Die rosarote Hyperwirklichkeit

Lovestory trifft auf Horrorfilm, Videospiel auf Splattermovie: „Polder – Tokyo Heidi“ startet in den Kinos.

02.12.16 > Film & Serien

Von Susanne Gietl

Der kanadische Science-Fiction-Schriftsteller John Clute definierte „Polder“ als „eine Enklave verdichteter Wirklichkeit, die durch magische Grenzen von der umgebenden Welt getrennt ist“. Die vorliegende filmische Version hebt diese Grenzen auf. Das klingt größenwahnsinnig, funktioniert aber erstaunlich gut.

© Camino Filmverleih
© Camino Filmverleih

Seit 2012 lädt Samuel Schwarz, Theater- und nun auch Filmregisseur, zu transmedialen Abenteuern per Live- oder Audiowalk ein. Im „Polder“-Universum erwartet uns der blanke Horror: die Hexe, die die eigenen Ängste mit persönlichen Sehnsüchten verknüpft, das Genie, das das von ihm erschaffene Monster wieder vernichten möchte, aber bereits dessen Untertan geworden ist, sowie Neuroo-X: die böse Firma, die aus all dem Profit schlagen will.

Leider stellt Schwarz die weiblichen Hauptfiguren stark vereinfacht dar und reduziert sie auf nur wenige Eigenschaften: Sie haben homoerotische Züge, sind verführerisch und skrupellos. Ryuko, die Witwe eines Spieleentwicklers, ist eine von ihnen. Sie erfährt am eigenen Leib, wie gefährlich der Polder sein kann – ihr Sohn wird vom Spiel eingesaugt und bleibt darin hängen.

plakat_polder_tokyo_heidiPolder – Tokyo Heidi“ (CH/DE 2015)
Regie: Samuel Schwarz, Julian M. Grünthal. Mit: Nina Fog, Christoph Bach, Friederike Kempter u. a., 90 Min., Start: 01.12.

Um ihn zu befreien, hat sie nur eine Chance: Sie muss die rosarote Hyperwirklichkeit des Spiels im realen Leben herstellen. Währenddessen fällt die Kinobesucherin in die nächste Erzählebene. Durch farblich unterscheidbare Zeitschleifen, Perspektivenwechsel und Selbstironie erschafft Schwarz eine grenzwertig bis geniale Mischung aus Lovestory, Horrorfilm, Videospiel und Splattermovie.


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