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Blessed Bey

Wer verstehen will, welche Referenzen in Beyoncés „Lemonade“ stecken, der lese dieses Expertinnen-Gespräch.

27.04.16 > Musik

Von Dominique Haensell und Martha Martens

Queen Bey did it again. Aus heiterem Himmel veröffentlichte sie am Wochenende ihr neues Album „Lemonade“, zeitgleich mit einem 60-minütigen Film auf HBO. Hochemotional und dabei mit politischem Edge, ist es die perfekte Gelegenheit, mal wieder bei meiner Freundin Martha anzuklopfen.

bgm
#BlackGirlMagic auf einer ehemaligen Plantage in Beyoncés visuellem Album „Lemonade“. © Videostill aus „Lemonade“ von Beyoncé

D: Martha! Ich bin so aufgeregt! Hast du damit gerechnet, dass sie ihr nächstes Album wieder so überraschend droppen würde?

M: Ich muss zugeben, ja. Und es wurde jetzt wieder aktuell, nach dem Release von „Formation“. Dann fängt auch noch die Formation Tour in dieser Woche an. Aber es hat mich trotzdem vollkommen kalt erwischt. Und als ich am Sonntagnachmittag gesehen habe, dass sie wieder ein Visual Album raus gebracht hat, musste ich schon ein bisschen abkreischen.

D: Ich habs über deinen Facebook-Post erfahren!

M: Ich hatte mir gerade „Hold up“ zum vierten mal angesehen und ich musste einfach bei Facebook posten. So schrecklich viel poste ich ja gar nicht, aber das musste öffentlich abgefeiert werden.

D: Haha, danke dafür! Ich hätte es natürlich auch so erfahren, aber es ist noch viel schöner, sich gemeinsam zu freuen.

M: Dazu muss man vielleicht sagen, dass mein erster Post ein Songzeile aus “Hold Up” war und der zweite ein Spoken Word Lyric aus einem Werk von Warsan Shire.

D: Als ich das gesehen hab, ist mir die Kinnlade runtergefallen, also als ich verstanden habe, dass Beyoncé Warsan Shire zitiert, bzw. mit ihr zusammen gearbeitet hat. Wahnsinn! Das ist Star-/Fandom at its best: Ich kann mich darauf verlassen, dass mich Bey regelmäßig überrascht, bestätigt, inspiriert.

M: In meinem Fall auch aufklärt. Ich kannte Warsan Shire vorher nicht. Und ich hab mich auch erst nach ein paar Stunden damit beschäftigt, wer diese Lyrics geschrieben hat. Die Lyrics haben so genial die Atmosphäre des Films verdichtet, ich war echt ein bisschen überwältigt von den ganzen Eindrücken.

D: Ich hab den Film erst gestern geguckt und war auch ziemlich geplättet. Die Idee, einen kompletten Film statt einzelner Videos zu machen, funktioniert für mich viel besser. Beim letzten Mal waren die Video-Ästhetiken teilweise sehr unterschiedlich. Jetzt ist irgendwie alles aus einem Guss, obwohl das Album recht unterschiedliche Musikstile vereint.

M: Für mich ist es genauso. Bei „BEYONCÉ“ gab es durch die unterschiedlichen Ästhetiken Lieblingsvideos und andere, die ich vielleicht zweimal gesehen habe. Doch in „Lemonade“ sind alle Teile so verwoben, dass ich mir immer viel mehr als „einen Song“ angucken muss. Gerade die Zwischenteile werfen Licht auf Dimensionen der Songs, die ich vielleicht sonst nicht (so schnell) wahrnehmen würde.

Profilfoto Dominique Haensell

Dominique Haensell
Dominique Haensell, *1986 in London, war schon in jungen Jahren mannigfaltig interessiert. Während ihrer Kindheit in Nürnberg gründete sie nicht nur eine Detektivclub-Fahrradgang (die Bande) und eine Zeitung (der 4c Bote), sondern hostete auch eine spritzig moderierte Ein-Frau-Musiksendung auf MC (Domi's Pop Show). Nach dem Abitur in Darmstadt studierte sie zunächst Literaturwissenschaft und Anglistik an der FU Berlin, dann Critical Methodologies am King's College, London. Heute promoviert sie in Berlin zu diasporischem Kosmopolitismus, kann sich immer noch für vieles gleichzeitig begeistern, und schreibt gerne über Film, Musik und Literatur.

D: Ja, leider ist das „Lemonade“ Musikalbum im vergleich zum Film etwas abgespeckt. Es fehlen die Spoken Word Elemente von Warsan Shire, es fehlen auch kurze Snippets wie das Malcom X Zitat:

„The most disrespected person in America is the black woman.
The most unprotected person in America is the black woman.
The most neglected person in America is the black woman.“

Eindringlicher ist im Film auch die Rede von Jay Zs Großmutter, anlässlich ihres 90. Geburtstags, die gegen Ende eben auch noch den Albumtitel erklärt: “Life served me lemons, and I made lemonade.”

M: Dafür fehlen im Film Teile von Songs, zum Beispiel der Kendrick Lamar Rap bei „Freedom“. Allerdings habe ich jetzt auch schon den Film nur gehört, da die gesprochenen Teile, die dokumentarischen Teile einfach so unglaublich gut sind. Das hat Bey schon bei „BEYONCÉ“ so gut hinbekommen. „Flawless“ ist nicht vollständig ohne Chimamanda Ngozi Adichie. Gerade das Malcolm X Zitat und die dokumentarischen Teile (z.B. die Rede von Jay Zs Großmutter) machen für mich „Lemonade“ zu der einzigen logischen Konsequenz nach „BEYONCÉ“. Je weiter ich im Film fortgeschritten bin, desto mehr war die Notwendigkeit des ganzen Projekts für mich offensichtlich.

D: Wenn ich nicht schon Fan wär, müsste ich es allein wegen ihrer Referenzen werden. Adichies TED Talk über Feminismus auf Beys letztem Album zu hören war schon super. Als Autorin war sie natürlich schon vorher bekannt, und auch Warsan Shire kennen viele zumindest durch ihr Gedicht „Home“, denn das illustriert auf so schmerzhaft-eindringliche Art Flucht- und Migrationserfahrungen, wie kein anderer zeitgenössischer Text. Trotzdem werden Frauen wie Adichie und Shire jetzt einem viel größeren Publikum zugänglich.
Ich war im letzten Jahr in den USA auf einer Black Diaspora Konferenz und Warsan Shire sollte dort lesen. Sie lebt zwar seit frühster Kindheit in England, hat aber wohl einen somalischen Pass. Am Flughafen wurde sie festgehalten. Es hieß, die Einreisebeamt*innen hätten sie für eine Terroristin oder eine Prostituierte gehalten. Was heißt das jetzt, wenn zumindest Warsan Shires Worte via Beyoncé um die Welt reisen? Jetzt wird nicht Warsan angehalten, sondern Warsan hält die Welt an.

M: Du hast es ja schon gesagt: Wenn etwas in einem Beyoncé Song ist, dann geht es um die ganze Welt. Es ist sind Popsongs, die sich viele Leute anhören. Und diese Leute hören dann eben auch die Message. Viele Songs von Bey sind super inspirational. Bei „Formation“ sagt sie es dann so, dass es auch das letzte weiße Fangirl versteht: „You just might be a black Bill Gates in the making.“ Ich höre, dass sie zu jemandem spricht, der zum Beispiel gerade die Einreise in die USA versagt wurde, weil sie einen somalischen Pass hat.

D: Ich liebe es, dass Bey ihre Arbeit mit verschiedenen Frauen aus der Schwarzen Diaspora verknüpft. Das macht sie seit einigen Jahren ziemlich konsequent.

Beyoncé in ihrem visuellen Album „Lemonade“ © Giphy

M: Ich finde es auch sehr konsequent, dass sie dann nicht nur sagt: ich möchte euren Erfolg sehen, sondern die Leute mitnimmt auf der Bey Plattform. Eigentlich unmöglich sich „Lemonade“ ohne Warsans Texte vorzustellen. Sie zeichnet so komplexe Bilder in der Sprache, die den Film und die Songs einweben in etwas sehr, sehr Großes.

D: Beyoncés Songrcredits lesen sich manchmal wie halbe Romane, unglaublich wie viele Menschen an einem Song arbeiten. Dahinter verstecken sich aber auch oft einfach Sample-Credits, wie zum Beispiel die Zeile „They don’t love you like I love I love you“ aus dem Yeah Yeah Yeahs Song “Maps”.
Obwohl Bey auch immer selbst als Songwriterin auftritt, kollaboriert sie hier musikalisch doch vor allem mit Männern, wie z.B James Blake, Diplo, Jack White oder The Weeknd. Im Film ist das Geschlechterverhältnis dann komplett umgedreht, hier agieren ausschließlich Schwarze Frauen. Beyoncés Stimme wird dann, zumindest visuell, zum Teil eines Kollektivs, eines Chors.

M: Ihre Stimme ist die einer einzelnen Frau aus der Schwarzen Diaspora. Aber sie setzt sich über Zeiten und Generationen fort, sie erzählt von Töchtern, von Eltern. Sie erzählt von einer Frau und einem Mann. Wir denken oder wissen auch: Sie erzählt von sich. Aber sie erzählt auch von und für viele. Für mich gibt es in „Lemonade“ keine sensationelle Enthüllungen über die Ehe von Beyoncé und Jay Z. Beys Texte haben manchmal mit dem Glamour und dem Swag etwas megaspektakuläres, dass vom normalen Leben komplett entrückt scheint. Und dann wird es auf einmal politisch.
Während ich „Lemonade“ hörte, musste ich an andere Lieder von Bey denken, wie sie uns schon so oft an Unabhängigkeit und Selbstvertrauen erinnert hat. Ich war verwirrt: Bey schwingt zwischen eifersüchtig und verrückt, entscheidet sich, mit einem Lächeln alles kaputt zu schlagen, sie zeigt den Mittelfinger und sagt „Bye“, gleichzeitig ist sie total verloren, fragt sich, was sie falsch gemacht hat, um so behandelt zu werden. Eins weiß ich aber 100%: Sie arbeitet richtig hart. Sie macht eben aus Zitronen Limonade, stacking her paper, Bey and her baby will be okay.

beyonce-lemonade-album-tidl„Lemonade“
Beyoncé
Visuelles Album und Audio-Album auf TIDAL
Visuelles Album u.a. mit Ibeyi, Amandla Stenberg, Serena Williams

D: Für mich ist „Lemonade“ vor allem eine Hommage an die Techniken, die sich Schwarze Frauen seit Jahrhunderten aneignen mussten, um nicht nur zu überleben, sondern über sich hinaus zu wachsen. Diese Eigenschaft, Schönheit aus Bitterkeit zu schaffen, hängt mit diesem bewussten Erinnern zusammen. Audre Lorde formuliert das so: so it is better to speak/remembering/we were never meant to survive.
In „Lemonade“, vor allem in der „Forward“/“Freedom“/“All Night“-Sequenz reihen sich unsagbar traurige Bilder, zum Beispiel Eric Garner, Michael Brown und Trayvon Martins Mütter, an visuelles Soulfood wie diesem #BlackGirlMagic-Stillleben am Ende von “All Night”. Da sehen wir Bey, umrahmt von Chloe x Halle, den Ibeyi-Zwillingen Lisa-Kaindé und Naomi Diaz, Amandla Stenberg und Zendaya! Whaaaa!!
Und wie genial war bitte Serena Williams Twerking in „Sorry“? Dazu muss man wissen, wie viel Bullshit sich Williams im Laufe ihrer Tenniskarriere anhören musste. Ihre Siegestänze wurden zum Beispiel als Crip-Walks und Ghetto Dances bezeichnet, sie selbst als vulgär und geschmacklos beschimpft und immer, immer wieder sexualisiert. Ganz zu schweigen von rassistischen Publikumszurufen während ihrer Spiele oder den wirklich geschmacklosen Imitationen durch Kolleg*innen. Oft genug wurden Serenas Reaktionen als „crazy“ und „angry“ bezeichnet – gängige rassistische Stereotypen. Wenn Serena Williams also in „Sorry“ werkt & twerkt, bedeutet das so viel mehr. Es ist ein „Fuck You“ an alle, die ihren Körper sezieren und kontrollieren wollen.

M: Beyoncé versammelt um sich all diese Schwarzen Frauen, die auf ihre unterschiedlichen Weisen jemandem ein dickes „Fuck You“ geben, in dem sie in die Kamera blicken, tanzen, gehen. Was ist dieses Phänomen? Es ist so schwerwiegend und gleichzeitig befreit und voller Freude? Die ganzen historischen, geographischen, kulturellen und visuellen Referenzen machen dieses „empowered“ sein total komplex.

D: Man darf auch nicht vergessen, dass sich der Großteil des Films auf einer ehemaligen Plantage nahe New Orleans abspielt. Das ist einerseits unheimlich, andererseits ist es eine Liebeserklärung an die Southern Black Culture, die wiederum z.B durch Warsan Shire, Ibeyi oder rituelle Yoruba-Körperbemalungen in einen panafrikanischen Kontext gesetzt wird. Eine Kommentatorin auf Vulture beschreibt den berühmten Gruppen-Shot damit, dass diese jungen Frauen auf den Stufen eines Hauses sitzen, das sie und hunderte andere Schwarze Frauen gebaut haben. Gänsehaut!
Hach ja, ich wünsche mir eigentlich fast wieder Kind zu sein, damit ich mit solchen bad-ass Role Models aufwachsen kann!

M: <3

 


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