Film Fatales – Emanzipation hinter der Kamera

Beim Filmfest München wurde über Frauen im Filmgeschäft diskutiert. Fazit: Es gibt noch viel zu tun.

07.07.14 > Film & Serien

Beim Filmfest München wurde über Frauen im Filmgeschäft diskutiert. Fazit: Es gibt noch viel zu tun.

Elena Kirchberg, Leah Meyerhoff und Christine Berg. Foto: Filmfest München.

Es ist schon bezeichnend, dass bei der Diskussion „Film Fatales – Emanzipation hinter der Kamera“ beim Münchner Filmfest fast durchweg Frauen im Publikum sitzen. Nur wenige Männer haben sich zur Debatte verirrt.

Sei’s drum: Wir müssen reden. Zum Beispiel darüber, dass bislang nur eine Frau die Goldene Palme in Cannes erhalten hat und das über 20 Jahre her ist: 1993 ging die Auszeichnung an Jane Campion für „Das Piano“. Auch in diesem Jahr war der Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Welt nicht weiblicher. „Nur rund fünf Prozent der Hollywood-Regisseure und 15 Prozent in der Independent Scene sind Frauen“, beklagt US-Regisseurin Leah Meyerhoff, eine der Diskutierenden in München. Die Amerikanerin zeigte am Filmfest München ihren Erstling „I believe in Unicorns“, der schon auf dem SXSW zu sehen war. Zwei Frauen auf dem Podium sind dagegen der beste Beweis, dass man es im deutschen Filmgeschäft auch als Frau an die Spitze schafft: Christine Berg ist Stellvertreterin des Vorstands der Filmförderungsanstalt (FFA) und Maria Köpf Produzentin bei Zentropa Entertainments Berlin, dem deutschen Ableger von Lars von Triers Produktionsgesellschaft. Ergänzt wird die Runde, die Leyla Ones vom US-Generalkonsulat München moderiert, von Elena Kirchberg, Anwältin mit Schwerpunkt im Film- und Medienrecht und im Vorstand des Netzwerks Women in Film and Television Germany (WIFTG).

Warum die Diskussion überhaupt so essentiell wichtig ist, bringt Köpf gut auf den Punkt. „Wir sind alle sehr zurückhaltend geworden, wenn es darum geht, über dieses Thema zu sprechen“, kritisiert die Zentropa-Frau. Der Grund: Keine Frau wolle als Emanze bezeichnet werden. „Emanze“ – bei dem Begriff schaut die Amerikanerin Leah Meyerhoff ratlos. Nachdem ihr das Wort erklärt wird, fällt ihr sofort eine eigene Erfahrung ein. Sie habe sich lange geweigert, sich explizit als feministische Regisseurin zu definieren, aber ihre Meinung in diesem Punkt komplett geändert. „Wir gewinnen Macht, wenn wir uns als weibliche Filmemacherinnen bezeichnen.“ Was nicht immer einfach ist: Kirchberg hat häufig erlebt, dass Witze gerissen wurden, wenn es um weibliche Selbstermächtigungsstrategien im Filmgeschäft geht. Ihr Fazit: „Es ist schwer, etwas zu sagen, ohne belächelt zu werden.“

„Maskuline Regieführung“

Also doch struktureller Sexismus im Filmgeschäft? Absolut, sagt Meyerhoff. Frauen würden nach wie vor stark über ihr Aussehen definiert: „Wenn ich mich zu sexy kleide, halten mich alle für die Schauspielerin statt für die Regisseurin.“ Müssen Frauen männlicher werden? Oder ist es ein falsches Zugeständnis, wenn Leah Meyerhoff erzählt, sie habe sich vor dem Dreh die Haare geschnitten und am Set Hosen getragen? Zumindest erfüllte es ihr Ziel, nämlich „ernst genommen zu werden“. Eines ihrer Vorbilder: Starregisseurin Kathryn Bigelow, die einzige Frau, die je den Regie-Oscar bekam, nämlich 2010 für „The Hurt Locker“. Die gebe sich ebenfalls maskuliner, wenn sie Regie führt.

Was nervt die Diskussionsteilnehmerinnen noch? Klar, das Geld. Köpf ist überzeugt davon, dass es für Frauen nach wie vor sehr schwer sei, an hohe Budgets zu kommen. Frauen würden große Summen oft nicht zugetraut, pflichtet ihr Meyerhoff bei und wundert sich in diesem Zusammenhang, warum beispielsweise Catherine Hardwicke nur beim ersten Teils der „Twilight“-Trilogie Regie führte, obwohl der Millionen Dollar einspielte.

Und in einem weiteren wichtigen Bereich, der gerade in Deutschland einen großen Teil des Geschäftes ausmacht, kommen Frauen laut Köpf seltener zum Zug: Fernsehprojekte. Christine Berg erwähnt den „Tatort“: Regisseurinnen in dieser Reihe? Immer noch die Ausnahme.

Manche der auf dem Podium genannten Gründe, die zur Benachteiligung von Frauen im Film führen, sind sehr persönlich und deshalb umso aufschlussreicher. Köpf erzählt, sie habe die Erfahrung gemacht, dass Männer anderen Männern lieber zuhören würden. Sie selbst erinnert sich an Diskussionen, in denen einer ihrer Kommentare eine gelangweilte Reaktion auslöste, während eine ähnliche Aussage eines Mannes auf breite Zustimmung gestoßen sei. Witzige Statements würden eher von einem Mann als einer Frau erwartet. Vielleicht hätten Frauen nicht den Drive, sich vor andern selbstironisch zu geben, meint Köpf.

Netzwerken, netzwerken, netzwerken

Was also tun? Die Ratschläge, die die Frauen geben, klingen bekannt. Netzwerken wird am häufigsten genannt. Aber auch: die Stimme erheben, sich weniger in Frage stellen und nicht zu schüchtern sein – klar, das hat man alles schon oft gehört und gelesen. Köpf empfiehlt, dass Frauen ihre Themen mit mehr Aggressivität vortragen sollten. Für Christine Berg ist zentral, dass eine Frau in einer Führungsposition damit umgehen müsse, nicht immer gemocht zu werden. Leyla Ones zitiert die erste Frau, die in den USA einen Admiralsrang bei der Coast Guard bekam. Deren Credo: „Beschwere Dich nie, ohne eine Lösung anzubieten.“ Elena Kirchberg hält es für richtig, wenn Frauen nicht nur ihr Projekt, sondern sich selbst promoten. Und: „Immer auf die Big Jobs aus sein“.

Vielleicht wäre die Filmwelt ja schon ein bisschen weiblicher, wenn man zwei Ratschläge befolgen wurde, die Geena Davis kürzlich in einer Kolumne mit dem Titel „Zwei Schritte, um Hollywood weniger sexistisch zu machen“ für den Hollywood Reporter aufschrieb und die Köpf zitiert. Die lesen sich nämlich ziemlich amüsant. Schritt 1: Ändere einige der Namen der Protagonisten in Frauennamen. Was wäre, wenn der Klempner, Pilot oder Taxifahrer eine Klempnerin, Pilotin oder Taxifahrerin wäre? Schritt 2: Wenn eine Massenszene ansteht, schreibe ins Drehbuch: “Eine Menge, die zur Hälfte weiblich ist, kommt zusammen.“

Das Publikum will weibliche Charaktere

Ebenso angesprochen wird in der Diskussion eine Reflexion des Frauenbildes im Film an sich. Mehr weibliche Charaktere auf der Leinwand, fordert deshalb Meyerhoff. Was sie enorm störte: „Mir wurde gesagt, dass mein Film, wenn er einen Jungen als Hauptdarsteller hätte, leichter finanziert werden würde.“ Köpf erinnert in diesem Zusammenhang an Cate Blanchetts Oscar-Dankesrede 2014: Es gebe ein Publikum für Filme mit weiblichen Charakteren und diese Filme spielten viel Geld ein.

Was können Frauen konkret tun? Eine gute Inspiration ist dafür Meyerhoffs Engagement. Sie hat vor einem Jahr das Netzwerk „Film Fatales“ gegründet. Mittlerweile existieren Gruppen in Austin, Chicago, Detroit, London, Los Angeles, New Orleans, New York, San Francisco und Toronto. Es gibt monatliche Dinnerparties, die jeweils ein Mitglied bei sich daheim hostet, Masterclasses und Workshops. Eine weitere Gruppe in München fände die Regisseurin fantastisch. „Wir nutzen unsere Ressourcen, um uns gegenseitig zu helfen. Wir haben unseren eigenen Girls Club gebildet.“

Aber nicht immer nehmen Frauen bereits existierende Netzwerke überhaupt wahr. Diese Erfahrung hat Elena Kirchberg als Juristin für WIFTG, das in München, Stuttgart, Köln und Berlin organisiert ist, gemacht. „Wir haben Probleme, Frauen zu finden, die Mitglied werden wollen“, klagt Kirchberg. Sie plädiert für stärkeren Austausch, der sich schon in Kleinigkeiten äußere. Während Männer oft ganz selbstverständlich ihre Visitenkarten zückten, wären Frauen da zurückhaltender.

Und der Ratschlag wird am Ende der Veranstaltung prompt befolgt: Etliche Visitenkarten wechseln die Besitzerinnen. Geht doch.

Elena Kirchberg, Leah Meyerhoff, Leyla Ones, Christine Berg, Maria Köpf. Foto: Filmfest München

 


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