Aus ängstlicher Studentin wird transhumane Über-Frau

In „Lucy“ beschreibt Luc Besson nicht nur den nächsten Schritt menschlicher Evolution, sondern auch durchaus gelungen die Emanzipation einer jungen Frau.

05.09.14 > Film & Serien

Lucy (Scarlett Johansson), eine US-amerikanische Austauschstudentin in Taipeh, die zwar ganz gewiss nicht dumm ist und Gefahr durchaus erahnen kann, ist eindeutig an den falschen Typen geraten. Durch die Überdosis einer neuen Droge erhält sie ungeahnte körperliche sowie geistige Fähigkeiten. Sie kann dadurch nicht nur sämtliche Fremdsprachen oder Gedanken lesen, sondern auch alle physischen Abläufe in ihrer Umgebung spüren – bis hin zur Überwindung jeglicher Naturgesetzte. Leider bleibt die Nachvollziehbarkeit dieser plötzlichen Talente im Film etwas auf der Strecke, zumal die Geschichte nicht in einer weit entfernten Zukunft verankert ist.

© 2014 Universal Pictures International

An sich macht es gerade das Genre Science Fiction aus, eigene Naturgesetze zu kreieren, doch gerade in diesem Fall wäre es sogar spannender gewesen, der Film wäre ein wenig mehr an der Realität orientiert geblieben und der Frage nachgegangen, was denn wirklich sein könnte, wenn man plötzlich bis zu 100% der eigenen Hirnkapazität nutzen könnte – was aber bereits der Film „Ohne Limit“ von 2011 thematisiert. Diesem Film fehlt wiederum eine starke Figur wie Lucy.

Luc Bessons Gesamtwerk ist schon immer durchzogen von starken Frauen – dies zeigt sich bereits in „Léon – der Profi“ oder „Das fünfte Element“. Doch erst mit seinem neuen Film hat er nach Ridley Scotts „Alien“ endlich eine weibliche Action-Heldin erschaffen, die einen Durchbruch weiblicher Klischees auf der Leinwand einleitet, die schon viel älter sind als das Kino selbst: die empfindsame, von körperlicher Intuition geleitete Frau als Erfindung bürgerlicher Kulturgeschichte, die ihren Ursprung im Briefroman findet und im klassischen Erzählkino ihre Vollendung gefunden hat.

Doch während Sigourney Weaver als Ellen Louise Ripley in „Alien“ noch romantisch und mütterlich verhaftet bleibt, gehen diese Komponenten bei Lucy zunehmend verloren – sie wird purer Intellekt, der spätestens seit der Aufklärung als männliche Eigenschaft konnotiert wird. Das bedeutet aber nicht, dass keinerlei Empathie mehr in Lucy übrig bleibt, sie tötet keine Unschuldigen und ihre Feinde nur dann, wenn es sein muss. Zudem möchte sie ihr Wissen für andere nutzbar machen.

Kein Wunder also, dass sie vom Drogenboss Mr. Jang (Choi Min-sik) aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres „unweiblichen“ Sozialverhaltens als Hexe beschimpft wird, ist doch gerade die Hexe historisch schon immer eine negative Zuordnung für Frauen, vor denen man aufgrund ihrer Unerklärbarkeit Angst hat. Und so wurde eben alles, was nicht „normal“ ist, im Christentum dämonisiert und im Bürgertum pathologisiert.

Die wohl beliebteste Zuordnung des Krankhaften bei Frauen ist seit der Erfindung der Psychoanalyse die Hysterie. Doch auch hier prallen derartige Zuordnungsmuster an Lucy ab: Der einzige, der zunehmend in hysterieartige Zustände gerät, ist ausgerechnet ihr testosteronüberladener Widersacher, der völlig den Realitätssinn verliert, sodass ihn selbst ein Riesenaufgebot der französischen Polizei nicht abschrecken kann.

Durch Mr. Jang sowie die übrigen Geschlechter-Konstellationen werden die Taktiken einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie offengelegt: Egal ob Wissenschaftler, Polizisten oder die Drogenmafia – sie alle nehmen Lucy anfangs nicht ernst und werden eines Besseren belehrt. So verzeiht man dem Film auch das Fehlen sonstiger weiblicher Figuren. Und auch wenn ihre Fähigkeiten künstlich herbeigeführt werden, spricht das nicht Lucys Subjektstatus ab. Sie bleibt immer Herrin ihrer bewussten Handlungen.

Lucy ist aus feministischer Perspektive auch beispielhaft, da sie ihre Kräfte nicht aus Rache, sondern sinnvoll einsetzen möchte. Vielmehr zeigt sich gerade dadurch, dass man nicht als Superfrau geboren wird, sondern zu einer werden kann. Lucys Geschichte ist somit keineswegs nur die einer äußeren, durch Chemikalien initiierten Ermächtigung, sondern durchaus auch die eines Empowerments.

Da kommt Morgan Freeman als Prof. Samuel Norman ins Spiel, der ihr helfen soll, was mit all dem Wissen anzufangen sei. Das ist jedoch auch eines der Hauptprobleme des Films, denn mal wieder wird Freeman ausschließlich als Berater weißer ProtagonistInnen eingesetzt. Und auch bei der Einteilung in Gut und Böse werden ganz klar rassistische Ressentiments bedient: Europäer und Amerikaner werden entweder als Opfer des Drogenschmuggels oder vorbildliche PolizistInnen dargestellt, während die taiwanische Mafia mit schonungsloser Brutalität und ohne jegliches Gewissen vorgeht.

Somit spiegelt „Lucy“ zwar im Kerngedanken wider, dass zu einem sozialen und wissenschaftlichen Fortschrittsgedanken die Emanzipation der Frau notwendig ist, indem den Film den überholten männlichen Blick vorführt. Aber im gleichen Atemzug bietet Besson lediglich eine eurozentristische Perspektive an und beschreibt dadurch leider nur eine weiße Sozialgeschichte.

„Lucy“ FR 2014. Regie: Luc Besson. Mit Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Min-sik Choi u.a., 89 Min., bereits im Kino.


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