Seitennavigation Katze Kunst
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Die feministische Seite von Brüssel

Das Projekt Girls Heart Bruessels stellt lesbische, queere und feministische Initiativen in Brüssel vor.

30.11.16 > Kunst

Von Melissa Canbaz

Als 1951 Françoise Mallet-Joris‘ Roman „Der dunkle Morgen“ (im Original lautet der Titel „Le Rempart des Béguines“) erschien, löste das Buch einen Skandal aus. Der Roman erzählt eine lesbische Liebesgeschichte: Ein junges, bürgerliches Mädchen beginnt eine Affäre mit der Geliebten ihres Vaters.

pink-screens-_0056-cesar-vromman
Eindrücke vom Girls-Heart-Brussels-Festival © Cesar Vromman

Doch seit dem Erscheinen des Romans der belgisch-französischen Autorin ist viel passiert. Vor allem in Brüssel haben sich seit den 1950er-Jahren Orte und Organisationen formiert, die sich neben feministischen Aktivitäten für die Rechte von LGBTQ-Gemeinschaften im urbanen Kontext einsetzen. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Aktivist*innen, die für sexuelle Minderheiten eintreten. Das Projekt Girls Heart Brussels, das dieses Jahr zum vierten Mal in Brüssel stattfand, ist so eine Initiative.

Getragen von diversen Aktivist*innen und Kulturschaffenden bietet das Projekt nicht nur eine Plattform für lokale Communitys, sondern richtet sich an ein breites Publikum. Drei Tage lang werden anhand eines sorgfältig kuratierten Programms, das auch in diesem Jahr die Herausgeberin Jessicia Gysel des „Girls Like Us“-Magazins gestaltete, internationale Teilnehmer*innen an die lesbische Szene in Brüssel herangeführt. Die jüngste Edition bot neben zahlreichen Filmvorführungen, organisiert vom Queer Film Festival Pink Screens, auch Performances, etwas von You Said Legend, einer Kollaboration der Künstlerinnen Boychild und Wu Tsang.

Das Anliegen des Events ist in erster Linie, soziale Treffpunkte zu kreieren. Ein Großteil der Projekte und Orte, die sich zur Aufgabe machen, sogenannte Safer Spaces für LGBTQ-Personen zu generieren, werden von der Stadt Brüssel subventioniert. So fühlen sich nicht nur interdisziplinäre Institutionen wie Beursschouwburg darin bestärkt, ihr Programm queeren Themen zu widmen, frühere Underground-Treffpunkte, wie Cafés, Bars und Clubs, haben so ebenfalls die Möglichkeit, in enger Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium, offizielle Anlaufstellen zu bilden. Ein Beispiel für den dialogischen Umgang mit den Anliegen der LGBTQ-Gemeinschaft ist das Rainbowhouse, ein mittlerweile überregional bekannter Treffpunkt, der ein umfangreiches Informationsangebot mit Workshops, Vorträgen und kulturellem Programm bietet.

Laut Kulturministerin Bianca Debaets hat Brüssel das Ziel, European Gay Capital zu werden, insbesondere mit dem Vorhaben, im Jahr 2020 Austragungsort des Europride zu sein. Auch Kampagnen wie All Genders Welcome, die die Rechte von LGBTQ-Personen am Arbeitsplatz schützt, soll zu einem toleranten und offenen Umgang mit der Thematik in der breiten Gesellschaft führen.

Diese Entwicklungen sind nicht zuletzt stark mit der zweiten und dritten Welle der Frauenbewegug verknüpft. Akteur*innen und Kulturschaffende wie die belgische Regisseurin Chantal Akerman ebneten den Weg für eine nachfolgende Generation, radikale Position zu beziehen. Auch die Aktivistin Marian Lens, die Begründerin der ersten feministisch-lesbischen Buchhandlung Artemys (1985–2012), kämpft nach wie vor für die Benachteilung von Frauen und Minderheiten. Lens begrüßt die staatliche Förderung daher sehr, ob mit finanziellen Mitteln oder als Mittler zwischen der breiten Bevölkerung und den LGBTQ-Communitys. Die offizielle Anerkennung durch die staatlichen Organe sei gut für das Selbstbewusstsein und würde zu einer Sensibilisierung und Wachsamkeit im Umgang mit diesen Themen führen. Schließlich gibt es auch hier noch Spielraum nach oben, da die Subventionen für die Integration schwuler Gemeinschaften nach wie vor höher sind. Veranstaltungen wie Girls Heart Brussels sind wichtige Plattformen für einen generationsübergreifenden Diskurs, in dem es nicht um eine Intellektualisierung der Feminismus-, Lesben- und Genderdebatte geht. Postfeministische Ansätze beruhen auf Dialog und sozialem Miteinander und vereinen sich gegen ein heteronormatives Selbstverständnis.

Und die Tendenz ist weiterzumachen, ob mit oder ohne Staat.


Beitragsnavigation