„Ich weiß, dass Schönheit dich retten kann“

Die Karikaturistin Catherine Meurisse verarbeitet den Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ in einem Comic.

Von Barbara Schulz

Am 7. Januar 2015 kam die Karikaturistin Catherine Meurisse, damals 35 Jahre alt, zufällig zu spät zur Arbeit in die Redaktion von „Charlie Hebdo“, der sie seit zehn Jahren angehörte. Dem Terroranschlag entkam sie so, viele ihrer Kolleg*innen und Freund*innen wurden getötet. In der autobiografischen Graphic Novel „Die Leichtigkeit“ erzählt sie von der Zeit des Traumas nach dem Anschlag und wie sie es überwand.

© Dargaud / Rita Scaglia
Catherine Meurisse. © Dargaud / Rita Scaglia

Frau Meurisse, wie geht es Ihnen?
Besser, dank des Comics. Ich habe mich, nachdem ich es gezeichnet habe, schon viel besser gefühlt, und noch ein bisschen besser, nachdem es herauskam. Ich komme voran, mache Fortschritte und freue mich schon auf die Lesungen in Deutschland.

Warum haben Sie Ihre Erlebnisse in einem Comic verarbeitet?

Das Buch entstand instinktiv. Nach dem Attentat befand ich mich in einem traumatischen Schockzustand. Ich verlor mein Gedächtnis, hatte Angst, es nicht wiederzuerlangen. Dazu kam die Angst, den Job zu verlieren, keine Comics mehr zeichnen zu können. Dieses Buch ist der Beweis dafür, dass ich die Bilder und Farben wiedergefunden habe. Ich weiß, dass Schönheit einen retten kann. Es lohnt sich, danach zu suchen, es ist eine Übung, die man machen muss – und wenn man sie macht, wird man belohnt. Zum Beispiel, wenn man einen Berg besteigt und oben stehen bleibt, um die Aussicht zu genießen, passiert etwas mit einem. Man lässt die Vergangenheit hinter sich. Für mich war diese Erfahrung sehr viel wichtiger, weil ich über das Drama hinwegkommen musste; es war existenziell.

Ich mag in Ihrem Comic besonders die Passage, in der Sie durch Wände gehen
.
Eine wichtige Szene. Sie ereignet sich, kurz nachdem ich die Schüsse gehört habe. Es war schwer, das Attentat zu zeichnen – ich wollte keine Details preisgeben –, deshalb habe ich die Szene in eine Traumsequenz kippen lassen. Dabei gehe ich durch Wände, die nackt sind, an denen keine Kunst hängt, und denke an den „Schrei“ von Edvard Munch. Dieses Bild ist dann das Erste in Farbe. Der Schrei drückt Kälte und Gefühl aus und lässt mich ebenfalls Gefühle zeigen. Ich bediene mich der Kunst, um mich lebendig zu fühlen. Das ganze Buch erzählt davon, auch im weiteren Verlauf, als ich nach Rom ging.

Dort haben sie einige Zeit in der Villa Medici verbracht, die Stipendiat*innen der Französischen Akademie beherbergt. Warum haben Sie sich für Rom entschieden?

Rom als Archetyp der Schönheit, Stadt der Liebe, des ewigen Lebens und als Stadt, in der die Zeit langsamer zu vergehen scheint als anderswo, schien mir ideal. Für mich war die Zeit seit dem 7. Januar stehen geblieben; ich suchte etwas, das mich wieder in Gang bringen könnte. Ich wollte Geschichte sehen, Ruinen, die von der Zeit und von Barbaren zerstört wurden, die Spuren von Gewalt trugen, auf mich wie eingefrorene Geschichte wirkten und mir nichts anhaben konnten. Ich konnte beim Betrachten durchatmen. Ich habe dort auch viele zeitgenössische Künstler*innen getroffen, Maler*innen, Designer*innen und Musiker*innen, und fühlte mich in ihrer Gemeinschaft wohl. Für sie wie für mich ist Kunst lebenswichtig, bildet eine gemeinsame Zuflucht. Diese Kollision aus Kunst, Spuren von früher und heute hat mich wieder auf die Beine gebracht. Für mich hätte es nichts anderes sein können. Ich glaube übrigens, dass mit dieser Erfahrung alle etwas anfangen können – ob sie nun so etwas erlebt haben wie ich bei „Charlie“ oder ein anderes großes Drama. Das ist die Message. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die so eine Erfahrung gemacht hat.

Bevor Sie nach Rom gingen, hat sie eine Freundin nach Cabourg eingeladen, den Lieblingsurlaubsort von Marcel Proust, den Sie sehr mögen.

Ja, Proust und seine Literatur sind für mich sehr symbolisch und sehr wichtig. Proust ist der Schriftsteller der Zeit und der Erinnerung, und ich hatte ja die Erinnerung verloren. Viele Freunde sagten nach dem Attentat, wir sollten ans Meer fahren, das könnte helfen. Die Freundin, die die Idee mit Cabourg hatte, kennt mich sehr gut und weiß, welche Bedeutung Proust für mich hat. Sie dachte, vielleicht würde etwas zurückkommen – sie hat mir im Hotel Proust vorgelesen, aber es war schrecklich, die Literatur machte nichts mit mir. Es funktionierte nicht für mich, das Gedächtnis kehrte nicht zurück, meine Imagination war blockiert. Die Literatur konnte mir nicht helfen.

Im ganzen Comic gibt es nur eine Seite, in der Musik vorkommt. Warum?

Musik war 2015 abwesend. Ich brauchte Künstler*innen und gleichzeitig Freund*innen um mich herum, um Musik zu hören. In Rom, in der Villa Medici, ging das: Ich war von Menschen umgeben, beschützt, und konnte einem lebenden Künstler zusehen, der Eigenes spielte und Chopin, Bach und Liszt interpretierte. Dieses Erlebnis hat mich total aus der Fassung gebracht und schließlich das Schweigen gebrochen, das mich in dem ganzen Jahr seit dem Attentat umgab. Das war ohne Zweifel der Beginn meiner Genesung.

In einem Gespräch mit dem Journalisten und Autor Ta-Nehisi Coates in New York haben Sie erwähnt, dass Sie nicht mit Ihrem Geschlecht zeichnen?
(lacht laut) Man fragt mich immer wieder, wie es ist als Comiczeichnerin, ob es nicht zu schwierig ist. Für mich war es nie schwierig. Ich habe mir die Frage nie gestellt. Ich stelle mir die Frage nach dem Geschlecht nicht. Natürlich gibt es feministische Themen, die mich interessieren. Bei „Charlie Hebdo“ habe ich viele feministische Themen verhandelt, aber nicht militant, eher engagiert. Meine Bilder sind weder feminin noch maskulin oder beides zugleich.

Interessieren Sie sich noch für politische Inhalte?
Ich habe mich bei „Charlie“ über zehn Jahre lang mit Politik beschäftigt und dabei amüsiert, weil es die anderen, Charb, Cabu und Wolinski, auch amüsiert hat. Mit ihnen machte es Sinn, zu überlegen, wie man Meinungen verbreitet, wie man Politik in Zeichnungen und Satire verpackt. Ich mochte das – mit ihnen. Ohne sie macht es keinen Spaß mehr. Literatur, Kunst, Malerei und Musik haben mir schon immer besser gefallen. Bei „Charlie“ war ich neben Politik auch für Kultur zuständig. Ich bin in die Oper gegangen, habe Ausstellungen angesehen, war im Theater, habe über Kunstwerke diskutiert. Ich habe viel gelernt. Künstler*innen der Welt und ihre Werke interessieren mich mehr als die Politik der Welt. Die Vision des Künstlers interessiert mich, der Filter, den er dabei anlegt.

Arbeiten Sie denn noch bei „Charlie Hebdo“?
Nein. Diese große Etappe ist vorbei. Ich blättere um, das Buch „Charlie“ ist beendet, jetzt kommt ein anderes.

© Carlsen Verlag Catherine Meurisse: „Die Leichtigkeit“
Carlsen Verlag, 144. S., 19,99 Euro. VÖ: 20.12.

Ich war ein paar Jahre nicht in Paris und mir fällt auf, dass an vielen Orten schwer bewaffnete Polizisten stehen, und der Ausnahmezustand wird immer wieder verlängert. Wie empfinden Sie Paris in diesen Tagen?
Paris hat sich verändert. Für mich war Paris die Stadt, in der ich träumen konnte. Ich habe dort studiert, danach bei „Charlie“ gearbeitet, bin ständig ins Theater und in Ausstellungen gegangen. Dieser Fluss ist nun unterbrochen. Ich muss oft raus, um meine Batterien aufzuladen, mich inspirieren lassen. Es tut mir leid für Paris, aber diese Katastrophe hat viel kaputt gemacht.

Catherine Meurisse liest am 7.3.2017 im Uebel + Gefährlich, Hamburg, am 8.3.2017 in Berlin und am 9.3.2017 im Literaturhaus in Frankfurt am Main.


Beitragsnavigation