„Ich will das ganze Paket“

Shida Bazyar schreibt in „Nacht ist es leise in Teheran“ über eine Familie in Zeiten politischer Umbrüche.

Von Mina Rahbari

Wie stark politische Umbrüche am Schicksal einer Familie zerren können, zeigt die Autorin Shida Bazyar in ihrem Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“. Vier Personen erzählen im Abstand von zehn Jahren über das, was sie gerade politisch und privat beschäftigt, manchmal vermischen sich diese beiden Ebenen zu einer einzigen.

@ Joachim Gern
Führt ein Doppelleben zwischen Autorinnendasein in Berlin und Halbzeitsjob als Bildungsreferentin in Brandenburg: Shida Bazyar. @ Joachim Gern

Es beginnt mit Behsads Aktivismus im Jahr 1979: Verschiedene Gruppierungen agieren im Untergrund gegen das korrupte Schah-Regime, darunter auch Behzad und sein bester Freund Sohrab. Als die Islamische Revolution sich nicht im Sinne des Kommunisten durchsetzt, zeigt sich sehr schnell, dass ein sicheres Leben für ihn und seine junge Familie in diesem Land nicht mehr möglich ist. Ein paar Jahre später flieht er mit seiner Frau Nahid und zwei Kindern nach Deutschland.

1989, zwei Jahre nach der Ankunft in der BRD, erzählt sie von dem Einfinden in der monotonen Kleinstadt, vom nächtlichen, hoch konzentrierten Verfolgen der Nachrichten aus dem Iran, den Sorgen um ihre Kinder und dem Gefühl von Einsamkeit.

Wieder zehn Jahre später fliegen Nahid und ihre Töchter Laleh und die nun dazugekommene Tara nach Teheran. Die mittlerweile 15-jährige Laleh trifft ihre Familie wieder, beantwortet unzählige Fragen, trifft Menschen in ihrem Alter im Kafishap, beobachtet die Modernität und den Wandel des Landes, spürt die Hybridität ihrer kulturellen Identität und die Entfremdung.  Aber von was genau eigentlich?

Als Lalehs jüngerer Bruder Mo im Jahr 2009 zwischen den Protesten gegen Ahmadinedschads Wahlbetrug im Iran und dem Bildungsstreik in Deutschland mit seinem Leben als verpeilter Student kämpft, kommt vor allem das Gefühl der Überforderung hervor. Gepaart mit Überheblichkeit und Sturheit zeigt er vor allem, dass das Aufwachsen in der Diaspora nicht nur zu einem wütenden Dauerzustand und hoher Sensibilität für politische Themen führen kann, sondern dass die Umgänge so verschieden wie die Menschen sind.

In einem Kafishap in Neukölln traf Missy die Autorin auf einen Chai Latte mit Sojamilch zum Gespräch.

Missy: In Ihrem Roman stellen Sie sehr deutlich dar, wie unterschiedlich die einzelnen Figuren den politischen Wandel im Iran wahrnehmen. Können Sie Sich in eine der Perspektiven besonders gut wiederfinden?
Shida Bazyar: Ich habe beim Schreiben versucht, mich so weit wie möglich zurückzunehmen. Nicht, weil ich so selbstlos bin, sondern eher, weil das Schreiben mehr seinen Lauf nimmt, wenn ich die Figur einfach spielen lasse. Ich weiß ja auch vorher gar nicht, was passiert, und versuche beim Schreiben die Figur zu finden, sie selbst denken und wirken zu lassen. Dabei habe ich so wenig wie möglich über mich selbst nachgedacht. Was mir am ehesten entspricht, ist die Haltung der Frauen im Jahr 2009, ohne dass es Alter-Egos von mir wären. Sie sind in ihrer Denke einfach etwas radikaler und kritischer als die anderen Figuren.

Und Mos arrogante Sicht auf deutschen studentischen Aktivismus?
Ich glaube, ich bin nicht so genervt oder so abschätzig wie Mo. Ich war 2009 selbst beim Bildungsstreik dabei und dachte über diesen merkwürdigen Umbruch nach. Was machen wir hier eigentlich, was passiert währenddessen im Iran? Die Sachen, die Mo sieht, sehe ich schon auch, und ich bin oft genug wütend und genervt. Mo hat aber eine andere Haltung dazu, eine Mischung aus Arroganz und Verdrossenheit. Dahin kann man auch verfallen, dem gebe ich mich aber nicht so gerne hin.

Denken Sie, dass Mos Ablehnung auch an seinen männlichen Privilegien liegen kann? In aktivistischen Zusammenhängen ist es schließlich häufig der Fall, dass Frauen einen großen Teil der Reproduktions- und emotionalen Arbeit leisten, gleichzeitig von Gesetzen und Missständen stärker betroffen sind – und vielleicht deshalb auf politische Veränderungen stärker reagieren?
Das sehe ich auf jeden Fall auch so. Ich habe schon viele politische Ansichten, bei denen es mir wichtig war, dass sie im Roman rauskommen. Ich glaube, darunter sind aber auch viele Beobachtungen, die ich nicht benannt habe, wie eben diese. Mo ist auf jeden Fall jemand, der sich gerne zuarbeiten lässt und von solchen Männern kenne ich auch genug (lacht).

Ihnen gelang es besonders gut, politische Positionierungen einzubringen, ohne Pamphlet-artig zu werden. War das eine große Herausforderung?
Das war auf eine Art total schwer. Einerseits ließ ich ja die Figuren handeln und war nicht so präsent, andererseits habe ich ja meine eigene Stimme, die mir ganz wachsam Alarmsignale aussendet. Mir ist es am Anfang schwer gefallen, beim Schreiben nicht zu gendern. Aber klar sagt Mo nicht ‚Student*innen’ oder ‚Studierende’, sondern die ‚Studenten’. Das geht mir gar nicht mehr so einfach über die Hand, muss es aber beim Schreiben.

Shida_Bazyar_Nachts-ist-es-kalt-in-teheranShida Bazyar
„Nachts ist es leise in Teheran“, KiWi, 288 S., 19,99 Euro.

Sie sagen, Sie wussten am Anfang nicht, wo die Erzählung hinführt. Was war Ihr Grundgerüst?
Mein Grundgerüst waren die vier Jahrzehnte. Ich wusste, ich wollte die ganze Geschichte erzählen und nicht nur die von einer Generation, ich will das ganze Paket. Ich wusste auch, dass es schwierig ist, das zu bündeln. 1979 und 2009 liegen sehr klar, die Zwischenetappen musste ich dabei noch finden. In der Geschichte fügen sie sich dann sehr gut ein, das war das Gerüst, mit dem ich angefangen habe. Was für eigene Geschichten sie mitbringen, war mir noch gar nicht klar. Die Übergeschichten entstanden dann beim Schreiben.

Hatten Sie eine spezifische Inspirationsquelle für Ihre Geschichte?
Als ich das Kapitel über 2009 geschrieben habe, war gerade 2011. Da hatte ich viel Kontakt zu Menschen, die sehr rassismuskritisch waren und einen empowernden Blick auf sich selber hatten. Das war für mich sehr wichtig und ein großer Einschnitt. Ich konnte wahrnehmen, dass wir in einer rassistischen Gesellschaft leben und dass die Geschichten, die unsere Eltern mitgebracht haben, auch Ressourcen sind, die man schöpfen kann, die aber nicht anerkannt werden von der Gesellschaft, in der klar vorgegeben ist, welche Geschichten eine Rolle zu spielen haben und wie sie rezipiert werden. Das hat mich schwer bewegt, deshalb wollte ich das unbedingt im Roman haben.

Der verschiedene Umgang mit Rassismuserfahrungen in der Diaspora kommen auch sehr gut durch. Die Mutter Nahid findet es schon suspekt, dass ihre Freundin Ulla so von dem Roman „Nicht ohne meine Tochter“ schwärmt, ist aber nicht so verdrossen wie ihr Sohn Mo oder so wütend wie ihre Tochter Tara, die am radikalsten ist.
Das war mir auch wichtig, weil ich das auch selber wahrnehme. Wenn ich mit meinen Eltern über Rassismuserfahrungen spreche, frage ich mich, warum sie nicht total sauer sind und ich schon. Wenn ich höre, was sie erleben, explodiere ich fast und es dauerte, bis ich verstand, warum sie es nicht tun. Ich habe mich zur Recherche auch viel mit Migration auseinandergesetzt und verstand, dass diese Generation sich einfach auch als fremd wahrnimmt. Als Person, die selber gekommen ist und gedacht hat, sie geht irgendwann zurück und sie gehört hier nicht her, freut sie sich vielleicht, wenn sie gefragt wird, woher sie kommt, weil sie eben nicht von hier ist. Da ist der Umgang mit Rassismuserfahrungen ein anderer als bei mir, die ich hier geboren bin und nicht mehr gefragt werden will, woher ich komme, mich auch nicht als Fremde wahrgenommen fühlen möchte und mich dann auch von Rassismus anders betroffen fühle. Diese Beobachtung möchte ich natürlich auf keinen Fall pauschalisieren, die Geschichten unterschieden sich ja trotzdem.

Vor einigen Wochen wurden Sie mit Senthuran Varatharajah und Abbas Khider in einem Artikel portraitiert. Auch wenn Sie als Autor*innen of Color auch Dinge gemeinsam habt, kommen solche Zusammenführungen oft auch willkürlich vor. Lassen sich Ihre Romane wirklich alle unter dem Thema „Flucht“ zusammenfassen?
Ich hatte geahnt, dass es passieren wird. Das prägnanteste Beispiel ist Olga Grjasnova mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Für mich handelt ihr Buch von dem Verlust eines Menschen und einer traumatisierten Frau, aber darüber redet keiner. Alle reden über Heimat und Identität. Das wird dem Buch gar nicht gerecht, die Geschichte bleibt so unerwähnt. Das ist eine Form, die Geschichten und die Bücher kleinzuhalten, indem über diesen anderen, auch wichtigen Teil geredet wird. Spannenderweise hatte ich selber gar nicht das Gefühl, einen Roman zu schreiben, der von Migration handelt, sondern von einer Familie und den politischen Umbrüchen. Auch von Migration, aber nicht vorrangig. Seit dem Sommer kommt man schwer um das Thema herum und es ist wichtig, sich zu konfrontieren. Am Ende des Tages fände ich es aber auch schön, wenn es auch mal um unsere Literatur ginge und nicht nur um Diskurse, die auf unseren Schultern ausgetragen werden.


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