Durch den Schmerz hindurch

In ihren Memoiren blickt die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zurück auf siebzig Jahre Leben.

Von Tina Lorenz

Ohne sie wäre die Kunst der Performance undenkbar: Marina Abramović. Die Grande Dame der immateriellen Kunst wird in diesem Jahr siebzig und plant ihren Abgang von dieser Welt, wie sie seit jeher ihre Kunst geplant hat – ohne Pathos und mit einem Hang zur schmerzhaften Genauigkeit. Dazu gehört für sie ein Buch über ihr Wachsen und Werden als Tochter jugoslawischer Partisan*innen, über ihre Ansichten und Weggefährten, von ihrem ehemaligen Lebenspartner Ulay bis hin zu Bob Wilson, Lou Reed und Lady Gaga.

© Nils Müller and Wertical
© Nils Müller and Wertical

Kunst und Leben, sagt Abramović, seien ein und dasselbe. Eine gute Performance sei wie das Leben, das gute und schmerzhafte, transzendierende und schwer aushaltbare Aspekte hat. Obwohl sie einem jüngeren Publikum vor allem durch die Langzeitperformance „The Artist Is Present“ bekannt ist, sind ihre frühen Werke diejenigen, die die Kunstgeschichte geprägt haben, wie etwa „Rhythm 0“ von 1974: Abramović steht regunglos in einem Raum, vor sich ein Tablett mit Gegenständen. Im Laufe der Performance interagiert das Publikum immer heftiger mit ihr: Sie wird ausgezogen, jemand schneidet ihr eine Wunde in den Hals, saugt ihr Blut. Die Performance wird abgebrochen, als ein Mann ihr eine Pistole in die Hand drückt und ihren Finger auf den Abzug legt.

Marina Abramović „Durch Mauern gehen“
Autobiografie. Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Mölleman.
Luchterhand Literaturverlag, 480 S., 28 Euro

Dass sie diese Grenzerfahrungen mit zeitlichem Abstand noch einmal Revue passieren lässt, ist das große Geschenk ihrer Autobiografie. Ihr durchscheinender Hang zur Esoterik und ihr naiver Zugang zu „anderen“ Kulturen wirken dagegen irritierend. Abramović, die ihr Sterben als letzte Performance begreift, hat ihre Memoiren so kuratiert und geplant wie ihre Kunst. Aber Kunst und Leben sind ein und dasselbe. Deshalb scheint hinter der Maske der Künstlerin ein fehlbarer und facettenreicher Mensch hindurch und lässt uns teilhaben an einem Stück Geschichte.


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