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„Wir brauchen eine internationale feministische Vision, die sich fragt, was für eine Welt wir wollen“

Die chilenische Rapperin Ana Tijoux ist auf Deutschlandtour.

11.07.16 > Musik

Von Caren Miesenberger

Ana Tijoux sitzt essend im Bett ihres Hotelzimmers in Paris und hetzt von einem Interview zum nächsten. Das Tourleben der chilenischen Rapperin ist nicht immer einfach: Fast hätte die 39-Jährige gar nicht mehr mit Missy sprechen können, da sie am Vorabend bis in die Puppen ein Konzert spielte und total übermüdet ist. „Für mich ist es immer großartig, in Paris zu sein – ich treffe so viele Leute, die ich lange nicht gesehen habe!“, sagt sie im Skype-Gespräch.

© flowfish.records
© flowfish.records

Die 39-Jährige wurde in Frankreich geboren, wo sie auch die ersten 16 Jahre ihres Lebens verbrachte. Rebellion als Lebensstil wurde Tijoux in die Wiege gelegt: Ihre chilenischen Eltern setzten sich als Studierende gegen die Diktatur Pinochets ein, weshalb sie ins französische Exil flohen. 1977 wird sie in Lille geboren, mit fünf reist Tijoux das erste Mal nach Chile, wo sie später ein Rap-Superstar werden soll. Nicht nur mit Politik, sondern auch mit Rap kam sie schon im Kindesalter in Berührung: „Ich war ungefähr acht Jahre alt, als ich das erste Mal einen französischsprachigen Rap-Song hörte und mich total in den Style und die Energie verliebte“, sagt sie jetzt darüber.

In Frankreich wuchs sie mit Menschen auf, die ebenfalls biografische Bezüge außerhalb des Landes haben. Für Tijoux ist HipHop das Land der Leute, die kein Land haben. Ihr Verhältnis zu Frankreich ist zwiegespalten: „Niemals würde ich verleugnen, dass es eine große Gelegenheit war, in Frankreich zur Schule zu gehen und die französische Kultur kennenzulernen. Aber gleichzeitig muss ich ehrlich sein: Wir leben in der Situation, in Europa geboren zu sein und gleichzeitig aus Südamerika zu kommen, wie es bei mir der Fall ist. Irgendwie fühlt man sich dann immer fremd – oder die Notwendigkeit, wieder nach Chile zurückzukommen.“

Als Teenagerin zieht Tijoux mit ihrer Familie zurück nach Chile, kurz darauf gründet sie gemeinsam mit zwei anderen Rappern in Santiago die Gruppe Makiza, eine der ersten und erfolgreichsten Rap-Gruppen des Landes.

2006 trennt sie sich von Makiza, um eine Solokarriere zu verfolgen. Tijoux geht mittlerweile mit ihren politischen Texten regelmäßig auf internationale Touren und betrachtet die Entwicklungen der HipHop-Szene Chiles mit Spannung: „Ich liebe es, diese junge Szene in Chile zu sehen. Die haben total viel Power! Es macht Spaß, denen zuzuhören. Ich bewundere diese neue Generation.“

Mit 39 ist sie eine der älteren Vertreterinnen ihres Genres: „Wir leben in diesem historischen Moment, in dem Jungsein alles diktiert. Ich versuche das immer zu reflektieren. Ich liebe es, älter zu sein. Mir geht es besser als mit zwanzig, denn ich weiß vielleicht nicht alles, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will. Ich genieße diesen Moment.“

Auf der Single „Antipatriarcada“ ihres jüngsten Albums „Vengo“ singt sie über Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung und gegen Sexismus. „Chile ist nicht anders als der Rest der Welt. Alle sagen immer, dass Lateinamerika machistisch ist. Aber letztendlich gibt es überall Machismo. Kapitalismus ist sehr sexistisch. Wir werden alle schon seit der Kindheit sehr machistisch erzogen und wissen das gar nicht. Es gibt wenige Länder auf der Welt, wo die Namen von Müttern an die Kinder weitergegeben werden. Meistens werden die Namen der Väter weitergegeben“, sagt sie. Auch ist ihr durch das viele Reisen bewusst geworden, dass es nicht nur in Chile Mord aufgrund von Eifersucht gibt. „Weshalb ist Gewalt gegen Frauen so natürlich?“, fragt sie im Interview.

Sie selbst hat zwei Kinder und ist genervt von der Normalität, mit der sie in Interviews gefragt wird, wie sie dies mit ihrem Job vereinbart: „Das ist total sexistisch. Niemand würde das einen Mann fragen. Andere Mütter sind Ärztinnen oder putzen und haben auch keine Zeit, ihre Kinder in der Schule abzugeben. Ich gehe mit meinen Kindern um wie jede andere Mutter, das ist nicht anders“, sagt sie. Tijoux hält es für eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, sexistische Denkstrukturen aufzulösen. „Wir müssen sehr genau darüber nachdenken, welche Bildung wir unseren Kindern zugänglich machen. Diese Reflexion ist eine tägliche und darf niemals aufhören.“

image004„Vengo“
Ana Tijoux
flowfish/broken silence, bereits erschienen
Tourtermine:
12.7. Marktplatz, Stuttgart
2.8. Zeltival, Karlsruhe
3.8. Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln

Für Tijoux ist die Welt machistisch, nicht speziell HipHop: „Wie viele weibliche MCs gibt es auf der Welt? Und wie viele Staatspräsidentinnen im Vergleich zu Männern? HipHop ist die Reflexion der Welt und nicht anders. Klar gibt es faschistische und sexistische Leute. Aber es gibt genau so sehr Gruppen, die ein anderes Konzept haben. Die neue Generation in Chile ist anders. Die schämen sich zum Beispiel nicht dafür, schwul zu sein. Denen sollten wir mehr Aufmerksamkeit widmen – dann haben wir morgen vielleicht einen großartigen homosexuellen Rapper!“

Tijoux findet die weltweite feministische Bewegung großartig. „Wir leben in einer Globalisierung von Gewalt. Es gibt so viel Gewalt, die sich über Landesgrenzen hinaus erstreckt. Deshalb brauchen wir auch eine internationale feministische Vision, die sich fragt, was für eine Welt wir wollen“, sagt sie. Um diese kraftvolle Message zu verbreiten, tourt sie nun durch Deutschland.


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