Feminismus, Sex und Anarchie

Die sexuelle Revolution hat uns nicht alle befreit, sagt Margarete ­Stokowski und will’s in ihrem Buch ändern.

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Von Stefanie Lohaus

Ich erfuhr schon vor einiger Zeit, dass Margarete Stokowski an einem Buch arbeiten würde, und meine Erwartungen waren hoch. Ihre Kolumnen, die von 2012 bis 2015 bei der „taz“ und nun seit einem Jahr bei „Spiegel Online“ erscheinen, sind eine tolle Mischung aus Meinung, Humor und intelligenter Analyse. Sie handeln von aktuellen Ereignissen, aber auch vom Flirten, von Röcke tragenden Busfahrern, Antisemitismus, Brüsten, japanischen Mietonkels oder Rassismus. Stokowski ist oft ironisch und provokant: Der ebenfalls Kolumnen schreibende Bundesrichter Thomas Fischer, der im Sommer dieses Jahres an allen Fronten gegen eine Reform des Sexualstrafrechts ankämpfte, fühlte sich von ihrer Kolumne zum Prozess um Gina-Lisa Lohfink dermaßen angegriffen, dass er daraufhin eine kleinliche Replik veröffentlichte – womit er sich keinen Gefallen tat.

© Paula Winkler
© Paula Winkler

Ihre Bilder sind oft drastisch und einprägsam, so wie – neben der von Fischer monierten „Vagina als Auto“, also dass ein Auto in Deutschland strafrechtlich besser geschützt sei als sexuelle Selbstbestimmung – etwa der „Laster voller Mädchenkotze“, den sie Heidi Klum zum „Germany’s Next Top Model“-Finale ins Studio kippen wollte.

Ich muss jedoch zugeben, dass ich ein wenig besorgt war, als ich erfuhr, dass es sich um ein populäres, biografisch geprägtes Sachbuch handeln würde – also das, was wir beispielsweise schon bei Lena Dunham oder Laurie Penny gelesen haben. Ich hatte mir einen Roman vorgestellt, weil ich glaube, dass sie gut darin ist, Geschichten zu erzählen. Ihr Buch heißt „Untenrum frei“ und handelt vor allem von Feminismus und Sexualität. Das ist erst mal naheliegend, weil Sexualität zentrales Thema von Stokowskis „taz“-Kolumne „Luft und Liebe“ war. Weil Sexualität neben ökonomischer Ungleichheit Dreh- und Angelpunkt feministischer Auseinandersetzung ist. Und siehe da: Das Buch langweilt überhaupt nicht. Vielleicht weil Stokowskis Leben ein bisschen spannender und lustiger ist als andere Biografien. Oder weil sie spannender und lustiger als andere darüber schreiben kann: über ihre Erfahrungen, als ihre Familie aus Polen nach Deutschland migrierte, Disney-Prinzessinnen, die als Kind ihr Frauenbild prägten, dass sie Physikerin werden wollte und ehrenamtlich auf polnischen Friedhöfen gearbeitet hat. Erfrischend ist auch, dass sie in den gesellschaftspolitischen Passagen nicht einfach den feministischen Kanon herunterbetet, sondern ihre eigenen Analysen und Bezüge das Buch prägen. „Untenrum frei“ ist derzeit in aller Munde. Alle lesen es, finden es klug, witzig und schenken es ihren Verwandten.

Margarete Stokowski und ich treffen uns in einem Café in Kreuzberg an einem sonnigen Frühherbsttag. Die kleine Frau mit den blitzblauen Augen, dem leger gebundenen Pferdeschwanz und der Bomberjacke erkenne ich schon von Weitem. Wir sind uns schon zuvor ein paar Mal persönlich begegnet – ich war sogar kurz auf ihrer Dreißiger-
Geburtstagsfeier in diesem Frühjahr, einem freundlichen Stelldichein von Autor*innen und feministischen Aktivist*innen in Berlin sowie alten Schul- und Studifreund*innen.

Wir entscheiden uns für einen Platz draußen in der Sonne, bestellen Milchkaffees und Mozzarella-Tomate-Ciabattas. Ich lege mein Aufnahmegerät auf den wackeligen Bistrotisch, der auf dem breiten Bürgersteig steht. Zwei Stunden Zeit haben wir uns genommen für dieses Gespräch. Oder besser: hat Margarete sich für mich genommen, denn sie hängt gerade knietief im Buchvermarktungsstress.

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