Von Katrin Gottschalk

– aus dem Archiv –

Alles gleich? Alles anders? Alles vergessen? Nichts davon. Ein Gespräch unter vier Ostdeutschen darüber, was für eine Rolle die DDR und deren Frauen noch heute für sie spielen. Das Gespräch wurde anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls geführt und erschien zuerst in Missy 04/2014.

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Konspiratives Treffen in der stillechten Plattenbauwohnküche (v. l.n.r.): Adriana Lettrari, Katrin Gottschalk, Anke Domscheit-Berg, Josephine Witt. © Monika Keiler 2014.

Katrin Gottschalk: Nach 25 Jahren könnten wir es jetzt ja auch mal gut sein lassen mit dem ewigen Herumreiten auf Unterschieden. Denke ich mir manchmal. Und dann lese ich zum Beispiel von den Abgrenzungsversuchen junger Feministinnen von Alice Schwarzer und merke, dass das einfach nicht meine Geschichte ist. Ich frage mich: Wie beeinflusst uns die DDR noch heute?

Anke Domscheit-Berg: Es gibt noch so viele Unterschiede, z. B. der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt im Osten nur 8 Prozent – im Westen 23.

Adriana Lettrari: Es ist auch nachgewiesen, dass junge ostdeutsche Frauen Innovationstreiberinnen in westdeutschen Firmen sind.

ADB: Klar, es ist die mobilste und am höchsten ausgebildete Gruppe in ganz Deutschland mit den höchsten Abiturquoten – über 60 Prozent.

AL: Eine Studie zeigt auch, dass die Bereitschaft, Beruf und Familie miteinander zu kombinieren, im Osten noch immer weitaus höher ist als im Westen.

ADB: Das liegt an dem viel breiteren Angebot an Kinderbetreuung. Aber ostdeutsche Väter nehmen auch öfter und länger Elternzeit, verheiratete Ostfrauen verbringen weniger Zeit mit Hausarbeit als Westfrauen.

KG: Wow, ein Schlagabtausch an Zahlen! Es gibt also offensichtlich Unterschiede zwischen West und Ost – und die sprechen vor allem für die ostdeutschen Frauen. Allerdings treten die im öffentlichen Bild nicht so sehr in Erscheinung. Warum eigentlich?

Josephine Witt: Ich glaube, viele nehmen es als Stigma wahr, aus Ostdeutschland zu kommen. Wenn man was Gutes gemacht hat, sagt man am besten nicht gleich als Nächstes: Übrigens, ich bin Ostdeutsche, obendrauf noch Feministin. Zumindest ging mir das so, als ich in Passau studiert habe. Immer wenn ich das gemacht habe, waren die Leute irritiert, ablehnend oder zumindest überrascht.

AL: Ich habe früher auch immer gesagt: Ich komme aus Rostock – das ist das ostdeutsche Hamburg. Bis mich irgendwann mal wer gefragt hat, was das soll. Das würde jemand aus München oder Stuttgart nie machen. Das war dann mit ein Impuls, das Netzwerk 3te Generation Ost zu gründen. Der Hauptgrund war aber 2010 die Medienberichterstattung zum 20-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit, die vor allem arbeitslose, rechtsradikale Wendekinder in Ostdeutschland zeigte. All die Errungenschaften und bis heute positiven Auswirkungen, wie wir sie ja gerade aufgezählt haben, wurden gar nicht dargestellt. Das hat mich so wütend gemacht!

KG: Was macht ihr genau im Netzwerk?

AL: Einerseits wirklich einfach vernetzen, dafür gibt es jedes Jahr ein Generationstreffen. Wir forschen aber auch. Zum Beispiel darüber, was es heißt, als Wendekind, also zwischen 1975 und 1985 geboren, die frühkindliche Sozialisation in einem spättotalitären Staat, die spätere in einer freiheitlich- demokratischen Grundordnung erlebt zu haben. Vor allem wollen wir aber eine Anerkennung der Transformationsleistung erreichen, die Ostdeutsche vollbracht haben – und zwar alle.

ADB: Das ist eine total wichtige Kompetenz gerade jetzt, in einer Zeit, die von einer großen gesellschaftlichen Veränderung maßgeblich geprägt ist – die digitale Revolution ist eine extreme Transformation. Meinen ersten Job, nachdem ich internationale Betriebswirtschaft studiert hatte, bekam ich, weil man mir zutraute, mich als Unternehmensberaterin schnell in neue Projekte einarbeiten zu können. Ich hatte in der DDR Textilkunst studiert und wie viele Ossis eine komplette Neuorientierung gemeistert.

AL: Um sich dieser Kompetenz bewusst zu werden, müssen die Ostdeutschen aber auch anfangen, ihre Biografie schätzen zu lernen. Wir bieten Biografieworkshops an, die eine Reflexion über die eigene Vergangenheit anregen sollen und die besonderen Eigenschaften, die damit einhergehen, herausstellen.

JW: Das ist super! Meine Mama ist Bezirksstadträtin für die Linke in Berlin Marzahn Hellersdorf und macht regelmäßig einen Frauensalon, in dem immer jeweils eine Frau aus ihrem Leben erzählt. Da bin ich hingegangen seit ich 14 war und habe Geschichten von Frauen gehört, deren Leben ganz und gar nicht geradlinig verliefen und total dem widersprochen haben, was uns in der Schule immer gesagt wurde: dass wir wissen müssten, was wir wollen. Muss man aber nicht. Diese Biografien zu erzählen ist sehr wichtig.

KG: So eine Art Biografie hast du, Anke, Anfang diesen Jahres mit „Mauern einreißen“ veröffentlicht. Was ist dein Anliegen mit dem Buch?

ADB: In der Wendezeit habe ich die für mich bis ans Ende meiner Tage faszinierendste Erfahrung überhaupt gemacht: dieses Gefühl, gemeinsam unbesiegbar zu sein und selbst unwahrscheinlichste Veränderungen erreichen zu können. Wir müssen uns wieder daran erinnern, wie viel Kraft wir damals hatten. Ich möchte, dass die Leute wieder massenhaft auf die Straße gehen, um für ihre Grundrechte und gegen einen neuen Überwachungsstaat zu protestieren. Warum wird die BND-Zentrale nicht gestürmt? Auch Westdeutsche könnten von unseren Erfahrungen lernen.

AL: Puh, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das möglich ist.

JW: Das ist ja nicht einmal mir möglich. Ich bin 1990 geboren und habe nur zwei Monate in der DDR gelebt. Zeitlich und durch die Medien waren mir 2011 sogar die Revolution in Tunis und Kairo näher als der Mauerfall meiner eigenen Elterngeneration vor 25 Jahren. Ich bin auf jeden Fall geprägt von der DDR, aber diese Revolutionserfahrung ist leider meilenweit weg.

ADB: Das hat mit dem radikalen Umbruch und der Abwertung ostdeutscher Erfahrungen nach dem Mauerfall zu tun.

KG: Das ist auch das, von dem ich vor allem geprägt wurde: die Enttäuschung der 1990er- Jahre. Meine Eltern sind beide arbeitslos geworden, hatten Angst um ihre Zukunft und meine Mutter musste sich vor einem westdeutschen Beamten im Arbeitsamt noch dafür rechtfertigen, dass sie so etwas Frauenuntypisches wie Maschinenbau studiert hat. Anke, du hast den Mauerfall sehr bewusst wahrgenommen – du warst 21, hast dich am Widerstand beteiligt, wurdest von der Stasi überwacht. Ihr wolltet damals den dritten Weg, eine reformierte DDR. Wie hast du den Fall der Mauer erlebt?

ADB: Nach diesem euphorischen Gefühl der Friedlichen Revolution, etwas bewegen zu können, habe ich die Nachwendezeit als komplette Ausblendung unseres kollektiven Erfahrungsschatzes empfunden. Dabei gab es eben Sachen, die sich gelohnt hätten zu übernehmen.

KG: Ein beliebtes Beispiel sind immer die Kindergärten. Viele ostdeutsche Frauen macht es rasend, dass die Bundesrepublik auf der Suche nach guten Modellen nach Frankreich schaut anstatt in die DDR.

JW: Und dass es dann eine Ursula von der Leyen braucht, die sagt, dass Kindertagesstätten eine gute Sache sind. Das kann doch nicht wahr sein! Ist ja gut, dass sie es überhaupt gesagt hat, aber jetzt, wo sich Manuela Schwesig darum kümmert, eine Ostdeutsche, passiert das mit einer größeren Selbstverständlichkeit. Das finde ich gut.

ADB: Und das wenige, das aus der DDR übernommen wurde, von dem weiß ja auch niemand: In Westdeutschland war es bis 1991 so, dass jede alleinerziehende Frau einen Amtsvormund bekommen hat. Das war ein echtes Problem bei den Einigungsverhandlungen, weil die Ostdeutschen meinten, das könnten sie nicht bringen – in der DDR gab es ja viele Alleinerziehende, die alles immer alleine entscheiden konnten. Da wurde dann eine Ausnahmeregelung nur für Frauen aus den neuen Bundesländern geschaffen. Ein Jahr später wurde das ganz abgeschafft. Wer weiß das schon?

KG: Interessanterweise würden sich die meisten der älteren Ostfrauen aber nie im Leben als Feministin bezeichnen. Ich glaube, das hat auch mit der Erfahrung Anfang der 90er zu tun: Die Westfeministinnen konnten aus ihrem theoretischen Standpunkt heraus absolut nicht einsehen, warum Ostfrauen sich als Lehrer und nicht Lehrerin bezeichnet haben, die Ostfrauen fühlten sich wie zur Einigung überhaupt bevormundet und daraus ist dann eine Sprachlosigkeit entstanden. Dabei hätten beide Seiten gerade hier zusammenarbeiten müssen. Manchmal denke ich, dass wir bestimmte Diskussionen jetzt nicht immer noch führen mussten, wären mit der Wende nicht all die Frauenbiografienaus der DDR abgewertet worden. In Westdeutschland war es tatsächlich zu der Zeit ja noch ganz normal, als Mutter einfach Hausfrau zu sein. Unvorstellbar für Ostfrauen!

ADB: Das Geschlechterverhältnis ist einer der wichtigsten soziokulturellen Unterschiede zwischen Ost und West. Zum Beispiel ist für ostdeutsche Frauen der Begriff „Rabenmutter“ Bullshit. Ein ganzes Drittel Deutschlands lebt ohne dieses Wort – ihre Kinder sind weder asozial noch gestört. Diese kollektiven Erkenntnisse fehlen uns aber noch, und deshalb sollten wir alle daran arbeiten, die zu verbreiten. Genauso wie wir über die Abwesenheit von Geschlechtergerechtigkeit reden müssen, so lange sie ein Fakt ist.

JW: Ich habe lange gedacht, dass ich mein Selbstverständnis als Feministin von meiner Mutter in die Wiege gelegt bekommen habe. Mittlerweile glaube ich eher, dass sie einfach gemacht hat, was sie gemacht hat, ohne darüber nachzudenken – sie hat so gelebt, wie sie es gewohnt war zu leben.

AL: Klar, das, was unsere Mütter uns vorgelebt haben, war eben normal. Es wäre jetzt aber auch falsch zu sagen, die DDR sei eine durch und durch gleichgestellte Gesellschaft gewesen. Denn ich habe meine Mutter auch immer in dieser Mehrfachbelastung zwischen Arbeit, Kindern und Haushalt gesehen. Und die Funktionselite in der DDR war vorrangig männlich.

KG: Das stört mich ja schon: Wenn sich manche hinstellen und sagen, sie bräuchten Feminismus nicht, weil sie aus dem Osten kommen und dort alle gleichberechtigt waren. Das ist erstens falsch und macht zweitens die Frauen in der DDR, etwa von der lila offensive, dem Unabhängigen Frauenverband oder den Lesben in der Kirche, unsichtbar, die in den 80ern für mehr Geschlechtergerechtigkeit gekämpft haben.

ADB: Was wir nach 25 Jahren einfach mal einklagen müssen, ist eine differenzierte Betrachtung. Ich bin es nämlich langsam leid, immer im gleichen Satz von Diktatur, Überwachung und Mauertoten reden zu müssen, wenn ich erwähne, dass die DDR in einigen Aspekten weiter war – gerade was den Alltag arbeitender Mütter angeht. Ich will das nicht immer hinterher sagen müssen. Es sagt auch keiner ständig im gleichen Satz: In Deutschland haben wir ein tolles Bruttosozialprodukt, aber es gibt Obdachlose, wir exportieren Waffen und wir vergiften unsere Umwelt. Der Vergleich hinkt, ich weiß. Aber man muss doch auch mal über einzelne Aspekte sagen dürfen, dass sie völlig ok waren, und zwar, ohne dass es heißt „Du willst die DDR wohl wieder haben?“

JW: Das Problem ist doch irgendwie auch, dass vor allem Westdeutsche dieses Thema überhaupt nicht reflektieren. Ich fühle mich oft wie in einer Einbahnstraße: Wir Ostdeutschen reden und reden darüber, aber nicht zu. Wie soll sich da je was verändern in der Diskussion? Das sind einfach verschiedene Lebenswelten – eine große Parallele übrigens zu Debatten über Sexismus, Rassismus oder anderen Formen der Diskriminierung.

KG: Das ähnelt sich tatsächlich und deswegen finde ich es super, dass ihr euch im Netzwerk 3te Generation Ost ja nicht nur mit Ostdeutschen und Ostdeutschland beschäftigt, sondern auch Perspektiven auf eine neue gesamtdeutsche Gesellschaft aufzeigen wollt. Bei eurem diesjährigen Generationentreffen habt ihr etwa die Leiterin der Jungen Islam Konferenz, Esra Küçük, eingeladen. Seht ihr da Parallelen in den Erfahrungswelten?

AL: Es geht uns vor allem um eine Verständigung in unser aller Diversität. Mein neues Lieblingscredo ist: „Ich-Linge plus Wendekinder plus Neue Deutsche = Gesamtdeutsche Dritte Generation“. „Wir neuen Deutschen“ ist ein Buch von drei Frauen mit Migrationsgeschichte. Der „Ich-Ling“ ist ein Begriff von Christian Schüle, der damit Westdeutsche seiner Generation meint, also um den Jahrgang 1970 herum, die im Glauben an ein „anything goes“ aufgewachsen sind. Wendekinder Wendekinder, oder vermutlich Ostdeutsche allgemein, sehe ich im Kontrast dazu eher als Wir-Linge. Und das alles zusammen kann ein neues Wir ergeben, in dem das Ich eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle spielt.

ADB: Meine Vision ist ja der Commonismus in einer Shareconomy! Da geht es nicht mehr um Besitz, sondern ums Teilen, und darin liegt eine große Kraft. Die zeigt sich schon in Projekten wie Wikipedia.

Anke Domscheit-Berg (*1968) kennen die meisten als Netzaktivistin und prominentes Ex-Mitglied der Piratenpartei. Im Januar 2014 erschien ihr Buch „Mauern einreißen“ (Heyne, 19,99 Euro). Im Januar 2015 folgte „Ein bisschen gleich ist nicht genug“.

Adriana Lettrari (*1979) gründete 2010 das Netzwerk 3te Generation Ost mit. Anfang 2016 erschien ihr Band „Die Generation der Wendekinder: Elaboration eines Forschungsfeldes.“

Katrin Gottschalk (*1985) war von 2012 bis 2016 Missy-Chefredakteurin und ist seit Mai 2016 stellvertretende Chefredakteurin der taz. Ihre Masterarbeit schrieb sie über die ostdeutsche Frauenbewegung und die Zeitschrift „Weibblick“.

Josephine Witt (*1990) hat nur noch zwei Monate von der DDR mitbekommen. Während ihres Studiums in Passau hat sie u.a. den ersten Slutwalk dort mitorganisiert und eine feministische Hochschulgruppe gegründet. Sie ist nicht zu verwechseln mit ihrer Namensvetterin, die bei Femen aktiv ist.

KG: Aber gerade in solchen neuen Gemeinschaftsprojekten spielen Frauen wiederum eine marginale Rolle, weil das neue Wir nach den alten Strukturen funktioniert. Zumindest was ostdeutsche Frauen angeht, liegt das an dem Wir der DDR, das sich vor allem darin manifestiert, dass niemand aus einer Gruppe hervortreten wollte, konnte oder sollte. Also ist dieses Wir eines, in dem kein Platz für Besonderheiten ist. Es fehlt auf der ostdeutschen Seite ein gewisser Selbstdarstellungsdrang und auf der westdeutschen Seite eine Anerkennung all dessen, was bisher als Abweichung der Norm definiert wird.

ADB: Wir brauchen eine Neudefinition von dem, was Norm ist. Mit neuen Deutschen, mit Wendekindern, mit Eingewanderten – all die sind auch normal. Wie eine bunte Feldwiese, auf der verschiedene Blumen stehen, aber eben auf einer gemeinsamen Wiese. So eine Wirlings-Wiese hat großes Potenzial. Monokulturen sind schlicht nicht nachhaltig

– Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 04/2014 –