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Pop, Punk, Prayer

Eine (kurze) Geschichte jüdischer Popmusik.

12.12.16 > Musik

Von Ina Holev

Im Hintergrund läuft leise Musik: Amy Winehouse singt „Rehab“. Es sieht fast aus wie in einem gut sortierten Plattenladen – bunte Albencover an rosa gestrichenen Wänden, nach Genre sortiert, nach Zeit. Eines haben die Künstler*innen an den Wänden alle gemeinsam: ihre jüdische Herkunft. Wir befinden uns nicht in einem Plattenladen, sondern im Jewish Museum London. „Jukebox, Jewkbox!“ heißt die kleine Ausstellung, die bis zum 16. Oktober 2016 das Obergeschoss des Museums füllte. Sie stellt die Leistung jüdischer Musiker*innen seit Beginn der modernen Musikaufzeichnung in den Fokus. Ursprünglich für das Jüdische Museum Hohenems zusammen mit dem Jüdischen Museum München konzipiert, zog die Schau dieses Jahr nach London, in den Norden der englischen Hauptstadt. Dort ist eine der größten jüdischen Gemeinden Europas beheimatet. Auch Amy Winehouse wuchs in der Nähe des Museums auf. Ihr wurde im letzten Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet.

Die Britin Amy Winehouse gilt als jung verstorbene Soul-Legende. © Universal Music
Die Britin Amy Winehouse gilt als jung verstorbene Soul-Legende. © Universal Music

Das Jüdischsein vieler Lieblingskünstler*innen scheint den meisten Fans, Kritiker*innen und in der allgemeinen Wahrnehmung oft nicht bewusst oder spielt keine Rolle bei der Rezeption. Über die jüdische Identität des Anfang November verstorbenen Leonard Cohen berichteten etwa fast nur jüdische Zeitungen. Und das, obwohl eines seiner letzten Lieder „You Want It Darker“ doch den hebräischen Gesang eines Kantors beinhaltet, eines jüdischen Vorbeters.

Jüdische Musik ist so vielfältig wie die jüdische Kultur selbst. Diese ist nicht nur als Religionszugehörigkeit zu verstehen, sondern auch als Gemeinschaft, die Menschen unterschiedlicher Glaubensgrade umfasst: orthodox, konservativ, reformistisch oder auch säkular. So beinhaltet jüdische Musik jene in den Gottesdiensten, aber auch den Klezmer osteuropäischer Jüdinnen und Juden oder traditionelle Musik auf Ladino, der Sprache der aus Spanien stammenden jüdischen Bevölkerung. Oder eben auch Popmusik. Eines haben alle jüdischen Künstler*innen gemeinsam: die Erfahrung der Diaspora, Verfolgung und Migration. Sie hat jüdische Musiker*innen in eine Randposition gebracht. Die Position als Außenseiter*in ist stets mit Gefahren verbunden, bringt  Wut hervor, aber auch kreative Energie, Rebellion. Das Gemeinschaftsgefühl durch Musik. Die Möglichkeit, avantgardistische Rollen zu besetzen.

So wie etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als in New York die in der Tradition des jiddischen Theaters stehenden Vaudeville-Aufführungen populär wurden. Beispielsweise durch die aus der Ukraine stammende Sophie Tucker, die in den 1920ern unverblümt über weibliche Sexualität sang und ihren dicken Körper als begehrenswert präsentierte. Ihre Musik war äußerst populär, galt aber als Tabu in einem von den Moralvorstellungen der weißen, christlichen Mitteklasse geprägten Land. Gegen ihren Willen wurde Sophie Tucker zu Beginn ihrer Karriere gezwungen, in Blackface zu performen.

Vielen der Jüdinnen und Juden (vor allem den Aschkenasim aus Mittel- und Osteuropa) wurde in den USA die Zuordnung zu einer Art conditional whiteness gewährt, indem sie sich assimiliert haben und so im amerikanischen Kontext immer mehr als weiß wahrgenommen wurden. Trotzdem waren und sind sie oft weiterhin massivem Antisemitismus ausgesetzt. Und die Situation der jüdischen Bevölkerung in Europa in den Dreißigern ist durch die Shoah noch mehr als jede andere Epoche durch Verfolgung und Mord geprägt und bleibt beispiellos.

Dies spiegelt sich auch in der Musikrezeption wider: Der US-amerikanische Jazz wurde in Nazi-Deutschland als „entartete Musik“ verboten. In den Jazzclubs der nordamerikanischen Großstädte spielten damals außer Schwarzen Musiker*innen vor allem auch viele jüdische Musiker*innen und andere Immigrant*innen. Die liminale Position jüdischer Musiker*innen und ihre Zugehörigkeit zur Arbeiter*innenklasse waren Elemente, die sie im segregierten Amerika in eine vermittelnde Position brachten.

© flickr/Peaches Nisker&Holger Talinski/CC BY-SA 2.0
Sex-positiv, queerfeministisch und jüdisch: die kanadische Elektro-Punk-Künstlerin Peaches. © flickr/Peaches Nisker&Holger Talinski/CC BY-SA 2.0

Neben Jazz faszinierte ab den 1970ern auch eine weitere, radikale Musikform jüdische Musiker*innen: Punk. Ikonen des Punk, Proto-Punk und New Wave umfassten jüdische Künstler*innen wie Lou Reed, Chris Stein von Blondie oder Mick Jones von The Clash. Vielen von ihnen sind Kapitel in Steve Lee Beebers Buch „The Heebie Jeebies At CBGB’s – A Secret History Of Jewish Punk“ gewidmet. „Punk reflektiert die ganze jüdische Geschichte der Verfolgung und Ungewissheit, der Flucht und Wanderung, des immer Getrenntseins, des gleichzeitig im Innen und Außen sein, Gut und Böse, ein Teil und kein Teil von etwas sein“, schreibt Beeber.

Punk bot mit seiner nihilistischen Philosophie jüdischen Künstler*innen die Möglichkeit, die Erfahrung der Shoah aufzuarbeiten. „I’m a Nazi Schaze“ (sic), sangen die Ramones, von denen zwei Mitglieder jüdisch waren. Und auch Malcom McLaren, der jüdische Manager der Sex Pistols, kleidete die Punkband in London mit Hakenkreuzen ein. Als geschmacklos wird diese Provokation oft zu Recht angesehen – aber gleichzeitig stellt sie möglicherweise auch eine Form von Aneignung dar, in der Symbole des Hasses umgedeutet werden. Eine der wenigen Frauen, der eine Bühne gegeben wurde, war Goldie Zelkowitz, eine Shoah-Überlebende. Sie trat im CBGB’s, dem legendären New Yorker Punk-Club, auf, dessen Gründer ebenfalls jüdisch war.

Einen vollständigen Überblick zu jüdischer Popmusik zu geben, ist schlichtweg unmöglich. Wer gehört dazu, wer nicht? Bob Dylan? Die Beastie Boys? Ofra Haza? Dana International? Peaches?

Heute lässt sich mehr denn je eine Vielfalt von Rollen, Identitäten und Positionen jüdischer Musiker*innen feststellen. Mediale Stereotypen, wie die des neurotischen Nerds oder der verwöhnten Jewish American Princess, werden verworfen. Ezra Furman etwa dekonstruiert  binäre Vorstellungen von Geschlecht: Ezra identifiziert sich als genderfluid, trägt Perlenketten, Lippenstift, Kippa und spielt nicht am Shabbatt. Auch die israelischen Schwestern des Trios A-WA erweitern die jüdische Musik. Sie singen dabei auf Arabisch, der Sprache ihrer aus dem Jemen vertriebenen Großeltern, und haben so einen Nummer-Eins-Hit in Israel gelandet. Jüdisch ist auch einer der derzeit wohl beliebtesten Musiker weltweit: Rapper Drake, der seine Außenseiterposition, den Ruf als „Soft Boy“ im HipHop, auch – wenngleich nicht ganz ernst gemeint – mit der Identität als Schwarzer, jüdischer Kanadier erklärt. In seinem Video zu „HYFR (Hell Ya Fucking Right)“ stellt Drake seine eigene Bar-Mizwa nach oder verweist auf seinem neuen Album mit der Textzeile „Six Point Star/Lion of the Judah“ auf seine Herkunft.

Wenn die Ausstellung „Jukebox, Jewkbox!“ nach ihrem Auszug aus dem Jewish Museum London an anderer Stelle aufgebaut wird, braucht sie vielleicht doch mehr Platz. Jüdische Popmusik ist weiterhin im Wandel und kann dabei gleichzeitig auch auf eine bewegte Geschichte zurückblicken.


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