Freimachen, bitte!

Diese Vorstellung von Freiheit scheint so zerbrechlich, dass ein Stück Stoff genügt, um sie zu ersticken.

26.04.16 > Emine Aslan
Profilfoto Emine Aslan

Emine Aslan
Emine studiert Soziologie an der Goethe Uni Frankfurt am Main und engagiert sich ehrenamtlich gegen Rassismus und Mehrfachdiskriminerung. Sie bloggt auf Diaspora Reflektionen, gründete letztes Jahr die PoC Hochschulgruppe Mainz mit und ist Vorstandsmitglied bei #SchauHin. Postkoloniale Perspektiven sind für sie sowohl für Feminismen als auch andere Bereiche unverzichtbar.

Von Emine Aslan

Ich erinnere mich an die Worte meines Hausarztes, wenn er mit dem Stethoskop meiner Atmung lauschen wollte: „Freimachen, bitte.“ Ich bin keine Linguistin. Interessant finde ich es dennoch, dass mit „Freimachen“ entkleiden gemeint ist. Von diesem „Geist“ jedenfalls sind Debatten um muslimische Frauen* mit Hijab regelrecht besessen. Sie sind nicht „frei“ solange sie sich nicht „freimachen“ aka entkleiden. Diese „Freiheit“ jedoch scheint so zerbrechlich, dass ein Stück Stoff genügt um sie zu ersticken. Diese „Freiheit“ ist so zerbrechlich, dass Gesetze erlassen werden müssen, um sie vor dem emanzipierten Körper einer muslimischen Frau zu schützen.

 

Freiheit, ein Diktat? © Tine Fetz
Freiheit, ein Diktat? © Tine Fetz

Dass es genau solche Geister sind, die unseren Geist benebeln und in Ketten legen, sehen die Wenigsten. Plötzlich wird das weiße, nicht-muslimische Selbst und dessen Blick zur Leinwand, auf denen wir unsere Schattenspiele spielen. Alles findet auf dieser Projektionsfläche statt. An muslimische Lebensrealitäten nähern sie sich aus nicht-muslimischen Perspektiven und verlangen nach einer Sprache, dessen Alphabet sie nicht beherrschen.

Was auch immer ich oder wir dann mache(n), wird nun im Verhältnis zu unserem vermeintlichen „Anderen“ existieren. Also erzähl mir nix von Freimachen.

Vor einigen Wochen saß ich auf einem Podium. Wie auf jedem Podium seitdem es mit #ausnahmslos losging, wurde ich mit mindestens einem ignoranten bis rassistischen Kommentar konfrontiert. Auf dem besagten Podium ging es auf einmal darum, dass muslimische Jugendliche mit ihrer Sichtbarkeit provozieren und sie in Wirklichkeit diejenigen sind, die sich schaden. Mal abgesehen davon, dass diese Logik des Victim Blaming vollste Assimilation als eine anti-rassistische Strategie propagiert, gesteht sie „dem Muslim“ keinen Entscheidungsspielraum. Mag sein, dass einige junge Menschen bedingt durch die gesellschaftliche Ausgrenzung erst beginnen sich mit der Religion, in der sie großwurden zu beschäftigen. Darin Zuflucht finden. Mag sein. Ist ja auch legitim. Trotzdem ist dies kein reiner Akt der „Provokation“.

Die spirituelle Ebene wird hier komplett unterschlagen. So eine Perspektive erlaubt kein Szenario, in dem eine muslimische Person frei sein kann.

Eine Sister aus London gab kürzlich ein Interview zu einem Zine, das von muslimischen Frauen produziert wird. Dort sagte sie unter anderem „As a Muslim woman, just doing what you want is subversive. And that’s what we’re doing.“ Soviel zu frei machen.


Beitragsnavigation