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Die Kacke weißer reicher Männer von Toiletten schrubben…

…oder warum ich nie vergessen werde, woher ich komme.

29.02.16 > Kommentare

Von Leyla Yenirce

Meine Mutters Arme sind stark. In ihrer rechten Hand hält sie den Wischmob, mit dem sie seit über 20 Jahren den Fussboden einer Fotoentwicklungsfirma blank poliert und mit der anderen schmiert sie jeden Morgen Schulbrote für ihre beiden Söhne. Ihr Gesicht ist noch jung aber gekerbt von Jahren harter Arbeit und Chlorgerüchen, die sich in der Haut absetzen. Ihre Arbeit zahlt sich in ihrer Rechnung aber aus; als Tochter einer Putzfrau gehe ich zur Uni genau so wie die Kinder unserer weißen Nachbarn.

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„Das Wegkratzen der Scheiße von reichen Männern hat mich mich unabhängig gemacht.“ @ Diane Haeffner

Dass ich als Kanackin so erfolgreich den Aufstieg in die akademische Klasse geschafft habe, bedeutet aber nicht, dass wir plötzlich in einer klassenlosen Gesellschaft leben, sondern lediglich, dass ich mir vier Mal mehr den Arsch aufreiße musste. Beziehungsweise das reinigen musste, was aus den Ärschen anderer raus kommt.

Mit 14 hatte ich meinen ersten Job; kleinen nörgelnden 6. KlässlerInnen Nachhilfe in Deutsch und Englisch geben. Mit Sprache konnte ich schon immer ganz gut. Scheiße heißt auf Englisch shit, auf Französisch merde. Mit 15 mein erster Putzjob, neun Euro die Stunde, zwei Stunden die Woche gleich 90 Euro Taschengeld im Monat. Mit 16 dann der Kassenjob jeden Samstag, Edeka, sechs Euro fünfzehn die Stunde. Während meines Abis zusätzlich noch Babysitten. Vier Jobs, einen für jedes meiner Prüfungsfächer.

Ich war Workaholic noch bevor ich was von neoliberaler Kack-Kapitalismus-Scheiße verstand. Aber Scheiße verstand ich sehr gut, die habe ich sorgfältig von Toiletten weggekratzt, auf denen sich weiße, fertig studierte, reiche Männer gesetzt haben. Aber das ist voll o.k., weil genau diese Scheiße mich unabhängig gemacht hat. Und eben dieselbe Scheiße das Porto für Bewerbungen gezahlt hat, die mich immer weiter weg von der Scheiße bewegt haben. Und ich hab das alles geschafft.

Vier Jobs, eins für jedes meiner Prüfungsfächer.
Drei Gehälter gingen an meine Mutter, eins an mich. Als die Toiletten dann sauber waren, konnte ich für meine Prüfungen lernen, um am Ende ein Abi zu erreichen, das sich sehen lässt für eine Person, die intersektional wahrscheinlich in der Mitte liegt; Frau, Migrantin, ArbeiterInnenkind. Nach der Schule kam mit dem Beginn des Studiums dann die Emanzipation von dieser Herkunft. Klobürste bei Seite gelegt, Identität dekonstruiert, Stipendium mit 300 Euro Büchergeld kassiert, keine vier Jobs mehr, nur noch ein Studium (krass, noch nie so viel Zeit gehabt), Seminare in teuren transparenten Glasgebäuden, hochschulpolitisches Engagement, Syntax ohne Kommata-Fehler …..und Zuhause?

Immer noch dreckige Toiletten, immer noch reiche Männer, die die Toiletten vollkacken, die meine Mutter putzen muss. Aber das ist auch o.k., denn sie ist zufrieden. 800 Euro Netto mit denen sie bei Aldi Hähnchenschenkel und ihren Söhnen hübsche V-Schnitt Pullis aus dem H&M-Sale kaufen kann. Die Mitarbeitenden sind nett, sie mögen die türkische Putzfrau, die jeden morgen ihre Brotkrümel vom Boden saugt und eigentlich Kurdin ist aber das spielt keine Rolle, solange der Müll rausgebracht ist. Und was sagt diese Frau?

Sie ist glücklich, dass ihre Tochter nicht in ihre Fußstapfen treten muss, sie erzählt ihrem Chef im schicken Anzug stolz, dass sie Studentin ist. Sie muss keine Toiletten putzen, nein sie fährt zum Kongress junger Medienmacherinnen und hält einen Vortrag über Diversity im Journalismus, um am Ende die Toiletten vollzukacken, die eine andere Mig-rantin-Mutti dann sauber machen darf. Aber das hat sie sich verdient, sie hat ja früher schließlich auch Toiletten geputzt.

Zu Beginn ihres Studiums sagt ihr fürsorglicher großer Bruder – der 588 Euro seines Ge-tränkemarkt-Gehalts an die Mutter, die anderen 12 Euro für sich behält – dass sie nicht abheben solle in der akademischen Szene mit den ganzen Intellektuellen und Spießern.

„Never Forget where you come from, Schwester.“
„Ne keine Angst, das wird nicht passieren. Denn so lange meine Ma’ noch in der Scheiße wühlen muss, gibt es keinen Aufstieg für sie und gefühlt auch keinen für mich.“ Denn mit der Scheiße muss ich mich erst dann nicht mehr konfrontieren, wenn ich den Kontakt zu meinem Elternhaus, zu meiner Herkunft, zu den dreckigen Toiletten abbreche. Dann kann ich so tun, als hätte das in meinem Leben keinen Platz. Aber nein, es ist gut für meinen Charakter, für meine Schreibe, weil ich verstehen kann, warum Murat hässliche Fotze sagt und damit eigentlich nur „dumm“ meint.

Vielleicht mache ich ja irgendwann so viel Geld, dass meine Mutter nicht mehr putzen gehen muss und ich ihr die 800 Euro zahlen kann. Aber auch das löst nicht das Problem. Weil ich a) nicht so viel Geld im Kulturbusiness verdienen werde, b) auch gar nicht so viel Geld verdienen möchte und c) meine Mutter ohne Job nicht glücklich ist.

In zwei Generationen gibt es dann keine Putzfrauen mehr in der Familie, die AkademikerInnen haben sich dann durchgesetzt und meine Enkelin hatte eine Autorin als Großmutter. Ein Leben ohne Scheiße. Das klingt schön, aber ist trotzdem traurig, weil es nicht gut machen wird, dass Urgroßmutter das nie hatte, aber sie wird in ihren Träumen daran denken, wie ihre Töchter das haben werden.

Es ist ein schweres Erbe, die Träume einer Generation ausleben zu müssen, ihnen gerecht zu werden, sie angemessen auszufüllen. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir das überhaupt möchten; auf der anderen Klassenseite stehen, um andere zu beobachten wie sie für uns sauber machen. Die dreckigen Toiletten werden immer noch von Frauen geputzt, die nicht mehr wir selbst sind aber die wir mal waren. Über den Aufstieg sind wir stolz aber er fühlt sich nicht vollständig an. Es ist wahrscheinlich wie Masta Ace sagen würde, „the same old routine, but it never gets old“.


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