„Sexualisierte Gewalt und Eyeliner sind beide Teil des Frauseins.“

Lena Dunham ist eine der wichtigsten popkulturellen Figuren der vergangenen und kommenden Jahre. Jetzt startet die neue Staffel „Girls“ in Deutschland. Ein Treffen in Berlin.

Von Katrin Gottschalk

„Auf Hannah! Die den nächsten Schritt geht – in einer Aneinanderreihung wahlloser Schritte.“ Hannah bleibt die Feierlaune im Halse stecken. Der zynische Redner: ihr Freund Adam. Beiden gegenüber sitzen die peinlich berührten Eltern im schicken Restaurant. Die vierte Staffel „Girls“ beginnt mit einem Abschied. Hannah Horvath, Hauptprotagonistin der Serie, verlässt New York, um in Iowa das Schreiben zu lernen. Mit einem fast identischen Setting begann vor drei Jahren die Geschichte von vier Freundinnen in der Mitte ihrer Zwanziger. Da saß Hannah mit ihren Eltern beim Essen, als ihr die elterliche Finanzversorgungsschnur gekappt wurde. Die „wahllosen Schritte“ von da bis hier – ein Millionenpublikum haben sie seither mitverfolgt.

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Stößchen auf die Zukunft. (Filmstill: Turner Broadcasting)

Als Lena Dunham Anfang Dezember die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin betritt, bricht der ausverkaufte Saal in Jubel aus. Es ist die Promotour zu ihrem Buch „Not That Kind of Girl. Was ich im Leben so gelernt habe“ (S.Fischer) – und das interessiert. Menschen weltweit verfolgen die Serie, in der Dunham Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin zugleich ist. Wenn der Theaterraum hier repräsentativ ist, dann sind das vor allem junge, großstädtisch-hippe Frauen.

Also ungefähr solche, wie sie auch in „Girls“ durch die Welt schreiten und nach einer Art Zukunft suchen. Und zwar eine, deren Wert kein finanzieller Erfolg ist, sondern eher eine Art intellektuelle Unsterblichkeit. Wie diese aussehen soll, ist im besten Sinne diffus. Konkretes Handeln wird von intensivem Reden ersetzt.

Für Dunham ist das typisch an jungen Frauen in den Zwanzigern: „Sie versuchen einfach herauszufinden, was sie tun möchten.“ Und das ist wiederum typisch für Lena Dunham: dass sie glaubhafte Pauschalaussagen über Menschen macht, zu denen sie im Prinzip auch gehört und es gleichzeitig so gar nicht tut.

Leben im Zeichen der Prokrastination

Dunham ist mit ihren 28 Jahren längst nicht mehr dabei herauszufinden, was sie will. Sie macht es. „Der Unterschied ist: Um erfolgreich zu sein, musst du tatsächlich arbeiten.“ Das sei der Unterschied zwischen ihr und Hannah Horvath, erzählt Dunham in Berlin. Ein einfacher, ein logischer Satz, der in seiner Tragweite aber einmal ausgekostet werden muss. Er zieht eine scharfe Trennlinie.

Während Hannah Horvath ein Leben im Zeichen der Prokrastination führt, arbeitet Lena Dunham hart. Und dabei geht sie strukturiert vor: „Meine Tage sind zwar sehr unterschiedlich, aber ich versuche immer sicherzustellen, dass ich Zeit zum Schreiben habe, Zeit um Popkultur zu konsumieren, Zeit für Geschäftliches wie E-Mails schreiben oder telefonieren, Zeit zum Meditieren, Zeit für meine Familie, Zeit für meine Freunde. Und das, egal wo ich bin oder was ich mache.“

Ein Tag nach ihrem Auftritt im Deutschen Theater sitzt die Frau, deren nackter, nicht der Schönheitsnorm entsprechender Körper eines der zentralsten Fernsehereignisse der letzten Jahre ist, in einer großen Hotelsuite. Dunham trägt ein mit grünen Äpfeln bedrucktes Kleid und gibt ihrer Interviewpartnerin bei jeder Frage das Gefühl, das sei die beste, die sie je gestellt bekommen habe. Amerikanische Manieren. Hier sitzt keine, die mal eben mit einer guten Idee weltberühmt geworden ist, sondern eine straff durchorganisierte und zugleich absolut charmante Business-Frau.

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Fauler als Lena Dunham: Hannah Horvath in „Girls“ (Filmstill: Turner Broadcasting)

Als „Girls“ 2012 auf dem amerikanischen Sender HBO startet, ist Lena Dunham 25 Jahre alt und hat mit „Tiny Furniture“ (2010) bereits einen gefeierten Spielfilm hingelegt. An dessen Ende steht ein Dialog zwischen der Hauptfigur Aura, gespielt von Dunham selbst und ihrer Mutter, gespielt von Dunhams Mutter, der Künstlerin Laurie Simmons. Aura: „Ich möchte so erfolgreich sein, wie du.“ Mutter: „Du wirst erfolgreicher sein, glaub mir.“

Mittlerweile verdient Dunham laut Forbes 3,5 Millionen Dollar im Jahr, gehört laut „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, hat zwei Golden Globes gewonnen und sorgt fast jede Woche für eine Nachricht. Zum Beispiel, als sie schon im Januar auf einem Foto unter dem Hashtag #freethenipple (Befreit den Nippel) oben ohne gegen die Bildpolitik von Instagram protestierte. Instagram ist eines der vielen sozialen Netzwerke, auf denen Dunham dauerpräsent ist.

Hier teilt sie Fotos von ihrem Hund Lamby, von einer Torte, auf der in Glitzerschrift „No time for fuckboyz“ steht, von dem Buch „Men explain things to me“ von Rebecca Solnit, eine Nahaufnahme ihrer Haarflechttechnik, Leute die T-Shirts der Frauengesundheitsorganisation Planned Parenthood tragen. Diese Pinnwand zeigt die thematische Weite der Dunham-Welt. Was diese in ihrem Innersten zusammenhält ist ein ebenso bekanntes Bündel an Neurosen, das sie schon immer aus Prinzip auf den Tisch packt – oder eben zwischen zwei Buchdeckel.

Physischer und emotionaler Striptease

Im Gegensatz zu „Girls“, in dem zwar die Hauptprotagonistin vor sich hin dümpelt, die Geschichte aber relativ dicht erzählt wird, ist „Not That Kind of Girl“ eher eine luftige Sammlung verschiedener Anekdoten, die in den meisten Fällen eine Auseinandersetzung mit dem männlichen Blick beinhalten. Wie ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, ohne sich bestimmten Vorstellungen von Attraktivität anzupassen? Wie viel Selbsthass kann eine junge Frau ertragen? Mit wie vielen Ängsten kann man lernen zu leben?

Der physische und emotionale Striptease sind integraler Bestandteil von Dunhams Arbeit. Was Verstecktes angeht, halte sie es mit den anonymen Alkoholikern: „Du bist nur so krank wie deine Geheimnisse.“ Demnach muss Lena Dunham ein sehr gesunder Mensch sein. Es macht sie aber auch angreifbar.

Zum Zeitpunkt des Interviews in Berlin läuft im Netz, mal wieder, eine Hass-Kampagne gegen sie. Journalisten haben sich auf die Suche nach „Barry“ gemacht – den Mann also, den Dunham in ihrem Buch als ihren Vergewaltiger beschreibt. Natürlich wurde der Name geändert. Natürlich soll hier niemand diffamiert, sondern ein Trauma beschrieben werden. Behutsam. Erst beschreibt Dunham Barry als einen von vielen aus ihrem College, als einen der Männer, mit denen sie wenig glorreiche Sexgeschichten verlebt hat. Dann folgt ein eigenes Kapitel zu Barry. Und das Bewusstsein, dass das kein Sexabenteuer war, sondern eine Gewalttat.

Wo ist der Haken?

„Mir war es wichtig zu zeigen, auf wie viele Arten sich Frauen ein und dieselbe Geschichte erzählen können. In dem einen Moment kommt es dir einfach wie eine peinliche Lappalie vor, in dem anderen siehst du die traumatische Dimension dahinter.“ Es ist eine der stärksten Stellen des Buches, das manche Weisheit hinter Geplauder versteckt. Und genau dahin gehört für Dunham auch die Geschichte einer Vergewaltigung: „Sexualisierte Gewalt und Eyeliner sind beide Teil des Frauseins.“ Dunham bezeichnet sich als Feministin und zitiert ganz nebenbei die Frauenrechtlerinnen Audre Lorde oder Kate Millett.

Zusammen mit ihrer Schwester Grace bietet sie Schreibworkshops für junge Mädchen an und unterstützt eine Organisation für sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Wo ist bei dieser scheinbar perfekten Kombination der Haken? Die letzte Staffel „Girls“ war etwas schwach, hatte ihre Längen. Schade ist auch, dass andere sexuelle Orientierungen nur in Form eines „Quoten-Schwulen“ auftauchen oder kaum nicht-weiße Charaktere in der Serie vorkommen. Letzteres ist seit der ersten Staffel ein konstanter Kritikpunkt. Gerade für eine Geschichte, die in Brooklyn spielt.

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Hat eine der interessantesten Rollen in der neuen Staffel: Desiree Akhavan (rechts, Filmstill: Turner Broadcasting)

„Die Arbeit von Männern wird immer in einen größeren Zusammenhang als nur das Private gestellt, als Kulturkommentar verstanden. Nur jungen Frauen wird unterstellt, sie seien einfach zu blöd gewesen, an bestimmte Sachen zu denken. ‚Girls‘ ist ein Kommentar darauf, was mit jungen Leuten passiert, die zu viele Optionen haben und zu wenig von der Welt wissen“, sagt Dunham.

„Girls“ zeigt nicht Dunhams Welt. Und Hannah Horvath war nie Dunham. In der dritten Staffel ist klar geworden, dass der Hannah-Charakter gar nicht darauf angelegt ist, sympathisch zu sein, sondern immer etwas zu narzisstisch, etwas zu dramatisch, etwas zu plump. Oft tut es weh, Hannah Horvath zuzuschauen, deren Selbstwertgefühl immer noch ein bisschen tiefer sinken kann, als man es für möglich hält. Und es ist die Stärke der Autorin Dunham, dass auch Hannahs Neurosen liebevoll komponiert sind und so abstoßend und anziehend zugleich sind. Darin steckt dann doch viel von Lena Dunham.

Auch in Adam, der mit seinem Toast im Restaurant den Pathos aus Hannahs Glück nimmt, an einer der bekanntesten US-amerikanischen Schreibschulen angenommen worden zu sein: „Wie seltsam unsere Reise durch das Leben ist. Wir versuchen es mit Bedeutung zu füllen, aber letztlich besteht es einfach aus Tagen, die vorbei ziehen.“ Hier spricht Lena Dunham.

Im Prinzip ist das Fazit einfach: Diese Frau ist nicht zu unterschätzen. Nicht ihr Wissen, nicht ihr Können, nicht ihre Abgebrühtheit, nicht ihre Geschäftstüchtigkeit. Dass genau das aufgrund ihres Alters, ihres Geschlechts, ihrer bunten Kleider und ihrer Offenheit immer wieder passieren wird, damit könne sie mittlerweile leben. „Es wird immer Menschen geben die denken, ich wäre nicht schlau genug. Besonders Männer lieben es, Frauen zu sagen, dass sie falsch liegen. Es ist ihre Lieblingsbeschäftigung.“

Es folgt noch eine kurze Anekdote von ihrem Verlobten, der wiederum sie ertragen müsse, die immer Recht haben wolle, dann ist das Interview vorbei. Hier beginnt das Leben der Lena Dunham außerhalb des Scheinwerferlichts. Hier beginnen die wahren Geheimnisse dieser Frau. Und hier endet der Blick von außen.

Die fünfte Staffel „Girls“ wird zur bis zum 17. April in den USA ausgestrahlt.


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