„Pseudonyme, Avatare und falsche Profile führen dazu, dass wir manchmal erst bei der Flugbuchung wissen, wer wirklich anreist“

Rhythmische Kudoro-Beats und psychedelisch anmutender Cyborg-Sound treffen auf Post-WWW und queere Politik.

27.06.16 > Musik, Netzkultur

Von Katie Fenderl

Ein Potpourri aus elektronisch geprägten Klängen gepaart mit bildgewaltigen Videowelten – dies umschreibt die innovative Vielfalt des 3hd Festivals. Unter dem Namen Creamcake  veranstalten Daniela Seitz und Anja Weigel seit 2011 Clubnächte. Im Jahr 2015 riefen sie das Festival ins Leben, das sich zwischen Musik und Performance bewegt. Im Interview spricht Daniela von Creamcake über Diversität und Selbstermächtigung im Veranstaltungsbereich und Telefonrechnungen in Höhe von 300 DM. 

Nile Koetting auf dem 3hd Festival 2015 © Eva Pedroza
Nile Koetting auf dem 3hd Festival 2015 © Eva Pedroza

Missy: Ihr vereint Digitales – v.a. aus dem Internet – mit Videokunst und experimentellen Klangwelten. Darüber hinaus: Was ist euer kuratorischer Ansatz? Wie kam es, dass ihr neben dem Veranstalten queerfeministischer elektronischer Partys quasi on top nun dieses Festival macht?
Creamcake: Die Auswirkungen von digitalen Technologien auf die Musikindustrie oder Musikproduktion, wie man es aus den Musikwissenschaften oder von anderen Festivals kennt, bilden dabei nur einen Teilbereich. Vielmehr interessieren uns zeitgenössische Musiker*innen, die Post-Internet-Themen wie digitale Identitäten, Posthumanismus, Queer Theorie, Informationsüberflutung und Narzissmus in ihrer Musik und multidisziplinären Projekten zum Ausdruck bringen. Uns interessiert die untrennbare Beziehung zwischen Audio und Visuellem: Die Künstler*innen, mit denen wir arbeiten, sind nicht nur Musiker*innen, sondern auch Medienkünstler*innen. Sound, Bild und Identität entwickeln sich abhängig voneinander. Das Internet ermöglicht eine interaktive audiovisuelle Erfahrung. Post-Internet-Musik ist nicht mehr nur ein Musikphänomen.

Beim 3hd Festival vom 11. bis 15. Oktober 2016 laden wir über 40 Post-Internet-Musiker*innen ein und bieten eine Plattform für den künstlerischen Austausch und zum Netzwerken. Das ist einzigartig und wir freuen uns sehr darauf. 

Das Gros des Musikbusiness ist zumeist noch stark männerdominiert. Wie verhält sich das in euren spezifischen Subsphären, gerade im organisatorischen, tonangebenden Bereich?
Ja, leider wird die Mehrheit der Führungspositionen im Musikbusiness immer noch von Männern besetzt. Es arbeiten zwar viele Frauen in diesem Bereich, vor allem in Booking-Agenturen, Labelmanagement oder Musikjournalismus, dennoch gibt es noch zu wenige Frauen in Schlüsselpositionen, also da, wo Entscheidungen getroffen werden. Das ist aber nicht nur im Musikbusiness so, sondern auch in Kulturinstitutionen und allen anderen Bereichen. Auch deshalb macht es uns sehr viel Spaß, mit dem HAU Hebbel am Ufer an neuen Formaten und Projekten zu arbeiten. Das HAU steht unter (weiblicher) Leitung von Annemie Vanackere und um das Musikprogramm kümmert sich auch eine Frau. Seit 2015 bringt Zuri Maria Daiß frischen Wind in den Programmbereich und unterstützt uns bei unserer Arbeit. Um Veränderungsprozesse anzustoßen, ist es wichtig zu verstehen, dass mehr Chancengleichheit einerseits mit der Bereitschaft verbunden ist, bestehende Strukturen und Hierarchien verändern zu wollen, und andererseits auch mit der Fähigkeit, diese Strukturen verändern zu können. Als Festivaldirektorinnen haben wir die Chance, einen Teil beizutragen, indem wir unsere Ideale und Werte nicht nur theoretisch diskutieren, sondern in allen Bereichen unserer Arbeit verwirklichen. Die Zusammensetzung unseres Teams wirkt sich sowohl auf die Diversität unseres Programms als auch auf unser Publikum aus.

Bei euren Bookings scheint ihr sehr darauf zu achten, einen großen Frauenanteil und/oder queere Menschen mit im Boot zu haben. Gibt dies der Künstler*innenpool her oder ist es Teil eurer politischen Strategie?
Ja und ja. Wir interessieren uns sehr für Projekte, die für Androgynität, neue Formen der Geschlechterinszenierung und queere Geschlechterpolitik stehen. Da wir selbst aus dem queeren Umfeld kommen, war es für uns schon immer selbstverständlich, diese Szene zu fördern. Man denke da zum Beispiel an Künstler*innen wie Black Cracker, Colin Self, Easter, Elysia Crampton, Kelela, Mykki Blanco oder Ziúr. Bei dem Vorgänger Milkshake haben Caro Taurer und Anja ausschließlich „all-female“ Line-ups ins Leben gerufen, um den Zusammenhalt unter Frauen zu stärken und die Chancengleichheit in der elektronischen Clubkultur zu fördern. Bei Creamcake und auch beim 3hd Festival möchten wir verstärkt digital queere Künstler*innen zeigen und zusammenbringen. Wir wählen aber natürlich nicht ausschließlich nach geschlechtlichen Identitäten aus. Hinter dem Computer verschwimmen diese Kategorien eh. Pseudonyme, Avatare und falsche Profile führen dazu, dass wir manchmal erst bei der Flugbuchung wissen, wer wirklich anreist. 

3hdflyerPre-3hd Festival
29. Juni, HAU1 & WAU
u.a. mit Eartheater und Aristophanes貍貓
3hd Festival
11.–15. Oktober

Anja, du hast dich in der Vergangenheit als „die Getriebene“ charakterisiert, Daniela als „die Visionärin“ bezeichnet. Was genau treibt euch denn bei eurer Arbeit an, was ist eure Vision?
Post-Internet-Musik ist immer noch eine Nische, obwohl sich immer mehr kommerziell erfolgreiche Musiker*innen wie beispielsweise ANOHNI, Björk, Kanye West oder Radiohead diese Kultur und Ästhetik aneignen. Sie teilen sich auch Bühnen mit Post-Internet Musiker*innen wie Arca, Holly Herndon oder Oneohtrix Point Never und gehen Kooperationen ein. Unser Ziel ist es, einerseits mehr Menschen mit dieser Musik zu erreichen und andererseits den Künstler*innen, die sie produzieren, eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten und zum Austausch zu bieten. Wir haben sehr viel Spaß daran, das Internet nach Sounds, Bildern, Skandalen, Memes, Blogs, Texten, Videos, Webseiten etc. zu scannen und aus diesen Beobachtungen und Erfahrungen heraus, neue Projekte und Programme zu initiieren. Eine interessante Entwicklung ist zum Beispiel die Entstehung von Crews und Kollektiven in der Post-Internet-Musik seit der Jahrtausendwende. Denn ohne den Support deines Netzwerks und/oder deiner eigenen Crew verschlucken künstliche Intelligenzen und Algorithmen deine Posts und Projekte und entscheiden damit, was sichtbar ist und was eben auch nicht. Dein Netzwerk ist darüber hinaus als Identitäts- und Zugehörigkeitsindikator entscheidend.

Wir sind beide in den 80er-Jahren geboren, also analog und digital aufgewachsen. Ich habe schon mit 13 Jahren sämtliche Musikalben bei Napster und Audio Galaxy illegal mit einem 56Modem heruntergeladen. Nicht zu vergessen, dass man damals nicht gleichzeitig surfen und telefonieren konnte. Nachdem meine Eltern eine Telefonrechnung von der Deutschen Telekom über 300 DM bekamen, hatte ich erst mal zwei Wochen Internetverbot. Heute hat sich die Post-Internet-Generation aufgrund immer schnellerer und verbesserter Technologien mit den digitalen Strukturen des Cyberspace verschmolzen und geht eine symbiotische Beziehung mit ihren Endgeräten ein. Dabei werden Themen wie Intimsphäre, Transparenz oder Selbstdarstellung zu Themen massenmedialer Formate, die sich in den interaktiven Medien ausdehnen können und das Potenzial besitzen, blitzschnell Skandale und Aufsehen in der Öffentlichkeit auszulösen. Nicole Killian hat in diesem Kontext bei dem letzten 3hd Festival 2015 „The Labor of Sound in a World of Debt“ einen spannenden Vortrag zum Thema Empowerment von Frauen im Internet gehalten. Es wurden Künstlerinnen vorgestellt und diskutiert, die Tausende Fans mit ihren Videos und Posts generieren. Diese Künstlerinnen sind im permanenten Austausch mit ihren Online-Communitys und wurden durch das Internet zu Stars.  

Was charakterisiert „neue Musik“ für euch? Was macht sie so spannend?
Über die Jahre haben wir ein spezielles Gespür für Neues und Innovatives entwickelt, das schwer zu kategorisieren ist. DIY, also die Kultur des Selbstproduzierens und Selbstmachens eröffnet eine unglaubliche Vielfalt an neuer Musik und Projekten. Wir sind angetan von Künstler*innen, die in ihrer Musik das individualisierte digitale Zeitalter, in dem wir uns befinden, auf eine einzigartige, authentische und künstlerische Art und Weise widerspiegeln, verarbeiten und provozieren. Wie das Internet selbst ist es eine Sucht. 

Zu guter Letzt bitte zwei Insider*innentipps: Welche Tracks schwirren euch gerade permanent im Kopf herum? Habt ihr ein Album, dass ihr der Missy-Leser*innenschaft ans Herz legen möchtet?

Kara Lis Coverdale: Aftertouches

James Ferraro: Human Story 3


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