Verhalten im Brandfall

Die Welt steht unter Feuer, aber die meisten finden es hier nur ein bisschen stickig.

13.12.16 > Tove Tovesson
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Tove Tovesson
Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Von Tove Tovesson

Ein knubbelig gezeichneter Hund mit Hut und Kulleraugen sitzt in einem lichterloh brennenden Haus und sagt: „This is fine.“ Ein schönes Meme, das sich nicht nur auf die völlige Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber sozialer Ungerechtigkeit und eskalierender Gewalt beziehen lässt, sondern auch auf ihre Hilflosigkeit. Was macht man eigentlich, wenn die Hütte brennt? Aber Moment, so weit sind wir noch nicht, wir müssen uns erst darauf einigen, dass es überhaupt brennt.

"This is fine." © Tine Fetz
Verhalten im Brandfall: „This is fine“ so lange als Mantra aufsagen, bis es aufhört zu brennen. © Tine Fetz

Definiere Feuer! Manche verbrennen seit Generationen, andere wundern sich über die – es kann nichts anderes sein – Hysterie. „Die“ wollen wohl, dass „wir“ erfrieren?! Manche finden es zwar nur etwas stickig, sehen so langsam aber ein, dass es brennt. Sie möchten jedoch, dass alle noch etwas im Haus bleiben, bis auch wirklich die Letzten überzeugt sind, dass es brennt. Vor allem die Brandstiftenden müssen zur Einsicht gebracht werden, bevor man hier irgendwen rettet oder jemandem ein Feuerzeug aus der Hand watscht. Ohne Vernunft sind wir nicht besser als Tiere! Und dann spazieren W i r gemeinsam ins Freie, herrlich unaufgeregt. Aber ich greife schon wieder vorweg.

Schließlich gibt es unterschiedlich heiße Feuer und manche Leute können diesen Trick, bei dem man den Finger auf der richtigen Höhe durch eine Kerzenflamme führt und sich nicht verbrennt. Das ist ja wohl ein erlernbarer Trick, selbst schuld, wer das nicht kann. Was hat Feuer euch je getan? Ach, oh, na ja. Diese Situation ein Feuer zu nennen, verharmlost andere Feuer, die wirkliche Feuer waren. Du beruhigst dich jetzt erst mal! Diskriminiert die Feuerwehr nicht Feuer?

So ein richtig feines Feuer kann über 1933–1945 Grad heiß werden und wir haben höchstens 1928 Grad, also sollte man erst mal abwarten, wie es sich entwickelt, bevor man in Panik gerät. This is fine.

Ab der fünften Klasse habe ich in der Schule alles über massive Feuer gelernt, außer, wie man sie frühzeitig erkennt und löscht. Die normale Reaktion ist wohl Gaffen. Kannste nix machen, steckste hoffentlich nicht drin. Wenn man das Feuer nicht selbst aktiv gelegt hat, ist man auch nicht wirklich verantwortlich, oder? Die meisten haben sicher durch den vielen Rauch gar nichts von einem Feuer mitbekommen.

Es gab auch nie Widerstand, das ist eigentlich unglaublich, aber ist wohl so, sonst hätte ich in der Schule davon gehört. Mehr Bildung für Pyromanen, Leute! Zum Glück wiederholen Feuer sich auch nicht, denn sie sind megasinguläre Ereignisse. Wenn sie auftreten, dann sehr plötzlich, wie von Zauberhand. Ein Blitzeinschlag, ein Fluch. Eigentlich wie bei Harry Potter, könnte ich auch mal wieder lesen, das ist alles so relatable im Gegensatz zur Realität, wo Leute nur wirr Holz aufschichten und Papier knüllen und sorry, aber keine Ahnung, was das werden soll, wenn es mal fertig ist. Vielleicht wollen die nur gemütlich grillen, diese ganzen Unterstellungen sind überhaupt die größte Frechheit. Ein Vorschlag zur Güte von Horst Seehofer: Wenn Sie meinen, das Haus brennt, machen wir eben ein Fenster auf, so sind alle beruhigt.

Und Schnitt. Noch eine Metapher! In der Homöopathie – und es kann sein, dass ich das jetzt völlig falsch wiedergebe, was aber keinen Unterschied macht – behahahandelt man nach dem Grundsatz „Ähnliches gegen Ähnliches“, wobei homöopathische Mittel stark verdünnt werden, was ungefähr heißt, gegen Kopfschmerz hilft ein Hammer, allerdings ein sehr kleiner.

Nach dieser Logik hilft es dann auch, bei Feuer ein Fenster zu öffnen, zumindest wenn man das Feuer eigentlich doch ganz gut oder zumindest nicht richtig schlimm findet, es aber nicht so direkt sagen, sondern als Stimme der Vernunft erscheinen will. Das vernünftige Maß liegt schließlich immer in der Mitte, die uns jetzt etwas verrutscht ist, also derzeit bei – das müsste ich erst in Kelvin umrechnen, aber sagen wir mal – circa 600 Grad Celsius. Wer aufgepasst hat, sollte nun bei der Termauflösung unten rauskriegen, dass Horst Seehofer, selbst nur eine Metapher!, ein vernünftiger Homöopath ist. Deshalb würde ich mal sagen: tatü-ta-fucking-ta! Alles läuft schief! Die falschen Leute werden gerettet! Hört auf, den Erste-Hilfe-Dummy zu beatmen! Deutschland sucht den Impfpass! Lösch dich!!

Diesen Absatz bitte komplett GESCHRIEN lesen: Der Faschismus braucht keine liebevolle Zuwendung und Kompromisse, sondern einen Hammer in 1:1 Originalhammergröße vor den Latz. Rassist*innen müssen so sehr Angst haben, ihr Gift zu verbreiten, wie sie in Kommentarspalten behaupten, dass sie es schon hätten. Einfach mal keine Arschlöcher interviewen oder in Talkshows einladen! Bigotterie muss sozial geächtet werden, scheiß auf zivilisierten Dialog mit besorgten Bürger*innen.

Ich bin nicht wirklich hilflos, sondern nur unsolidarisch und ignorant gegenüber den Menschen, die längst gezwungenermaßen diesen Kampf kämpfen. Es gibt und gab immer Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Wenn die Geschichte eine Geschichte der Sieger ist und ich darin diesen Widerstand nicht finde, haben die Falschen gewonnen und ich lese und erzähle und mache die falsche Geschichte. Ich lulle mich selbst in Ohnmacht ein. Wir stehen auf den Schultern von Giganten, bitte jede*r mal seine Giganten checken. Wie konnte es so weit kommen? Zu viele sind ohne Widerworte auf den Schultern von den falschen Scheißgiganten geritten, die alles kaputttrampeln.


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