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Hass im Netz: Woher kommt er und was können wir dagegen tun?

Manchmal hilft zum Beispiel lachen, findet die Journalistin und Buchautorin Ingrid Brodnig. Wie ein besserer Umgangston in fünf Schritten möglich ist.

13.03.15 > Netzkultur

Von Ingrid Brodnig

Vielleicht war die Menschheit anfangs einfach zu gutgläubig, als sie das Internet erfand und die ersten Onlineforen entwarf. Die NetzpionierInnen hatten geglaubt, dass im Web eine sachlichere Debatte möglich sei und sich letztlich das bessere Argument durchsetzen würde.

Ist die Unsichtbarkeit Schuld am rauen Ton im Netz? © Josephin Ritschel

Der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold schrieb etwa 1992: „Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen: Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äußere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will.“

Das war eine schöne Vision. Sie ist allerdings nicht wahr geworden. Wir erleben derzeit das genaue Gegenteil: Hass und Häme im Netz, häufig gegen Frauen und FeministInnen gerichtet. Nur woher kommt diese Wut und wie kann man sich wehren?

Die Unsichtbarkeit im Netz
Diese These erklärt so einiges: Der Online Disinhibition Effect, zu Deutsch Online-Enthemmungseffekt, besagt, dass Menschen im Internet oft enthemmter und mitunter aggressiver sind. Der Psychologe John Suler hat den Begriff geprägt und listet eine Reihe von Faktoren auf, die die Enthemmung fördern. Die Anonymität im Internet ist zum Beispiel einer dieser Faktoren, weil sie durchaus dazu führt, dass sich Menschen eine Spur weniger zurückhalten. Sehr spannend ist aber auch der zweite Aspekt, den Suler nennt: die Unsichtbarkeit im Netz.

Damit ist das Gefühl der Unsichtbarkeit gemeint, das wir bei der schriftlichen Kommunikation im Netz haben. Wenn ich auf der Tastatur etwas eintippe, sehe ich mein Gegenüber nicht, höre nicht dessen Stimme. Es fallen also wesentliche nonverbale Signale weg: der Augenkontakt, die Stimme, die Mimik und Gestik. Gerade diese Signale haben aber eine empathiefördernde Wirkung.

Sehe ich einer Person in die Augen und beleidige sie, spüre ich sofort, wie gekränkt sie ist. Selbst wenn die Person nichts sagt, zeigen mir Mimik, Gestik und die Augen, wie verletzend meine Worte waren. Im Internet fehlen diese Signale, und es ist weniger beklemmend, so richtig die Sau rauszulassen.

Wir vergessen in der digitalen Kommunikation zu leicht, dass das Gegenüber auch ein Mensch ist. Was kann man tun, um das wieder in Erinnerung zu rufen?

Die notwendige Reaktion
Zuerst die schlechte Nachricht. Der durchschnittliche User, die durchschnittliche Userin ist relativ wehrlos. Die wirkliche Verantwortung liegt bei den WebseitenbetreiberInnen, gegen die Rüpel und Schreihälse vorzugehen. Sie geben schließlich die Rahmenbedingungen vor – doch zu oft kümmern sie sich zu wenig und machen es den Rüpeln auch technisch zu leicht.

Internetforen haben sich seit den 1990er-Jahren nicht wesentlich weiterentwickelt. Besuche ich heute ein Onlineforum, sehe ich meistens ganz oben den neuesten Kommentar. Diese chronologische Reihung hilft vor allem jenen, die gar nicht diskutieren, sondern nur die anderen zuquatschen wollen.

Postet jemand hundert Mal in einem Forum, etwa darüber, wie bösartig die Feministinnen doch sind, dann wird diese Person hundert Mal an erster Stelle erscheinen. Wenn ich jedoch nur ein einziges Mal poste, weil ich nur eine einzige Sache zu sagen habe, dann lande ich nur einmal ganz oben an erster Stelle. Aber heißt das denn, dass meine Meinung hundert Mal weniger wert ist als die Meinung des anderen, der auf Teufel komm raus postet?

Insbesondere AntifeministInnen nutzen diese Mechanik, um Stimmung zu machen. Sie lehnen die Gleichstellung von Frauen und Männern ab, meinen sogar, wir würden bereits in einer Herrschaft der Frauen, der sogenannten Femokratie, leben. Also texten sie in Zeitungsforen alle anderen zu und schimpfen so lange über Feminismus, bis niemand mehr mit ihnen diskutieren will. Widerspricht ihnen keiner mehr, werten sie das als rhetorischen Sieg. In Wahrheit ist es jedoch eine Zermürbungstaktik, die leider viel zu oft funktioniert. Dabei gäbe es genug praktikable Lösungsansätze.

Fünf Tipps gegen den Hass
1. Eine andere Reihung ist möglich: Statt immer den neuesten Kommentar einzublenden, kann man nach inhaltlichen Kriterien vorgehen. Das Onlinemedium Gawker tut dies bereits. Es zeigt zuallererst jene LeserInnenkommentare an, mit denen die Autorin des Texts interagiert hat, das heißt, entweder auf diese Postings geantwortet oder diese weiterempfohlen hat. Ziel dabei ist, jene Diskussionen hervorzuheben, die für einen Großteil des Publikums am interessantesten sind. Wer hingegen alle Kommentare sehen will, kann sich weiterklicken und dann alles sehen.

2. Die Community einbinden: Gawker wendet einen weiteren cleveren Trick an. Die UserInnen moderieren ihre eigene Debatte. Wer einen Artikel auf Gawker kommentiert und darauf Antworten erhält, kann diese aus der eigenen Diskussion ausblenden. Man hat somit die Macht über die Debatte, die man selbst losgetreten hat. Gleichzeitig motiviert das die anderen UserInnen, zueinander freundlich zu sein, denn sie wissen, sie werden sonst ausgeblendet.

3. Klare Regeln vorgeben: Onlinemedien sollen Verantwortung für die Tonalität in ihren digitalen Räumen übernehmen und erklären, welches Diskussionsniveau erwünscht ist. Ein gutes Beispiel ist Zeit Online. 16.000 Kommentare erscheinen in der Woche auf www.zeit.de, sie alle werden von der 14-köpfigen Community-Redaktion gelesen.

Wird ein Kommentar entfernt, ist die Begründung für alle sichtbar. Gleichzeitig hat Zeit Online eine sehr klar formulierte Netiquette, in der alle nachlesen können, welche Debatte gewünscht ist. Diese Transparenz ist wichtig, damit NutzerInnen auch dazulernen können und verstehen, warum eines ihrer Postings gelöscht wurde. Das Gute an einer strengen Moderation: Die wirklichen Rüpel verlassen relativ bald das Forum, weil sie merken, dass sie mit ihren Anfeindungen nicht durchkommen.

4. Auch SchreiberInnen haben Macht: Es hat eine ungeheure Wirkung, wenn man sich als AutorIn eines Texts in die Debatte einmischt. David Schmidt, Community-Redakteur von Zeit Online, sagt: „Sobald irgendein Mitglied der Redaktion, sei es auch nur ein Moderator, einen Kommentar verfasst, beruhigt sich jede Debatte. Zumindest ein Stück weit, zumindest eine Zeit lang. Ich glaube, es liegt daran, dass die Leser erst einmal vor diese Wand gestellt sind. Die Seite wirkt irgendwie kalt, unmenschlich, das ist ein Produkt. Das lese ich und dann fange ich darüber an zu zetern. Sobald da aber ein Mensch ist, der sagt, dass er sich Gedanken dazu gemacht hat, gehe ich ganz anders damit um.“ Das hängt eben auch mit der Unsichtbarkeit im Netz zusammen. Wer sich einbringt, erinnert die LeserInnen daran, dass man selbst auch nur ein Mensch ist.

5. Lach mal: Humor hat etwas unheimlich Entwaffnendes. Wenn man eine kecke Antwort auf einen frechen User hat, muss der – wenn man Glück hat – schmunzeln und schreibt vielleicht sogar: „Touché, damit hab’ ich jetzt echt nicht gerechnet.“ Gleichzeitig ist Humor eine gute Möglichkeit, die Skurrilität manch eines Hasspostings aufzuzeigen.

Genau das machen einige Betroffene bereits: Die Wissenschaftsbloggerin Emily Graslie beispielsweise nahm ein Video über all die herablassenden Postings und E-Mails auf, in denen sie sexistisch verspottet wird. Obwohl diese Wortmeldungen furchtbar klingen, sind derartige Videos befreiend, weil sie den Hass in all seiner Lächerlichkeit vorführen.

Den Trick, VerschwörungstheoretikerInnen und Rüpeln möglichst skurril zu antworten, wenden seit Kurzem einige Medien an. Zum Beispiel schreibt ein User auf der Facebook-Seite von Spiegel Online: „Sachen die mir egal sind: 1. ausländische Zeckenpresse 2. Sack Reis in China 3. (Edit: Das Überleben von) Spiegel Online“. Das Medium antwortet: „Sachen, die uns langweilen: 1. ‚XYZ‘-Presse 2. Sack-Reis-Witze 3. Listen“. Das ist nicht nur unterhaltsam, es zeigt den Problembären auch, dass sie so lange nicht ernstgenommen werden, bis sie etwas Ernstzunehmendes zu sagen haben.

Ingrid Brodnig ist Redakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins ­„Profil“ und hat das Buch „Der unsicht­bare Mensch. Wie die Anonymität im Internet die Gesellschaft verändert“ verfasst.


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