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Wut-Poesie

Das Performance-Duo DarkMatter über Gay Assimilation, Transfeindlichkeit, Rassismus und Kunst als Kampf.

17.05.16 > Kunst

Von Hengameh Yaghoobifarah

Knapp 2000 Facebook-Zusagen auf 300 Plätze gab es im Juni 2015 für die beiden Auftritte des New Yorker Performance-Duos in Berlin. Bereits zwei Stunden vor Einlass waren die ersten Fans am Eingang des Familiengarten e.V. in Kreuzberg. Nicht einmal vom kalten Regenwetter ließ sich die immer länger werdende Schlange beeindrucken – letztendlich kam gerade einmal die Hälfte der Leute rein.

Foto: DarkMatter
Foto: DarkMatter

Neben den lokalen queer_feministischen Künstler_innen Babiche Papaya, Sarah Mouwani, Azadê und Mona Moon traten nämlich Alok Vaid-Menon und Janini Balasubramanian alias DarkMatter auf. Unter dem Motto „It Gets Bitter“, sarkastisch angelehnt an das LGBT-Projekt „It Gets Better“, öffnen sie im Juni mit ihrer Show eine Plattform, in der es neben den euphorischen Gay-Pride-Veranstaltungen auch kritische Auseinandersetzung gibt mit der Kommerzialisierung und Apolitiserung des Monats, der ursprünglich den Stonewall-Riots von 1969 gedenkt.

Mit Humor, Awkwardness und messerscharfer Kritik schafften sich DarkMatter bereits durch YouTube eine internationale Fanbase, die das Zusammenspiel von Queerness, Diaspora und radikaler Politik wertschätzt. Über dieses Dreieck sprach das Duo auch mit MISSY-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah.

Missy Magazine: Eure Europa-Tour haben Sie auf die Pride-Season gelegt. Warum war Ihnen das wichtig?
Alok Vaid-Menon: Aus so vielen Gründen! Wir wollten einen alternativen Dialog über Queer- und Transpolitik an Gay Pride anbieten. Viele Leute verstehen nicht, dass es keinen Anlass zum Feiern gibt. Die einzigen, die wirklich stolz sind, sind reiche, weiße, wohlhabende Cispersonen. Ich bin nicht stolz darauf, dass die Gewalt gegen Schwarze und Latina Transfrauen in den USA zunimmt. Ich bin nicht stolz darauf, dass Leute nicht verstehen, dass Queer und Transpolitik immer mit dem Widerstand gegen die Polizei und den Staat zu hatte – und jetzt ist es nur noch ein Partymotto. Ich bin nicht stolz darauf, dass wir nicht mehr über Trauma und Gewalt reden dürfen, wir müssen einfach nur noch glücklich sein und feiern. Ich bin nicht stolz darauf, dass schwule Männer gentrifizieren. Ich bin nicht stolz darauf, dass sie kolonisieren. Ich habe das Gefühl, es ist nur noch sehr wenig Raum übrig, besonders im Monat Juni, um queer und trotzdem wütend zu sein. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass Pride uns eher verstummen lässt, weil wir die ganze Zeit glücklich sein sollen und wir nicht ansprechen dürfen, dass viele Dinge abgefuckt sind.

Es geht auch um die Komplexität von Sichtbarkeitspolitiken. Alle pochen immer darauf, dass QTIPOCs (Queer_Trans*_Inter Black People_of Color) sichtbar sein müssen. Dabei ist es für viele total gefährlich. Wie betrachten Sie die Diskrepanz zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und dem Wunsch, sicher zu sein?
Alok: Ich finde, dass Sichtbarkeit sehr gewaltvoll ist. Sichtbarkeit erhöht die Gewalt gegen uns. Es wird kaum darüber gesprochen, dass man, um sichtbar sein zu können, Macht haben muss. Du bist sichtbar und wirst auf der Straße als Schwuchtel beleidigt. Wer kann es sich leisten, ein Taxi nach Hause zu nehmen und wer muss dann auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen? Oder jemand belästigt und verfolgt dich auf der Straße. Wer kann es sich leisten, aus der Situation herauszukommen und wer muss sich damit anders auseinandersetzen? Diejenigen, die die meiste homo- und transfeindliche Gewalt abbekommen, sind vor allem Leute aus der Working Class und Personen of Color. Und die können es sich finanziell, emotionell und psychologisch nicht leisten, die ganze Zeit sichtbar zu sein.

Wenn wir dann nicht sichtbar sind, erzählen weiße Queers uns, wir würden uns verbergen, wir würden nicht zu uns stehen, wir seien unauthentisch und wir würden lügen – anstatt zu verstehen, dass wir nur strategisch sind. Wir haben alle verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, um Sichtbarkeit zu verhandeln und sicherzugehen, dass wir sicher sind. Ich will Queers und Transpersonen am liebsten sagen: Seid nicht sichtbar, sondern seid sicher. Und das hat von Person zu Person eine unterschiedliche Bedeutung. Deine Queerness und dein Transsein, vor allem dein Transsein, sind auch dann geltend, wenn du es nicht sichtbar machst.

Wir sollten mehr darüber nachdenken, wessen Sichtbarkeitsnormen wir anstreben, denn ich finde, dass vieles aus der Trans-Berichterstattung so abgefuckt ist. Warum muss ich die Art, wie ich mich kleide und performe ändern, damit du mich als trans anerkennst, wenn ich es doch schon die ganze Zeit bin? Vieles aus der Queer-Narrative ist total abgefuckt. Warum muss ich mich outen und sichtbar sein, und nicht einfach nur mein Leben leben? Queers und Transpersonen müssen die Arbeit der Sichtbarkeit bestreiten, wir müssen immer authentisch sein und uns beweisen, während Heten und Cispersonen einfach chillen können.

Alok, wie erfahren Sie Transmisogynie in weißen queeren Räumen?
Alok: Oh Gott, sie ist überall. Transmisogynie in weißen queeren Räumen, vor allem gegen Transfrauen of Color, äußert sich insofern, dass scheinbar der einzige Grund, warum wir hier sind, die Unterhaltung weißer queerer Personen sei. Sie nennen uns fierce (übersetzt in etwa: stürmisch, Anm. der Redakteurin) und fabulös, aber sie sprechen nie darüber, inwiefern wir Gewalt erleben oder wie sie selbst Gewalt gegen uns ausüben. Wir dienen nur als ein Accessoire, das sie sich umhängen können, um sich bewusst oder viel schlimmer noch, trendy und cool zu fühlen. Es kann sich auch so äußern, dass man nicht wie ein würdiges Begehrensobjekt betrachtet wird, sondern nur wie ein lustiges, campy Spielzeug behandelt wird. Das ist aber nur Mittelschichtstransmisogynie.

Echte Transmisogynie kann eben auch sexuelle Gewalt, Mord und Verdrängung bedeuten. Der Grund dafür, dass mir das nicht passiert, ist mein Klassenprivileg. Ich weiß, dass viele Transfrauen of Color aus der Arbeiter_innenschicht eine Menge Polizeigewalt, Brutalität und Kriminalisierung oder Gewalt von weißen Schwulen erleben. Das Schlimmste ist, dass diese Leute nicht verstehen, dass Transfrauen of Color in der Vergangenheit ihre Leben dafür riskiert haben, dass weiße Schwule jetzt ihre Befreiung auf dem Rücken anderer feiern. Sie profitieren von dem Kampf von Transfrauen of Color, dabei sind sie oft diejenigen, die am meisten Rassismus und Transmisogynie produzieren.

Foto: Nerdscarf Photography
Foto: Nerdscarf Photography

Haben Sie das Gefühl, durch die Kunst noch weiter als die schrulligen Queers of Color exotisiert zu werden?
Janini Balasubramanian: Das kann ich nicht so allgemein sagen. Ich verstehe es als eine Strategie und ein Werkzeug, um eine Botschaft vermitteln zu können, denn Fetischismus, Orientalismus und Exotifikation bauen leider auch ein Publikum auf. Aber man kann versuchen, dem Ganzen wenig kreativen Raum zu geben, sonst reproduziert man das zweidimensionale Bild von sich selbst, das einem durch Fremde zugeschrieben wird. Vielmehr will ich auch in meinen Performances darüber nachdenken, gegenüber wem ich selbst privilegiert bin.

Alok: Für mich spielt viel Transmisogynie hinein. Menschen denken, ich würde meine Femininität immer performen. Die Leute denken, ich performe doppelt und sei nur auf der Bühne trans*. Als würde ich mich nach meinen Auftritten auf eine magische Weise in einen Mann verwandeln. Die einzige Referenz, die es für transfeminine Performances gibt, sind häufig Drag Queens, deshalb denkt man, ich würde das Transsein wie eine Show anziehen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie häufig ich ein ganzes Set damit verbracht habe, über meine Lebensrealität als Transperson zu sprechen, und trotzdem nach der Performance als Mann bezeichnet wurde. „Tolle Show, er hat mich wirklich beeindruckt“, heißt es dann zum Beispiel, und ich denke mir nur so: „Hast du überhaupt zugehört?“ Wahrscheinlich nicht!
Die Realität als Transfrau ist: Jedes Mal, wenn man auf die Straße geht, muss man performen, weil Menschen eine auf eine Bühne schubsen. Und wenn ich auf einer Bühne bin, werden Fremdzuschreibungen zu Wirklichkeiten. Ich glaube nicht, dass Transfemme-Performer_innen das Privileg haben, irgendwann mal nicht exotisiert zu werden. Die einzige Art, auf der andere Leute uns ihre Empathie zeigen können, ist durch Exotifizierung. Transfeminität wird in westlicher Kultur immer als etwas Aufgesetztes, Performatives verstanden, wie ein Late-Night-Kabarett. Wenn in meinem Publikum mehr Personen of Color als weiße sitzen, fühle ich mich besser verstanden, weil sie diese Campiness und Femininität verstehen, die Teile unserer Kultur sind, und nicht nur etwas, was lediglich für die Bühne gemacht ist.

Haben Ihre Shows in den USA eine bestimmte Demografie?
Janini: Es kommt sehr stark auf das Setting an. Wenn die Karten 20 Dollar kosten und in irgendwelchen Kunstgallerien stattfinden, kommen viele weiße Mittelschichtspersonen. Und wenn es anders ist, ändert sich das Publikum schlagartig.

Alok: Ich glaube, was mich so traurig macht, ist das Kunst von Kampf so getrennt wird. In Orten wie New York, London und Berlin, wo Personen aus der Arbeiter_innenklasse das Gefühl vermittelt wird, sie könnten es sich nicht leisten, Kunst zu erfahren, weil viele Kunstinstitutionen eine solche Dynamik aufbauen, indem sie total teure Gebühren verlangen, in gentrifizierten Nachbar_innenschaften sind und Aspekte wie die Anbindung nicht thematisieren. Viele Workingclass-Personen und Personen of Color können nicht an die Orte, an denen ich auftrete, und das macht mich wirklich traurig. Kunst und Kampf waren immer ein Teil unserer revolutionären Bemühung. Sobald Kunst institutionalisiert wird und zum Theater oder zur Galerie wird, wird sie gentrifiziert.

Wie lief Ihre Europa-Tour denn bisher? Irgendwelche Highlights oder Tiefpunkte?
Alok: Ich habe mich wohlgefühlt, weil ich mich sehr gut aufgenommen fühlte. Kunst für den Kampf zu machen heißt auch, keine Performer_innen, sondern Genoss_innen einzuladen. Das ist eine ganz andere Sensibilität, eine andere Art der Gastfreundlichkeit und der Bezugnahme.

Janini: Ein Unterschied ist auch, dass wir in den USA viel an Universitäten performen, weil das reiche Institutionen sind, die sich Kunst leisten können. Hier in Europa wurden wir von Communities eingeladen und hier wird kulturelle Arbeit für das Organisieren, den Aufbau und die Stärkung von Gemeinschaften genutzt. Das ist ein ganz anderer Zugang zu unseren Shows, das ist ein anderes Paket. Dieser Prozess macht mir so viel mehr Spaß, es geht nicht um uns oder unsere Arbeit, sondern um den Kontext.

Alok: Ich fand es auch toll, viel mehr über Refugee-Aktivismus zu lernen. Es passiert auch in den USA, aber hier gibt es eine ganz andere Konversation zum Thema. Dort ist schon der Duktus anders, es sind keine Geflüchteten, sondern „Immigrant_innen“. Durch diese klarere Benennung in Europa wird mir viel stärker bewusst, was für ein abgefucktes Projekt so ein Staat eigentlich ist. Ich meine, das wusste ich schon immer, aber hier ist die Landschaft in aktivistischen Kreisen um das Thema ganz anders, das schätze ich sehr.

Was ist eure Vision hinsichtlich des Austausches zwischen queeren Personen of Color in Europa und in den USA?
Alok: In Europa haben mir viele Aktivist_innen erzählt, dass sie die USA als ein Possibility-Model betrachten. Das ist so schlimm, bei uns ist Neoliberalismus und Kriminalisierung auf ein viel schwierigeres Level geraten. Ehrlich gesagt missbraucht die US-amerikanische Regierung LGBT-Rechte für das Durchsetzen ihrer neoliberalen, faschistischen Politik. Für mich geht es hier darum, die USA für unsere Genoss_innen zu demystifizieren und ihnen klarzumachen, dass sie nicht auf die nach Außen hin positive Logik der Staaten hineinfallen sollen, das wird euch nur zerstören. Wir müssen auch lernen, außerhalb von Nationen miteinander solidarisch zu sein.

Uns ist auch bewusst, dass wir durch unseren Standort als Künstler_innen sehr privilegiert sind, weil US-amerikanische Kultur sofort globalisiert wird. Queere Künstler_innen of Color in Europa müssen viel mehr dafür kämpfen, eine größere Plattform zu bekommen. Unsere Diskurse werden hingegen überall relevant gemacht. Alle wissen, wer Hilary Clinton ist, aber irgendwelche deutsche Politiker_innen bleiben international unkommentiert. Wir müssen mehr über die Grasswurzelbewegungen hier in Europa lernen und mitnehmen.

Während Ihrer Show regen Sie sich auch viel über weißen Feminismus und feministischen Separatismus auf. Was ist so gefährlich daran?
Alok: Oh, ich habe dazu so viele Gedanken! Die Leute verstehen nicht, dass weißer Feminismus in die Kriminalisierung von und Gewalt gegen Männer und sogar Frauen of Color resultiert. Was weißer Feminismus tut, ist die Maskulinisierung aller Personen of Color um eine Erzählung zu produzieren, in der die heilige, weiße Frau von dem unheimlichen Mann of Color beschützt werden muss. Der Staat, vor allem in den USA, absorbiert einen großen Teil dieser feministischen Rhetorik und missbraucht sie, um Gewalt an Schwarzen Männern und Männern of Color zu legitimisieren.

Wenn weiße Frauen Brooklyn gentrifizieren und sich über sexuelle Belästigung beschweren, werden 15 Cops geschickt, die in die Häuser von Menschen einbrechen und Papierlose deportieren. Es ist verantwortungslos, Dinge wie „Fuck All Men“ ohne eine Analyse zu Race herumzuposaunen, weil der Staat das benutzt, um so viele Männer of Color umzubringen. Das ist so abgefuckt. Wir müssen als Queers und Transpersonen of Color einen Weg finden, über männliche Gewalt zu sprechen, ohne unsere Männer zu kriminalisieren. Der Grund, weshalb unsere Männer gewaltvoll sind, ist weil sie Staatsgewalt erfahren und es an uns auslassen.

Für mich sind diese Geschlechteroppositionen Rassismus. Viele pre-koloniale Gender-Systeme handelten nicht von männlich und weiblich, sondern über die Koexistenz verschiedener Energien. In der weiß-feministischen Narrative wird aber jegliche Maskulinität zu Gewalt erklärt. Das ist zu simpel.

Dieser Artikel erschien zuerst am 25. Juni 2015.


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