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Zu Zweit

Was bedeutet Familie außerhalb von Heteronormativität? Eine Fotoreihe über queere Beziehungen erkundet dies.

23.05.16 > Kunst
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Von Hengameh Yaghoobifarah
Übersetzung von Saboura Naqshband

Nähe ist komplexer und vielschichtiger als Begriffe wie „Sex“ oder „Beziehung“ sie beschreiben können. Die Fotografin Alexa Vachon begibt sich in ihrem Projekt „Zu Zweit“ auf die Suche nach Gegendarstellungen zu heteronormativen Bildern von Zweisamkeit. Die gebürtige Kanadierin lebte in Toronto, New York City und nun in Berlin, wo sie ihren Doktor an der Ostkreuzschule machte. Ihre Arbeit wurde bisher in Publikationen wie „The Wall Street Journal“, „Interview Magazine, „Straight Magazine“, „Time Magazine“, „Exberliner“ und „Siegessäule“ veröffentlicht.

MISSY: Worum geht es bei “Zu zweit”?
Alexa Vachon: Zu Zweit ist ein Portrait-Projekt, welches die Beziehungen zwischen queer identifizierten Menschen in Berlin, Deutschland, erkundet. Teilweise von der vor kurzem vollzogenen Entwicklung meiner eigenen “nicht-traditionellen” Familie inspiriert, schaue ich mir Bluts- und Wahlverwandtschaften durch verschiedene Paare an, von denen sich zumindest eine Person als queer identifiziert. Die Paare können aus Eltern und Kindern, Geschwistern, Liebhaber*innen, verheirateten Paaren, Geschäftspartner*inen und Freund*innen bestehen.
Durch traditionelle Studioportrait-Techniken (Posieren und Licht) fordern die Fotografien unsere Erwartungen zeitgenössischer, queerer Repräsentationen in einer realen Umgebung heraus. Die Titel der Bilder, z.B. Emily und Zoé, sind absichtlich vage gehalten. Sie identifizieren kein Geschlecht oder die Beziehung. Die Betrachtenden können also selbst Verbindungen zwischen den Protagonist*innen herstellen, durch Körpersprache und gemeinsame physische Eigenschaften. Zu Zweit ist ein Blick darauf, wie Menschen ihre eigenen Familien formen, definieren und präsentieren.

Zu Zweit entstand aus einem größeren Projekt, das ich über das Bild heutiger Familien in Berlin machen wollte. Ich war daran interessiert, wie die soziale Landschaft Berlins sich seit dem Fall der Mauer verändert hatte und wie die Stadt sich weiter entwickeln würde. Ich musste das Projekt etwas zurückschrauben und entschied mit den queeren Menschen um mich herum anzufangen. Das Projekt wurde dann zu den Paaren, die du hier siehst. Die Botschaft an den Betrachtenden ist, dass Queerness existiert, aber nicht immer so aussieht wie man es sich vorstellt. Dazu gehören Familien- und Blutsbande, aber auch Liebhaber*innen und kreative Partner*innen, sowie lebenslange Freund*innenschaften. Und auch Kinder und ältere Menschen. Es gehören alle Menschen dazu, denen wir alle begegnen, egal wo in der Welt wir uns gerade bewegen. Da hört es auch nicht auf. Es ist einfach zu vergessen, welche Rechte queere Menschen in Berlin genießen und wie relativ sicher wir hier leben. Es gibt leider viel zu viele Geschichten aus jedem Land dieser Welt über Gewalt, keine Grundrechte, Suizid und Mord. Ich glaube wirklich, dass es wichtig ist queere Menschen anzuerkennen und medial aufzuzeichnen. Soviel an der Geschichte wurde so verändert, um unsere Existenz auszulöschen, und es kann jederzeit wieder passieren. Es ist das perfekte Projekt für mich, weil ich es weiter fortführen kann, egal was ich sonst arbeite. Ich habe sogar angefangen es außerhalb von Berlin weiterzumachen – ich fotografiere Paare, wenn ich reise. Ich weiß noch nicht, wie das “finale” Projekt aussehen wird. Aber ich freue mich schon darauf noch viele Jahre daran zu arbeiten.

Wie war der Entstehungsprozess?
Es war eigentlich ganz einfach. Ich habe Termine mit Leuten gemacht und dann Fotos mit ihnen. Ein Fotograf zu sein ist einfach, alles was du tun musst, ist zu fotografieren! Dieses Zitat ist ursprünglich von Jörg Colberg. Er hat es vor einigen Jahren während einer Gruppenbesprechung zu einer Kolleg*in gesagt und letztens habe ich es gefunden, als ich durch meine Notizen ging. Die Einfachheit dieses Satzes blieb bei mir hängen. Einerseits ist es wahr, aber andererseits auch sehr irreführend. Ich meine, alles, was ich getan habe, war, Portraits zu machen. Aber als ich all diese Notizen durchging, sah ich die Aufnahmen, die nicht funktioniert haben. Die ganzen Versuche mit dem Licht, all die Übungen, die ich machte, um endlich dort anzukommen, wo es klar war, was genau das Projekt sein würde. So arbeite ich eben — Ich mache viele Aufnahmen und es ist nicht immer klar, wie das Projekt zum Schluss aussehen wird – bis ich mittendrin bin.

Kanntest du die fotografierten Personen schon?
Die meisten Aufnahmen sind von Menschen, die ich kenne. Manchmal kenne ich nur eine Person, spreche mit ihr über das Projekt und sie entscheidet dann, mit wem sie fotografiert werden möchte. Nicht jedes Shooting funktioniert, aber ich habe jedes Mal die Chance Menschen zuzuhören, wie sie ihre Beziehung zueinander betrachten. Ich habe das Glück so viele Menschen generell, aber v.a. queere Menschen treffen zu können, die in den Rahmen von „Zu Zweit“ passen. Das Projekt beschäftigt mich so sehr wie kein anderes. Es geistert also ständig durch meinen Kopf. Ich habe eine stetige Liste von Personennamen, die ich gerne für das Projekt abbilden würde. Es wäre ein Traum ein paar Monate Vollzeit daran arbeiten zu können, aber ich mag es auch, dass ich Menschen über die Zeit hinweg fotografieren kann und sehen kann, wie die Beziehungen sich verändern. Ich kann mich künstlerisch ausleben, wenn ich zwischen den Terminen mehr Zeit habe – ansonsten bleibe ich manchmal auf den gleichen Mustern hängen und wiederhole sie ständig. Ich habe angefangen mehr Menschen zu kontaktieren, die ich nicht kenne und ich denke auch immer daran, wenn ich neue Leute kennenlerne.

„Zu Zweit“ ist vom 13.05.-04.09.2016 im LWL-Museum für Kunst und Kultur (Münster) als Teil der Ausstellung Homosexualität_en zu sehen, die letztes Jahr im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum (Berlin) eröffnet wurde.

In anderen Fotoreihen bildest du queeren Sex, Nacktheit und Bindung ab. Welche Rolle spielt Intimität in deiner Arbeit?
Mein letztes größeres Projekt heißt „what we do in the light“. Es hatte gerade seine Premiere auf einer Ausstellung in Berlin, zusammen mit meinem ersten Buch. Das Projekt ist über queere Pornografie und die Menschen, die sie produzieren. Ich hatte allerdings auch manch’ hitzige Diskussion mit Leuten, die darauf bestanden, dass ihre Arbeit keine Pornografie darstelle. Von den Fotos wird nicht ganz klar, dass es das ist und das Wort Pornografie hat so viele negative Konnotationen. Die Leute mögen nicht immer Fotografien, die etwas mit der Pornografie zu tun haben. Das Wort, das die meisten anderen benutzen, um ihre Arbeit zu beschreiben ist: Intimität. Ich fotografiere Menschen, die ich kenne, und stelle Beziehungen zu denjenigen her, die ich fotografiere. Im Herzen bin ich eine Potraitfotografin. Ich versuche immer eine Verbindung zu jedem Menschen herzustellen, den ich fotografiere. Ich weiß nicht, ob es möglich ist ein starkes Portrait ohne einen Hauch von Intimität herzustellen, egal wie flüchtig er sein mag. Wenn ich auf all meine Arbeit zurückschaue, steckt da immer eine Art von Intimität mit drin. Ich mache keine “harten” Fotografien. Ich glaube meine Arbeit hat immer eine gewisse Sanftheit, die die Zuneigung, die ich für meine Darsteller*innen empfinde, vermittelt.

Welchen Anspruch stellst du dir in Sachen Repräsentation unterschiedlicher Körper?
Ich zeige die Körper von Menschen, die ich kenne. Natürlich habe ich über die Jahre versucht eine Diversität an Körperformen darzustellen. Ich habe viele Jahre in der Modebranche in New York gearbeitet und werde nie völlig unterstützen können, wie Menschen (vor allem Frauen) in den Mainstream-Medien dargestellt werden. Aber ich persönlich habe mich seitdem stark entwickelt und es ist nicht etwas, worauf ich mich bewusst konzentrieren muss, wenn ich arbeite. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals kein Teil meiner Arbeit sein sollte. Ich mache Projekte zu “echten Menschen” in verschiedenen Situationen, egal ob ein 70-jähriger Mann, der in Irland auf Jagd geht oder eine arabische Teenager, die Fußball im Libanon spielt. Ich bin interessiert an der Person, die vor meiner Linse landet. Ich denke, dass dies sehr wichtig ist und ich ermutige alle Menschen, die Bilder herstellen Körper zu zeigen, die vielleicht “unerwartet” sind. Aber genau das ist so ein integraler Teil meiner Arbeit und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen jemals anders als so zu arbeiten.


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