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Wer hat ein Recht auf Angst?

Auf der Junge Islam Konferenz tauschen sich junge Muslim*innen über Rassismus, Stereotype und Strategien aus.

20.10.16 > Inland

Von Cana Durmusoglu

Am Buffet gibt es Kaffee und Baklava, die Teilnehmer*innen der Jungen Islam Konferenz 2016 in Berlin stehen in kleinen Grüppchen zusammen und reden darüber, was Religion für sie bedeutet, was sie am liebsten in ihrer Freizeit machen oder wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Es ist gerade Pause am ersten Tag des insgesamt fünftägigen Seminars, das von der gemeinnützigen forum k&b GmBH und der Humboldt-Universität durchgeführt und von der Stiftung Mercator gefördert wird. Die jungen Menschen, die jetzt noch nach ersten Bezugspunkten und Gesprächsthemen suchen, werden, so soll es zumindest in den letzten Jahren immer der Fall gewesen sein, am Ende der Veranstaltung zu einer festen Gruppe zusammengewachsen sein und in den kommenden Jahren selbst Junge-Islam-Konferenzen organisieren.

Die Teilnehmer*innen der JIK © Junge Islam Konferenz
Die Teilnehmer*innen der JIK © Junge Islam Konferenz

„Einige der Jugendlichen, die vor fünf oder sechs Jahren an der Jungen Islam Konferenz (JIK) teilgenommen haben, sehe ich heute immer wieder in Talkshows im Fernsehen“, berichtet Naika Foroutan, eine der Initiator*innen und Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität, stolz.

In ihrem anschließenden Vortrag geht es um Ziele und Perspektiven der JIK und darüber, mit welchen Fakten und Argumenten man Rassist*innen am besten begegnet. Zum Beispiel könne von der so oft beschworenen Islamisierung Deutschlands absolut keine Rede sein, erklärt Foroutan. Vor 2015 lebten rund vier Millionen Muslim*innen in Deutschland, also fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Gehe man davon aus, dass nun etwa 800.000 der 2015 aus arabischen Ländern geflüchteten Menschen einen islamischen Glauben haben, dann steige ihr Anteil an der Gesamtpopulation von fünf auf sechs Prozent, also gerade mal um einen Prozentpunkt. Außerdem habe mittlerweile jede*r zweite Deutsche selbst einen Migrationshintergrund oder kenne eine Person im näheren Verwandtschafts- oder Freundeskreis, die einen Migrationshintergrund hat. Diese Menschen stünden anderen Kulturen oder Lebensweisen meist offen gegenüber und wünschten sich Deutschland als eine bunte und plurale Gesellschaft, so Foroutan. Und genau hier lasse sich auch der Riss ausmachen, der sich durch die deutsche Gesellschaft ziehe. Es gehe nämlich gar nicht mehr um die eigene Herkunft, sondern um die persönliche Haltung. Menschen, die nur ihr eigenes Weltbild als das einzig Wahre akzeptieren könnten, etwa Islamist*innen und Akteur*innen der Rechten, stünden auf der anderen Seite des gesellschaftlich geteilten Deutschlands.

Foroutan erklärt, dass es immer noch viele Menschen gäbe, die sich für beide Seiten mobilisieren ließen. Wichtig hierbei sei allerdings, dass sich die Vertreter*innen der etablierten Parteien im Diskurs nicht auf das Niveau der Rassist*innen hinabbegeben oder sich ihrem Populismus sogar noch anpassen. Wenn beispielsweise Thilo Sarrazin sage, wie er es vor ein paar Jahren getan habe, dass Türk*innen genetisch bedingt kein Interesse an Bildung hätten, dann sei das eine durch und durch rassistische Aussage, betont Foroutan. Wenn Nikolaus Fest, ehemaliger Kulturchef der „Bild-Zeitung“ und neuester AFD-Zugang, bei einem Auftritt im Haus der Bundespressekonferenz , gesagt habe, dass der Islam eine politische Ideologie und keine Religion sei und dass man gegen ihn kämpfen müsse, wie gegen die Nationalsozialisten, dann sei das ebenfalls eine durch und durch rassistische Aussage.

Hier sollte es eigentlich gar keinen Diskussionsbedarf geben. Wer derart herablassende „Argumente“ äußert, stelle sich eigentlich nur selbst ins Abseits. Trotzdem habe ich schon viel zu viele Talkshows gesehen und Feuilletonartikel gelesen, in denen tatsächlich über so etwas diskutiert wurde. Man kann niemanden zwingen, den Islam zu mögen. Aber man muss erwarten, dass sich die Menschen an das Grundgesetz halten, das das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft ist. So steht beispielsweise in Artikel 4, dass Minderheiten ein Recht auf aktive Religionsausübung haben, was den Bau von Gebetshäusern einschließt. Ich finde es sehr problematisch, wenn man versucht, jede Frage emotional zu beantworten. Die rechtliche Situation müssen die Menschen kennen und akzeptieren. Zu sagen, dass der Islam eine politische Ideologie und keine Religion sei, ist purer Rassismus. Punkt. Da gibt es kein „Ja, aber …“.

Eine Teilnehmerin meldet sich und fragt, ob nicht manche Menschen einfach nur mal ihre Ängste aussprechen wollten, ohne gleich als Nazi bezeichnet zu werden. Gleich regt sich heftiger Widerspruch von anderen Teilnehmer*innen. Foroutan fordert die Gruppe dazu auf, sich zu überlegen, wann man das letzte Mal jemanden seine Angst vor Geflüchteten hat äußern hören. Diese Angst habe tagtäglich Raum, in Fernsehtalkshows zur besten Sendezeit, in Radiointerviews, in Zeitungen, in den Kommentarspalten im Netz, selbst im eigenen Familien- oder Freund*innenkreis.

Auf einer Geburtstagsfeier war ich selbst Teil einer Gesprächsrunde, die irgendwann dahin abdriftete, Geflüchteten vorzuwerfen, sie würden die Fahrräder vor der Uni klauen. Ich finde, dass es ziemlich viel Verständnis für diese Art von Vorurteilen gibt. Man probiert in Bürger*innendialogen auf solche „Sorgen“ einzugehen, sie ernst zu nehmen.

Seit Beginn des Jahres gab es 1081 Anschläge auf Asylbewerber*innen, darunter Brandanschläge und Körperverletzungen. Wo ist der Raum für die Angst der Menschen, die mit ihren Kindern aus den brennenden Heimen fliehen, die einen Krieg hinter sich gelassen haben, um in Europa mit Gewalt und Hass empfangen zu werden? Es ist traurig, wenn sich eine Gesellschaft mit Werten wie Offenheit und Humanität identifiziert und trotzdem seit dem Jahr 2000 mindestens 23.000 Menschen an den europäischen Außengrenzen gestorben sind.

Batoul ist 19 Jahre alt und nimmt dieses Jahr bereits zum zweiten Mal an der Jungen Islam Konferenz teil. Sie trägt Kopftuch und will mit mir über Diskriminierung sprechen, die für sie schon zum Alltag geworden ist. „Mir werden oft Sachen hinterhergerufen. Zum Beispiel, dass meine Religion auf Hass basiere, dass ich das Falsche tun würde und davon abkommen müsse.“ Andere Menschen versuchten ihr oft zu erklären, dass ihre Eltern sie unterdrückten. Als sie vor ein paar Tagen durch Neukölln lief, wurde sie als „Fotze“ beschimpft. „Mein Geschichtslehrer hat mir auf eine Klausur eine schlechtere Note gegeben mit der Begründung, dass ich von meinen Eltern nichts lernen könnte.“ Wie Batoul geht es vielen jungen Muslim*innen in Deutschland. Sie erzählt mir, dass ihre Jugend von dem Wunsch geprägt war, von ihren Mitschüler*innen und Lehrer*innen als vollwertiger Mensch akzeptiert zu werden. Denn neben den allgegenwärtigen Schikanen habe sie die Erfahrung gemacht, dass Muslim*innen oft nur als Gruppe und nicht als Individuen wahrgenommen würden. Sie stehen unter Kollektivverdacht.

Andere Teilnehmer*innen stimmen ihr zu. Als Anders Breivik bei einem rassistisch motivierten Attentat in Norwegen 77 junge Menschen tötete, war medienübergreifend von einem psychisch gestörten Einzeltäter die Rede. Sein „Manifest“ trägt auf der Titelseite das Kreuz des Templerordens. Haben wir also ein Problem mit dem Christentum? Ist das Christentum eine gewaltverherrlichende Religion? Sollte der Bau von Kirchen verboten werden? Es gibt rechtsextreme Netzwerke in Deutschland und in Europa, die im Namen des „Abendlandes“ Attentate verüben. Verbucht werden diese Anschläge und Übergriffe im gesellschaftlichen Bewusstsein meist als verrückte Einzeltaten, Sanktionen gibt es kaum.

Schade, dass nicht viel mehr Menschen den Vortrag von Naika Foroutan und die Diskussionen der Teilnehmer*innen auf der diesjährigen Jungen Islam Konferenz hören konnten.

Neben diesen inhaltlichen Beiträgen zeichnete sich die Veranstaltung vor allem durch den intensiven Austausch der Teilenehmer*innen untereinander aus, sei es zu politischen oder privaten Themen. Wie Foroutan zu Beginn der Tagung angekündigt hatte, entwickelte sich daraus ein starkes Netzwerk junger Menschen, die mit ihrem Engagement ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Islamfeindlichkeit setzen. Die Stimmung auf der JIK war durchweg positiv und ermutigend. Auch kontroverse Meinungen wurden von der Gruppe wohlwollend aufgenommen und diskutiert. Auf der Jungen Islam Konferenz durfte ich eine so konstruktive Debattenkultur erleben, wie ich sie mir auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext wünschen würde.

Übrigens: Am 22. Oktober gibt es JIK Talks: Wer ist dieser Deutschland? Mit acht Impulsvorträgen zu acht Identitäten im Deutschland von heute.

  • Hannah

    Sehr guter Artikel!

  • beate

    Absolut lesenswerter Artikel!


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