Rügen reichen nicht aus

Über die Doppelmoral des Deutschen Werberats.

05.07.16 > Azadê Peşmen
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Azadê Peşmen
Azadê ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hatte auch zum Studium keine Lust die Stadt zu verlassen – mal abgesehen von einem Auslandssemester in São Paulo und ein bisschen Feldforschung im Nordirak. Interkulturelle Kompetenzen hat sie aber erst in Köln erworben. Mittlerweile spricht sie der Integration halber ganz passabel Kölsch. Bier findet sie aber trotzdem ekelhaft und von dem Kulturschock, den sie sich am 11.11. geholt hat, erholt sie sich immer noch – ist aber ganz froh darüber, das in Berlin tun zu dürfen. Ihre parallelgesellschaftliche Filterbubble befindet sich hier: @Azadethunda

Von Azadê Peşmen

Vieles davon, was über Gina-Lisa Lohfink geschrieben und gesagt wurde, kam mir so vor, als hätte ich es schon 1001 Mal gehört, gesehen und gelesen. So weit, so nervig. Die Art und Weise, auf der das Aussehen von Gina-Lisa kommentiert, beurteilt und verurteilt wurde, ist symptomatisch für Rape Culture: Eine Kultur, die es ermöglicht, Frauen als verfügbare Objekte zu betrachten, deren Handlungsoptionen in einigen Köpfen wie ein Pendel zwischen kochen und „dem Mann gefallen“ hin und her schwingt. Und nein, das ist keine Minderheit, die so denkt. Und es ist auch keine Generationenfrage. Während einer Studienreise reagierte ein weißer Jura-Student, Anfang 20, mit Stipendium einer politischen Stiftung, auf die Klage einer Mitreisenden, die ständig von Männern nach ihrer Nummer beziehungsweise ihrem Facebook-Account gefragt wurde: „Naja komm, du bist halt auch ne Hübsche.“

Selbst die Justizia wird übersexualisiert. © Tine Fetz
Selbst die Justizia wird übersexualisiert. © Tine Fetz

Na dann ist ja gut. Wenn eine Frau „hübsch“ ist, dann darf man ruhig grenzüberschreitend sein. Ist ja ’ne Ehre, sozusagen. Zwei Minuten später erklärte er mir: „Lach doch mal.“ Die Haltung, Frauen vorzuschreiben, wie sie auszusehen und was sie zu tun und zu lassen haben, wird selbstverständlich von der Werbeindustrie fleißig bebildert.

Ich habe noch nie verstanden, weshalb so gut wie jedes Produkt mit irgendeiner sexualisierten Anspielung versehen werden muss, aber anscheinend ist das Usus. Theoretisch kann man sich beim Deutschen Werberat beschweren. Die können dann – wenn sie das auch so sehen – die Klage annehmen und dem Unternehmen eine Rüge erteilen. Rüge heißt aber in Bezug auf die beanstandete Werbung nichts anderes als: Kann man wegmachen, muss man aber nicht.

Schneller als man(n) Sexismus sagen kann, hat der Deutsche Werberat jetzt auf die Facepalm-Werbung vom Wiesenhof reagiert, in dem Atze Schröder mit einer großen Wurst in der Hand fragt: „Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“ Das Video sei „entwürdigend und diskriminierend“, meint der Werberat. Guten Morgen. Klar freut es mich, wenn eine Institution anerkennt, dass bestimmte Formen der „Werbung“ gar nicht gehen. Aber mal ehrlich:

Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man bedenkt, wie viele Beschwerden genau dieser Werberat abgelehnt hat. Zum Beispiel beanstandete Werbeplakate wie diese und diese  Werbung, die Frauenkörper zum 24/7 available-Objekt degradiert. Das ist die diskursive Steilvorlage und mit ein Grund dafür, warum Übergriffe passieren.

Einige Organisationen wie Terre des Femmes und Pinkstinks haben ein grundsätzliches Verbot dieser sexistischen Werbung gefordert und zwar per Gesetz. Der Werberat hat sich dagegen gestellt. Ja, es ist schade, wenn man in einer Gesellschaft Gesetze braucht, die von Sexualdelikten bis hin zur Werbung all das festzurren, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Aber dass Selbstverpflichtung und der Appell an die eigene Vernunft ganz offensichtlich nichts bringen, das zeigt nicht nur die Werbeindustrie. Das zeigen auch sämtliche sexualisierte Übergriffe, obwohl klar sein sollte, dass nein einfach mal nein heißt. Eigentlich geht es hier um nichts anderes als Respekt: Respektiere meine Grenzen und meine Repräsentation als Mensch. Nicht als Objekt.


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