Meta, meta: Juli Zeh ist Manfred Gortz

Für ihren Roman „Unterleuten“ erschuf Juli Zeh ein kleines – nicht nur virtuelles – Paralleluniversum.

Von Sabine Rohlf

Das klang ja erstmal wie ein Geschlechtertausch: „Juli Zeh ist Manfred Gortz“ verkündete vor kurzem der Luchterhand Verlag. Juli Zeh hat nicht nur ihren wirklich guten Dorf-Bestseller „Unterleuten“ verfasst, sondern den Ratgeber „Dein Erfolg“, den eine ihrer Romanfiguren (übrigens eine überaus durchsetzungsfähige Frau) dauernd zitiert, gleich mit.

Juli Zeh, Schriftstellerin Foto: Thomas Müller, www.MUELLER-foto.com , 2016
Juli Zeh, eventuell in Unterleuten. © Thomas Müller 2016

Dieses dünne und ausgesprochen dämliche Buch über Selbstoptimierung, erschienen bei Goldmann, ist also nicht von Manfred Gortz, sondern Juli Zeh, ihres Zeichens eine der erfolgreichsten und dabei durchaus gesellschaftskritischen Schriftsteller*innen unseres Landes.

Sie fälschte nicht bloß die Identität eines Schriftstellers, nein, sie verhalf auch noch einigen ihrer Romanfiguren zu einem wirklichen Leben – zumindest im Virtuellen: Ein Mann aus dem Roman klagt in einem Forum der Reiterrevue über seine pferdeverrückte Frau und bekam Antworten von echten Menschen (nimmt eine zumindest an!). Der Vogelschutzbund und Kneipe des Roman-Dorfs haben echte Internetauftritte und mehrere seiner Bewohner*innen sind auf Facebook.

Die Welt der Romans quillt sozusagen aus den Buchdeckeln: Juli Zeh meint dazu in der Pressemitteilung ihres Verlags am 3. Mai 2016: „Die Erzählung ‚Unterleuten‘ geht weiter, in Büchern, in Zeitungen, im Internet. Wenn Sie ihr folgen, werden Sie überall auf Teile von ‚Unterleuten‘ stoßen. Weil die Gesellschaft nicht mehr so funktioniert wie zu Zeiten von Balzac, Thomas Mann oder John Updike, ist ‚Unterleuten‘ als Gesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts ein literarisch-virtuelles Gesamtkunstwerk.“

Die Idee ist lustig und wirft interessante Fragen auf. Zum Beispiel die nicht unbedingt neue, wie es um Identitäten im Netz bestellt ist oder in Büchern. Manche der Menschen, die in ihrem Roman auftauchen gibt ja es wirklich im wirklichen Leben. Oder die viel interessantere, was das alles für die Schriftstellerin bedeutet: Muss Juli Zeh nun von morgens bis abends für ihre Figuren twittern oder tut das vielleicht eine Praktikantin ihres Verlags? Das wüsste eine schon gern und fragt sich gleich weiter, wer eigentlich Zehs Romane wirklich schreibt. Vielleicht Manfred Gortz?

Marlene Streeruwitz verfasste ja neulich auch ein ganzes Buch für jemanden den bzw. die es gar nicht gibt, und zwar für die Hauptfigur eines ihrer Bücher, eine junge wirre Schriftstellerin. Aber da stand auf dem Buchdeckel von vornherein: „Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn“. Aber trotzdem.

Juli Zeh: „Unterleuten“
Luchterhand Literaturverlag, 640 S., 24,99 Euro.

Vielleicht ist das ja ein genuines Merkmal weiblichen Schreibens? Das hintersinnige Versteck hinter anderen Namen? Tradition hat es jedenfalls, wobei die Damen früher andere Gründe hatten. Es ist ja nicht mehr wie zu Zeiten von George Sand oder George Eliot, als sich Bücher unter Männernamen besser verkauften. Und zu Zeiten von, sagen wir mal, Thomas Mann, an die Zeh so schön erinnert, gab es ja auch schon ein paar Leute, die das Schreiben über ihre Gesellschaft ganz anders interpretierten als er. Virginia Woolf oder Nella Larsen oder Djuna Barnes und viele andere mehr… Alle mindestens genauso interessant wie ein frustrierter Ehemann auf Facebook oder bei Reiterevue Online, egal ob echt oder nicht.


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