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Sport als Trauma, Normierung, Empowerment

Die Ausstellung “contesting/contexting Sport 2016“ macht Mut Sport neu zu sehen – abseits von Diskriminierung.

13.07.16 > Körper, Kunst

Von Sabine Rohlf

Kunstturnerinnen und Turmspringerinnen bei den Olympischen Spielen, kurz vorm Start einer Übung, eines Sprungs, der für sie alles bedeutet. Konzentrierte Gesichter im Großformat: stark geschminkt, streng frisiert, sehr jung. Die Künstlerin Katja Stuke fotografierte die Serie „Supranatural“ direkt vom Fernsehbildschirm. Die Gesichter zeigen in grober Rasterung, was Sport aus Menschen machen kann: in diesem Falle perfekte und seltsam gleichförmige Repräsentationen einer leistungsfähigen Weiblichkeit, die nicht so richtig erwachsen werden darf.

© Katja Stuke / nGbk
© Katja Stuke / nGbK

Ganz anders die Fotos der Serie „Our Games, Our Goals“ von Alexa Vachon. Hier sind Frauen und Mädchen zu sehen, die nicht sterile Anmut, sondern durchschlagende Schusstechnik und entschlossene Grätschen kultivieren. Sie tragen Kopftuch oder nicht, lachen, rennen, schießen. Die Bilder zeigen das erste internationale Frauen-Fußballfestival im Libanon. Auf dem Spielfeld und im Organisationsteam dabei war auch der Kreuzberger Verein „Discover Football“, dessen Arbeit die Ausstellung ebenfalls dokumentiert. Discover Football fördert interkulturelle Verständigung, Geschlechtergerechtigkeit und Empowerment für Frauen und Mädchen – in Deutschland, aber auch in Polen, der Ukraine oder Ländern der Arabischen Revolutionen.

© Alexa Vachon / nGbk
Mädchen spielen in einem Geflüchtetencamp im Libanon Fussball, organisiert von “Right to Play“. © Alexa Vachon / nGbK

Katja Stukes und Alexa Vachons Arbeiten sind Teil der Ausstellung „contesting/contexting SPORT 2016″ in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, die zurzeit in Berlin zu sehen ist. Sie präsentiert „kritische Kunst und kreative aktivistische Praktiken“ im Feld des Sports. In einem Feld, das Freizeitvergnügen, Leidenschaft und Berufung, aber auch traumatisches Terrain der Normierung, Disziplinierung, des Ein- und Ausschlusses sein kann.

Im Sport sind Rassismus, Sexismus, Kolonialismus, Homo-, Bi-, Transfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit und Alterdiskriminierung in einer seltsamen Ungebrochenheit wirksam. Bis heute outen sich männliche Fußballprofis allenfalls nach Karriereende, werden Frauen in „Männersportarten“ mit großer Selbstverständlichkeit belächelt und benachteiligt. Das Ganze ist ein großes Geschäft, FiFA oder IOC sind Abkürzungen für Korruption. Für hyperkommerzielle sportliche Großveranstaltungen werden schon mal ganze Stadtviertel planiert, ihre Planung, Vorbereitung und Durchführung sind oft Beispiele für Ausbeutung und soziale Desaster.

Die Ausstellung in der nGbK und im Bethanien fragt, ob das nicht auch ganz anders geht. Während in der nGbK ausschließlich Kunst gezeigt wird, stehen im Bethanien künstlerische Interventionen neben Selbstdarstellungen sportaktivistischer Projekte: Die Besucher*innen werden von der amerikanischen Künstlerin Maria Molteni dazu aufgefordert, Abkürzungen wie IOC oder DFB neu zu interpretieren, Transgender-Artist Cassils (zuletzt im Gespräch wegen des Plakats zur Ausstellung  „Homosexualität_en„) präsentiert die Modifikation des eigenen Körpers via Bodybuilding und Diät, Marc Ohrem-Leclefs „Olympic Favela“ präsentiert die soziale Kehrseite der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro, Verena Melgarejo Weinandt schickt eine kickboxende, antirassistische Drag-Inszenierung durch ein Museum voller Kolonialkunst, Julia Lazarus eröffnet einen Zugang zum Trainingsalltag des DFB-Frauen-Nationalteams, der Jewish Renaissance Boxing Club aus Wien stellt sich ebenso vor wie die Berlin Bruisers, ein queeres Rugby-Team, oder „The Justin Campaign Against Homophobia in Football“. Dazu gibt es das Programm „Sweat Dreams“ mit Workshops, Präsentationen, Diskussionen, Medialem und Artefakten.

Der Startschuss für die Ausstellung fiel einen Tag, nachdem Deutschland aus der EM gekickt wurde. Sie endet eine Woche nach dem Finale der Olympischen Spiele in Rio. In den Wochen dazwischen bietet sie echte Erholung, vor allem aber echte Inspiration für alle, die sich mit etwas anderem als dem öffentlich-rechtlichen oder Privatsender getunten hegemonialen Blick auf Sport beschäftigen möchten.

„contesting/contexting SPORT 2016“ 9. Juli–28. August 2016
neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, 10999 Berlin, täglich 12.00–19.00 Uhr, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin, täglich 11.00–20.00 Uhr

Kunstinteressierte kommen dabei ebenso auf ihre Kosten wie Sportler*innen und politische Aktivist*innen. Es gelingt der Ausstellung, keine starren Grenzen zwischen Sport, Kunst und Aktivismus zu ziehen. Es geht um Zorn und Schmerz, aber auch um Aneignungen und Transformationen, egal ob im Hochleistungssport, im queeren Projekt oder im Verein um die Ecke. Ein gemischtes Team aus Sportler*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen, Kurator*innen, oft in Personalunion, bringt all diese Perspektiven zusammen. Sie alle machen Mut, den Sport nicht der unerbittlichen Normierung und kommerziellen Ausbeutung zu überlassen.

  • Julia

    auf.der seite des kunstraums bethanien wird die Ausstellung nicht erwähnt, oder habe ich das übersehen?


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