Jochen Bittners „Zeit“-Artikel durch „Cis-Männlichkeit“ und „cis-männlicher Gewalt“.

Es gab auch Hashtags, die die Aufmerksamkeit auf die Opfer lenkten, die ohnehin marginalisiert waren: Auch der muslimische Polizist Ahmet Merabet wurde mit #JeSuisAhmed als heimlicher Held gefeiert. Die Geiselnahme im koscheren Supermarkt löste ein passendes #JeSuisJuif aus. Ob die fehlende Popularität dieses Hashtags mit der Angst vor Aneignung oder mit der Doppelmoral der Mehrheitsgesellschaft zusammenhängt, bleibt ein Rätsel.

Auf die Kritik hin, dass es heuchlerisch sei, sich nur weißen Opfern solidarisch zu zeigen, entstand der Hashtag #IAmNigeria. Schließlich starben in den nordnigerianischen Städten Baga und Doron Baga über 2000 Menschen bei Boko-Haram-Anschlägen.

„Warum wir ehrlich gesagt nicht Nigeria sind“ erklärt Sharon Otoo auf Mädchenmannschaft.net:

„Auch wenn ich das Bedürfnis verstehe, ein klares (visuelles) Statement auf Facebook zu setzen, fühlt es sich für mich total falsch an, dazu die Worte ‚Ich bin …‘ zu verwenden. Die meisten Leute aus meinen sozialen Netzwerken werden niemals die Verheerungen eines Bürgerkrieges erfahren; (…). Wir sind nicht diese Menschen.“

Klar, Missstände bekommen mehr Aufmerksamkeit, denn Mainstream-Aktionen schaffen ein Bewusstsein für politische Themen. Aber pauschale Solidaritätsbekundungen zu hinterfragen ist auch eine gute Idee. Caitlin Dewey fragt z.B. in der „Washington Post“, ob solche Hashtags nur dann viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn weiße Personen sie auf sich selbst zentrieren. Denn die Aussage „Ich bin“ sei zunächst einmal eins: narzisstisch.


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