No Love for an Alienation

Alle Geschichten sind auserzählt? Von wegen. Unser*e Kolumnist*in würde gerne Pferdefilme von Pferden sehen.

28.02.16 > Tove Tovesson
Profilfoto Tove Tovesson

Tove Tovesson

Geboren 1986 in der Nähe von Frankfurt. Studium der Sonderpädagogik und Angewandten Ethik im Ruhrgebiet und in Thüringen. Ein Jahr Landleben bei Hamburg, nun Berlin. Twittert unter @nichtschubsen. Patronus: Seekuh.

Alle Geschichten sind bereits erzählt. Alles ist bereits gesagt, nur noch nicht von jedem. Das sind Sätze, mit denen der Kulturbetrieb in seine eigenen Schranken weist. Für mich selbst bedeutete das eine Weile, mich unreflektiert durch einen eurozentrischen, weißen, oft hetero-männlichen, klassistischen Kanon zu quälen, der sich selbst als neutral und gleichzeitig normativ inszeniert. Er ist alles, was zu sagen ist. Mehr menschliche Erfahrung gibt es nicht.

Ich liebe für das Gefühl, das meinen Bezug zu diesem erhörten Kanon überwiegend bestimmt, den englischen Begriff alienation, also eine Befremdung und Fremdheit, die schon nicht mehr von dieser Welt ist. Der Kanon repräsentiert viele Identitäten nicht. Die gute Nachricht: Dieser Kanon ist nicht die ganze oder einzige Welt. Auch Aliens haben ein Zuhause. Mel Gillman schreibt: „Die Aussage ‚Alle Geschichten sind bereits erzählt‘ fällt ziemlich schnell in sich zusammen, wenn wir nicht mehr davon ausgehen, dass weiße Männer immer der Inbegriff von Urheberschaft sein werden.“

© Tine Fetz
Es gibt viele Geschichten – nur werden manche mehr und manche weniger gehört. © Tine Fetz

Es gibt sie ja, die Kulturproduktion jenseits des oben genannten Kanons. Sie wird dann jedoch nicht als „menschlich“ und allgemeingültig anerkannt, sondern in ihrer Reichweite auf bestimmte Gruppen reduziert. „Frauenliteratur“, „race music“ (als Ursprung des Rock’n’Roll) und dergleichen sind negativ konnotierte Bezeichnungen, die auf Nischen verweisen. Dies folgt aus einem „Kulturmuster, [in dem] »Männerliteratur« so sehr Status Quo ist, dass sie als Genre gar nicht erst so betitelt werden muss“, schreibt Nadia Shehadeh in einem Text über das Stigma weiblicher Urheberinnenschaft.

Die Aussage, alle Geschichten seien bereits erzählt, ist in erster Linie eine Abwertung aller Identitäten, die Repräsentation nur in Nischen finden. Repräsentation bedeutet, sich affirmativ in Beziehung setzen zu können, Selbstlegitimierung im Außen zu finden. Die Allgegenwärtigkeit bestimmter Repräsentationen und das Fehlen anderer wirken daher normativ: So sollst du sein. Es gibt nichts anderes. Privilegierte Autor_innenschaft erkennt leider nicht die unglaubliche Beschränktheit, die darin zum Ausdruck kommt, und maßt sich sogar noch an, marginalisierte Identitäten angemessen zu behandeln, indem sie als Sidekicks verwurstet werden. Man könnte das Inklusion nennen, das Problem an Inklusion ist jedoch, dass nicht an Machtgefügen gerüttelt wird. Ich darf jetzt Sidekick sein, aber meine eigene Geschichte ist das immer noch nicht.

Das Schöne an Marginalisierung ist jedoch, dass Solidarität unglaublich leicht fällt: Es muss nicht jede Geschichte meine sein, Hauptsache, es ist nicht eine weitere Geschichte, die die Existenz von irgendwas außer ihrer selbst leugnet,

indem sie in die ewig gleichen Kerben haut. Stichwort: Beyoncé. An vielen Stellen bin ich ja selbst privilegiert und kann Raum für die Repräsentation anderer geben. Ihre Vielfalt relativiert die Macht privilegierter Erzählungen. Es geht nicht darum, mich in einem Machtgefälle zu behaupten, sondern das Gefälle, das auf viele Menschen vielschichtiger wirkt als auf mich, selbst anzugreifen.

Anthony Mackie sagte kürzlich in einem Interview, er denke nicht, dass ein Film mit einem Schwarzen Protagonisten eine Schwarze Person als Regisseur_in brauche. Es habe schließlich auch kein Pferd Regie beim Film „Seabiscuit“ geführt. Es reiche, sich gut in die Geschichte anderer hineinversetzen zu können. (Quentin Tarantino gefällt das.) Diese Aussagen ließen sich leicht mit Verweis auf kulturelle Aneignung durch Weiße entkräften. Aber stellt sich angesichts des monochromen Mainstreams nicht schon intuitiv die Frage, wie großartig dieser Film geworden wäre?! 10/10, would watch.


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