Marie Marcks: „Ich war meine eigene Frauenbewegung“

Sie war eine der wichtigsten ChronistInnen der BRD. Mit Zeichenstift und Pinsel setzte sie sich für Gleichberechtigung, Pazifismus und Umweltschutz ein. Am Montag ist Marie Marcks mit 92 Jahren verstorben.

Von Stefanie Lohaus

Frau Marcks, Sie wurden am 25. August 1922 geboren, Sie waren tagespolitische Karikaturistin für die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“, die „Brigitte“ … (unterbricht)
Für die „Brigitte“ habe ich nur ganz selten gezeichnet. Bei Wikipedia steht auch viel Mist. Ich erzähle Ihnen mal, wie das war: Am Anfang habe ich für die wissenschaftspolitische Zeitschrift „Atomzeitalter“ gezeichnet, die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung herausgegeben wurde. Dort habe ich erst nur Vignetten gezeichnet. Das wurde mir zu doof und ich habe auf eigene Faust politische Karikaturen ausprobiert. Ich wusste erst nicht, wie das geht. Meine erste Karikatur zeigte den damaligen Kanzler Ludwig Erhard als dickbauchige Kaffeekanne. Sein Kopf mit Zigarre im Mund als Deckel obendrauf. Diese Zeichnung druckte die „Süddeutsche“ nach und fragte mich, ob ich fortan für sie zeichnen wollte. So wurde ich für die nächsten 30 Jahre tagespolitische Karikaturistin bei der „SZ“. Nur 25 Mark habe ich pro Zeichnung bekommen, wie alle Karikaturisten. Trotzdem habe ich immer gezeichnet, was ich wollte, auch wenn es bedeutete, manchmal aus politischen Gründen nicht gedruckt zu werden.

Foto: Tai Lüdicke

Von 25 Mark konnten Sie nicht leben, Sie haben ja auch noch fünf Kinder.
Nein, das reichte nicht, ich organisierte eine Zeit lang Ausstellungen und verdiente damit sehr gut. Irgendwann wollten aber auch andere, dass ich für sie zeichnete, zum Beispiel „Die Zeit“ und der „Vorwärts“. Anfang der 70er kam dann die junge Verlegerin Antje Kunstmann auf mich zu, die meine Zeichnungen zu den Frauenthemen als Buch herausgeben wollte. „Weißt du, dass du schön bist?“ war mein erstes Buch, dem viele folgten.

Sie zeichnen politische Karikaturen, aber auch Bildergeschichten. Würden Sie sich selbst auch als Comiczeichnerin sehen?
Nein, ich bin Karikaturistin. Meine Geschichten beschreiben immer nur einzelne Szenen, auch wenn sie aus mehreren Bildern bestehen. Und sie finden nicht in rechteckigen Kästchen statt.

Kannten Sie denn die Comiczeichnerinnen der damaligen Zeit?
Die Französinnen haben sehr gute Sachen gemacht. Claire Bretécher zum Beispiel, von der habe ich einige Bücher. Ich habe sie auch einmal kennengelernt, bei einer gemeinsamen Ausstellung in Frankreich. Ich hatte mich darauf gefreut, aber leider war sie sehr arrogant.

Obwohl sich viele Ihrer Zeichnungen um Frauen drehen, tauchten Sie in feministischen Zusammenhängen kaum auf. Fühlten Sie sich in der Frauenbewegung zu Hause?
Die haben mir zu viel gejammert. Und manches war mir auch zu blöd. Die Feministin Peggy Parnass, mit der ich ein Gespräch für das Vorwort eines meiner Bücher führte, erklärte mir, ich solle meine Kin-der für mich im Haushalt arbeiten lassen. So ein Quatsch, dafür setze ich doch keine Kinder in die Welt. Aber natürlich habe ich mich für Frauenthemen eingesetzt … Ich sage es mal so: Ich war meine eigene Frauenbewegung.

Hatten Sie Vorbilder?
Wilhelm Busch ist der wichtigste Zeichner für viele meiner Kollegen. Seine Zeichnungen sind immer treffend. Obwohl sie manchmal böse sind, lieben sie sogar meine Kinder und Enkelkinder. So zeitlos zu sein, das muss man erst mal schaffen.

Mit Ihren Karikaturen sind Sie eine der großen Chronistinnen der BRD. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?
Ach, es wird immer schlimmer. Zum Beispiel die Aufrüstung: Es ist ein Skandal, dass die Bundesregierung Leopard-2-Panzer an Saudi-Arabien liefert. Das ist heute gerade mal zwei Tage in den Schlagzeilen und dann wieder vergessen. Klar, was Frauenrechte angeht, hat sich einiges verbessert, gerade in der Wirtschaft gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen. Aber politische Karikaturistinnen sind nach wie vor sehr rar.

Beitrag ist im Missy Magazine 03/11 erschienen.


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