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Überzeugt hart: The Pinkprint von Nicki Minaj

Rap-Queen Nicki Minaj bringt kurz vor Jahresende ihr drittes Studioalbum heraus und landet in den US-Billboard-Charts gleich doppelt auf der Spitze. Stiltechnisch geht sie zurück zu ihren Hiphop-Wurzeln, inhaltlich zeigt sie sich erneut feministisch.

30.12.14 > , Musik

Nicht lang ist es her, da sorgte Nicki Minaj mit ihrer Single „Anaconda“ für viel Aufruhr. Sei es wegen des Coverfotos, des Videos oder des Songs selbst – das ganze Internet sprach über sie. Kein Wunder, schließlich brach sie auf verschiedene Arten Tabus und Grenzsetzungen. Zunächst einmal wagte sie es, Sir Mix-A-Lots sexistischen Hit „Baby Got Back“ zu samplen und dem Ganzen eine ermächtigende Ladung zu geben. Der Track handelt jetzt nicht mehr von Typen, die gierig über die dicken Hintern von Frauen singen, sondern von einer Frau mit dickem Hintern, die nicht gerade bescheiden mit ihm und ihrer Sexualität umgeht.

Videostill aus Nicki Minajs „Anaconda“

Ziemlich explizit und vulgär thematisiert Nicki Minaj in „Anaconda“ unter anderem auch das Hiphop-Trend-Topic des Jahres: Den Anilingus. Ihre Boytoys dürfen ihren „salad tossen“ (umgangssprachliches Englisch für oralen Analsex), solange sie genug Kohle in der Tasche haben und ihr Luxusgüter wie Designerkleidung spendieren können. Gleichzeitig nimmt sie den Anfangsdialog aus „Baby Got Back“ auf: Im Original macht sich eine Frau über andere Frauen mit dicken Ärschen lustig und sagt abwertend „Oh my god, look at her butt!“ Anders als dort dargestellt findet Nicki, dass dieses Draufzeigen nicht mit Scham verbunden sein muss, sondern auch Anerkennung implizieren kann. Drum widmet sie „Anaconda“ allen „bitches with a fat ass in the fucking club“ und macht den Song zur Big-Butt-Empowerment-Anthem des Jahres.

Exemplarisch grindet sie im Musikvideo mit anderen Frauen, spendiert dem feministischen Hiphop-Liebling Drake einen Lapdance, lässt sich aber nicht von ihm berühren. Sie macht klar, dass ihr Sex-Appeal nichts daran ändert, dass ihr Körper immer noch ihr gehört und sie mit ihm umgehen kann, wie ihr beliebt.

Nicki Minaj – „Anaconda“ from > on Vimeo.

Selbstbestimmt und sexuell aufgeladen ist auch der Duktus auf ihrem neuen Album „The Pinkprint“. Mit Referenz auf Jay-Zs 2001 erschiener Platte „The Blueprint“ macht sie ihre Position als wichtige Rapperin klar. „The Blueprint“ war insofern ihre Vorlage, dass sie als weibliche Künstlerin ein Hiphop-Album in die Welt setzt, das als langfristiger Meilenstein gelten soll. Die Farbe Pink symbolisiert nicht nur Femininität und Feminismus, sondern Nicki Minaj selbst, die als eines ihrer Alter Egos Harajuku Barbie nennt. Hinter der Barbie-Identität versteckt sich Nickis mädchenhafte, beinahe naive, aber durchaus auch sexuelle Seite. Der pinke Abdruck ist wortwörtlich zu nehmen, so ist auf dem Cover ihr Fingerabdruck in pinken Farbpigmenten verewigt.

Wie heftig Nicki im Business mitmischt, beweist schon die lange Liste der auf dem Album mitwirkenden Künstler_innen. Das Pop- und R’n’B-Sternchen Ariana Grande ist auf dem vierten Track „Get On Your Knees“ zu hören, einem anti-romantischen R’n’B-Song über kinky Sex und Cunnilingus. Mit Rosen und süßen Gedichten können die beiden nichts anfangen, ihre Lover sollen lieber auf alle Viere gehen und um Erlaubnis betteln.

Bossy und dominant bleibt Nicki auch auf ihrer Single „Only“, bei der Drake, Lil Wayne und Chris Brown mit am Start sind. Dass sie Chris Brown, der während seiner Beziehung mit Rihanna als Täter sexueller Gewalt auffiel, dabei sein darf, ist für viele Feminist_innen enttäuschend. Schließlich positioniert sich Nicki in Interviews konstant als Feministin, wenn sie von Ermächtigungsstrategien von Mädchen spricht. Warum arbeitet sie dann mit einem Täter zusammen? Immerhin darf er nur den Refrain singen und wird im Text nicht einbezogen – da malen sich die anderen drei nämlich aus, wie es wäre, miteinander zu schlafen. Sie gehen ziemlich ins Detail. Spoiler: Ja, es kommt Anilingus vor.

Im expliziten Musikvideo provoziert sie abermals mit BDSM-Elementen und einem selbstbestimmten Umgang mit ihrem Begehren. Der minimalistische Witch-House-Beat ergänzt die Dunkelheit der Text- und Bildebene nahezu perfekt. Schockierend ist das Video allerdings aus anderen Gründen: Der Regisseur Jeff Osbourne setzt Nazi-Symboliken wie Gasmasken, Flaggen und Armbinden ein. (Danke für den Hinweis, Eli!) Auch die Tatsache, dass es am 9. November, also am 76. Jahrestag der Reichsprogromnacht, veröffentlicht wurde, ist mehr als nur makaber. Es ist schlicht unangemessen. Nickis Reaktionen auf die Kritik sind sehr unbefriedigend, auch eine Entschuldigung vom Regisseur bleibt aus. So hinterlässt der Song gleich aus mehreren Gründen einen bitteren Nachgeschmack.

Nach ihrem heftigen Rapeinsatz in Beyoncés „***Flawless (Remix)“ war deren nächste Kollaboration nur eine Frage der Zeit und auf  „The Pinkprint“ ist es soweit. Der Ego-Song „Feeling Myself“ handelt von Self-Love, Erfolg und Masturbation. Wer genau zuhört, wird sogar herausfinden, welchen Vibrator Nicki benutzt. Spoiler 2: Es ist der beliebte Jack Rabbit. Sogar ein paar homoerotische Vibes fliegen in der Luft herum. „Feeling Myself“ kann eine Hymne für verschiedene Dinge sein, das ist eine individuelle Deutungssache. Aber es ist auf jeden Fall eine feministische Hymne.

Keine Frage: die Kombination von Beyoncé und Nicki Minaj schlägt ein wie eine Bombe – sollten sie in Zukunft ein gemeinsames Album aufnehmen, könnten sie unbeschreibliche Ausmaße für die Welt evozieren. Ihr Pariser Live-Auftritt während Beyoncés „On The Run“-Tournee brachte das Universum jedenfalls schon einmal zum Stillstand.

Doch es verbergen sich nicht nur bestimmende und toughe Facetten auf der Platte. Schon der erste Song „All Things Go“ hat einen sehr persönlichen, autobiografischen Anspruch. Nicki Minaj reflektiert ihren Fame, die Vergänglichkeit und den Verlust. In „Favorite“ zeigt sie sich sogar romantisch und gesteht sich zusammen mit Jeremih fragile Gefühle wie die Liebe ein. Hiphop und R’n’B bestimmen die Stilrichtung der 21 Songs sehr stark, aber auch ihr gewohnter Dance-Pop-Sound sickert ab und zu durch – zum Beispiel auf „The Night Is Still Young“. Wie kontrastreich das Album ist, zeigen schon die zuvor veröffentlichten Singles. Zwischen „Only“ und „Pills N Potions“ liegt mindestens ein Ozean.

Egal, wie emanzipiert und stark Nicki Minaj sich zeigt, ihr Feminismus wird ständig von anderen hinterfragt. Natürlich ist ihre Praxis für manche etwas ungewohnt, aber sie ist zu Teilen auch sehr radikal und bahnbrechend. Sex zu thematisieren bedeutet schließlich nicht Unterwürfigkeit. Nur, weil ihre Performance dem Male Gaze gefallen kann, heißt es nicht, dass sie auf ihn abgestimmt ist. Wichtig ist auch anzuerkennen, dass die Typen Nicki brauchen, Nicki aber auch ganz gut ohne sie kann.

Auf ihrer Pinkprint-Tour im Frühjahr 2015 spielt sie an zwei Terminen auch in Deutschland: Am 20. März in Frankfurt am Main und am 23. März in Oberhausen.

Nicki Minaj, The Pinkprint, Universal Music/Cash Money Records


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