„Warum ist ‚fett‘ immer noch die schlimmste Eigenschaft, die eine Person haben könnte?“

Olivia Campbell erzählt in einem Video, wie sie eines Tages aufhörte, Schlankheitsnormen entsprechen zu wollen

Von Hengameh Yaghoobifarah

Mode ist viel mehr als eine ausbeutende Industrie. Sie ist auch ein Kommunikationsmittel mit viel subversivem Potenzial. Das beweist unter anderem die Video-Reihe StyleLikeU, die auf YouTube körperpolitische Themen wie Selbstakzeptanz, Gender-Performance und Ausdruck aufbringt. In Portraits mit Persönlichkeiten wie Tyler Ford, Alok Vaid-Menon und Juliana Huxtable legen die Protagonist*innen ihre Kleider schichtweise ab und erzählen ihre Geschichten zu Körpern und Kleidungsritualen.

Olivia Campbell ist Model und lebt in London © StyleLikeU Videostill
Olivia Campbell ist Model und lebt in London © StyleLikeU Videostill

In ihrer Episode „I’m Not Curvy, I’m Fat“ mit dem Plus-Size-Model Olivia Campbell geht es um Fat-Akzeptanz und die Selbstbezeichnung „fat“. Wir haben einen Auszug aus Olivias starker Rede ins Deutsche übersetzt. Dabei haben wir in den meisten Fällen „fat“ mit „dick*fett“ übertragen, da die Diskurse im deutschsprachigen Raum noch nicht so weit wie im Englischen sind, wo „fett“ als ermächtigende Selbstbezeichnung viel stärker etabliert ist.

„Ich finde es beleidigend, wenn ich mich selbst als ‚fett‘ bezeichne und Leute mir sagen: ‚Du bist nicht fett, du bist kurvig. Ich denke so: Nein… ich bin fett. Warum ist es so ein schlechtes Wort? Warum ist es immer noch die schlimmste Eigenschaft, die eine Person haben könnte? Wie kannst du es wagen, dick*fett und glücklich zu sein? Dick*fett zu sein und Sex zu haben? Wie kannst du es wagen, dick*fett zu sein und trotzdem häufiger angesprochen zu werden als ich? Mir wurde bestimmt schon eine Milliarde mal erzählt, dass ich fett und hässlich sei. Ich hab Ballett und Jazz getanzt, geskatet und Basketball gespielt, doch ich brach all diese körperlichen Aktivitäten ab, weil ich mich dafür geschämt habe, wie mein Körper aussieht.

Auf der Schule bekam ich Kommentare zu hören: fette Kuh, fette Schlampe, fette Hure. Als ich elf Jahre alt war, nannte mich dieser Junge, auf den ich stand, vor all seinen Freunden Wasserbüffel . In den Londoner Projekten gibt es diese Treppengeländer mit Abfalleimern drunter. Dort war es auch immer sehr dunkel und die Jungs gezogen mich dahin, versuchten mir die Kleider vom Leib zu reißen. Ehrlich gesagt dachte ich darüber nach, mir das Leben zu nehmen. Also sagte ich meiner Mutter als ich 15 war, dass ich nie wieder in die Schule gehen wollte. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich aufgehört habe, mir Gedanken um mein Gewicht zu machen, aber als ich etwa 17 Jahre alt war, sagte ich: Fickt euch und eure vorbestimmten Vorstellungen darüber, wie ich aussehen sollte. Ich kann mich nicht verändern und ich werde nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, mich damit fertigzumachen. Plötzlich wurde ich von diesem verunsicherten, kleinen Vögelchen zu einem heftigen, selbstbewussten Adler. Wenn es um mein körperliches Erscheinungsbild geht, ist die einzige Meinung, die mich interessiert, meine eigene. Heute denke ich mir, wenn ich vor den Spiegel gehe: Ich sehe toll aus, schau dir diese Rolle an!“

(„I get offended when I describe myself to people as fat and they say, ‚You’re not fat, your curvy.‘ I think: No… I’m fat. Why is it such a bad word? Why is it still the worst thing you can possibly be? How dare you be fat and happy… how dare you be fat and be having sex… how dare you be fat and be getting chatted up more than me. I’ve probably been told that I’m fat and ugly a billion times. I did ballet, jazz, skating, and basketball, but I stopped physical activities because other people made me feel embarrassed about how my body looked. At school, everyday I got comments — fat cow, fat bitch, fat slag, fat whore. When I was 11, this boy I used to love got all of his friends to call me water buffalo. In the projects in London, we have these staircases with bins underneath, and it’s dark, so boys used to push me in there and try and take off my clothes. Honestly, I thought about killing myself. So, at 15, I told my mom that I wasn’t going back to school. I don’t remember when I stopped caring about my weight, but, when I was about 17, I just said: fuck you and your pre-existing ideas of how I should look. I can’t change and I’m not going to spend the rest of my life upset about that. Suddenly, I went from being this insecure little bird to being this ferocious eagle of confidence. When it comes to my personal appearance, the only person’s opinion I really care about is myself. Now, when I walk in front of the mirror, I think: I look amazing… look at that roll.“)

 

  • Jessica Kirchhoff

    Starke Frau! Es erfordert viel Kraft sich immer wieder gegen Idealvorstellungen, Beleidigungen und Vorurteile aufzulehnen. Fat-Shaming ist leider überall zu finden,ohne dass Leute merken, dass das was sie mit belanglosen Kommentaren anrichten einfach nur intolerant und unfair ist.
    Ich hoffe und wünsche mir als Dicke,dass die Fat-Acceptance Bewegung auch hierzulande stärker wird.
    Informativer, aufrüttelnder und wichtiger Text!

  • Pinguinlöwe

    Mir wäre ja wichtiger zu wissen ob die Person mit der ich zu tun habe ein Arsch ist… und Erfahrungsgemäß lässt sich das nicht am Gewicht festmachen. Viele tolle Menschen die ich kenne sind dick und manche davon gehen unglaublich hart mit sich um, mit Sachen die ich keine zwei Tage durchhalten würde.. (Fitness, Diäten..Selbstdemontage<– ok, letzteres kann ich auch)

    aber das ist die sache oder.. weil dicke Menschen in der Umwelt nicht vorkommen (dürfen). Weder bekommen sie coole Rollen im Fernsehen, sondern nehmen dort die selbe Lachnummerrolle ein wie beispielsweise Trans/Queer-People oder werden eben wenn überhaupt auf ihr Gewicht reduziert, noch kommen sie in der Werbung vor.

    Das nervt. Würde mich freuen ein differenzierteres Bild in den Medien zu sehen. (Warum darf denn zu Beispiel die coole Hackerin/ der coole Hacker in einer Serie nicht dick sein… und trotzdem großartig)


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