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Hauptsache Schlecken!

Der Sweet Peep Salon ist eine installative Performance, die feministische Körper und Gehirne animieren will.

01.06.16 > Körper, Kunst

Von Liz Weidinger

Essen und Sex sind Bereiche, die besonders gern genutzt werden, um Frauenkörper zu disziplinieren und zu kontrollieren. In beiden Bereichen, lässt die Gesellschaft keine Gelegenheit aus, Frauen und nicht-binäre Personen oder auch Männer an die geltenden Geschlechternormen zu erinnern: Kumpelhaftes Brutzeln von dicken Würsten auf dem Grill oder Null-Prozent-Fett-Joghurt mit Früchten? Mit einer Affäre nach der anderen angeben oder Schlampe sein? Die Attraktivität der neuen Kollegin lautstark beurteilen oder den gaffenden Blicken der männlichen Kollegen ausweichen? Diese geschlechterspezifischen Normen werden seit vielen Jahren in feministischen Diskussionen und Kunstwerken durchdekliniert, kritisiert und subvertiert.

© Caglar Cakan
© Caglar Cakan

Der Sweet Peep Salon will genau dort mitmischen und lustvoll Grenzen des Anstands verschieben. Die Theatermacherinnen und Performerinnen Alisa Tretau und Julia Laube alias JA! Produktion schaffen für ein Wochenende einen fiktiven Raum, in dem nach Momenten gesucht werden kann, „in denen wir die Sehnsucht nach einem schlanken, sauberen, beherrschbaren Körper fallen lassen, und uns der humorvollen Lust am Kontrollverlust hingeben können“, heißt es in der Veranstaltungsbeschreibung. Tretau und Laube versprechen den Besucher*innen ein transformatives Erlebnis und den Performer*innen einen selbstbestimmten Raum.

Für 50 Cent gibt es eine Minute Spaß mit Essen: schmackhaftes Reiben, Braten und Füttern. Danach muss die*r durch den Fensterschlitz Schauende entweder noch einmal 50 Cent zahlen oder die Kabine verlassen. „Peepshows gibt es eigentlich gar nicht mehr, sie waren ein Phänomen der Siebzigerjahre. Uns hat das Kabinen-Format trotzdem fasziniert: Einerseits bietet es Raum für selbstbestimmte Sexarbeit, andererseits ist es eine Mischung aus einem privaten und öffentlichen Ort. Die Besucher*innen betreten mit der Tür zur Peepshow etwas Verbotenes, in den Kabinen kann es dreckig und pervers zugehen, trotzdem sind sie geschützt“, sagt Alisa Tretau im Interview. Im angeschlossenen Shop treffen die Zuschauer*innen dann auf andere Interessierte. Angeregt von den Shows können sie sich sexy Essen mit nach Hause nehmen – von eingeschweißten Supermarktgurken bis zu farblich sortierten Jelly Beans.

© JA! Produktion
© JA! Produktion

„Was am Wochenende in den Peepshow-Kabinen passieren wird, wissen wir selbst nicht genau. Wir stellen den Raum und das Material zur Verfügung und die Performer*innen bestimmen, was sie machen möchten. Wir haben elf Leute mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen eingeladen: Sie kommen aus dem Theaterkontext oder beschäftigen sich mit Sexarbeit, sind cis, trans, weiß oder of Color“, sagt Tretau. Schon durch die Vorbereitungen des Projekts sei ein Netzwerk aus Leuten entstanden, die sich an dem Wochenende persönlich kennenlernen und austauschen können. Für die Performer*innen wird es einen privaten Rückzugsraum geben.

© JA! Produktion„Sweet Peep Salon“
bis 12. Juni, Galerie Studio Baustelle, Berlin-Neukölln
Öffnungszeiten: Freitag und Samstag 18 bis 22 Uhr, Sonntag 16 bis 20 Uhr
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Alisa Tretau

Dieses komplexe feministische Lust- und Reflexionszentrum baut das kollektiv arbeitende Duo innerhalb von einer Woche in einer Berliner Galerie auf. Improvisation statt Sicherheit ist das Leitmotiv. Tretau hält Improvisation sowieso für die beste Antwort auf die Herausforderungen unserer Gesellschaft: „Ich glaube nicht daran, dass ich jetzt irgendetwas machen kann, dass mir in 20 oder 30 Jahren Sicherheit verschafft. Deswegen finde ich es viel sinnvoller, sich mit Improvisation zu beschäftigen.“ Das passe auch besser zur Fluidität und Flexibilität von Geschlechtern.

Genauso experimentell wollen sich Laube und Tretau in Zukunft zwei weiteren Themen im Zusammenhang mit Sex widmen. Sie wollen nach Wörtern für Sex suchen, und fragen, wie genau persönliches Begehren mit anderen Personen geteilt werden kann. Das ist quasi ihr performativer Beitrag für die Suche nach alternativen und emanzipativen Ausdrucksformen von Körperlichkeit und Erotik. Lasst uns mitsuchen.


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