Jung, auf der Suche und Schwarz

Die gefeierte Webserie „Polyglot“ beschreibt das Leben in Berlin. Missy traf Amelia Umuhire zum Interview.

29.02.16 > Film & Serien

Von Nina Scholz

Amelia Umuhire ist 24 Jahre alt, lebt in Berlin-Kreuzberg und ist Regisseurin einer im Netz erfolgreichen Webserie. In „Polyglot“ geht es um das Leben in der Großstadt und das Leben zwischen verschiedenen Orten – geografischen und gefühlten. Amelias Schwester Amanda spielt darin die Hauptrolle, andere Verwandte und Freunde haben Nebenrollen übernommen.

Die erste Folge hat Amelia spontan an einem Wochenende gedreht und im April 2015 auf Youtube hochgeladen. Und mittlerweile einige Preise mit der Web-Serie gewonnen, unter anderem wurde sie zur „Best German Webseries“ beim Webfest Berlin und „Best International Webseries“ beim Geneva International Film Festival gewählt.

Still Polyglot
„Das ist die Sache mit Europa: Kaum bist du angekommen, willst du wieder zurück.“ © Ferhat Yunus Topraklar

Amelia, seit kurzem kann man die dritte Folge Deiner Web-Serie „Polyglot“ auf Youtube sehen. Was ist alles seit April 2015 passiert?
Die erste Folge hat sich wie von selbst im Netz verbreitet und die Leute haben total begeistert darauf reagiert. Wir haben drei Preise gewonnen und liefen auf fünf internationalen Film Festivals. Ich hab auf Nachfrage der Festivals die Serie eingereicht und nicht umgekehrt wie es sonst läuft. Fremde Menschen im Internet bieten mir ihre Hilfe bei den nächsten Folgen an und meine Schwester Amanda wird auf der Straße angesprochen.

Hier in Berlin?
Ja, in Kreuzberg, aber auch außerhalb von Deutschland. Wir waren im Januar für ein Festival in London und mit der U-Bahn unterwegs, als eine Gruppe Schwarzer Mädchen reinkam, die Amanda gleich erkannt und angesprochen haben. Das hat mich total überwältigt, dass irgendwo in Europa andere Schwarze Mädchen meine Serie schauen und sich damit identifizieren können!

Die dritte Folge spielt in London und hebt sich von den ersten beiden deutlich ab. Sie ist experimenteller in der Bildsprache.
Mir war es wichtig, mich als Filmemacherin weiterzuentwickeln und mich selber herauszufordern, egal, was andere denken. Deswegen habe ich diesmal beim Schneiden eine andere Bildsprache gewählt. Bis wir in London angekommen waren, wusste ich aber noch gar nicht, worum es in der Folge gehen soll und hatte, im Gegensatz zu den ersten beiden Folgen, auch kein Skript zur Hand. Wir haben dann meinen Cousin Roger getroffen und einfach losgedreht.

Am Anfang der Folge bekommt Roger eine frustrierende Absage auf eine Bewerbung.
Ja, die wollen ihn nicht, weil die er mit 16 Jahren mal Mist gebaut hat, wie andere Teenager auch, und einen Eintrag im Führungszeugnis hat. Aber weil er Schwarz ist, ist es bei ihm eben nicht wie bei anderen. Er ist auf Grund seiner Hautfarbe verdächtig und automatisch in einem Raster drin, aus dem er nicht mehr rauskommt. In einer Szene sieht man ihn auf dem Bildschirm einer Überwachungskamera. Damit wollte ich zeigen: Roger kommt von dem Bild, das andere von ihm haben, einfach nicht los. Und irgendwann verschmilzt sein Selbstbild mit dem Fremdbild. Es fällt ihm schwer, sich von seiner Vergangenheit und dem was auf ihn projiziert wird, zu lösen.

Große Teile der dritten Folge spielen in der Londoner U-Bahn. Man spürt förmlich die Paranoia.
In den Bahnen hängen Schilder auf denen steht, dass die Menschen melden sollen, wenn sie etwas Verdächtiges beobachten. Da habe ich mich gefragt: was gilt denn überhaupt als verdächtig? Und wie schnell kann sich so etwas ändern? Bin ich schon verdächtig? Ich belausche in der U-Bahn Gespräche über Migranten. Die Leute reden da von Überflutung und beschwören geradezu apokalyptische Bilder herauf. Ich gehöre nicht zu diesem Land, das gerade Angst vor Flüchtlingen hat. Ich bin aber auch kein Flüchtling. Was bin ich also? Dieses Unwohlsein wollte ich in der dritten Folge abbilden. Deswegen habe ich auch die hektischen Schnitte gewählt.

Würdest Du sagen, dass jede Folge ein bestimmtes Thema hat?
Im weitesten Sinne geht es immer um die Frage, was ein Zuhause ist. In der ersten Folge sucht Amanda ein Zuhause, in der zweiten Folge wird ein Zuhause vermisst. In der aktuellen Folge hat Amanda durch Roger zwar ein Zuhause gefunden, aber das ist kein konkreter Ort mehr, sondern viel mehr ein Gefühl, das er mit seinen Freunden und seiner Familie herstellt.

Deswegen auch der Titel „Polyglot“?
Ja, weil „Polyglot“ mehr ist als die verschiedenen Sprachen, die die Figuren in der Serie sprechen. Sie wechseln selbstverständlich zwischen verschiedenen Kulturen und kennen es nicht anders. Das hat Vorteile, bringt aber auch eine ganze Reihe eigener Probleme mit sich.

Wird deswegen auch in jeder Folge telefoniert oder getextet?
Das Handy symbolisiert für mich die moderne Einsamkeit. Man schreibt vielleicht gerade mit sechs verschiedenen Leuten, aber trotzdem ist man alleine und keiner weiß, wie es wirklich um einen steht. Einerseits hält man mit dem Handy Kontakt, andererseits weiß der Mensch am anderen Ende oft nichts über die eigenen Lebensumstände. Oft tauscht man nur Banalitäten aus.

Still Bus
„In der Londoner U-Bahn hat eine Gruppe Schwarzer Mädchen Amanda gleich erkannt und angesprochen.“ © Ferhat Yunus Topraklar

Mir ist aufgefallen, dass Deine Serie im Ausland viel Aufmerksamkeit von renommierten Webseiten und Blogs bekommt. In Deutschland reagieren die Medien hingegen ganz schön verhalten.
In Deutschland wird fast gar nicht über uns berichtet und wenn, dann ist der Tenor oft paternalistisch. Die Serie wird hier auch eher missverstanden und in diesen „Integrations“-Kontext eingeordnet. Der Diskurs in Deutschland funktioniert einfach anders. In Großbritannien, Frankreich oder Amerika ist es ganz normal, dass Menschen aus verschiedenen Ländern kommen.

Frustriert dich das? 
Mir ist es lieber nicht beachtet als falsch verstanden zu werden. Ich interessiere mich sowieso nicht wirklich für die deutschen Medien. Die Bewegung, als deren Teil ich mich wahrnehme, findet im Internet statt und das ist auch die Szene, die ich bedienen möchte. Ich habe mit „Polyglot“ angefangen, weil ich im Netz Serien geschaut habe, in denen ich mich wiedergefunden habe, und nicht weil ich jemanden auf ZDF gesehen habe, der mir ähnlich sieht. So jemanden gibt es dort nämlich gar nicht.

Hattest Du denn Vorbilder für „Polyglot“?
Stilistisch nicht, aber thematisch schon. Webserien wie „Awkward Black Girl“ von Issa Rae oder die „Strolling“-Serie von Cecile Emeke haben mich beeinflusst. Alles Webserien, bei denen schwarze Frauen hinter und vor der Kamera stehen. So eine Serie wollte ich auch gerne drehen, aber eben mit meiner eigenen Perspektive, in Europa, in Deutschland, in Berlin.


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