Der Mythos des lesbischen Oralsex-Mythos

Oder: Welche kriegt hier eigentlich was in den Mund gelegt?

15.07.16 > Sex & Beziehung

Von Klara Fall und Fräulein Rottenmeier

Ein bisschen wirkt der Artikel „In den Mund gelegt“ wie eine universalistische Problematisierung eines lesbischen Oralsex-Mythos, der wenig Lust auf inhaltliche Auseinandersetzung macht. Ja, wenn es nicht problematisch wäre, dass er sich wie eine universalistische Problematisierung eines lesbischen Oralsex-Mythos lesen würde. Von der Idee eines Mythos begeistert stürzten wir uns umgehend in die Untiefen der nicht-heterosexuellen Quellen, nur um Momente später ohne Oralsex-Mythos, aber mit der Idee der cunnilinguistischen Wissensverbreitung wieder empor zu steigen – denn der Artikel irritiert.

Vielleicht ist der Mythos gar kein Mythos? © Flickr/U.S.Department-of-Agriculture/CC-BY-2.0
Vielleicht ist der Mythos gar kein Mythos? © Flickr/U.S.Department-of-Agriculture/CC-BY-2.0

Wir möchten einladen zu einer Suche nach einem nicht-heterosexuellen Oralsex-Mythos, bei der wir Historizität als Teil von Sichtbarkeitspolitiken verstehen. Schon der Einstieg des Artikels wirft Fragen auf, schaut eine sich Klassiker der lesbischen Filmgeschichte an. So bleibt in Filmen wie „Itty Bitty Titty Committee“ (2008), „When Night is Falling“ (1995) oder „But I‘m a Cheerleader“ (2000) ein Oralsex-Mythos unauffindbar. Und Erika Lusts Filme zeigen zwar durchaus sexpositive, aber eher heterosexuelle Sex-Performances, im Gegensatz zu queerenden, sexpositiven Pornos, wie denen von Goodyn Green.

Unrepräsentiert bleibt ein Oralsex-Mythos. Im Artikel wird auf drei „lesbische Guides zum Cunnilingus“ verwiesen, die bei genauerer Betrachtung zu einer lesbischen und zwei heterosexuellen Webseiten führen. Auf Letzteren erklärt eine Lesbe Cunnilingus für die Allgemeinheit, wobei dies nur eine Darstellung von lesbischem Sex unter vielen ist. Wir fragen uns, warum nicht-heterosexuelle Literatur, wie Pat Califias „Wie Frauen es tun“ (1999) oder die Reihe „Mein lesbisches Auge“ (aktuell in der 16. Ausgabe), unerwähnt bleibt. Bücher mögen vielleicht etwas angestaubt erscheinen, bieten aber fundiertes Wissen, ohne Fixierung auf Oralsex, mit Anregung zum Selbsterkunden.

Stark verwundern auch die wenig informiert wirkenden Aussagen zur Butch/Femme-Kultur und lesbischem Feminismus. Die Idee, Butch/Femme mit einem lesbischen Oralsex-Mythos in Verbindung zu bringen, wirkt gleichsam humoresk unterstützend, wie beispielhaft benutzend und hinterlässt den Beigeschmack der Vorteilsnahme auf Kosten Dritter. So verstehen sich Butch/Femme nicht zwingend als Frau und/oder Lesbe, was bei der Lektüre von Klassikern wie „Stone Butch Blues“ (1993), „The Persistent Desire“ (1992) oder Werken wie dem deutschsprachigen „Femme“-Buch (2009) bzw. „Persistence: All Ways Butch Femme“ (2011) deutlich wird. Nicht zuletzt fehlt eine Benennung dessen, dass es nicht „der“ lesbische Feminismus per se gewesen wäre, der Butches und Femmes aus seinen Reihen ausgeschlossen hat.

Unsichtbar bleiben Dynamiken eines akademischen Feminismus, der die eher aus den Reihen der Arbeiter*innenschicht stammenden Butches und Femmes – aus politischen Gründen – ablehnte. „Die“ Lesbe als solche war im Feminismus auch niemals vollständig anerkannt, wie bspw. Sabine Hark im Sammelband „Grenzen lesbischer Identität“ (1996) ausführt. Ausgeblendet bleibt auch, dass es „den“ lesbischen Feminismus als solchen nie gab, sondern sich FrauenLesben in verschiedensten Kontexten engagier(t)en, z.B. an der Seite von FrauenHeteras. Für geschichtlich interessierte Personen – oder jene, die es werden wollen – lohnt sich ein Blick in Bücher wie „In Bewegung bleiben: 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben“ (2007) oder die Tagungsdokumentation „Das Übersehenwerden hat Geschichte“ (2016) der Böll-Stiftung.

Dass ein Oralsex-Mythos suggeriere, „dass lesbischer Sex konfliktfrei, beidseitig erfüllend und high functioning ist“, lässt sich bei intensiver Lektüre der genannten Literatur nicht ohne Weiteres behaupten. Hier fehlt ein bisschen eine Quelle als Beleg. Ja, wir staunen, dass Klassiker wie der „Lesbian Bed-Death“ mal nicht auftauchen, oder durch einen lesbischen Oralsex-Mythos ihre Wirkmächtigkeit verlieren? Alles lesbeninterne Probleme, ausgelöst durch lesbischen Feminismus? Wie einfach es wäre! Ist ja nicht so, dass Gesellschaft grundlegend heterosexuell strukturiert sein könnte.

Leider werden kulturell-vorherrschende, heterosexuelle Vorstellungen und Praktiken und ihre Auswirkungen auf nicht-heterosexuelle Sexualität außer Acht gelassen. Und statt aktuellen Publikationen, wie Daniela Stegemanns „Safer Sex“-Handbuch (2015), wird eine Arbeit aus den 1970er-Jahren angeführt über lesbische Ängste und therapeutische Hilfe. Warum keine aktuelle Literatur? Mit Faszination lasen wir, dass der lesbische Oralsex zu einem definitionsmächtigen Akt erkoren wird, „wenn er gegen den Partner eingesetzt wird“, denn „‚[e]ine Frau ist keine richtige Lesbe, wenn sie keinen Oralsex mag'“? Ganz ehrlich, wenn Menschen so miteinander umgehen, hakt es im zwischenmenschlichen Miteinander, nicht nur in „lesbischen“ Räumen. Schade, dass der Eindruck entsteht, es würde ein lesbischer Oralsex-Mythos heraufbeschworen…


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