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Die feinen Unterschiede – Warum nicht alle Frauen gleich sind

Zu den unbequemen Begriffen Sexismus und Feminismus hat sich in letzter Zeit ein neuer sperriger Begriff gesellt: Intersektionalität.

22.03.13 >

Zu den unbequemen Begriffen Sexismus und Feminismus hat sich in letzter Zeit ein neuer sperriger Begriff gesellt: Intersektionalität.

Comic: Tatsuya Ishida

Dabei ist es gerade die Intersektionalität, die dem Feminismus zu einem neuen Aufschwung verhelfen könnte. Sie ist zunächst die Antwort auf einen Vorwurf aus den eigenen Reihen: An feministischer Front stehen oft Frauen, die bestimmte Privilegien gegenüber anderen Frauen besitzen. Eine weiße, gut ausgebildete, gesunde Frau wird möglicherweise weniger Diskriminierung erfahren als Frauen, auf die diese Kriterien nicht zutreffen.

Denn Diskriminierung erfolgt nicht nur aufgrund einer einzelnen gesellschaftlichen Gegebenheit, wie zum Beispiel der Stellung der Frau, sondern erstreckt sich über ein weites Feld: Welche Hautfarbe hat jemand, welcher Religion gehört sie an, ist jemand behindert, wie alt ist sie, ist sie chronisch krank, übergewichtig, arm, transsexuell, homosexuell … In einem einzelnen Menschen können sich demnach mehre Punkte potentieller Benachteiligung überschneiden.

Sexismus bedeutet für Frauen, dass sie auf Stereotypen reduziert werden und auf Grund dieser gesellschaftlich benachteiligt werden. Dies bedeutet nicht nur, dass weibliche Stimmen nicht gehört werden – ständig wird der Status der Frau als Person untergraben. Und als Person mit valider Stimme und Selbstbestimmtheit wahrgenommen zu werden, ist für manche Frauen schwerer als für andere. Eine Frau, die sich zum Beispiel dafür entscheidet, ein Kopftuch zu tragen, wird unter Umständen als unmündig wahrgenommen. Andere Frauen werden ihr möglicherweise sagen, dass sie sich anti-feministisch verhalte, weil sie sich bereitwillig von den Männern ihrer Religion unterdrücken lasse. In der Gesellschaft in der wir leben, eine besitzt also eine nicht-muslimische Frau bestimmte Privilegien gegenüber einer kopftuchtragenden muslimische Frauen. Sie wird als moderner und selbstbestimmter wahrgenommen. Und sie ist es die den feministischen Diskurs über Sexismus bestimmt. Die Stimme der kopftuchtragenden  Muslima wird dabei zusätzlich abgewertet, sie ist nicht nur weniger Person, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie eine muslimische Frau ist. Ihre spezifischen Erfahrungen werden nicht gehört, dass Kopftuch als Symbol der Unterdrückung spricht so laut in unserer Gesellschaft, dass wir die individuellen Stimmen der Frauen unter dem Tuch nicht hören wollen.

Der Ansatz der Intersektionalität im feministischen Diskurse bemüht sich deswegen darum, diese Überschneidungen von Entwertungen von Stimmen sichtbar zu machen. Feministinnen, die spezifische Erfahrungen von Diskriminierung übergehen, weil sie meinen, dass es ausreicht, sich ausschließlich mit der Diskriminierung der Frau auseinanderzusetzen, fallen sich selbst in den Rücken. Die Überwindung von sexistischer Benachteiligung von Frauen führt nicht dazu, dass sich andere Formen der Diskriminierung automatisch in Luft auflösen. Eine Befreiung der Frau von Diskriminierung ist insofern auch gar nicht möglich, weil es diese eine und einheitliche Frau nicht gibt. Feminismus ist eine Methode, Diskriminierung und Gefährdung zu analysieren, zu benennen und Lösungen anzubieten. Feminismus, welcher nicht intersektional ist, ist deswegen zum Scheitern verurteilt, da er bestimmte Diskriminierungen und Gefährdungen ignoriert und somit auch keine angemessenen, umfassenden Lösungen anbieten kann.

Intersektionalität kann darüber hinaus dazu beitragen, den Feminismus gegen Kritik von Außen zu stärken. Sie ist ein Aufruf an jede Feministin, sich selbst zu überprüfen: Welche Privilegien habe ich und bin ich möglicherweise selbst Teil der Unterdrückung? Dies gilt in den meisten Situationen natürlich gegenüber anderen Frauen, die in noch prekäreren Umständen leben, noch mehr gefährdet sind. In dem Sinne ist Intersektionalität Arbeit, und zwar eine, die oft unangenehm sein kann. Sich zum Feminismus zu bekennen ist kein Persilschein, der einen plötzlich mit einer gehobenen Moral ausstattet.

Intersektionalität ist eine Handlungsanweisung, die zunächst nach innen gerichtet ist: Check deine eigenen Privilegien. Maße dir nicht an, anderen sagen zu können, dass ihre Erfahrungen von Diskriminierung weniger wichtig sind. Sei selbst kein Täter.

Hier wird auch klar, dass Feminismus nie der Schlachtplan zur Unterjochung des männlichen Geschlechts war, als der er gerne dargestellt wird. In letzter Konsequenz ist Intersektionalität auch für Männer da, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Denn in seltenen Fällen haben auch Frauen Privilegien über Männer. Ein populäres Beispiel: Bei der Kindererziehung sehen Männer oft die Rote Karte, von Frauen, vom Staat und von der Gesellschaft. Hier können intersektionale Feministinnen auch ihre Privilegien erkennen und dementsprechend achtsam und umsichtig sein.

Intersektionalität zu leben, sollte andersherum aber auch nicht darin bestehen, Vertretern des Feminismus zu erklären, dass ihr Feminismus weniger wert ist, weil er nicht intersektional ist.

Doch wird sich am Ende keiner dagegen erwehren können, die wichtigste Prämisse anzuerkennen: Wenn Feminismus erfolgreich sein soll, kann er nicht nur eine einzelne Form der Diskriminierung analysieren und bekämpfen. Feminismus ist gegen Diskriminierung und Unterdrückung. Punkt. Menschen, die den Feminismus benutzen, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, missbrauchen eine Methodologie, die eigentlich zum Wohle aller existiert und eben nicht nur zum Wohle der Hälfte der Menschheit.

Eine Idee für den Feminismus von heute könnte sein: Frag nicht, was der Feminismus für dich tun kann, sondern frag, was du für den Feminismus tun kannst. Du kannst dir deiner eigenen Privilegien bewusst werden und anfangen anders zu handeln. Erkenne die Überschneidungen von Macht und Ohnmacht und gestalte einen Feminismus, der Platz hat für alle unterdrückte Stimmen – einen intersektionalen Feminismus.
(Text: Martha Martens)

  • Angela

    Spannender Text. Ich hab von dem Thema „Intersektionalität“ das erste mal auf einem Seminar zum Thema „Critical Whiteness“ gehört.

    Einen Kritikpunkt habe ich an dem Text aber: Insgesamt schreibt die Autorin dort von „Feministinnen“, benutzt also die weibliche Form. Angesichts der Tatsache, dass es in dem Text vor allem um „Intersektionalität“ als Thema zwischen Frauen geht, finde ich das durchaus gerechtfertigt. Dann steht dort aber der Satz „Sei selbst kein Täter.“ Das finde ich unpassend. Warum die männliche Form? Müsste es nicht folgerichtig „Täterin“ heißen? Die Benutzung des Wortes „Täter“ impliziert für mich, dass die „Tat“ von einem Mann begangen werde, obwohl in dem Text ja von „Männer“ keine Rede ist.

  • Pingback: 2017 wird feministisch! | LIBERTINE Magazin()


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