Parental Advisory: Explicit Content! GfK- und TW-freie Zone

Warum „In your Face“ manchmal besser ist als vermeintliche Rücksicht auf Verletzungen.

10.05.16 > Azadê Peşmen
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Azadê Peşmen
Azadê ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hatte auch zum Studium keine Lust die Stadt zu verlassen – mal abgesehen von einem Auslandssemester in São Paulo und ein bisschen Feldforschung im Nordirak. Interkulturelle Kompetenzen hat sie aber erst in Köln erworben. Mittlerweile spricht sie der Integration halber ganz passabel Kölsch. Bier findet sie aber trotzdem ekelhaft und von dem Kulturschock, den sie sich am 11.11. geholt hat, erholt sie sich immer noch – ist aber ganz froh darüber, das in Berlin tun zu dürfen. Ihre parallelgesellschaftliche Filterbubble befindet sich hier: @Azadethunda

Von Azadê Peşmen

Content Note: Gewaltfreie Kommunikation, Triggerwarnung

An die Hip-Hop-Heads unter euch: Kennt ihr diese Aufkleber? „Parental Advisory: Explicit Lyrics.“ Mit ihnen wird vor Songtexten gewarnt, die potentiell jugendgefährdende™ Inhalte verbreiten. In den USA werden diese auf CDs geklebt, als gäbe es kein Morgen. Von vielen Songs gibt es dann noch eine radiotaugliche „clean version“, eine „saubere Version“, in der die bösen Schimpfwörter nicht genannt werden. Ich finde diesen Mechanismus, Kinder vermeintlich vor Bösem zu schützen genauso sinnvoll, wie so genannte „Triggerwarnungen“: Nämlich gar nicht.

Dieses Gefühl, wenn der innere Hulk ausbrechen will und Leute dir mit gewaltfreier Kommunikation kommen. © Tine Fetz
Dieses Gefühl, wenn der innere Hulk ausbrechen will und Leute dir mit gewaltfreier Kommunikation kommen. © Tine Fetz

Das erste Mal, als ich von Triggerwarnungen las (oder auch kurz: TW) habe ich ehrlich gesagt nicht so richtig verstanden, was das sollte. Ja klar, di*er Autor*in möchte es vermeiden, an bestimmte, retraumatisierende Ereignisse zu erinnern. Aber mal im Ernst: Alle mögliche Erinnerungen können retraumatisieren. Außerdem finde ich persönlich es häufig um einiges heilender, sich mit Situationen und Geschichten konfrontativ auseinanderzusetzen, statt ständig die Stiche zu vermeiden. Dingen aus dem Weg gehen zu können, ist übrigens auch ein Privileg, das man sich erst einmal leisten muss. Davon mal abgesehen, dass ich es auch ein wenig anmaßend fände, von mir aus zu entscheiden, was auf andere wie „schlimm“ wirken könnte. Ich glaube an agency, zumindest gehe ich erstmal davon aus, dass Menschen selbst entscheiden können und nicht für andere entscheiden. Jedes Mal wenn ich Triggerwarnung lese, denke ich: Mein ganzes Leben ist eine Triggerwarnung.

Im gleichen Atemzug mit der Triggerwarnung wird in Bestimmten Kreisen™ auch gerne mal von und mit GfK gesprochen. Gemeint ist nicht die Gesellschaft für Konsumforschung, sondern das Grauen namens Gewaltfreie Kommunikation. Das soll ja angeblich helfen, friedlicher miteinander umzugehen, bei mir (und nicht nur bei mir!) löst es ehrlich gesagt nur Aggressionen aus. Ich fühle mich durch diese Übervorsichtigkeit nicht ernst genommen. Vorweg: Ich möchte auch nicht angeschrien werden und ja, ich finde es auch angemessen, konstruktiv kritisiert und ohne zur Projektionsfläche anderer zu werden. Dafür brauche ich aber keine GFK, sondern in erster Linie eines: Respekt voreinander. Und das ist meiner Meinung nach das Hauptproblem, dass Gewaltfreie Kommunikation nicht lösen wird – mangelnde gegenseitige Wertschätzung nämlich.

Stattdessen meinen GFK-Fans, Sätze, die mit einer ruhigen, besänftigenden pädagogisch anmutenden Stimme sagen: „Ich würde mir wünschen, dass …“ sind die Lösung.
GFK soll eine Ebene der bedürfnisorientierten Kommunikation schaffen. Keine Bewertungen, keine Personalisierungen, immer in Ich-Botschaften sprechen, etc. pp. Das Ganze soll dann besonders wertschätzend sein. Wenn ich jemanden wirklich wertschätze, dann sage ich offen, ehrlich und ohne sprachliche Zwangsjacken, was ich über die Person denke. Im Gegenteil, GFK reproduziert für viele eine immer wieder kehrende Abwehrstrategie, denn diese Methode ist nichts anderes als: Reiß dich mal zusammen! Nicht in diesem Ton! Sei mal nicht so wütend/emotional/was auch immer. Bitte nur nach dem GFK-Muster Kritik äußern! Das nennt man auch Tone-Policing: inhaltliche Kritik wird abgewehrt, in dem man sie auf den Ton reduziert.

Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum alle so eine Angst vor der Emotion „Wut“ haben. Ist das ein christliches Problem? Wut ist eines der gehaltvollsten und produktivsten Gefühle überhaupt. Ohne das Aufeinandertreffen von wütenden Menschen entsteht kein Konflikt und ohne Konflikt gibt es keine Lösung(sansätze). Es ist eine, wenn nicht sogar die Triebkraft sozialer Bewegungen, das zeigt der Blick ins Geschichtsbuch. Es ist das, was Menschen dazu bewegt, für ihre Rechte einzustehen und sie zu erkämpfen. Wer Gewalt erlebt, hat meist keine Zeit, erst einmal ein paar GFK-passende Sätze zu formulieren. Deshalb verwundert es mich umso mehr, dass dieser sprachliche Zwang in Kreisen™ genutzt wird, die sich selbst im alternativen Bewegungsmodus verorten. Das kann aber auch möglicherweise daran liegen, dass sich gerade dort diejenigen zusammenfinden, die beim Intersektionalitätscheck kaum ein Kästchen ankreuzen. Nur so eine hypothetische Vermutung, zu einem Kommunikationscode, der von Marshall B. Rosenberg, einem weißen Mann erfunden wurde.

Bei aller Liebe: Wenn jemand scheiße ist, dann ist er*sie scheiße und dann will ich das auch sagen können dürfen. Kritik ist in den seltensten Fällen so gemeint, dass die komplette Person abgelehnt wird, es ist meist nur eine Eigenschaft, eine Angewohnheit, eine Handlung, die stört. Das ist kein Beinbruch. Mund abwischen, weitermachen, würde Oliver Kahn jetzt vermutlich sagen.

  • Patrick Schwarz

    Ich bin ziemlich bestürzt darüber, dass für dich „nicht in diesem Ton“ oder „Bitte nur nach der GfK-Formel Kritik üben“ repräsentativ für GfK ist, weil solche Aussagen, für mein Verständnis der GfK, das Gegenteil von GfK ist. GfK ist für mich zu hören, was die Person sagen will; unabhängig davon wie sie sich ausdrückt. GfK ist für mich frei zu sagen, was in mir lebendig ist, ohne Angst zu haben, wie Andere darauf reagieren könnten. Die GfK-Formel heißt nicht umsonst „Stützräder“ – sie sind eine Übung um da hin zu kommen.

    Schade, dass du da so andere Erfahrungen gemacht hast.

    Wüsste gerne, wo du die GfK so miterlebt hast, wie du sie beschreibst?

  • Ortrud Kunze

    Ich selbst habe durch GFK viel gelernt, doch ich habe auch Kritik an der GFK nach Marshall Rosenberg, weil sie Macht/ Dominanzverhältnisse bzw. Diskrimierung(serfahrungen) nicht berücksichtigt. Das sehe ich als großen Mangel dieses Ansatzes, der auch gerne von Menschen in Domonanzspositionen ausgenutzt wird, um zu derailen und der Menschen, die in der Position der Diskriminierten sind, nicht vor der Reproduktion von Dominanzverhalten bzw. -strukturen schützt. Die Nicht-Berücksichtigung von Machtverhältnissen, führt zu einem weiteren Mangel der GFK: Das immer alles in Bitten, Wünschen endet, die abgelehnt werden dürfen. Genau das ist innerhalb von Machtverhältnissen falsch. Hier halte ich es – wie du schreibst – für wichtig, dass gefordert wird bzw. auch Verbote ausgesprochen / deutliche Grenzen gesetzt werden. werdenAber eines tut GFK ganz bestimmt nicht: Sie tabuisiert nicht Gefühle wie Wut, Ärger, Zorn etc. Und GFK hat Wege diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, allerdings unter der Prämisse di*en Gegenüber nicht (mutwillig) zu verletzen / degradieren etc. Ich denke, dass vielfach in der Umsetzung der sogenannte „giraffen-schrei, der z.B. auch Wut zum Ausdruck bringen kann, oft nicht praktiziert wird. Doch das liegt meiner Meinung nach nicht am GFK-ansatz, sonder an der gesellschaftlich geprägten Gleichsetzung von Wut mit Gewalt bzw. der Tabuisierung von Wut (insbesondere für Frauen* / Mädchen) bzw. das Absprechen / Pathologisierung von Wut von Menschen, die darüber wütend werden, dass sie (oder Angehöriger der sozialen Gruppe, in der sie verortet werden) diskriminiert werden. Was den Punkt Gründer = weißer Mann angeht: Ja. Marshall rosenberg war ein weißer Mann (und er stammte aus der Mittelschicht, war so weit ich weiß hetero, cis, nicht-behindert), doch als Jude hat er auch Diskriminierungserfahrung. So einfach ist es mit dieser „Erklärung“ also aus meiner Sicht nicht.

    Was die Triggerwarnungen angeht: Ich verstehe den Sinn zwar auch nicht. Insbesondere, wenn bereits die Überschrift eines Textes deutlich macht, dass es inhaltlich um Gewalt (z.B. Rassismus oder Sexismus) geht, doch ich versuche den Wunsch von Menschen nach Triggerwarnungen zu rerspektieren. Das ist kein großer Aufwand. Klar ist, dass es unmöglich zu wissen, was alles einen Menschen triggern kann – wie Azade Pesme schreibt – doch es gibt Inhalte, da ist es vielfach bekannt, dass es Menschen gibt, die diesbezüglich eine Triggerwarnung wollen. In der Diskussion mit einer anderen wurde ich auf die mögliche Unterscheidung auf Inhaltswarnung und Triggerwarnung hingewisen, die mir sinnvoll erscheint, weil Trigger so umfänglich und vielfältig ist.

  • MsRay

    Liebe Azadê, hast Du den Eindruck, die GFK würde Menschen ihre Wut verbieten? Glaubst Du, dass man im Kontext der GFK nicht mehr deutlich seine Meinung ausdrücken kann?

    Du schreibst, dass Du Dich durch Übervorsichtigkeit nicht ernst genommen fühlst – hat das etwas damit zu tun, dass Du dann den Eindruck hast, als würde Dir unterstellt werden, mit „deutlichen Worten“ nicht umgehen zu können? Denkst Du, GFK sei eine Streichelsprache und damit unauthentisch?

    Ich bin mir völlig überzeugt, dass Du diesen Text nicht geschrieben hättest, wenn Du Dich nur halbwegs eingehend mit GFK auseinandergesetzt hättest, denn die GFK ist genau das Gegenteil von dem, was Du schreibst. Damit meine ich nicht, dass jeder Mensch, der sich mit GFK beschäftigt, GFK auch toll finden wird – GFK ist kein Everybody’s Darling. Aber sie ist halt auch voll nicht das was Du in Deinem Text beschreibst, diese Dinge kann man nur schreiben, wenn man sich eigentlich nicht auskennt.

    Insgesamt bin ich ganz irritiert darüber, dass Missy hier eine Plattform bietet dafür, etwas schlecht zu machen, mit dem sich die Autorin ganz offensichtlich kaum beschäftigt hat. Und nicht nur das, ich finde den Text in sich gar nicht rund: Für Deine These „Warum ‚In your Face‘ manchmal besser ist als vermeintliche Rücksicht auf Verletzungen“ bietet der Text für mein Verständnis gar keine nachvollziehbare Antwort. Warum denn jetzt? Etwa weil Wut die Triebkraft für soziale Veränderung sein soll? Ein Blick in die Geschichtsbücher soll Deine Behauptung untermauern – echt jetzt? Und wieso muss das sein, „weiß“ im Kontext von Rosenbergs Hautfarbe kursiv zu setzen? Was willst Du damit ausdrücken? Und wieso denkst Du eigentlich, man könne Triggerwarnungen und GFK in einem kurzen Text abhandeln – diese beiden Dinge haben doch gar nichts miteinander zu tun!

    Du willst jemandem, den/die Du scheiße findest, sagen können, dass er/sie scheiße ist. Und dann? Kurzfristig wird es Dir geholfen haben, Dampf abzulassen, verändert hast Du damit aber original nichts. Wofür soll das Triebkraft sein?

    Ich ärgere mich sehr über diesen Text, denn im Gegensatz zu Dir habe ich mich sehr ausführlich mit GFK auseinandergesetzt und bin fest davon überzeugt, dass gerade der Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass wir eine neue Form der Konfliktlösung brauchen und dass uns die Gewaltfreie Kommunikation genau dafür das Werkzeug in die Hand geben kann. Und ich ärgere mich, weil ich von einem Magazin wie Missy erwarte, die Qualität ihrer Texte zu überprüfen – es kann doch nicht sein, dass es reicht, dass jemand angepisst ist und sich auskotzen will, um hier Texte veröffentlichen zu können.

  • Cynthia Philebrunn

    Hej Azadê, ich sitze hier gerade etwas kopfschüttelnd, weil ich das, was Du als GfK bezeichnest so gar nicht mit dem zusammenbringen kann, was ich in 10 Jahren Beschäftigung mit der GfK persönlich damit verbinde:

    Für mich biete GfK die Möglichkeit radikaler Offenheit und Ehrlichkeit sowie Übernahme von Verantwortung für mein Handeln, meine Intention und meine Reaktionen auf die Handlungen anderer. Dabei geht es (im Idealfall… ich weiß) manchmal recht ‚hart‘ aber dabei immer wertschätzend zu. Auch unangenehme Dinge können dem Gegenüber kraftvoll mitgeteilt werden. Und Wut ist nichts, was man ‚weg‘ haben will. Sie ist lediglich ein Indiz für Dinge, die nicht in Ordnung sind und unerfüllte Bedürfnisse. Und genau DANN wird die GfK besonders hilfreich: weil ich die Wut so transformieren kann, dass ich dazu in der Lage bin, meine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen OHNE dass dabei mein Gegenüber den Preis zahlen muss. Durch GfK können echte Win-Win-Systeme entstehen. Da steh ich drauf!

    Ich weiß nicht, welchen Wischi-Waschi-Kram Du Dir hast auf welchem Wege als GfK verkaufen lassen… aber ich lege Dir wärmstens ans Herz, Dir das ‚Original‘ noch mal anzuschauen.

    —snip—

    Zum Thema Triggerwarnung: Ich möchte Dir herzlich danken! Ich habe sehr darüber gelacht, dass Du Dein gesamtes Leben als Triggerwarnung bezeichnest. Mir geht die Triggerwarnungs-Mode auch gehörig auf den Senkel. Ich empfinde sie nicht durchgängig als achtsam, sondern teils fast schon übergriffig. Gerne mag ich, wenn mir jemand schon am Anfang sagt, worum es gehen wird, damit ich selbst entscheiden kann, ob möglicherweise Trigger kommen könnten, die ich in diesem Moment gerne vermeiden möchte (als mehrfach vergewaltigte Frau stehe ich z.B. nicht besonders auf dieses Thema). Ich habe meine Themen klar. Ich eiere auch nicht um sie herum oder gehe ‚Stichen‘ aus dem Weg. Ich habe mich hinreichend selbst konfrontiert und bin ‚durch‘ damit. Ich muss mir heute nur nicht mehr alles ‚antun‘, wenn es mein Leben nicht bereichert

    Bis denne, Cynthia

  • Azadê

    Vorweg:

    Mein Denken ist nicht hermetisch abgeriegelt, ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber: Das ist eine (kurze!) Kolumne. Sie basiert auf meinem Erfahrungswissen, mit Betonung auf Wissen, weil ich der Meinung bin, dass meine Erfahrungen ebenfalls zu meiner eigenen Wissensproduktion dazu zählen. So viel zum Thema, ich hätte mich nicht mit der Thematik beschäftigt. Nur weil ich nicht die Meinung niederschreibe, die andere haben, heißt das noch lange nicht, dass ich mich nicht damit beschäftigt habe. Es bedeutet lediglich, dass ich andere Erfahrungen und andere Positionen teile. Insofern: Ja, ich habe mich mit GFK beschäftigt.

    Was die kursiv-Setzung von „weiß“ betrifft: Soweit ich weiß ist das der Standard bei Missy. Was das zu bedeuten hat: Einfach mal Weiß-sein oder Critical Whiteness googlen.
    Wovon ich mich wahrscheinlich nicht so leicht abbringen lassen kann, ist meine Argumentationslinie der sozialen Bewegungen. Für mich ist Gewaltlosigkeit nach wie vor ein Privileg derer, die keine Unterdrückung und Gewalt erlebt haben. Anders gesagt: What about some peaceful bombardement and occupation?
    Und ansonsten beißt sich die Katze in den Schwanz, wenn man mir hier vorwirft, ich wäre einfach nur „angepisst“ und wolle „rumranten“. In diesem Text stehen Argumente, ob die einem passen oder nicht, ist eine andere Frage.

    Summa summarum: Das ist eine Kolumne. Das kann per se kein abwägender, fairer Text sein, der alle Aspekte berücksichtigt. Das ist schon wegen der Länge aber auch von der Form her unmöglich und auch nicht mein Anspruch.

  • Dubi Zedong

    In den Kommentaren wird vieles von dem gesagt, was mir auch aufgefallen ist und was mich auch verärgert hat.

    Du kennst offenbar „GFK-Fans“, die „mit einer ruhigen, besänftigenden pädagogisch anmutenden Stimme sagen: „Ich würde mir wünschen, dass …“, und zwar vielleicht auch noch dann, wenn in dir „der innere Hulk“ ausbrechen möchte. Das ist deine Erfahrung, und ich kann verstehen, dass das nervtötend ist. Ich kann dir aber versichern, dass diese „GFK-Fans“ noch nicht gerade sehr tief in die Materie vorgedrungen sind und dass es da schon noch andere Ebenen gibt. Ich kenne einige Menschen, die irgendwelche Ausbildungen haben und gewisse Gesprächstechniken manchmal auch auf mich anwenden. Sowas ärgert mich immer dann, wenn ich das als Manipulation erlebe. Und sehr viele Techniken der Gesprächsführung haben ein überaus großes Potential, zur Manipulation eingesetzt zu werden. (Ich denke da z.B. an den wahrscheinlich NLP geschulten Jörg Haider zurück, Ötsch: Haider light. Handbuch für Demagogen. 2000).

    GfK, wenn man es ernst nimmt, ist da meiner Meinung nach eine Ausnahme. Deshalb finde ich es sehr schade, dass du ausgerechnet GfK als Beispiel in deiner Kolumne nimmst- aber du hast halt, wie du sagst, hauptsächlich auf deinen Erfahrungsschatz zurückgegriffen. Mit deinen Wertungen („das Grauen GfK“) bietst du selbst nicht gerade das leuchtende Beispiel für respektvollen Umgang miteinander, oder? (Ja, ja, die gegenseitige Wertschätzung fehlt…)

    Zwei Dinge möchte ich jetzt aber noch ansprechen:

    Erstens: Ich finde deine Vermutungen zum Intersektionalitätscheck ziemlich unpassend. Rosenberg war weiß und jüdisch, er hat mit Menschen überall auf der Welt gearbeitet, egal welche Hautfarbe oder welchen sozialen Status sie hatten. Ob die „GfK-Fans“, die du kennst, wenig Kreuzchen beim Intersektionalitätscheck setzen können, könnte vielleicht eher etwas über deinen sozialen Umgang aussagen?

    Zweitens: Verstehe ich dich richtig, dass du die Meinung vertrittst, dass man sich in unterdrückten Positionen nur oder hauptsächlich durch Gewalt und Wut befreien kann?

    Und abschließend möchte ich noch loswerden, dass deine „Argumente“ ziemlich dürftig sind und eher in das Reich der Behauptungen fallen („das zeigt der Blick ins Geschichtsbuch“,; oder „denn diese Methode ist nichts anderes als: Reiß dich mal zusammen!“ Beleg???).

    Ich überlege jetzt ja, ob ich noch hinschreiben soll, deine Kolumne ist einfach Scheiße, weil du sowas ja scheinbar bevorzugst (Letzter Absatz). Aber das ist mir dann doch zu wertend und zu persönlich. Was mich stört, habe ich ja beschrieben.

    Mit trotzdem ehrlich freundlichem Gruß
    Johanna

  • Pinguinlöwe

    Das ist eine spannende und entlarvende Reaktion. Die Autorin des Textes geht etwas unglimpflich mit den GFKlern um und sogleich tummelt sich eine ganze Meute von denen in der Kommentarspalte, die auf eine Art und Weise Reagieren die Annehmen lässt, das keiner von denen jemals etwas mit GFK zu tun hatte :) (Die Reaktionen reichen von beleidigt bis.. wenn du etwas dagegen hast, dann hast du keine Ahnung…) Da wurde wohl eine ganze Horde Giraffen aufgescheucht.

    und ja: Das könnte man jetzt als hähmisch oder aggressiv verstehen, aber sowohl die Methodik der Autorin, als auch die der GFKler hat ihr ein ganz deutliches Manko.. sie lässt sich nicht verallgemeinern oder auf alle anwenden. Vielleicht lässt sich ein Punkt erreichen an dem sich sagen lässt: „Es ist eben nicht so einfach…“ Aggression und Wut als Sündenbock hinzustellen ist genau so falsch wie GFK als Allheilmittel zu sehen.

    oder anders gesagt: Wenn GFK jemanden dazu bringt seine Faust zu senken, innezuhalten, nachzudenken und dann seine Gefühle zu äußern und Probleme nicht in einer Kurzschlusshandlung zu lösen -> Wunderbar..

    Wenn Zorn jemanden dazu bringt den Mund aufzumachen, auf den Tisch zu hauen und für sich einzustehen -> ebenso wunderbar..

    Die Ideale Gesprächstechnik die auf jede Situation awendbar wäre wurde jedenfalls noch nicht erfunden..

  • Dubi Zedong

    Mit „es ist eben nicht so einfach“ kann man ziemlich viel relativieren. Aber auch nicht mehr. Eine Auseinandersetzung in Argumenten ist doch bereichernd, oder nicht?
    Ich möchte von dir gerne wissen, wo genau du Reaktionen siehst, aus denen du schließt, dass keiner aus der sich in der Kommentarspalte „tummelnden“ „Meute“ mit GFK auskennt.
    Mit freundlichen Grüßen,
    J.

  • MsRay

    Du schreibst: „Für mich ist Gewaltlosigkeit nach wie vor ein Privileg derer, die keine Unterdrückung und Gewalt erlebt haben.“ Es wundert mich, dass Du das schreibst – und ich fände es auch schockierend, wenn das stimmen würde, dann sähe ich keine Hoffnung mehr für unsere Gesellschaft. Ich kann ich Dir dazu sagen, dass ich selbst leider nicht zu den in dieser Hinsicht Privilegierten gehöre – meine Biographie ist massiv von verschiedenen Formen von Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen geprägt. Auch Cynthia schreibt in ihrem Kommentar zu Deiner Kolumne von ihren Vergewaltigungserfahrungen. Und auch Marshall Rosenberg berichtet von zahlreichen Gewalterfahrungen (sei es körperlich, sei es in diskriminierender Form) als Betroffener im Kontext seines Jüdischseins und als Zeuge der Rassenkrawalle (auch ZeugInnen von Gewalt sind Betroffene von Gewalt). Was ich aus Deinem Beitrag höre: Nur wenn man selbst keine Gewalt erfahren hat, kann man sich für Gewaltlosigkeit aussprechen – verstehe ich Dich richtig? Was bedeutet das weiter? Wenn man Gewalterfahrungen gemacht hat, kann man sich nur für Gewalt aussprechen? Was für eine schreckliche Vorstellung! Und zum Glück nicht wahr. Und auch hier hilft ein Blick in die Geschichtsbücher: Es gibt nicht viele, aber einige doch, Menschen wie Gandhi oder Martin Luther King, die sich Gewalt mit Gewaltlosigkeit entgegengestellt haben.
    Deine These macht mir deshalb Sorgen, weil sie in unserer Gesellschaft (gerade wenn’s politisch konservativ wird!) sehr gängig ist: Auf Gewalt und Aggression muss man mit Gewalt und Härte reagieren. Ich will aber strukturell raus aus der Gewalt, gesellschaftlich, politisch, im individuellen Miteinander. Da hilft die Haltung, die Du in Deinem Text vertritt, überhaupt nicht weiter.


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