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„Alles nur Luft und Liebe?“

Am Tag der Arbeit blicken wir auf einen Diskussions- und Performanceabend über Pflege- und Sexarbeit zurück.

01.05.16 > Arbeit, Inland

Von Katie Fenderl

„I do care (I love it)“, schmettert Bernadette La Hengst ins Publikum. Die Elektropop-Sängerin und Theaterregisseurin fordert lautstark eine „Care-Revolution“. Der Freitagabend in der Neuköllner Kulturwerkstatt beginnt mit einer Dauerschleife dieser inoffiziellen „Care-Hymne“. Der intersektionale Brückenschlag von Alters- und Krankenpflegearbeit zu Sexarbeit ist der besondere Schwerpunkt dieses Care-Events. Es ist ein Zusammenhang, der in der Care-Debatte erst seit kurzem diskutiert wird. Dabei liegt es nahe, zumal beide Bereiche prekäre Tätigkeitsfelder sind, die sich der Pflege, also der Care-Arbeit für die Bedürfnisse von Körpern, widmen. Die Arbeitsbedingungen und mögliche Überschneidungen der Forderungen beider Arbeitsfelder stehen in der Diskussion deshalb im Vordergrund.

© Hydra e.V.
© Hydra e.V.

Ann Wiesenthal, Repräsentantin der Veranstalter*in, dem Netzwerk „Care-Revolution“, führt durch den Abend. Die Arbeit des Netzwerks besteht unter anderem darin, deutschlandweit Gesprächsreihen zu organisieren. An diesem Abend wird das Diskussionsformat um sogenannte Kulturbeiträge erweitert: Performance, Spoken Word, Rap. Alles mit Message. Worin sich die Messages dieser sehr heterogen zusammengesetzten Veranstaltung – von Pfleger*innen über Sexarbeiter*innen und Performer*innen bis hin zu Musiker*innen – überlappen und an welchen Punkte Allianzen zwischen den verschiedenen Akteuren der Veranstaltung geschmiedet werden können, kristallisiert sich im Laufe des Abends als zentrale Frage heraus.

Sarah Schilliger, Soziologin aus der Schweiz, gibt Einblicke in ihre Tätigkeit als Aktivistin im Respekt-Netzwerk, das sich für die Interessen von 24-Stunden-Betreuerinnen in Privathaushalten einsetzt. Schilliger berichtet von einem – hauptsächlich von polnischen Pflegekräften – erfolgreich geführtem Arbeitskampf um mehr Lohn und Anerkennung, der in der Schweiz zum Präzedenzfall geworden war. Wichtig vor allem für zukünftige Debatten: Neben dem Anprangern des monetären Aspekts müsse, so Schilliger, das einseitige Bild der aufopfernden „Pflegefee“ aufgebrochen und durch das ergänzt werden, was Care work (auch) ist: harte Arbeit. Der Lohn im Sektor wurde also aufgestockt. Und: Eine marginalisierte Branche wurde durch die Medienaufmerksamkeit, öffentliche Demonstrationen und die Organisation in Gewerkschaften sichtbar gemacht – durch bottom-up-Erstrebungen. Inhaltlich wird Schilliger von Intensivpfleger Mathias Düring gestützt. Der Berliner macht, ebenso wie Ferdi, der rappende Altenpfleger aus Paderborn, auf die oft nicht geachtete Komplexität der eigenen Arbeit aufmerksam. Düring dichtet über das benötigte Spektrum an Fachwissen, vom Bedienen des Bettgestells über die gekonnte Bartfrisur hin zur Kommunikation während der Pflege – sein Job bestünde eben nicht nur aus „Essenanreichen“ – und möchte dies gewürdigt wissen.

Kay Garnellen und Emy Fem performen zu Lady Gaga’s und Beyoncé’s „Telephone“ und geben einen Einblick in den Arbeitsalltag einer Telefonsex-Arbeiter*in – die eingehenden Anrufe reichen von absurd-witzig bis ausbeutend und machen ihren Standpunkt klar: Genau wie die Pflege- ist auch Sexarbeit grundsätzlich als eine Dienstleistung wie jede andere auch anzusehen. Das findet auch Stefanie Klee, Sexarbeiterin aus Berlin, und verlangt daher nach einer ebenso fairen arbeitsrechtlichen Rahmung. Auf die Frage nach guten Arbeitsbedingungen kann sie keine konkrete Antwort geben: aufgrund der – auch räumlichen – Diversität des Feldes (Straße, Studios, Bordelle) sind die Forderungen meist sehr unterschiedlich und reichen vom Wunsch nach einem Aufenthaltsraum bis hin zu Arbeitskleidung, geregelten Arbeitszeiten oder Kinderbetreuung. Das weitaus größere Problem setzt hier, noch mehr als bei der Pflegearbeit, schon früher an: Nämlich bei der Gesetzeslage. Klee ist der Meinung, dass beispielsweise das neue „Prostitutionsschutzgesetz“ den gegenteiligen Effekt haben und Probleme mit sich bringen wird, nicht zuletzt was die gesellschaftliche Wahrnehmung betrifft. Denn das Grundproblem des Topos „Prostitution“ ist und bleibt das gesellschaftliche Stigma, das ihm anhaftet. Sie fordert deshalb mehr Redebereitschaft in der Gesellschaft und ein Loslösen von der moralischen Bewertung, hin zur Solidarität nach dem Motto „meine Rechte sind auch deine Rechte“ – gemeinsam stark machen.

Klee geht in ihren Forderungen noch einen interessanten Schritt weiter, der auf moralischer und ökonomischer Ebene ganz neue Fragen aufwirft: Sie hält Kranken- und Pflegeversicherungen dazu an, Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und Sexualität von schwer Kranken und Alten mitzudenken und nicht per se reflexartig mit dem Anruf an die Familie, dem Ruf nach dem Arzt zu beantworten – sondern eben mit der Einführung von Sexarbeit in der Krankenbetreuung. Sexarbeit müsse als anerkannte Leistung wahrgenommen werden; aus Sicht der anderen Seite, sieht Klee den Empfang derer als ein Persönlichkeitsrecht und Teil von Care-Arbeit an – ein Grundbedürfnis wie Essen und Schlafen. Die Berliner Sexarbeiterin wünscht sich ein Einbeziehen in die Care-Diskussion und ein Wegkommen von bürgerlichen Klischees, nach denen Sexualität tendenziell als (monogam) beziehungsgebunden, heterosexuell und -normativ im Privaten ausgeübt würde bzw. werden solle.

So würde man auch Arbeitskämpfe und gewerkschaftliche Organisierung aufbauen können. Für Schilliger liegt der rote Faden ihrer Arbeit in der Loslösung von einer Ökonomisierung im neoliberalistischen System durch die Privatisierung der Pflegearbeit, sie fordert außerdem eine bessere Infrastruktur – warum nicht Nachbar*innen, den Freundeskreis und die Familie prinzipiell mehr einbinden? Dies würde nur mit einem breiten Umdenken flächendeckend umzusetzen sein und auch großer struktureller Anpassungen bedürfen, was beispielsweise die Stadtplanung betrifft: weg von der staatlich geförderten Nuklearfamilie, hin zur kollektiven Organisation. Von den Gewerkschaften fordert Schilliger unkonventionelle Strategien des Versammelns zu fördern, außerdem lokale Initiativen und Vernetzung.

Vernetzung ist auch für den Bereich der Sexarbeit von Bedeutung. Gerade im Falle der Sexarbeit ist es oft schwierig, die Arbeiter*innen zu erreichen. Das Netzwerk „move“ baut auf Streetwork und bietet praktisches und rechtliches Fachwissen. Zudem gibt es zwar einen Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen, dieser wird aber nur unzureichend von der Basis unterstützt, so Klee. Zurückhaltung und Anonymität werden – oft sehr nachvollziehbar – dem politischen Einsatz vorgezogen. Die Stigmatisierung von Sexarbeit und die mangelnde Vernetzung macht das Organisieren von Sexarbeiter*innen in Gewerkschaften, die laut Klee, „nichts tun und ohnehin keine Ahnung haben“, schwierig. Vielmehr würde sich Sexarbeit als Struktur mit den autonomen freischaffenden Pfleger*innen in Häusern vergleichen lassen.

Die räumliche Frage ist eine weitere Gemeinsamkeit: Eine genauere Untersuchung der örtlichen Marginalisierung und Verdrängung der Arbeitszentren lohnt. Während doch beide Bereiche auf Kund*innenzufriedenheit von Körper und Seele hinarbeiten, warum muss dies abgegrenzt und hinter verschlossenen Türen erfolgen? Abgekapselte, regulierte und ökonomisierte Pflegezentren werden oftmals in weniger frequentierte Bezirke ausgelagert, ebenso Zentren von Sexarbeit als Ort potentieller Gewalt und körperlicher Laster, so das Klischee. Klee beobachtet einige wenige neue Allianzen und Ansätze, beispielsweise die Auseinandersetzung mit den Rechten von Sexarbeiterinnen im Zusammenhang mit Gentrifizierung (gesetzliches Bestreben, Wohnungsprostitution zu unterbinden); sie pocht auf Empowerment und Verbesserung vor Ort.

Die Kulturbeiträge des Abends bestätigen, was sich in den Debatten abgezeichnet hat: Die Überlappungen zwischen Pflege- und Sexarbeit und deren Problematiken sind an mancher Stelle eindeutig, an anderen Punkten scheinen die Forderungen zu spezifisch zu sein, als dass sie 1:1 übertragbar wären, und so verläuft sich die Diskussion. Abschließend lässt sich sagen, dass das von Rede- und Kulturbeiträgen durchmischte Programm seinen Zweck erfüllt hat, indem es verschiedene feministische Strömungen zum Austausch gebracht hat, was das grundlegende inhaltliche und strategische Vorgehen betrifft. Bei dieser Zusammenführung auf einer Arbeitsebene unter Zuhilfenahme von Darstellungsformen aus dem künstlerischen Feld, hat die Veranstaltung so auf mehreren Ebenen das vermeintlich Unsichtbare oder zumindest Marginalisierte auf die Bühne und in den Fokus der Aufmerksamkeit gebracht.


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