„In dieser Welt werde ich ganz bestimmt niemals zu Hause sein“

Deborah Feldmans Debüt besticht durch eine klare, literarische Sprache und einen unaufgeregten Ton.

Von Carola Ebeling

In ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch »Unorthodox« erzählt Deborah Feldman in einer klaren, literarischen Sprache und einem unaufgeregten Ton von ihrer Kindheit und Jugend, ihrem Leben als Ehefrau und Mutter in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York. Die Gemeinde der Satmarer gründete sich nach dem Zweiten Weltkrieg und deutet den Holocaust als Strafe Gottes für die Assimilation. Ein extrem frommes und abgeschottetes Leben ist ihre Konsequenz daraus. Ihre Regeln gelten als die strengsten einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit. In dem zutiefst patriarchalen System werden die Ehen arrangiert, gibt es für Frauen keine Alternative dazu, Mutter möglichst vieler Kinder zu werden. Deborah Feldman, die bei ihren Großeltern aufwuchs, hat die Gemeinschaft 2009 im Alter von 23 Jahren verlassen und lebt heute in Berlin.

Die Autorin Deborah Feldmann lebt in Berlin © M. Bothor
Die Autorin Deborah Feldman lebt in Berlin © M. Bothor

Im ersten Kapitel Ihres Buches heißt es: „In dieser Welt werde ich ganz bestimmt niemals zu Hause sein“. Das ist eine sehr klare Wahrnehmung: Wie alt genau waren Sie da?
Ich war zehn. Die Gemeinschaft hat mich immer daran erinnert, dass ich da nicht reinpasse. Damals war meine Reaktion aber: Was kann ich tun, damit ich hineinpasse? Erst später ist mir klar geworden, dass ich diese Zugehörigkeit gar nicht wollte.

Sie haben sich heimlich in der Bibliothek weltliche Literatur ausgeliehen, die Bücher unterm Bett versteckt. Sie haben sich eine „Talmud“-Ausgabe besorgt, für Mädchen und Frauen streng verboten – trotz Ihrer Angst, entdeckt zu werden.
Ich hatte Angst entdeckt zu werden, weil ich meine Großeltern nicht enttäuschen wollte. Ich habe immer unter dem Druck dieser möglichen Enttäuschung gelebt, nicht nur wegen der Bücher. Das verbotene Lesen hat zwar auch diese Angst erzeugt, aber zugleich hat es meine Einsamkeit und meine Ängste gelindert und mir Momente von Freiheit ermöglicht.

Die Küche Ihrer Großmutter beschreiben Sie als einzigen sicheren Ort für Sich.
Ja, für sie war ich eine Person, ein Mensch mit einem Geist.

Das waren Sie für niemanden sonst… Vermissen Sie Ihre Großmutter?
Ja, ich vermisse sie. Mein zweites Buch ist ganz von ihr inspiriert. Ich bin auf Spurensuche gegangen, um etwas über ihr Leben vor dem Krieg, bevor sie eine Angehörige der Satmarer wurde, zu erfahren. Und diese Spurensuche sollte ein Weg sein, um für mich selbst wieder ein Wurzelsystem zu bauen. Als ich die Gemeinschaft verlassen habe, fühlte ich mich sehr ohne Wurzeln.

Die Welt außerhalb der Gemeinschaft war für Sie eine fremde Welt. Wie haben die Menschen „draußen“ auf Sie reagiert?
Ich habe in ihre Augen geschaut und darin komplette Verwirrung gesehen. Sie konnten mich nicht einordnen und in einen Zusammenhang stellen. Dadurch habe ich mich sehr einsam gefühlt. Das war auch ein wichtiger Grund, warum ich „Unorthodox“ geschrieben habe: Ich wollte verstanden werden.

Ihr Buch endet im Jahr 2009 mit Ihrem festen Entschluss, die Gemeinschaft zu verlassen. Es war letztlich die Angst, Ihren kleinen Sohn an die Rigidität der Gruppe zu verlieren, die Ihnen die Kraft dafür gegeben hat. Da wussten Sie noch nicht, wie Sie die Scheidung erreichen und ob Sie das Sorgerecht für Ihren Sohn bekommen würden.
Es ist ein unglaubliches Glück, dass ich meinen Sohn behalten konnte. Es ist ein Wunder, niemand hat das zuvor geschafft. Alle haben mir abgeraten. Doch dann hat mich eine sehr gute Anwältin beraten und mir gesagt, was ich zu tun habe: Sorge dafür, dass Dein Mann die Scheidung einreicht, dafür, dass Du eine Weile allein mit Deinem Sohn lebst – und werde eine öffentliche Person. 

© Secession VerlagDeborah Feldman
„Unorthodox“
Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska.
Secession Verlag, 320 S., 22 Euro.

Das Buch zu schreiben war auch ein Akt der Selbstverteidigung?
Ja. So habe ich letztlich um das Sorgerecht für meinen Sohn gekämpft. Am Morgen des Erscheinungstages hat die Anwältin mich angerufen: Dein Mann will das alleinige Sorgerecht. Ich habe gesagt, alles klar, ruf bitte zurück und sag, dass ich in zwei Stunden in eine Talkshow gehe, und wenn er das macht, werde ich den Millionen Zuschauern sagen, dass man mir mein Kind wegnimmt.

Die Gemeinschaft hat Ihnen das Buch sehr übel genommen. Aber auch bei anderen „Aussteiger*innen“ ist der Bruch brutal.
Es gibt keine Brücke, keinen Rückweg. Wenn man geht, ist das endgültig. Über mich wurden Gerüchte verbreitet, ich hätte mich umgebracht. Das ist psychologisch so mächtig. Wenn die Leute schon über Dich reden, als ob du tot wärst, dann fühlst Du dich schon halb tot. Wenn Du weißt, es gibt Leute, die brennen dafür, dass du tot bist – das nimmst Du selber an, es wird ein Teil von Dir, Dein innerer Feind. Ohne meinen Sohn hätte ich das nicht geschafft. Er ist wie ein Magnet, der mich immer wieder in eine Mitte bringt.

Verstehen Sie Ihr Buch ausdrücklich als Befreiungs- und Emanzipationsgeschichte einer Frau?
Es unterscheidet sich auf jeden Fall von der Befreiungsgeschichte eines chassidischen Mannes. Es ist mir wichtig, zwei Aspekte des Buches zu betonen: Erstens bietet es einen generellen Einblick in die internen Machtstrukturen fundamentalistischer religiöser Gemeinschaften. Das ist ein sehr gegenwärtiges Thema. Und es ist mir wichtig, dass man Brücken baut zwischen diesen Glaubensgemeinschaften und der säkularen Welt. Damit Frauen, die mit ihrem Leben nicht einverstanden sind, nicht ohne Stimme bleiben, mitten unter uns. Für mich ist das Buch zweitens insofern ein explizit feministisches, da es auch vom weiblichen Körper und von Sexualität handelt. Der Körper der Frau gehört den Glaubensgemeinschaften. Das passiert auch Frauen, denen wir hier auf der Straße begegnen. Für mich ist es ein Privileg, Feministin sein zu können, denn ich habe darum gekämpft und bin sehr stolz darauf, eine zu sein.

Um Frauen in anderen fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften geht es auch in dem Dokumentarfilm, an dem Sie arbeiten.
Um Frauen weltweit, die innerhalb extremer Gemeinschaften versuchen, eine Stimme zu erlangen. Das finde ich sehr wichtig: die Gemeinschaften von innen heraus zu verändern. Dass sie aufhören, die Energie, den Beitrag von Frauen zur Welt komplett zu negieren, zu löschen. Das zerstört jede Gesellschaft, das zerstört die Welt.


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