„Wir denken, die Nordkoreaner*innen seien die Monster“

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt Nordkorea aus einer ungewohnten Innenperspektive.

18.07.16 > Film & Serien

Von Vina Yun

Nachrichten über Nordkorea lösen meistens Entsetzen bis Kopfschütteln aus: Führerkult und dressierte Kinder, bizarre Propagandapolitik trotz Hungersnöte, demonstrative Raketentests, begleitet von Drohgebärden aus Pyongyang. Seit mittlerweile fast siebzig Jahren ist Korea entlang des 38. Breitengrades in die Demokratische Volksrepublik Korea im Norden und die Republik Korea im Süden geteilt – die einander als Erzfeinde gegenüberstehen.

© Kundschafter Filmproduktion GmbH
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(Bildbeschreibung: Viele Nordkoreanerinnen stehen hintereinander in Reihen. Sie tragen alle schwarze Hosen, Plastiksandalen, grüne T-Shirts und gelbe Westen. Sie haben außerdem je ein grünes Tuch auf dem Kopf.)

In ihrem jüngsten Film „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ zeigt die südkoreanisch-deutsche Regisseurin Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“, „11 Freundinnen“, „Verliebt, verlobt, verloren“) das weitgehend abgeschottete Land von einer ungewohnten Seite – und zwar aus der Perspektive von verschiedenen Nordkoreaner*innen, die sie in ihrer Dokumentation porträtiert: Ingenieure, Soldatinnen, Bauern, Maler, Näherinnen, Fußballschüler und ihre Lehrer*innen. Den durchwegs regimetreuen Musterbürger*innen im Norden begegnet die Filmemacherin dabei mit aufrichtigem Interesse und Respekt.

Von Zwang und Steifheit seitens der „Brüder und Schwestern im Norden“ keine Spur: Freundlich und offen erzählen die Protagonist*innen von ihrer Arbeit und ihrem Alltag. Ganz genau lässt sich der Grat zwischen Inszenierung und authentischem Bericht nicht ausmachen – und doch lassen die außerordentlichen Zusammenkünfte durchblicken, in welchem System die Menschen ihr Leben arrangiert haben, wie die Regisseurin auch im Interview erzählt.

© Kundschafter Filmproduktion GmbH
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(Bildbeschreibung: Eine Person aus Nordkorea sitzt mit Pinseln in der Hand vor einem Bild, das er scheinbar malt.) 

Missy: Sie sind gebürtige Südkoreanerin, mussten aber die deutsche Staatsbürger*innenschaft annehmen, damit Sie nach Nordkorea reisen können. Ist das nicht eine Ironie, dass Sie Deutsche werden mussten, um andere Koreaner*innen zu treffen?
Sung-Hyung Cho: Das ist nicht ironisch, sondern eigentlich tragisch. Mittlerweile betrachte ich es jedoch als Gewinn. Seitdem ich die deutsche Staatsbürger*innenschaft besitze, betrachte ich nämlich beide Länder, Süd- und Nordkorea, als meine Heimat. Davor habe ich Nordkorea nicht unbedingt als Teil davon gesehen.

War es ein Vorteil oder ein Nachteil, als jemand, die aus Südkorea stammt, im Norden unterwegs zu sein?
Am Anfang war es sehr schwer. Die Nordkoreaner*innen waren bei mir wahnsinnig vorsichtig, noch mehr als bei anderen Ausländer*innen. Es hat echt lange gedauert, bis sich der Umgang normalisiert hat. In Nordkorea sind die Menschen anfangs sehr ängstlich, mit dir in Kontakt zu treten. Aber wenn das einmal geschehen ist, gibt es kein Halten mehr, das war wirklich sehr herzlich. Für beide Seiten war das wie eine private Wiedervereinigung und wir waren sehr glücklich, dieses Privileg erhalten zu haben. 

Wie haben Ihre Vorbereitungen für den Filmdreh ausgesehen?
Ich habe fast alle Filme über Nordkorea gesehen, die es gibt, und allein für die Recherche war ich mit meinem Team drei Mal dort. So konnten wir Zeit gewinnen, um eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, was eigentlich vom Regime nicht erwünscht ist. 

„Meine Brüder und Schwestern im Norden“ tritt an mit dem Anspruch, hinter die uns bekannten, stereotypen Bilder über Nordkorea und seine Menschen zu blicken. Wie gut, meinen Sie, ist Ihnen das gelungen?
Ich mache keine politischen Filme, das ist nicht mein Interesse. Was mich interessiert, sind vor allem der Alltag und die „normalen“, einfachen Menschen – die wollte ich kennenlernen. Und auch wenn die Arbeit in Nordkorea sehr schwierig war, kann ich sagen: Was ich gesehen habe, war nicht nur Propaganda. 

Allerdings wurden die Personen, die Sie porträtieren, vom Regime ausgesucht. Das Filmteam wurde während der Dreharbeiten „begleitet“ und das Filmmaterial kontrolliert. Sind die von Ihnen aufgenommenen Bilder dann nicht auch zwangsläufig etwas Vorgegebenes – auch wenn sie sich von den üblichen Bildern aus dem Nachrichtenfernsehen unterscheiden?
Das betrifft doch eigentlich alle Dokumentarfilme, nicht nur diesen. Was Nordkorea angeht: Ja, die Leute wurden nicht von mir allein ausgesucht, aber es war auch nicht so, dass die Nordkoreaner*innen von vornherein alle Protagonist*innen für mich ausgewählt hätten. Wir haben ihnen eine Liste vorgelegt mit Vorschlägen, welche Leute wir gerne treffen möchten, daraufhin haben sie Leute ausgesucht, aus verschiedenen Orten, in verschiedenen Berufen und verschiedenen Alters. Ich habe dann die Personen ausgesucht, die mir sympathisch waren und die ich interessant fand. Darüber hinaus konnte ich auch vor Ort Leute austauschen, nach meinem Belieben.
Wir wurden zwar bewacht und kontrolliert, aber nicht so, wie man es sich vorstellt. Wir hatten keine Aufpasser*innen direkt beim Drehen. Die waren zwar anfangs noch da, aber nachdem wir diskutiert haben, ob das gut ist für den Film und das Vaterland, wenn die Leute eingeschüchtert rüberkommen, haben sie das verstanden und dann draußen im Auto am Parkplatz gewartet (lacht).
Es stimmt, das Material wurde komplett kontrolliert. Wir haben aber auch nicht versucht, etwas heimlich oder illegal zu drehen. Ich habe bei anderen gesehen, was an heimlichem Material gedreht worden ist. Das ist lächerlich, das erzählt überhaupt nichts und ist bloß Angeberei, in der Art: „Wir haben heimlich gedreht, an der Kontrolle des Regimes vorbei.“ Dieses Material hat keinerlei journalistische Relevanz oder birgt neue Erkenntnisse. Wir haben von Anfang an entschieden, offen und transparent zu sein und den Nordkoreaner*innen mit Respekt entgegenzutreten. Und durch Diskussion im Rahmen der Möglichkeiten das meiste herauszuholen. So konnten wir auch viel mehr erreichen als andere Teams, die versucht haben, irgendetwas im Geheimen zu drehen.

Ich möchte noch sagen: Man denkt, die Dreharbeiten müssen schrecklich gewesen sein. Aber die Dreharbeiten für meinen Fußballfilm „11 Freundinnen“ mit dem DFB, dem Deutschen Fußballbund, waren viel schlimmer. Beim DFB habe ich gelernt, was ein totalitäres System ist und wie eine Kultur der Angst funktioniert. Ich konnte nicht fassen, dass so etwas in Deutschland möglich ist. In Nordkorea zu arbeiten war wesentlich angenehmer als mit dem DFB.

© Kundschafter Filmproduktion GmbH
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(Bildbeschreibung: Zwei Personen, eine in Uniform, stehen auf einem Berg und lächeln in die Ferne.)

Die Nordkoreaner*innen, die Sie in Ihrem Film porträtieren, gehören einer privilegierten Schicht an. Wenn man genau hinhört und hinsieht, lässt sich aber doch erahnen, wie es anderen Menschen gehen muss, die nicht zu dieser Elite dazugehören.
Was man im Film sieht, ist das „Beste“, sind Musterbeispiele. Wie der Maler im Film sagt: Er malt nur das Schöne – und wenn etwas nicht schön ist, wird das ausgetauscht. Das ist auch die Staatsideologie. Im Film sieht man dieses Musterdorf: Sie produzieren keinen Müll und jeder Haushalt stellt Dünger aus den eigenen Fäkalabfällen her. Das ist eigentlich unglaublich fortschrittlich, ein Paradebeispiel für ökologische Haushaltsführung, aber auf seltsame Weise, halt notgedrungen. Doch wenn man guckt, was sie essen – da gibt es nur Paprika, dazu ein bisschen Kimchi. Nur zwei Beilagen. Das war das Schönste, was sie uns zeigen konnten. Da spürt man doch, dass das Leben sehr, sehr hart sein muss.

Ich denke, das Filmpublikum ist intelligent genug, um seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Ich will den Leuten nicht alles vorkauen. Aber viele wollen das nicht, sie wollen nicht zwischen den Zeilen lesen, sondern einfache Antworten auf eine sehr komplizierte Lage. Nordkorea soll böse bleiben, Nordkorea verdient kein differenziertes Bild. Weil ich nicht das Regime kritisiere, weil ich nicht von den Lagern erzähle, ist ihnen dieser Film suspekt. Einige denken, dass der Film der Propaganda des nordkoreanischen Regimes dient. Das bringt mich jedes Mal auf die Palme, wenn ich das höre.

© Kundschafter Filmproduktion GmbH„Meine Brüder und Schwestern im Norden“
Regie: Sung-Hyung Cho
DE/Nordkorea 2015, 106 Minuten.
Mit: Ri Ok Hee, Ri Ju Hyok, Ri Ok Kyong, Kang Yong Min, Go Kwang Bok, Kim Chun Hwang, Ri Gum Hyang.

 

In Südkorea gibt es viele Mythen und Schreckensgeschichten über Nordkorea, der Norden gilt als der größte Feind des Südens. Ist die Wiedervereinigung derzeit ein Thema?
In Südkorea herrscht nur wenig Interesse. Die Menschen haben eher Angst vor Nordkorea, besonders jetzt. Es gibt sehr wenige, die wirklich eine Wiedervereinigung wollen, das ist eine Minderheit. Die jetzige Regierung unter Präsidentin Geun-Hye Park ist sehr reaktionär – das ist auch kein Wunder, sie ist die Tochter des ehemaligen Diktators Park. In Nordkorea hingegen ist der Wunsch nach Wiedervereinigung sehr intakt geblieben. Die Nordkoreaner*innen haben auch keine schlechte Meinung von den Südkoreaner*innen, nur von der südkoreanischen Regierung, das ist sehr interessant. Sie differenzieren sehr wohl zwischen der Regierung und der Bevölkerung im Süden, die Südkoreaner*innen tun das aber nicht. Und wir denken, die Nordkoreaner*innen seien die Monster.

Welche Bedeutung hätte eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea für Sie persönlich?
Solange es keine Wiedervereinigung gibt, ist in Südkorea keine echte Demokratie möglich. Durch die Teilung wird die südkoreanische Demokratie nämlich ständig in Geiselhaft genommen. Für die derzeitige ultrarechte Regierung im Süden ist Nordkorea sehr praktisch, der Norden ist ein Garant für die Machterhaltung von Präsidentin Park. Sie braucht das „böse“ Nordkorea. Andersrum nutzt auch Nordkorea die feindliche Stellung. Es herrscht eine feindliche Koexistenz.

Die Südkoreaner*innen würden erschrecken, würden sie sehen, wie ähnlich sie den Nordkoreaner*innen sind. Sie machen gern Halligalli, die Nordkoreaner*innen genauso. Und dann dieser Kitsch! Aber auch dieser Gehorsam gegenüber Autoritäten, auch das ist ähnlich. Wir müssen daran arbeiten, diese Feindbilder abzubauen, und den Austausch vorantreiben, und sei es nur auf wirtschaftlicher Ebene. Dann kann vieles passieren, denke ich.

Wurde der Film in Nordkorea gezeigt? Darf man ihn dort sehen?
Ja, zu meinem Erstaunen. Der Film ist durch die Zensur durchgegangen.

Ist er in Südkorea gezeigt worden?
Bis jetzt noch nicht. Da gibt es zwar offiziell keine Zensur – aber die Zensur in den Köpfen der Menschen, die ist stärker. Ich denke, dass in Nordkorea schon längst eine Art Wandel stattgefunden hat. US-Amerikaner*innen können nach Nordkorea reisen, nur Südkoreaner*innen nicht. Wenn du als Tourist*in nach Nordkorea fährst, siehst du das überall. Mittlerweile kannst du damit rechnen, dass du von kleinen Kindern auf der Straße auf Englisch begrüßt wirst. Früher durfte man in Nordkorea nicht einmal Blickkontakt mit Ausländer*innen haben. Da hat sich schon etwas geändert. Aber die Journalist*innen und Medien sind nicht in der Lage, das wahrzunehmen, weil das nicht in unser Bild passt. Das Böse soll weiterhin böse bleiben.


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