Warum wir nicht immer einer Meinung sein müssen

Und uns Provokation manchmal weiterbringt.

07.06.16 > Azadê Peşmen
Profilfoto Azadê Peşmen

Azadê Peşmen
Azadê ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hatte auch zum Studium keine Lust die Stadt zu verlassen – mal abgesehen von einem Auslandssemester in São Paulo und ein bisschen Feldforschung im Nordirak. Interkulturelle Kompetenzen hat sie aber erst in Köln erworben. Mittlerweile spricht sie der Integration halber ganz passabel Kölsch. Bier findet sie aber trotzdem ekelhaft und von dem Kulturschock, den sie sich am 11.11. geholt hat, erholt sie sich immer noch – ist aber ganz froh darüber, das in Berlin tun zu dürfen. Ihre parallelgesellschaftliche Filterbubble befindet sich hier: @Azadethunda

Von Azadê Peşmen

Es gibt ja so Themen, die scheinen die Welt zu bewegen. Zugegebenermaßen fallen mir da als Erstes der Bürgerkrieg in Syrien, der NSU-Komplex oder der NSA-Untersuchungsausschuss im Bundestag ein. Was mir am allerwenigsten in den Sinn kommt, ist, dass ein Text, in dem ich mich über Gewaltfreie Kommunikation aufrege, für so viel Furore sorgt.

Die Hulks dieser Welt auf dem Visier der vermeintlich sachlichen Wissenschaft © Tine Fetz
Die Hulks dieser Welt auf dem Visier der vermeintlich sachlichen Wissenschaft © Tine Fetz

Ich dachte eigentlich, dass ich auf alles gefasst bin, aber ja: Auch ich lerne sehr gerne dazu. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es ausreicht, das heiße Eisen namens Gewaltfreie Kommunikation anzufassen und schon Sachen zu lesen wie: „Und ich ärgere mich, weil ich von einem Magazin wie Missy erwarte, die Qualität ihrer Texte zu überprüfen – es kann doch nicht sein, dass es reicht, dass jemand angepisst ist und sich auskotzen will, um hier Texte veröffentlichen zu können.“

Natürlich überprüft Missy meine Texte nie, generell wurde mir diese Kolumne nur angeboten, because I am an angry Woman of Color. Das reicht bei Missy schon als Einstellungsmerkmal aus, mehr braucht frau* da nicht. Wie hoffentlich klar wird: Ich bin ein Fan von Übertreibung und Überspitzung. Deshalb schreibe ich auch so, wie ich schreibe.

Aber jetzt mal im Ernst: Mein Text hat auch innerhalb der Missy-Redaktion für Diskussionen gesorgt. Wie sie selbst betont haben, spiegelt meine letzte Kolumne meine Meinung zum Thema wider, nicht jene der Redaktion. (Hint: Deshalb steht auch mein Name drüber und nicht „Missy-Magazin-Redaktion“).

Kolumnen sind subjektive Meinungstexte, in denen ich nie vorhatte, ein Phänomen, ein Konzept oder eine Frage fair, gerecht und von allen Seiten zu beleuchten. Dafür gibt es andere Formate, ein Text von +/- 3.000 Zeichen ist definitiv nicht geeignet dafür.

Was Meinungstexte, dazu gehören auch Kommentare und Glossen, gemein haben: Man muss nicht mit ihnen einverstanden sind, sie sind polemisch, polarisierend, provozierend. Wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein und können auch mal unterschiedliche Sichtweisen aushalten. (Das ist zumindest meine Hoffnung und die stirbt bekanntlich zuletzt.)

Es geht mir auch nicht darum, andere zu überzeugen, wohl aber meinen Standpunkt darzulegen, weil ich weiß, dass dieser im Mainstream nicht vorkommt, auch wenn und vor allem dann, wenn sich dieser Mainstream alternativ nennt.

Kolumnen sind immer nur Ausschnitte und kleinteilige Blicke, die nie komplett und abgeschlossen sind. Es gibt zu vielen Themen ganze Bibliotheken, die mit Büchern gefüllt sind – dem kann und werde ich nie mit einer Kolumne gerecht werden. Das will ich auch gar nicht.

Was ich viel lieber möchte, ist: Anstöße geben. Zum Nachdenken anregen. Im besten Fall auch vielleicht mal sich selbst und die eigene Position hinterfragen. Ja, das gilt auch für mich. Ich wurde – privat – in der letzten Zeit auch mehrfach auf meinen letzten Text angesprochen und gefragt, ob ich denn wirklich Gewaltfreie Kommunikation so schlimm fände. Bei meinen Kritikpunkten bleibe ich, aber ja: Sich selbst zu hinterfragen und zu überlegen, ob bestimmte Gedanken nicht aus irgendwelchen Projektionen vergangener Erfahrung herrühren und nicht direkt mit dem Gegenüber zu tun haben, ist klasse. Und bei sich selbst zu bleiben ist eine tolle Sache – das meine ich ausnahmsweise ironiefrei. Aber das habe ich nicht im Rahmen eines GFK-Workshops, sondern aus der Psychologie gelernt.


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